Editorial: Arbeit, Ausbildung und Demokratie

Die jüngsten Ergebnisse der Landtagswahlen und hier insbesondere die hohen Zustimmungswerte für die AfD – auch und insbesondere unter Arbeitnehmer:innen – haben viele zu Recht aufgeschreckt. Was sagen diese Wahlergebnisse über den Zustand unserer Gesellschaft, über den Zustand der Parteien und den Zustand der Demokratie aus? Wir sind Zeitzeugen eines gesellschaftlichen Epochenbruchs, in der sich autoritäre Politikmuster global, in Europa und auch in Deutschland ausbreiten und aus unterschiedlichen Gründen viel Zustimmung finden.

Stefan Berger: Welche Rolle spielen soziale Kämpfe um Arbeit und Demokratie in der Erinnerungskultur?

Das historische Bewusstsein für die sozialen Kämpfe um Arbeit und Demokratie insgesamt und insbesondere auch für die Zeit nach 1945 schwinden. Stefan Berger stellt in seinem Beitrag die Ergebnisse der zwischen 2018 und 2021 eingerichteten „Kommission: Erinnerungskultur der sozialen Demokratie“ vor. Neben der Darstellung der historischen Entwicklung enthält der Beitrag viele Hinweise und Vorschläge für den Erhaltung und die Verbesserung der Erinnerungskultur bei Beschäftigten, Gewerkschaften und Gesellschaft. Die Erinnerungskultur ist Voraussetzung und Basis gesellschaftlicher Beteiligung.

Oliver Preuss, Tina Hofmann: Demokratie stärken, Haltung zeigen – Oliver Preuss im Gespräch

In einem lesenswerten, kenntnisreichen und hochaktuellen Interview, das Tina Hofmann (ver.di), Mitglied der Redaktionsgruppe, mit Oliver Preuss, dem ver.di-Landesbildungssekretärs für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, geführt hat. Die Leserinnen und Leser werden dicht an die aktuellen Auseinandersetzungen mit der AfD und an das entsprechenden Gedankengut vieler Beschäftigter in den Betrieben geführt. Die AfD habe in Teilen der Betriebe die Deutungshoheit bekommen. Notwendig sind starke Netzwerke und engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich der AfD widersetzen und sich konkret für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.

Hans-Jürgen Urban: Betrieblicher Despotismus als Transformationsblockade? – Warum betriebliche Demokratisierung und ökologische Transformation zusammengehören.

Hans-Jürgen Urban befasst sich mit den strukturellen Aspekten der gegenwärtigen ökonomischen und ökologischen Krisen und ihren geopolitischen Auswirkungen. Das „Modell Deutschland“, Ausdruck einer fossilen Wirtschaftsweise und jahrelang Garant eines relativ stabilen Wirtschaftswachstums und darauf aufbauender positiver Beschäftigungswirkungen, ist in und durch diese Krisen, und dazu gehört auch die Klimakrise, erodiert. Als erforderliche Alternative wird für ein „neues, sozial und ökologisch nachhaltiges Entwicklungsmodell“ geworben, deren Realisierung allerdings an dem zunehmenden Autoritarismus in Wirtschaft und Gesellschaft zu brechen droht. Die Auseinandersetzung mit dem „betrieblichen Despotismus“ wird für die Gewerkschaften und Belegschaften zu einem zentralen Thema. „Die Demokratisierung von Wirtschaft und Betrieben erweist sich damit als Bedingung für eine gelingende Transformation.“

Wolfgang Weber, Leon Höfer, Christine Unterrainer, Thomas Höge, Severin Hornung: Neoliberalismus – Dehumanisierende Auswirkungen und Gegenkräfte

In einem Gastbeitrag über „Neoliberalismus, dehumanisierende Auswirkungen und Gegenkräfte“ betten die Autor:innen von der Universität Innsbruck – Wolfgang G. Weber, Leon Höfer, Christine Unterrainer, Thomas Höge und Severin Hornung – die starken Tendenzen zur De-Demokratisierung von Arbeit in einen langen historischen Prozess der Durchsetzung neoliberaler Politiken seit den 1970er Jahren ein. Die Alternative sehen sie in einem anderen Verständnis von Wirtschaften. Sie schlagen eine stärkere Orientierung an genossenschaftlichem Wirtschaften vor und skizzieren dafür wichtige und prägnante Beispiele.

