Prof. Dr. Manfred Wannöffel (Seniorprofessor an der Ruhr-Universität Bochum)

1. Einleitung

Der vorliegende Beitrag verfolgt eine doppelte Zielsetzung. In einem ersten Schritt soll ein Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse zum strukturellen Spannungsverhältnis von Arbeit und Demokratie aufgezeigt werden, die in den letzten Jahren im Kontext der wirtschaftlichen und ökologischen Polykrise sowie des Erstarkens rechtsextremer Strömungen in Arbeit und Gesellschaft erschienen sind. Angesichts der zunehmenden Bedrohung und der Präsenz rechter politischer Akteure wird in einem weiteren Schritt die Rolle der Wissenschaft reflektiert. Denn Wissenschaft ist keinesfalls wertneutral gegenüber Demokratie und Menschenwürde (Horkheimer 1937).

Ein herausragendes Beispiel für das Verhältnis von professioneller Distanz und gesellschaftlichem Engagement ist zweifelsfrei die Arbeit des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, das im Jahr 2026 sein 80. Jubiläum feiert. Gegründet im Jahr 1946 – also ein Jahr nach der militärischen Zerschlagung der „Teufelsmühle“ (Polanyi) des Nationalsozialismus – war es das Ziel, den wiedergegründeten Gewerkschaften für die Bewältigung ihrer komplexen Aufgaben bei der Wiederherstellung von demokratischen Strukturen in Betrieb und Gesellschaft ein unabhängiges Forschungsinstitut beiseitezustellen, um gewerkschaftspolitische Strategien auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu entwickeln (Tenfelde 2007).

Denn es gehörte zu den grundlegenden Erkenntnissen aus der Weimarer Zeit, der Weltwirtschaftskrise und dem Aufstieg des Faschismus in Europa zu Beginn der 1930er Jahre, dass Marktdemokratien ohne die Etablierung sozialer Institutionen und demokratischer Praktiken an der Quelle der Wertschöpfung – also im Betrieb und Unternehmen – über keine politische Stabilität verfügen. Erfahrungen abhängig Beschäftigter mit tiefen wirtschaftlichen Umbrüchen, relativer Machtlosigkeit bei wirtschaftlichen Entscheidungen in Unternehmen, mit mangelnder Partizipation bei der Gestaltung von Arbeit sowie begrenzter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wirken jeweils auf die Sphäre des politischen Gemeinwesens zurück. Dieses aktuell mit „spill-over“ – Effekten charakterisierte Phänomen (Kiess u. a. 2025) fasste der ehemalige Vorsitzende der IG Metall – Otto Brenner bereits zu Beginn der 1960er Jahre in folgende Worte:

„Von der Demokratisierung der Arbeitswelt wird in einem hohen Maße die Festigung unserer Demokratie abhängen. Niemand, dem es ernst mit der Demokratie ist, kann ein Interesse daran haben, dass die Arbeitnehmerschaft unpolitisch wird und in Resignation versinkt. Niemand kann und darf sich mit dem bestehenden Zustand abfinden. Wer die demokratische Mitarbeit der Arbeitnehmer in den Betrieben blockiert, der verharrt im Gestern, ist ein Feind der Demokratie.“ (Brenner 1966 [1962])

Im Jahr 2025 reagierte schließlich das WSI auch auf Druck der DGB-Gewerkschaften mit der Einrichtung des Referats „Arbeit und Demokratie“ auf den Umbruch in Arbeit und Gesellschaft, der sich allerdings bereits seit einigen Jahrzehnten durch einen stetigen Abbau demokratischer Institutionen im Betrieb und Unternehmen (Tarifvertrag und Mitbestimmung) (Hohendanner u. a. 2026) bei gleichzeitiger Zunahme rechtsextremer politischer Haltungen insbesondere auch unter den Erwerbstätigen andeutete (Dörre 2019 und 2023).

