Prof. Dr. Wolfgang G. Weber, Leon Höfer (BSc MSc), Dr. Christine Unterrainer, PD Dr. Thomas Höge, Prof. Dr. Severin Hornung (Wissenschaftler:innen im Fachbereich Angewandte Psychologie I des Instituts für Psychologie der Universität Innsbruck)
Neoliberalismus als unscharfes, aber nützliches Konzept
Der Begriff des Neoliberalismus ist als unscharf kritisiert worden und beinhaltet die Gefahr, dass auf ihn von allen Seiten die negativen Auswirkungen des gegenwärtigen wirtschaftlichen Systems projiziert werden (Höge & Hornung, 2024). Dem kann durch eine Perspektive entgegengewirkt werden, in der „Neoliberalismus“ nur die gegenwärtige marktradikale Konfiguration des Kapitalismus an sich bezeichnet. Dieser hat sich, ökonomische „Sachzwänge“ konstruierend, etwa seit den 1980er Jahren zunehmend von den Kompromissen befreit, die ihm sozialstaatliche und sozialpartnerschaftliche Institutionen abgerungen haben, und tritt als ungehemmter „Raubtierkapitalismus“ in die ideologischen Fußstapfen der klassischen Ökonomen, wie Adam Smith, David Ricardo und Thomas Malthus (Harvey, 2007). Das politische Programm des Neoliberalismus basiert laut Klikauer (2015) auf:
- Expansion und Deregulierung von Märkten,
- Schaffung neuer Märkte (z.B. für Bildung, Gesundheit und Sicherheit),
- Privatisierung öffentlicher Vermögen und Dienstleistungen,
- Reduktion staatlicher Eingriffe und Kontrolle über Wirtschaftsunternehmen,
- Aushöhlung und Abschaffung sozialer Sicherungssysteme,
- Deregulierung von Arbeitsbeziehungen und Entmachtung von Gewerkschaften.
Allgemeiner ist der Neoliberalismus als systematischer Gegenangriff ökonomischer Partikularinteressen auf die Errungenschaften des sozialen Wohlfahrtsstaates beschrieben worden oder auch als Gesamtheit der politisch-ökonomischen Praktiken, die es einer kleinen Schicht reicher Investoren, Unternehmer und Top-Manager ermöglichen, strategische politische Entscheidungen in ihrem Interesse zu beeinflussen (z.B. durch Lobbyismus, Medienpropaganda oder Erpressung) und sich möglichst große Teile des gesellschaftlichen Reichtums anzueignen (Klikauer, 2015). Auf einer höheren Abstraktionsebene kann der Neoliberalismus auch als die Vormachtstellung der Ökonomie sowie die Unterordnung aller gesellschaftlichen Bereiche unter deren Prinzipien verstanden werden. Er durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft und formt deren institutionelle, soziale und psychologische Strukturen.
Im Folgenden sollen einige zentrale Aspekte sowie die negativen Auswirkungen dargestellt werden. Obwohl dabei das Hauptaugenmerk auf Arbeit und Beschäftigungsverhältnisse gelegt wird, muss der Neoliberalismus als umfassendes System unterschiedlicher in Wechselwirkungen miteinander in Beziehung stehender Ebenen verstanden werden (Bal & Dóci, 2018). Deshalb werden im Folgenden die politisch-ökonomische Makro-Ebene, die Meso-Ebene von Arbeitsorganisationen und die psychologische Mikro-Ebene des Neoliberalismus diskutiert.
Makro-Ebene: Neoliberaler Marktfundamentalismus und Sozialabbau
Die wirtschaftstheoretische Begründung des Neoliberalismus wurde im Nachkriegseuropa maßgeblich durch die von dem marktradikalen Ökonomen Friedrich August von Hayek gegründete anti-sozialistische Mont-Pèlerin Society sowie unter Federführung von Milton Friedman an der Universität von Chicago ausgearbeitet. Aktiv unterstützt von Friedman wurde das erste groß angelegte neoliberale Experiment während der faschistoiden Pinochet Militärdiktatur in Chile umgesetzt (Höge & Hornung, 2024). Privatisierung staatlicher Unternehmen und Sozialsysteme, Deregulierung der Wirtschaft und Arbeitsbeziehungen, Öffnung von Märkten für ausländische Direktinvestitionen und Zerschlagung von Gewerkschaften wurden mit der Brutalität eines autokratischen Gewaltsystems umgesetzt und führten zu immenser sozio-ökonomischer Ungleichheit und Prekarität für weite Bevölkerungsschichten, allerdings auch zu hohen Unternehmensgewinnen und (sehr einseitig verteiltem) Wirtschaftswachstum. Diese Blaupause sollte sich noch unzählige Male wiederholen.