Manfred Wannöffel: Arbeit und Demokratie – Die Rolle der Wissenschaft zwischen Distanz und Engagement

Der Beitrag „Arbeit und Demokratie“ von Manfred Wannöffel verfolgt eine doppelte Zielsetzung. Zunächst präsentiert er einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse zum strukturellen Spannungsverhältnis von Arbeit und Demokratie, die in den letzten Jahren im Kontext der wirtschaftlichen und ökologischen Polykrise sowie des Erstarkens rechtsextremer Strömungen in Arbeit und Gesellschaft erschienen sind. Angesichts der zunehmenden Präsenz rechtsextremer politischer Akteure wird in einem weiteren Schritt die Rolle der Wissenschaft reflektiert. Denn Wissenschaft – so die These – ist keinesfalls wertneutral gegenüber Demokratie und Menschenwürde.

Tom Kehrbaum: Anders handeln lernen. Ein pragmatistischer Ansatz demokratischer Beruflichkeit

Tom Kehrbaum befasst sich in seinem Beitrag mit der Rolle der Berufsbildung für die Demokratie. Berufsbildung versteht er dabei als Ausdruck „demokratischer Beruflichkeit“. Anschließend an Gedanken von John Dewey wird das konkrete Arbeits- und Lebensumfeld zu einem Erfahrungsraum für demokratische Lernprozesse. Diese wiederum findet in einem engen Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsprozesse und der damit verbundenen restriktiven Bedingungen statt. Es ist zu fragen, wessen Interessen und Bedürfnissen die beruflichen Lernprozesse folgen und ob und welche Spielräume sie für Lernende schaffen.

Helena Kaiser, Bernd Kaßebaum: Gestaltungsorientierte Berufsbildung – Ein Beitrag zur Demokratisierung der Arbeitswelt

In ihrem gemeinsamen Beitrag zur „gestaltungsorientierten Berufsbildung“ stellen Helena Kaiser und Bernd Kaßebaum das von Felix Rauner, Martin Fischer, Thomas Vollmer u.a. entwickelte Konzept der gestaltungsorientierten Berufsbildung vor. Insbesondere Felix Rauner sah einen engen Zusammenhang zwischen der sozialen Gestaltung von Arbeit und Technik und der Berufsbildung. Sie diskutieren die Bedeutung dieses Ansatzes unter den aktuellen Rahmenbedingungen, fragen nach den rechtlichen Voraussetzungen im Berufsbildungsgesetz und der Empfehlungen durch die Kultusministerkonferenz. Sie stellen Beispiele möglicher Umsetzung in der Ausbildungspraxis vor und erörtern die Möglichkeiten und Grenzen für mehr Beteiligung in der Arbeitswelt und für die betriebliche Mitbestimmung.

Reinhard Bahnmüller, Walter Mugler, Rainer Salm: Arbeitsgestaltung und betriebliche Demokratie

Die Qualität der Arbeit ist für Walter Mugler, Reinhard Bahnmüller und Rainer Salm von zentraler Bedeutung für die Frage, ob und wie sich Beschäftigte während der Arbeit mit ihren Ideen und Vorschlägen einbringen und wie sie im Kontext ihrer Arbeit auf Arbeitsorganisation, Qualifizierung und Technikeinsatz gemeinsam mit den Betriebsräten und Gewerkschaften einwirken können. Daher sind die Arbeitsbedingungen unmittelbar mit den Möglichkeiten demokratischer Prozesse im Betrieb verbunden. Gewissermaßen als Extrakt schildern sie die langjährigen gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen um die Humanisierung der Arbeit und die Auseinandersetzungen um die Gruppenarbeit. Einen großen Stellenwert haben die Mitbestimmung am Arbeitsplatz, die Bedeutung der Tarifpolitik für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die qualifizierte Gruppenarbeit.

Fabian Hoose, Sabrina Glanz: Fragmentierte Solidarität? – Die Folgen von Plattformarbeit für kooperative und solidarische Arbeitsformen

Der Beitrag von Fabian Hoose und Sabrina Glanz erörtert die rasant wachsende Bedeutung von Tätigkeiten, die über digitale Plattformen im Internet vermittelt werden. Sie haben die zentralen Debatten über Arbeitsverhältnisse, Erwerbsformen und soziale Sicherungssysteme neu angeregt. Eine genauere Betrachtung der Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie offenbart dabei ein komplexes Geflecht von Prozessen, die zur De-Demokratisierung von Arbeit beitragen. „Damit stehen die Entwicklungen in der Plattformarbeit in einem Spannungsverhältnis zu einer auf Solidarität, Kooperation und kollektiver Interessenvertretung beruhenden Gestaltung von Arbeit.“ Für die Demokratie und Arbeitswelt – so ihre Quintessenz – sind solidarische Arbeitsformen jedoch zentral.