Damit greift das WSI – 79 Jahre nach seiner Gründung – auf sein eigentliches Kernthema zurück. Es geht um die Bearbeitung des strukturellen Defizits in Marktdemokratien (siehe auch den Beitrag von Hans-Jürgen Urban in dieser Ausgabe). Grundlegende Entscheidungen im Betrieb und Unternehmen über die Produktion und die Verwendung des erarbeitenden Reichtums werden von Kapitalbesitzenden dominiert. Unternehmen und Betriebe in Marktdemokratien sind deshalb strukturell undemokratische Veranstaltungen. Erwerbstätige verkaufen ihre Arbeitskraft und die Verfügung über ihre Arbeitskraft übereignen sie mit dem Arbeitsvertrag dem Weisungsrecht der Unternehmer*innen oder Vorgesetzen. Damit unterliegen sie im Betrieb und bei Arbeit folglich einem hierarchischen Herrschaftsverhältnis, das allerdings den Grundprinzipien der politischen Demokratie fundamental widerspricht. Deshalb bleibt das Verhältnis von Demokratie und Arbeit in Marktdemokratien immer ein umkämpftes Feld.

„Im Kern geht es um die Frage, wie wirtschaftliche Macht so begrenzt werden kann, dass aus abhängig Beschäftigten ein ´arbeitender Souverän` (Honneth 2023) wird.“ (Hövermann u. a. 2026: 288).

2. Aktuelle Forschungen zum Verhältnis von Arbeit und Demokratie

Mit Axel Honneth verweisen die Autorinnen und Autoren des WSI auf eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2023, die einen wichtigen Impuls für die aktuelle, bereite Debatte um Arbeit und Demokratie gab. Axel Honneth betont in seiner Monografie aus dem Jahr 2023 „Der arbeitende Souverän“, dass es zu den gröbsten Mängeln insbesondere der politikwissenschaftlichen Demokratietheorien gehört, nicht zu berücksichtigen, dass die gesellschaftliche Mehrheit von über 45 Millionen Menschen in der Bundesrepublik einer abhängigen Beschäftigung nachgeht.

Honneths These lautet, Erwerbsarbeit ist der zentrale Faktor der politischen Sozialisation. Die Gestaltung des Erfahrungsraumes Arbeit sowie die Art und Weise ihrer Anerkennung als Wirtschaftsbürger (Marshall 1950) mit individuellen Ansprüchen an die Qualität der Arbeit und sozialen Rechten spielen nach Honneth eine ganz entscheidende Rolle für eine stabile politische Entwicklung von Marktdemokratien. Die Teilnahme an der politischen Willensbildung in einem Gemeinwesen ist somit eng an die Voraussetzung gebunden, inwieweit Erwerbstätige über ausreichende Macht- und Handlungsressourcen verfügen, sowohl ihren Erfahrungsraum Arbeit mitzugestalten als auch durch ihre Erwerbseinkommen am allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzuhaben.

Dabei geht es sowohl um die materielle Dimension von Erwerbsarbeit als auch um Akzeptanz, Anerkennung und Wertschätzung erbrachter Leistungen. Wird schließlich die Lücke zwischen den Ansprüchen der Beschäftigten nach Wertschätzung, an Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung ihrer Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen und Ohnmachtserfahrungen bei autoritär durchgeführten Entscheidungen im Betrieb größer, so wirken diese Erfahrungen schließlich auf den Wahlbürger zurück (Honneth 2023).

Die im zeitlichen Kontext von Honneths Veröffentlichung erschienenen empirischen Studien bestätigen übergreifend seine Thesen. Erwerbstätige blicken positiver auf die politische Demokratie, wenn Demokratie am Arbeitsplatz konkret erlebt wird. Erfahrungen von Nicht-Wertschätzung und autoritärer Herrschaft im Betrieb fördern rechte politische Orientierungen. Soziale Benachteiligung, Ängste vor sozialem Abstieg und ein Gefühl der Orientierungslosigkeit verstärken antidemokratische Einstellungen. Transformation und Klimawandel wirken polarisierend, wenn sie als Kontrollverlust wahrgenommen werden. (Kohlrausch 2024)

Kiess und Schmidt aktualisieren die These des „spill-over-Effektes“ und untersuchen die demokratische Wirksamkeit am Arbeitsplatz in Ost- und Westdeutschland. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass am Arbeitsplatz erlernte demokratische Fähigkeiten, Kooperation und Solidarität, auf den politischen Bereich übertragen werden. Allein die Erfahrung, am Arbeitsplatz Macht und Kontrolle zu haben, verringert die Neigung zu autoritärem Verhalten. Die Demokratisierung des Arbeitsplatzes ist deshalb nicht nur eine Frage der Beziehungen in der Arbeit, sondern auch eine der politischen Demokratie. Aus diesem Grund ist die Stärkung der sozialen Institutionen in Betrieb und Unternehmen (Tarifvertrag, Mitbestimmung und Beschäftigtenpartizipation) ein wirksames Handlungsfeld gegen den erstarkten Rechtsextremismus (Kiess u. a. 2025)