Als „angebotsorientierte“ Wirtschaftspolitik wurde der Neoliberalismus Anfang der 1980er Jahre die Basis von Reaganomics in den USA und Thatcherismus in Großbritannien (Harvey, 2007). In beiden Fällen gingen Senkung von Unternehmenssteuern, Privatisierung und Deregulierung Hand in Hand mit Sozialstaatsabbau und einem Anstieg ökonomischer Ungleichheit. Als „Konsens von Washington“ wurde dieses Modell von Internationalem Währungsfonds und Weltbank Ländern des Globalen Südens aufgezwungen, mit verheerenden Folgen für die Bevölkerungen, aber hohen Gewinnen für ein neokoloniales System transnationaler Unternehmen sowie nationale politisch-ökonomische Eliten. Eine immer dominantere Rolle gegenüber der Realwirtschaft nahmen dabei sich global integrierende und von Produktionsprozessen abkoppelnde Geld- und Kapitalmärkte ein, weshalb der Neoliberalismus auch als Finanzkapitalismus beschrieben wird (Skyrman et al., 2023). In immer instabileren und unberechenbareren Märkten rückt die Aktienwert- und Renditeorientierung („shareholder value“) im beschleunigten Wettbewerb mit anderen Kapitalanlagen und Finanzspekulationen in den Vordergrund. Diese Finanzialisierung erhöht den Druck auf Arbeitsorganisationen, kurzfristig hohe Profite für Investoren abzuwerfen.
Heute ist der Neoliberalismus auf globaler Ebene hegemonial. Seine konstruierten Sachzwänge und interessengeleiteten Dogmen sind in vielen Staaten weltweit zum parteienübergreifenden wirtschaftspolitischen Konsens und laienhaften Hausverstand geworden (Plehwe et al., 2007). Dies gilt besonders für die ehemals sozialstaatlich ausgerichteten Demokratien Mittel-, Süd- und Nordeuropas sowie für die Länder Osteuropas, die nach dem Zerfall des Ostblocks einer neoliberalen „Schocktherapie“ unterzogen wurden (Skyrman et al., 2023).
Neoliberalismus ist als eine historische Entwicklung weder abgeschlossen noch statisch – er entwickelt sich weiter, hebt sich auf, bildet verschiedene Formen aus. Während etwa Propagandisten des „Third Way“ einen progressiven Neoliberalismus anstreben, der zumindest auf dem Papier Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion anstrebt, sind gleichzeitig Kräfte am Werken, die einen autoritären, reaktionären Neoliberalismus vertreten (Daniel, 2025).
Gegenwärtige Entwicklungen (nicht nur) in den USA zeigen eine Zusammenarbeit zwischen reaktionären Kräften, etwa die „Alt Right“ Bewegung, und neoliberalen Tech-Unternehmern aus dem Silicon Valley (Mhalla, 2026). Diese rechtsextreme „New Right“ zeichnet sich durch einen weißen, extrem rechten Nationalismus aus und vereinigt unterschiedliche Strömungen wie Nationalkonservative, Isolationisten oder sogenannte Libertäre. Deren Führungsfiguren sind unter anderem Donald Trump und Elon Musk (Mühlhoff, 2026). Als besonders wichtig gilt die sogenannte Pay-Pal Mafia, bestehend aus Musk, dem „libertär“-reaktionären Peter Thiel, dem derzeitigen Vizepräsident der USA J.D. Vance und David Sacks, der 2025 von Trump als „Krypto-Mensch“ angepriesen wurde (Mhalla, 2026). Thiel und Curtis Yarvin gelten als die Architekten des westlichen, gegen Menschenrechte und partizipative Demokratie gerichteten, „Neoreaktionismus“ (Mhalla, 2026): Thiel wurde bekannt mit der Aussage, er glaube nicht mehr länger, dass Freiheit und Demokratie vereinbar wären (Daniel, 2025). Die „Freiheit“ grenzenloser Ausbeutung der wenigen BigTech-Imperatoren bedingt dabei die Abhängigkeit der global verteilten Gefolgschaft: Durch den Einsatz von unterschiedlichen technologischen Werkzeugen wie Überwachungstechnologien oder sozialen Medien besitzt diese neue „Techno-Klasse“ (Maier, 2026) Möglichkeiten zur flächendeckenden Manipulierung und Steuerung der Bevölkerung, da sie den Zugang zu Arbeit, Kommunikation, Konsum usw. kontrolliert.
Thiel und seine Multimillionärskonsorten wie Musk, Bezos oder Zuckerberg sehen den Kapitalismus in einer Krise, ausgelöst durch demokratisch legitimierte Regulierung (Daniel, 2025) – zur Lösung dieser Krise befürwortet Thiel eine weitere Entfesselung des Kapitalismus und Aufhebung der Demokratie durch und mit Technologie. Wie andere Repräsentanten des Silicon Valley ist Thiel ein Vertreter des „Techno-Akzelerationismus“: Rasanter technologischer Fortschritt als Mittel zur Lösung sämtlicher Probleme, an denen die modernen Gesellschaften angeblich kranken (Mhalla, 2026). Dabei strebt Thiel einen Kapitalismus an, der nicht durch Wettbewerb, sondern durch Monopole gekennzeichnet ist. Sein Denken ist geprägt durch den französischen Philosophen René Girard, während seine Rhetorik theologisch-evangelistische Züge annimmt: Monopole seien nicht nur ökonomisch vorteilhaft, sondern besäßen sogar „divine agency“ (Daniel, 2025).
Die Verbreitung von neoliberalen politisch-ökonomischen Praktiken unterschiedlicher Couleur wird ermöglicht, indem Akteure, die mit starker politischer-, wirtschaftlicher oder Medienmacht ausgestattet sind, den Neoliberalismus als systemrechtfertigende Ideologie durchsetzen (Hornung et al., 2026). Systemrechtfertigende Ideologien bezeichnen Überzeugen, Normen und Denkformen, die bestehende soziale, ökonomische und politische Verhältnisse als gerecht, vernünftig, notwendig oder natürlich erscheinen lassen und somit die Unterstützung für soziale Veränderungen untergraben (Jost, 2020). Hierzu zählen beispielsweise die Akzeptanz von Ungleichheit bestimmter sozialer Gruppen, Arbeitsethik und Leistungsorientierung, der Glaube an die Fairness des Marktes bzw. an ausgleichende Gerechtigkeit usw.. Insbesondere für gesellschaftlich benachteiligte Gruppen haben derartige Vorstellungen eine psychologisch entlastende („palliative“) Funktion, die negative Emotionen reduziert und Bedürfnisse nach Struktur, Ordnung und Nachvollziehbarkeit anspricht, wie ein breit angelegtes sozialpsychologisches Forschungsprogramm belegen konnte (Jost, 2020).
Nur so ist es zu erklären, dass viele Menschen den Widerspruch zwischen der noch nie dagewesenen technologischen Entwicklung und der unvorstellbaren Anhäufung von Reichtum in den Händen weniger, auf der einen Seite, und dem reflexartig wiederholten Mantra, man könne sich „den Sozialstaat nicht mehr leisten“, auf der anderen Seite, nicht zu durchdringen scheinen (Wacquant, 2009).
Bevor diese psychologischen Prozesse der Mikro-Ebene diskutiert werden, wird zunächst die Meso-Ebene von Arbeitsorganisationen angesprochen, als zentraler Sozialisationsinstanz sowie als Produktions- und Verteilungsprozess von gesellschaftlichem Wohlstand, aber auch als Arena gegensätzlicher Interessen und Machtstrukturen.
Meso-Ebene: Leistungsdruck und Prekarität in der neoliberalen Arbeitsorganisation
Aus funktionaler Sicht hat das Management zwei zentrale Aufgaben: Koordination und Kontrolle (Braverman, 1985). Während Koordination auch schon in vorkapitalistischen Zeiten notwendig war – man denke etwa an komplexe Bauprojekte – ist Kontrolle in jeder kapitalistischen Arbeitsorganisation von Bedeutung. Da vom Unternehmen am Arbeitsmarkt de-facto zunächst nur potenzielle Arbeitskraft (d.h. Arbeitszeit) erworben wird, muss sichergestellt werden, dass diese vom Arbeitenden in tatsächliche Arbeitsleistung umgesetzt und Mehrwert erzeugt wird.
In der Hochphase der Entwicklung der standardisierten Industriellen Massenproduktion ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der „Taylorismus“ oder das „Scientific Management“ zu einer besonders einflussreichen Form industrieller Arbeitsgestaltung: Der Arbeitsprozess wird in kleine, messbare Teile zerlegt, die optimiert werden können. Das Scientific Management ist neben einer Rationalisierungs- und Optimierungsmethode auch ein wichtiges Kontrollwerkzeug (Braverman, 1985) – insbesondere in Verbindung mit dem Einsatz von Technologie (z.B. Fließband). Hier standen Formen der direkten Kontrolle von Individuen im Zentrum, mit dem Ziel, über direkte Disziplinierung eine entsprechende Arbeitsleistung zu erzwingen. Die Folge waren oft strenge Regeln am Arbeitsplatz, zwischen Arbeit und Privatem war strikt zu trennen (Fleming, 2014). Von den Arbeitenden wurde erwartet, dass sie ihre Persönlichkeit und Individualität vor dem Fabriktor lassen.
Zwar spielen auch heute noch tayloristische Organisationsprinzipien in Teilen der Arbeitswelt eine wichtige Rolle, doch die einzelnen Tätigkeiten sind häufig weniger standardisiert (Just-in-Time-Systeme, Production-on-Demand, Dienstleistungsberufe; siehe etwa Schoellbauer et al., 2022). Auch unter diesen veränderten Bedingungen besteht für Unternehmen im kapitalistischen Wettbewerb ein ständiger Druck zur Kontrolle und Leistungssteigerung.
Fortschritte in der Digitalisierung erleichtern es dem Management, die Überwachung von Leistung in neoliberalen Organisationen institutionell zu etablieren. Spezifische Leistungskennzahlensysteme, sogenannte „Key Performance Indicators“ (KPIs) werden herangezogen, um Prozesse, Arbeitsaufgaben oder Produktionsabläufe quantitativ abzubilden und miteinander vergleichbar zu machen. Auf dieser Grundlage können Produktions- oder Leistungsziele festgelegt, deren Erreichung überwacht und Zielvorgaben sukzessive verschärft werden: Zeitdruck, Stress bis hin zu Burnout können die Folge sein (Telford & Briggs, 2022). KPIs dienen jedoch nicht nur der Leistungssteuerung, sondern erleichtern auch Kontrolle und Überwachung der Beschäftigten: schlechte „Performer“ können identifiziert, bestraft und entlassen werden, wodurch sich der Leistungsdruck auf die gesamte Belegschaft erhöhen kann. Telford und Briggs (2022) beschreiben Überarbeitung als weit verbreitetes Phänomen neoliberaler Arbeitsorganisation. Dabei kann Arbeit sowohl intensiviert werden – indem innerhalb derselben Zeit mehr Leistung erbracht werden muss – als auch zeitlich ausgeweitet werden, etwa durch Überstunden bzw. eine Verlagerung von Arbeit in die eigentlich arbeitsfreie Zeit.