Der Artikel „Der Kampf um die Köpfe“ aus dem Jahr 2026 knüpft an die Ergebnisse von Kiess und Schmidt an. Auch hier wird die These Axel Honneths vom arbeitsweltlichen Hintergrund politischer Orientierungen von Erwerbstätigen mit empirischer Evidenz bestätigt. Um die extreme Rechte in Betrieb und Gesellschaft zurückzudrängen, bedarf es einer demokratischen, beteiligungs- und konfliktorientierten Arbeitspolitik in den Betrieben, die Anerkennung, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Kooperation sowie Solidarität unter den Beschäftigten ermöglicht (Detje u. a. 2026).

In seiner Rezension „Sozialphilosophisches Plädoyer für eine Demokratie förderliche Arbeit“ bezeichnete Walther Müller-Jentsch Honneths „Der arbeitende Souverän“ zwar als eine anregende Lektüre über ein großes Thema, kritisierte aber, dass Honneth die Institution des Betriebsrates als zentralen Akteur für die Aushandlung von Demokratie in Betrieb und Unternehmen völlig ausgeblendet hatte (Müller-Jentsch 2023).

Insbesondere die Rolle der betrieblichen Interessenvertretung als Institution der sozialen Demokratie untersuchen Jirjahn und Le. Betriebsräte fungieren als wichtige demokratische Lernumgebungen, die politische Einstellungen über den Arbeitsplatz hinaus prägen. Die wichtigsten empirischen Ergebnisse ihrer Studie sind, dass Beschäftigte in Betrieben mit einem Betriebsrat in ihrer Wahlentscheidung eher Parteien der demokratischen Mitte bevorzugen, so dass das Vorhandensein eines Betriebsrats mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einhergeht, rechtsextreme Parteien zu unterstützen (Jirjahn u. a. 2023)

Die Demokratie fördernde Funktion von betrieblichen Interessenvertretungen wird auch durch die Arbeiten von Christian Pfeifer bestätigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Erleben von Partizipation am Arbeitsplatz das Vertrauen in demokratische Institutionen stärkt und zur demokratischen Stabilität beiträgt. Beschäftigte in Betrieben mit einem Betriebsrat geben an, mit der Demokratie zufriedener zu sein. Dieser positive Effekt ist in Ostdeutschland besonders stark. Nach Christian Pfeifer erfüllen demnach Betriebsräte nicht nur Funktionen am Arbeitsplatz, sondern haben auch eine umfassendere gesellschaftliche und demokratische Funktion inne (Pfeifer 2023).

Gerade die jüngsten Ergebnisse von Betriebsratswahlen des Jahres 2026 unterstreichen, warum Arbeitspolitik nicht nur durch den Betriebsrat, sondern auch durch die direkte Partizipation am Arbeitsplatz durch Beschäftigten demokratieförderlich ist (Behrens u. a. 2026). Die Institution der Betriebsratswahlen fördert die demokratische Teilhabe im Betrieb und Unternehmen. Über die Betriebsratsarbeit hinaus, erfordert es jedoch auch die aktive Einbindung von Beschäftigten bei der Gestaltung von Arbeit. Die empirischen Ergebnisse lauten, dass die Beteiligung an Betriebsratswahlen höher ist, wenn sich die Beschäftigten mit den Kandidaten und Kollegen kollegial verbunden fühlen. Und die Beteiligung an Wahlen steigt insbesondere in Betrieben mit stärkerer gewerkschaftlicher Präsenz (Vertrauenskörper und Tarifvertrag)

Jedoch dann folgt ein wichtiger Punkt. Die Wahlbeteiligung ist in jenen Betrieben geringer, wo atypische oder schwach integrierte Beschäftigungsformen häufiger vorkommen. Was bedeutet diese Erkenntnis für die singulären Beschäftigungsformen in der stetig wachsenden Plattformökonomie? (siehe auch den Beitrag von Sabrina Glanz und Fabian Hoose in der vorliegenden Ausgabe)