Der Übergang von klassischen industriellen zu neoliberalen, von Weiskopf und Loacker (2006) als postdisziplinär bezeichneten Formen der Arbeitsorganisation geht mit einer veränderten Vorstellung der idealen Arbeitskraft einher. Während in disziplinären Regimen, etwa in der Fabrik, die Formung fügsamer und trainierbarer Arbeitskräfte sowie die möglichst genaue Organisation des Arbeitsprozesses im Mittelpunkt standen, sind gegenwärtige Formen der Arbeit häufig flexibler und modulierbarer. Statt fixer und starrer Regeln gilt Flexibilität; statt strikter Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es fließende Übergänge; neben formalisierten Hierarchien gewinnt Wettbewerb – nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Unternehmen – an Bedeutung. Damit verändert sich auch das Ideal der Arbeitskraft. Statt vor allem gehorsam und fügsam zu sein, soll die moderne Arbeitskraft autonom, flexibel und anpassungsfähig sein. Dieses Ideal ist nicht einfach gegeben, sondern muss hergestellt werden. Auch die Beschäftigten müssen dazu gebracht werden, sich selbst entsprechend diesen Anforderungen zu verstehen und zu verhalten.
Weiskopf und Loacker (2006) beschreiben verschiedene „Technologien“, durch die ein solches neoliberales Subjekt hervorgebracht wird, darunter Verantwortungsübernahme, Beschäftigungsfähigkeit, Konkurrenz und Flexibilität. Mit dem Begriff der Biomacht wird eine Form der Macht beschrieben, die es ermöglicht, dieses neue Ideal einer Arbeitskraft für den Kapitalismus nutzbar zu machen (Fleming, 2014). Anstatt das Leben und die Persönlichkeit der Beschäftigten aus dem Betrieb herauszuhalten oder als unwichtig für die Arbeit zu behandeln, werden Biomacht-Technologien nun aktiv als wertschöpfende Ressourcen in die Arbeit einbezogen. Beschäftigte werden dazu angehalten, private Erfahrungen, Wissen, soziale Fähigkeiten oder persönliche Eigenschaften in der Arbeit zu nutzen, zu teilen und weiterzuentwickeln. Gleichzeitig findet eine Ausdehnung der Arbeit in das Privatleben statt, wenn Personen etwa auch außerhalb der Arbeitszeit über Arbeitsprobleme nachdenken oder dort Erfahrungen gezielt für die Arbeit erwerben. Fleming (2014) bezeichnet eine solche organisationale Nutzbarmachung des gesamten Lebens treffend als Übergang von der Bürokratie zur Biokratie.
Der Abbau des Sozialstaates sowie eine zunehmende Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen haben eine neue soziale Lage hervorgebracht: das Prekariat. Mit diesem Begriff wird ein Zustand von Unsicherheit bezeichnet, der etwa durch vertragliche Konditionen hervorgerufen wird: befristete oder geringfügige Beschäftigung, Zeitarbeit oder Scheinselbstständigkeit. Das sogenannte „Normalarbeitsverhältnis“, also unbefristete, sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung, verliert zunehmend an Bedeutung (Menz & Seeliger, 2024). Prekäre Beschäftigung zeichnet sich dadurch aus, dass Beschäftigte leichter kündbar und anheuerbar sind (Valenzuela et al., 2024).
Atypische Beschäftigungsformen sind häufig schlechter gewerkschaftlich organisiert oder schwieriger zu organisieren, was die kollektive Interessenvertretung der Beschäftigten erschwert. Für Unternehmen ermöglicht diese Flexibilisierung zugleich eine schnellere Anpassung an Schwankungen von Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften. Die neoliberale Arbeitsorganisation zeichnet sich also durch eine Verlagerung von Risiken von Eigentümern und Management hin zu Beschäftigten aus: Diese soziale Entsicherung kann den Druck erhöhen, auch schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, ebenso wie häufigere Wechsel zwischen Firmen oder Branchen (Menz & Seeliger, 2024). Beschäftigte werden als autonome, in einem Markt agierende Individuen aufgefasst, denen zunehmend Verantwortung für die Risiken ihrer Erwerbsbiografie zugeschrieben wird (Fleming, 2017).
Mikro-Ebene: Subjektivierung, Selbstmanagement und neoliberale Gouvernementalität[1]
Jede Herrschafts- und Kontrollform bringt, vermittelt über Prozesse der Konditionierung (z.B. Lernen durch Belohnung) und Sozialisation, seine an die Systemzwänge angepassten Subjekte hervor. Da der Neoliberalismus sich häufig nicht durch Zwang, sondern durch Entscheidungsmöglichkeiten, materielle Vorteile und unterschwellige ideologische Manipulation durchsetzt, hat „Subjektivierung“ hier noch eine andere Bedeutung, nämlich die Internalisierung (Verinnerlichung) von Kontrolle und die Vereinnahmung der gesamten Person (vgl. Konzept der Biomacht).
Bereits vor mehr als 25 Jahren haben dies die Arbeitssoziologen Voß und Pongratz (1998) anschaulich in ihrer Beschreibung des Wandels von Erwerbsorientierungen hin zum „Arbeitskraftunternehmertum“, als neuer Form der „selbstverwertenden Arbeitskraft“ beschrieben. Demnach werden Funktionen der Selbstkontrolle und des Selbstmanagements, der Selbstoptimierung der eigenen Leistung und der Entwicklung und Vermarktung der eigenen Qualifikationen und Kompetenzen vermehrt aktiv von Beschäftigen selbstverantwortlich verfolgt.