Diese sicherlich nicht vollständige Sichtung der aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Verhältnis Arbeit und Demokratie macht jedoch eines sehr deutlich: Es herrscht kein Erkenntnisproblem vor. Erwerbsarbeit stellt einen zentralen Faktor der politischen Sozialisation dar. Wesentliche Ursachen für die Erstarkung der extremen Rechten auch unter Arbeitnehmer:innen ist als eine Folge der seit nunmehr über 30 Jahren zu konstatierende Deregulierung von sozialen Institutionen und demokratischen Beteiligungsformen in Betrieb und Unternehmen (Tarifvertrag und Mitbestimmung) zu interpretieren, die nach den Erfahrungen mit einem entfesselten Kapitalismus während des Nationalsozialismus erst in der frühen Nachkriegszeit – in einer kurzen Schwächephase des Kapitals – wieder neu gebildet werden mussten.

3. Wissenschaft zwischen Distanz und Engagement

Nun, wenn kein Erkenntnisproblem über den Zusammenhang zwischen Arbeit und Demokratie vorliegt, welche Rolle soll dann eine kritische Wissenschaft einnehmen, um in der Auseinandersetzung mit dem Erstarken der extremen Rechten, Demokratie, Menschenwürde, Rechtstaatlichkeit und schließlich auch die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen?

Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch rechtextreme politische Kräfte, ist es dann ausreichend eine professionelle Distanz zu Forschungsobjekten zu wahren und lediglich auf einen einseitigen Transfer der wissenschaftlichen Befunde in die gewerkschaftliche Praxis zu setzen; in der Erwartung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse von sozialen Praxispartnern akzeptiert und auch angewandt werden (Hövermann u. a. 2026:294)?

Diese Problematik von wissenschaftlicher Distanz und sozialen Engagement ist in den Sozialwissenschaften keineswegs neu (Horkheimer 1937). In einer Expertise für das Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (IMU) der Hans-Böckler-Stiftung wurden die Grenzen eines einseitigen Forschungstransfers und die methodischen Herausforderungen des Konzepts der multidirektionalen Transferforschung erörtert (Wannöffel 2025).

Bei der Transferforschung geht es um die Anerkennung des Erfahrungswissens der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen als komplementäre Wissensressource. Die Distanz zwischen Forschenden und sozialen Akteuren wird reduziert, ohne jedoch deren Interessenperspektive einzunehmen. Die der Transferforschung fragt, wie ein rekursiver Wissenstransfer zwischen Wissenschaftler:innen und sozialen Praxispartner:innen als konstitutiver Bestandteil in die Forschung integriert werden kann.  An die Stelle eines unidirektionalen Wissenstransfers von der Wissenschaft in die soziale Praxis tritt ein dialogischer Prozess. Forschungsprojekte werden so angelegt, dass sie von der Entwicklung der Problem- und Fragestellungen bis zur Interpretation der Ergebnisse gemeinsam zwischen wissenschaftlichen und sozialen Praxispartner*innen realisiert werden.

Durch dieses transdisziplinäre Vorgehen soll gewährleistet werden, dass die ermittelten empirischen Ergebnisse nicht nur losgelöst von den realen betrieblichen Herausforderungen stehen, sondern ein gemeinsamer, kontinuierlicher Lern- und Problemlösungsprozess erfolgt. Wissenschaftlich Forschende erhalten die Möglichkeit, ihre Fragestellungen im Dialog weiter zu präzisieren. Beschäftigte und Interessenvertretungen profitieren von diesem methodischen Vorgehen dadurch, dass der dialogische Wissenstransfer verstärkt auf ihre spezifischen Herausforderungen ausgerichtet bleibt.

Bestandteil der Methode ist das Engagement der Forschenden, einen reflexiven Dialog über die ermittelten Ergebnisse zwischen Wissenschaftler:innen und sozialen Praxispartner:innen zu moderieren. Die Zielsetzung der Transferforschung ist dabei eine doppelte: Die Qualität wissenschaftlicher Erkenntnisse wird ergänzt durch gemeinsam erarbeite Problemlösungsvorschläge.

Ein aktuelles Beispiel für die Anwendung der Transferforschung ist das transdisziplinäre Kompetenzzentrums „Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt“ („humaine) an der Ruhr-Universität Bochum, an der die Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM in den letzten fünf Jahren beteiligt war. Dadurch war es möglich, das Thema Demokratie bei der Gestaltung von KI einzubringen (Wannöffel 2025 und 2026).

Ein charakteristisches Merkmal insbesondere der neuen Generation von KI-Agenten ist es, Entscheidungen am Arbeitsplatz potenziell autonom ohne Partizipation der Beschäftigten treffen zu können. D. h. also, ohne eine arbeitspolitische Regulierung kann die Künstliche Intelligenz zukünftig Demokratie am Arbeitsplatz weiter unterminieren. Ausgangspunkt der Arbeit im Kompetenzzentrum waren empirische Erkenntnisse über eine bislang mangelnde KI-Regulierung (Krzywdzinski u. a. 2025 und Pfeiffer 2025).

Auf der Grundlage dieser quantitativen Studien wurde bei „humaine“ in den projektbeteiligten Unternehmen eine Sequenz von Forschungsdialogen über den Einsatz von KI mit Geschäftsführungen, Interessenvertretungen und Beschäftigten eingeführt. Das Ziel der Dialoge war es, die betrieblichen Akteure durch die gemeinsame Arbeit aktiv für den Prozess der Regulierung von KI arbeitspolitisch zu qualifizieren. Die Anerkennung des Erfahrungswissens der betrieblichen Akteure wurde so zum zentralen Gegenstand des Forschungsprozesses.

Die Forschungsdialoge wurden als dreistufiges Workshopmodell konzipiert, welches die Geschäftsführung, Beschäftigte bzw. deren Interessenvertretung schrittweise an die arbeitspolitische Regulierung von KI heranführte. In einem ersten Schritt erfolgt ein Orientierungsworkshop (1). Dieser Workshop diente zur grundlegenden Orientierung und Sensibilisierung der Akteure für das Thema KI. Aufbauend auf den Ergebnissen der Orientierungsworkshops sowie der Dokumentenanalyse bestehender IT-Vereinbarungen werden in Identifikationsworkshops (2) die einzusetzende KI in einem dialogischen Prozess bewertet. Das Erkenntnisinteresse liegt dabei auf der Identifizierung von arbeitspolitischen Handlungs- und Gestaltungsfeldern, die durch den Einsatz von KI am Arbeitsplatz entstehen. Diese Sequenz endet mit einem Dialogworkshop (3), in dem eine Rahmenbetriebsvereinbarung KI oder die Erweiterung einer bereits geltenden Rahmenbetriebsvereinbarung IT zu erarbeitet wird.

Der Erfolg dieser Forschungsdialoge hängt maßgeblich zwei Faktoren ab. Zum einen, ob sich die Wissenschaftler:innen auf die Anerkennung des Erfahrungswissens als komplementäre Wissensressource einlassen und damit die Distanz zu den sozialen Akteuren reduzieren, von ihnen auch zu lernen, ohne deren Interessenperspektive zu übernehmen. Zum anderen, ob sich beide Betriebsparteien bereit erklären, einen demokratischen Dialog über die Gestaltung von Arbeit durchzuführen. Die Dialogreihen eröffnen schließlich für alle Beteiligten die Möglichkeit, sowohl für die Wissenschaftler als auch für die sozialen Akteure, das Erleben von der Nützlichkeit und Nachhaltigkeit demokratischer Entscheidungsprozesse im Betrieb (Wannöffel u. a. 2026).

4. Ausblick

Der Beitrag präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse zum Verhältnis von Arbeit und Demokratie, die in den letzten Jahren im Kontext der wirtschaftlichen und ökologischen Polykrise sowie des Erstarkens rechtsextremer Strömungen erschienen sind. Und diese empirischen Ergebnisse zeigten zweifelsfrei auf: Erwerbsarbeit stellt einen zentralen Ort für die politische Sozialisation dar. Es liegt kein Erkenntnisproblem vor. Aus diesem Grund wurde am Beispiel der arbeitssoziologischen KI-Forschung die Rolle der Wissenschaft reflektiert. Angesichts der multiplen Herausforderungen im Verhältnis von Arbeit und Demokratie wurde argumentiert, dass es bei weitem nicht ausreicht, ausschließlich aus einer professionellen Distanz sozialen Praktiker über empirische Ergebnisse in Kenntnis zu setzen. Mit der multidirektionalen Transforschung wurde vielmehr ein Konzept vorgestellt, das die Distanz der Forschenden zu den sozialen Akteuren reduziert, ohne jedoch ihre Interessenperspektive zu übernehmen. Mit der Anerkennung des Erfahrungswissens als komplementäre Wissensressource konnte festgestellt werden, dass Interessenvertretungen und Beschäftigte bereits über eine hohe Expertise bei der arbeitspolitischen Gestaltung von IT-Themen verfügen und diese bei der Regulierung von KI auch einsetzen.