Der Neoliberalismus schafft nicht nur die Bedingungen für die „Verantwortlichung“ der Einzelnen in der „Risikogesellschaft“ (Beck, 2016); mit den Logiken von Individualismus, Instrumentalität und Konkurrenz liefert er auch den ideologischen Überbau von Selbstverantwortung, rationaler Nutzenmaximierung und Meritokratie (d.h. durch angebliche Leistungsunterschiede begründete soziale Ungleichheit). Ein Beispiel ist die „Humankapitaltheorie“, wonach Individuen durch Ausbildung in ihre auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensbestände investieren und für dieses „Kapital“ im Rahmen von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen eine „Rendite“ erzielen können (Fleming, 2017).
Entfremdet vom eigenen Leben, wird sich der Mensch im Sinne der ökonomistischen Ideologie so selbst zum Investitionsobjekt. In abgewandelter Form tritt diese Irreführung auch in Zusammenhang mit dem Konzept der Beschäftigungsfähigkeit auf. Hier geht die ideologische Verzerrung soweit, dass Arbeitserfahrungen, die Beschäftigungsfähigkeit fördern, mitunter nicht als arbeitnehmerseitige Leistung, sondern als arbeitsgeberseitige Kompensation uminterpretiert werden (z.B. unbezahlte Praktika, Mehrarbeit etc.). Dass dieser Argumentation – im Sinne der normativen Kraft des Faktischen – Berechtigung zukommt, bezeugt nur die Effektivität des neoliberalen Systems der Verantwortungs- und Risikoabwälzung auf die einzelnen Beschäftigten.
Die tiefgreifenden sozialisatorischen Auswirkungen von Marktfundamentalismus und Konsumgesellschaft hat der Sozialtheoretiker und Psychoanalytiker Erich Fromm bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts als kollektive Tendenz zum marketingorientierten Sozialcharakter beschrieben. Dieser Charaktertyp begreift soziale Beziehungen sowie sich selbst vorwiegend im Sinne von Markttransaktionen (Fromm, 1976; Funk, 2023). Hiermit erstaunlich vereinbar ist das aus einer anderen Denktradition stammende Konzept der neoliberalen Gouvernementalität des Französischen Philosophen Michel Foucault (Foster, 2017). Mit Gouvernementalität ist das Regieren oder die Ausübung von Herrschaft, durch die Beeinflussung von Mentalitäten gemeint, also von Überzeugungen, Denkmustern, Emotionen, Bedürfnissen und Zielen.
Die Menschen werden dazu gebracht zu wollen, was sie sollen. Dreh- und Angelpunkt hierbei ist wiederum das Erleben von Wahlmöglichkeiten und Handlungsfähigkeit, auch wenn diese bei genauerem Hinsehen oft stark vorbestimmt, eingeschränkt oder gelenkt sind (Weiskopf & Loacker, 2006).
Zentral ist das meritokratische Versprechen, nämlich die Vorgaukelung von beruflichem Erfolg, Wohlstand und Status auf Basis von erbrachter hochwertiger Leistung, aber zunehmend auch von Sinnhaftigkeit, Selbstverwirklichung und persönlicher Erfüllung. Diese Täuschung geschieht ungeachtet der Tatsache, dass zunehmende soziale Ungleichheit diese Versprechen für wachsende Segmente der Erwerbsbevölkerung uneinlösbar macht (Greene, 2008). Das ökonomistische Menschenbild des „homo oeconomicus“, des egoistischen, rationalen Nutzenmaximierers, setzt sich so um in die Subjektivität des „homo neoliberalus“ (Teo, 2018). Dieser sieht sich ständig in Konkurrenz mit anderen „Arbeitskraftunternehmern“. Er ist in ständiger Gefahr, im Wettbewerb um Qualifikationen und Kompetenzen, die am Arbeitsmarkt nachgefragt werden, aber auch im Wettbewerb um soziale Beziehungen und Netzwerke, die für den beruflichen Erfolg instrumentell sind, zu einem der Verlierer zu werden.
Dabei kommt die Spaltung von Arbeitsmärkten zum Tragen, die unterschiedliche Logiken der Intensivierung und Extensivierung durchsetzen – etwa Leistungsverdichtung und Mitarbeiterbindung für relativ privilegierte Berufsgruppen und hochqualifizierte Kernbelegschaften gegenüber Kostensenkung und Prekarisierung für weniger nachgefragte Qualifikationsprofile und einfacher zu ersetzende Randbelegschaften. Die Individualisierung von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen als Managementstrategie zusammen mit dem Individualismus als neoliberaler ideologischer Überzeugung, untergräbt dabei Solidarität und kollektive Verfolgung von gemeinsamen sozialen Interessen, zugunsten des Wettbewerbs zwischen den Arbeitenden (Lynch & Kalaitzake, 2020).
Diese disziplinierenden, entfremdenden und psychisch deformierenden Wirkungen der beschriebenen Systemzwänge zu analysieren und öffentlich zu machen, ist ein Kerngebiet kritischer Sozialwissenschaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass erst seit kurzem kritische Analysen neoliberaler und – allgemein – kapitalistischer Subjektivität vermehrt Eingang in den Mainstream der Sozialpsychologie finden (Bettache, 2025).