Demokratie im Betrieb stellt dabei die entscheidende Ressource bei der Regulierung von Künstlicher Intelligenz dar. Vertreter von Geschäftsführungen, Interessenvertretungen und Beschäftigte erleben, dass Demokratie im Betrieb die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen gerechter und nachhaltiger gestalten kann. Und mit dem alltäglichen Erleben von Demokratie wird rechten Kräften mit ihren Verschwörungserzählungen eine wichtige Quelle der Mobilisierung entzogen. Die Transferforschung kann hier einen wichtigen Beitrag zur Demokratieförderung leisten. Denn Wissenschaft ist nicht wertneutral gegenüber Demokratie und Menschenwürde.

Behrens, M. & Brehmer, W. (2026). Wer geht zur Betriebsratswahl? – Befunde aus der Betriebsräte- und der Erwerbspersonenbefragung des WSI. Institute of Economic and Social Research (WSI), Report, (110). https://www.econstor.eu/bitstream/10419/338257/1/1963474317.pdf

Brenner, O. (1966 [1962]): Fortschrittliche Betriebsverfassung – Prüfstein der Demokratie- Vortrag, gehalten in Düsseldorf von der Hans-Böckler-Gesellschaft. In: Otto Brenner: Gewerkschaftliche Dynamik in unserer Zeit, Frankfurt am Main.

Detje, R., Sauer, D., Stöger, U., Wagner, H. (2026): Der Kampf um Köpfe. Gewerkschaften und die Zunahme rechter Orientierungen in den Betrieben, in: WSI-Mitteilungen 4/2026, S. 314-322.

Dörre, K. (2019): „Land zurück!“ Arbeiter, Abwertung, AfD. WSI-Mitteilungen, 72 (3), 168–176.

Dörre, K. (2023): In der Warteschlange. Arbeiter:innen und die radikale Rechte (2. Auflage), Münster.

Hövermann, A., Kohlrausch, B., Voss, D. (2021). Anti-demokratische Einstellungen – der Einfluss von Arbeit, Digitalisierung und Klimawandel. Hans Böckler Stiftung, Policy Brief, (7). https://www.econstor.eu/bitstream/10419/243275/1/1773394150.pdf

Hövermann, A, Kohlrausch, B., Polloczek, M., Schulten, T. (2026): Zum 80. Jubiläum des WSI: Aktuelle Forschungsperspektiven im Kontext der Polykrise, in: WSI-Mitteilungen 4/2026, S. 288-295.

Hövermann, A. (2025). Die Verdopplung des AfD-Elektorats – Erkenntnisse aus dem WSI-Erwerbspersonenpanel 2020-2025. WSI Study Nr. 42, August 2025.

Hohendanner, C., Kohaut, S. (2026): Tarifbindung und betriebliche Interessenvertretung: Ergebnisse aus dem IAB-Betriebspanel 2025, in: WSI-Mitteilungen 4/2026, S. 346-354.

Honneth, A. (2023). Der arbeitende SOUVERÄN. Eine normative Theorie der Arbeit. Berlin.

Horkheimer, M. (1937): Traditionelle und kritische Theorie, Ditzingen.

Jirjahn, U., Le, T. X. T. (2024): Works councils and workers’ party preferences in Germany. British Journal of Industrial Relations, 62(4), 849-877. https://doi.org/10.1111/bjir.12823

Kiess, J. / Schmidt, A. (2025): Schützt demokratische Selbstwirksamkeit im Betrieb gegen Rechtsextremismus? Ein Vergleich zwischen Ost und West sowie 2020 und 2024, in: WSI-Mitteilungen 4/2025, S. 253-262.