Beispielsweise existieren mittlerweile mehrere wissenschaftlich bewährte Selbstberichtsfragebogen, mit denen verinnerlichte neoliberale ideologische Überzeugungen und Orientierungen erfasst werden können (Höge et al., 2026). So lässt sich zeigen, dass auch entgegengerichtete Wertesysteme, Solidarität und Widerstand existieren, die durch Ideologiekritik und Kultivierung von kritischem Bewusstsein gefördert werden können (Gunderson, 2023). Nichtsdestotrotz legt die angesprochene Literatur auch Nahe, dass der Neoliberalismus sich tief in die psychische Struktur der Menschen eingeschrieben hat, sodass wir alle zu einem gewisse Grad neoliberale Subjekte sind und die Überwindung dieser sozialisatorischen Prägung Reflexivität, Selbsterkenntnis und Veränderungsbereitschaft bedarf.
Gegenkräfte: Demokratisches Wirtschaften für Moralentwicklung, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit
Es stellt sich die Frage, wie der neoliberalen Beschädigung und Dehumanisierung von demokratischen Gesellschaften entgegengewirkt werden kann. Eine besonders weitrechende und wirkmächtige Antwort könnte eine verstärkte Demokratisierung der Wirtschaft sein (Unterrainer et al., 2026a). Wirtschaftsdemokratie umfasst Modelle, Praxisbeispiele und Werkzeuge zur demokratischen Steuerung, Re-Regulierung und Kontrolle von kapitalistischen Marktwirtschaften nach sozialen und ökologischen Kriterien. Angesichts des totalitären und systemischen Charakters des Neoliberalismus zielt der Auf- und Ausbau von Wirtschaftsdemokratie darauf ab, Gegenkräfte gegen die neoliberale Wirtschaftsweise zu entfalten und die Macht der internationalen Konzerne und Oligopole einzuschränken.
Das Grundprinzip ist, dass die vom Wirtschaften betroffenen Interessensgruppen über ihre gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten an der Regulierung wirtschaftlicher Prozesse (z.B. Struktur-, Investitions-, Beschäftigungs-, Arbeitspolitik) verbindlich beteiligt werden. Im Vordergrund stehen dabei
- primär die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften, weiterhin
- prekär wirtschaftende Selbstständige, die von Großunternehmen oder Agenturen abhängig sind (z.B. Freelancer in der „Plattformökonomie“),
- Erwerbsarbeitslosenvertretungen,
- Organisationen sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen,
- Verbände für Klima- und Umweltschutz,
- Bürgerinnen- und Bürgerrechtsinitiativen sowie
- Initiativen für gerechten und nachhaltigen Handel und Konsum.
Die genaue Kompetenzverteilung und das Zusammenwirken zwischen den neu zu schaffenden Organen der Wirtschaftsdemokratie und dem demokratischen Parlament sowie die Beteiligung weiterer Interessensgruppen müssen vor und während der Umsetzung von wirtschaftsdemokratischen Bausteinen demokratisch entwickelt werden. Auf gesamtwirtschaftlicher und unternehmensübergreifender Ebene dienen dem Auf- und Ausbau von Wirtschaftsdemokratie verschiedene Maßnahmen, welche bereits seit dem 20. Jahrhundert (nicht nur) in verschiedenen europäischen Ländern in Gewerkschaften und in unterschiedlichen Parteien und Organisationen entwickelt wurden (siehe z. B. Demirović, 2018; Dörre, 2021; Meine et al., 2007; Wright, 2021). Bislang liegt allerdings kein integriertes Konzept vor und Wirtschaftsdemokratie wurde auf nationaler Ebene entweder ignoriert oder heftig umkämpft und maximal in Ausschnitten verwirklicht. Ein erfolgreiches Beispiel bildet das kanadische Netzwerk der Solidarischen Ökonomie in der Provinz Quebec, das Zehntausende von Arbeitsplätzen in vielen demokratisch strukturierten Genossenschaften einschließt und durch den Solidaritätsfonds der Quebec Federation of Trade Unions finanziell unterstützt wird (Wright, 2021). Das Europäische Komitee der Produktiv- und Sozialgenossenschaften umfasst wiederum circa 43.000 demokratische, belegschaftseigene Genossenschaftsunternehmen mit ca. 1,3 Millionen Beschäftigten (https://www.cecop.coop/). Darin eingeschlossen sind große solidarisch-ökonomische Netzwerke in der italienischen Emilia Romagna, das eng mit den Gewerkschaften verbundene Netzwerk der Lega Coop Bund in Südtirol sowie die Mondragon Cooperative Corporation im spanischen Baskenland. So liegt inzwischen ein umfangreicher Wissensschatz dazu vor, welche Merkmale eine gemeinsame Beteiligung der Arbeitenden am Kapital ihres demokratischen Unternehmens aufweisen sollte, um dessen langfristigen demokratischen und wirtschaftlichen Bestand zu sichern (Ellerman et al., 2022).
Vorliegende Bausteine der Wirtschaftsdemokratie sollten auf Basis aktueller Rahmenbedingungen überprüft, verbessert, ergänzt und gegebenenfalls in politischen Bündnissen vorangetrieben und schließlich umgesetzt werden:
- Schaffung von demokratischen Wirtschafts-, Sozial- und Umwelträten zur Mitwirkung an der sozialen und ökologischen Regulierung der Wirtschaft auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene. Zusammensetzung dieser Räte aus Vertreterinnen und Vertretern der oben genannten betroffenen Interessensgruppen, mit fachlich unterstützenden Expertinnen und Experten für die sozial-ökologische Wirtschaftsregulierung,
- Erstellung volkswirtschaftlicher (inklusive sozial-ökologischer) Gesamtrechnungen und entsprechender Branchenrahmenplanungen durch die Wirtschafts-, Sozial- und Umwelträte,
- Schaffung direkter oder indirekter Kapital- und Investitionslenkung in der Wirtschaft nach sozialen und ökologischen Kriterien (z.B. über zweckgebundene, demokratisch kontrollierte Strukturentwicklungsfonds, Subventionen und Steuern),
- Entwicklung einer gemeinwohlorientierten (statt kapitalinteressensfixierten) Steuerrechtsreform zur Mitfinanzierung des ökologisch-sozialen Umbaus,
- Gesetzliche Regelung zur öffentlich-demokratischen Kontrolle bzw. Machtentflechtung besonders im Bereich von finanz-, energiewirtschaftlichen, Software-, Nahrungsmittel- und Infrastruktur-Konzernen bzw. ihrer nationalen Niederlassungen,
- Umfassende Beteiligung von Arbeitenden am Produktivvermögen (z.B. direkt oder mittels sozial-ökologischen Beschäftigten- oder Multistakeholder-Investmentfonds).
Auf Ebene der Organisation bilden demokratisch strukturierte Unternehmen sowie sonstige demokratische Institutionen (z. B. Gewerkschaften, Arbeiter- und Angestelltenkammern) einen Kern der Wirtschaftsdemokratie. Sie existieren bereits jetzt in unterschiedlichen Formen wie z.B. belegschaftseigene Produktiv- und Sozialgenossenschaften, Multi-Stakeholder-Genossenschaften, demokratische Reformunternehmen oder basisdemokratische Kollektive in Belegschaftsbesitz. Je nach Kontext (z.B. Unternehmensgröße, Komplexität der technischen und organisatorischen Abläufe, Eigentumsform) entscheiden die Beschäftigten entweder direkt in Vollversammlungen oder in Bereichsversammlungen über strategische (z.B. Produkte, Kapitalinvestitionen, Lieferkettenkooperation) und taktische (z.B. Personalwesen, Vorgesetztenwahl, Arbeitssystemgestaltung) Angelegenheiten. Oder sie entscheiden indirekt mittels ihrer gewählten Vertreterinnen und Vertreter in demokratischen Gremien.
Bemühungen um eine soziale und ökologische Re-Regulierung der Märkte, um die Einschränkung der Macht der internationalen Konzerne sowie um eine Ausweitung der Mitbestimmungspolitik verfolgen das langfristige Ziel, eine internationale Gegenmacht zur neoliberalen Wirtschaftsweise aufzubauen. Parallel dazu dient diesem Ziel auch die Ausweitung und Vernetzung regionaler Wirtschaftskreisläufe. In solidarisch-ökonomischen Wirtschaftsregionen (siehe Dörre, 2021; Lund & Novkovic, 2023; Unterrainer et al., 2026a; Wright, 2017) soll eine Infrastruktur für die Versorgung von Regionen mit gesunden, umweltverträglichen und sozial nachhaltigen Produkten sowie Dienstleistungen geschaffen werden. Für diesen Zweck wirken demokratisch, sozial bzw. ökologisch ausgerichtete (typischerweise kleine und mittelgroße) Unternehmen, Zulieferbetriebe, gemeinwohlorientierte Banken, Gewerkschaftsinstitutionen, Unternehmensverbände, politische Organisationen, Beratungs- und Bildungsinstitutionen, Medien, Kulturschaffende und verantwortungsbewusste Konsumierende zusammen. Nicht selten werden über gerecht ausgestaltete Lieferketten auch Menschen in weit entfernten Regionen solidarisch eingeschlossen, etwa Produktionskooperativen und deren Gemeinden in wirtschaftlich schwachen Ländern.
Beispiele für solche solidarisch-ökonomischen Wirtschaftsregionen bilden die bereits beschriebenen demokratisch strukturierten Unternehmensnetzwerke in der Emilia Romagna und in Südtirol (Italien), in Quebec (Kanada) und die Mondragon Cooperative Corporation (Spanien). Die strategische Bedeutung des Aufbaus solcher wirtschaftsdemokratischen Netzwerke besteht nicht nur darin, dass die eingeschlossenen demokratischen Unternehmen und Unterstützungsorganisationen ein Versuchslabor für den sozial-ökologischen Wandel bieten. Zusätzlich eröffnen sie die Chance, dass in solchen Regionen nach und nach breitere Bevölkerungsschichten Interesse an solidarisch-ökonomischer Wirtschaftsdemokratie, weil sie diese konkret im Alltag erfahren, entwickeln und diese unterstützen. Auch dies kann die ideologische Hegemonie von großen, radikal neoliberal orientierten Konzernen langfristig zumindest regional verringern. Die Chance, dass sie neoliberale Überzeugungen überwinden können, gilt nicht nur für diejenigen, denen die in demokratischen Unternehmen erzeugten Produkte oder Dienstleistungen, zugutekommen, sondern auch für die dort Beschäftigten.
Auch wenn noch weiterer Forschungsbedarf hierzu besteht, legen mehrere Untersuchungen nahe, dass Arbeitende, die demokratisch an strategischen oder taktischen Planungen und Entscheidungen teilhaben, im Vergleich zu nicht mitentscheidenden Arbeitenden, sich prosozialer und solidarischer verhalten sowie sich auch außerhalb der Arbeitswelt an humanistischen und gemeinnützigen Zielen orientieren (Weber et al., 2020). Neuere Befunde belegen auch positive Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß demokratischer Mitentscheidung von Beschäftigten im Betrieb und deren politischem Engagement sowie ihrer Bereitschaft, sich im Alltag moralisch zu verhalten.