Kiess, J., & Schmidt, A. (2025): The political spillover of workplace democratization: How democratic efficacy at the workplace contributes to countering right-wing extremist attitudes in Germany. Economic and Industrial Democracy, 46(2), 469-495.

Kohlrausch, B. (2024): Die Demokratisierung der Arbeit – permanente Herausforderung für die Sozialpartnerschaft und ihre Erforschung, in: Viertelsjahresschrift zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung, 1, S. 131-142.

Krzywdzinski, M. (2024): Zwei Welten der KI in der Arbeitswelt. Wie Management und Betriebsräte die Einführung und Nutzung von KI-Anwendungen gestalten. Weizenbaum Discussion Paper, 39.

Krzywdzinski, M., Wotschack, P. (2025). Zunehmender KI-Einsatz in der Arbeitswelt. Wie Management und Betriebsräte die Einführung und Nutzung von KI-Anwendungen gestalten. Weizenbaum Discussion Paper, 53.

Marshall, Th. (1950): Citizenship and social class and other essays, Cambridge.

Müller-Jentsch, W. (2023): Rezension: Sozialphilosophisches Plädoyer für eine demokratieförderliche Arbeit. Rezension des Buches: Der arbeitende Souverän, in: Industrielle Beziehungen, 29 (3-4), 272-277.

Polanyi, K. (1944): The great transformation, New York / Toronto.

Pfeifer, C. (2023). Can worker codetermination stabilize democracies? Works councils and satisfaction with democracy in Germany. University of Lüneburg, Working Paper Series in Economics, (420). https://www.leuphana.de/fileadmin/user_upload/Forschungseinrichtungen/ifvwl/WorkingPapers/lue/pdf/wp_420_Upload.pdf

Pfeiffer, S. (2025). (Generative) Künstliche Intelligenz (KI) als Kollegin? Gestaltung und Mitbestimmung aus Sicht der Beschäftigten. In: Wannöffel, M., Hoose, F., Niewerth, C. & Urban, H.‑J. (Hrsg.). Mitbestimmung und Partizipation 2030: Demokratische Perspektiven auf Arbeit und Beschäftigung. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 247-264.

Ranft, A., Wannöffel, M. (2026): Kommentierte HUMAINE Muster-BV Künstliche Intelligenz. Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM, Bochum.

Ranft, A., Hoose, F., Niewerth, C., Preuß, M. & Wannöffel, M. (2026). Regulierung von humanzentrierter KI in Betrieben – Die HUMAINE Muster-Betriebsvereinbarung. Industry 4.0 Science, 42 (1), S. 14-21.

Spannagel, D. (2025): Mehr Ungleichheit – weniger politische Teilhabe: WSI-Verteilungsbericht 2025, WSI-Report Nr. 108.

Streeck, W. (2015): Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin.

Tenfelde, K. (2007): Gewerkschaften, Wissenschaft, Mitbestimmung, in: Mitteilungsblatt des ISB der RUB (38), S. 45-59.

Wannöffel, M. (2025): Transferforschung im Feld der Mitbestimmung, in: Wannöffel, M. / Hoose, F. / Niewerth, C. / Urban, H.-J. (Hrsg.) (2025): Mitbestimmung und Partizipation 2030, Baden-Baden, S. 475-498.

Wannöffel, M., Hoose, F., Ranft, A., Niewerth, C., Stüter, D. (2026). Mitbestimmungsdialoge zur humanzentrierten KI-Einführung – Dialogisches Verfahren der Entwicklung einer betriebsspezifischen Mitbestimmungspraxis. Industry 4.0 Science, 42 (1), S. 92-98.

Autor

  • Prof. Dr. Manfred Wannöffel, geboren 1956, wohnhaft in Bochum. Seniorprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, ehemaliger Geschäftsführer der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM. Gastprofessuren in Mexiko, Russland, Spanien und Türkei. Diverse Projekterfahrungen: u.a. HumAIne, mit dem ein regionales Kompetenzzentrum im Bereich der Künstlichen Intelligenz und Mitbestimmung entwickelt wurde. Zudem Mitwirkung an der Entwicklung der Bochumer Lernfabrik, die heute einen wichtigen Baustein in der trainee-Ausbildung der IG Metall darstellt.  Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zur Mitbestimmung, Qualifikation und Transferforschung.

    Alle Beiträge ansehen