Das in demokratischen Unternehmen deutlich stärker ausgeprägte soziomoralische Betriebsklima sowie die erlebte eigene politische und moralische Selbstwirksamkeit scheint diese Effekte zu vermitteln (Unterrainer et al., 2026b). Insgesamt machen also sowohl wissenschaftliche Ergebnisse als auch praktische Beispiele demokratischen und solidarischen Wirtschaftens im Sinne „realer Utopien“ Hoffnung, dass eine weitere Neoliberalisierung unserer Gesellschaften kein unabwendbares Schicksal ist. Sie können auch Denk(-doch-mal)-Anstoß dafür sein, ob der weit verbreitete Sachzwang-Fatalismus im Sinne eines „There Is No Alternative“ nicht selbst Teil neoliberaler Ideologisierung ist, um die eigene Hegemonie aufrecht zu erhalten.
[1] Der maßgeblich durch den Französischen Philosophen Michel Foucault geprägte Begriff der neoliberalen Gouvernementalität beschreibt, vereinfacht gesagt, die Ausübung von Macht durch die subtile Beeinflussung mentaler Phänomene, wie Überzeugungen, Bedürfnisse und Identitäten. Entscheidende Bedeutung kommt bei dieser Form der verinnerlichten Kontrolle der erlebten Freiwilligkeit und vermeintlichen Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten zu, sodass sich die derart manipulierten „Subjekte“ als selbstbestimmt handelnd wahrnehmen.
Literatur:
Bal, P. M., & Dóci, E. (2018). Neoliberal ideology in work and organizational psychology. European Journal of Work and Organizational Psychology, 27(5), 536-548.
Beck, U. (2016). Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp Verlag.
Bettache, K. (2025). Where is capitalism? Unmasking its hidden role in psychology. Personality and Social Psychology Review, 29(3), 215-249.
Braverman, H. (1985). Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß (2. Aufl. der Studienausg). Campus-Verlag.
Daniel, J. R. (2025). Rewriting the plan of the world: Peter Thiel’s messianic rhetoric and the end of progressive neoliberalism. Quarterly Journal of Speech, 111(2), 272–295.
Dörre, K. (2021). Die Utopie des Sozialismus. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution. Matthes & Seitz.
Demirović, A. (Hrsg.) (2018). Wirtschaftsdemokratie neu denken. Westfälisches Dampfboot.
Ellerman, D., Gonza, T., & Berkopec, G. (2022). European Employee Stock Ownership Plan (ESOP): The main structural features and pilot implementation in Slovenia. SN Business & Economics, 2(12). https://doi.org/10.1007/s43546-022-00363-7.
Fleming, P. (2014). Review article: When ‘life itself’ goes to work: Reviewing shifts in organizational life through the lens of biopower. Human Relations, 67(7), 875–901.
Fleming, P. (2017). The human capital hoax: Work, debt and insecurity in the era of uberization. Organization Studies, 38(5), 691-709.
Foster, R. (2017). Social character: Erich Fromm and the ideological glue of neoliberalism. Critical Horizons, 18(1), 1-18.
Fromm, E. (1976). Haben oder sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Deutsche Verlags-Anstalt.
Funk, R. (2023). Productivity in face of a „pathology of normalcy“. Erich Fromm’s contribution to Critical Psychology. Psychologie des Alltagshandelns / Psychology of Everyday Activity, 16(1), 31-39.
Greene, T. W. (2008). Three ideologies of individualism: Toward assimilating a theory of individualisms and their consequences. Critical Sociology, 34(1), 117-137.
Gunderson, R. (2023). Is ideology critique worthwhile? A defense of writing for an absent audience in a cynical, warming world. Capital & Class, 47(4), 613-639.
Harvey, D. (2007). A brief history of neoliberalism. Oxford University Press.
Höge, T., & Hornung, S. (2024). Neoliberalism. In P. M. Bal (Ed.), Elgar encyclopedia of organizational psychology (pp. 403-408). Edward Elgar.
Höge, T., & Unterrainer, C., & Hornung, S. (2026). Measuring neoliberal individualism, instrumentality, and competition: Development and validation of the Neoliberal Ideological Beliefs Questionnaire (NLBQ). Analyses of Social Issues and Public Policy, 26(1), e70049.
Hornung, S., Höge, T., Unterrainer, C., & Seubert, L. (2026). Psychische Funktionen der Internalisierung neoliberaler Ideologie im Kontext sozioökonomischer Prekarität – Eine qualitative Interviewstudie. Psychology of Everyday Activity/Journal Psychologie des Alltagshandelns, 19(1), 20-37.
Jost, J. T. (2020). A theory of system justification. Harvard University Press.
Klikauer, T. (2015). What is managerialism?. Critical Sociology, 41(7-8), 1103-1119.
Lund, M., & Novkovic, S. (2023). Multi-stakeholder cooperatives. In M. S. Elliott & M. A. Boland (Eds.), Handbook of research on cooperatives and mutuals (pp. 531–548). Edward Elgar.
Lynch, K., & Kalaitzake, M. (2020). Affective and calculative solidarity: The impact of individualism and neoliberal capitalism. European Journal of Social Theory, 23(2), 238-257.
Maier, S. (2026). Technofeudale Refigurationen. Artis Observatio. Allgemeine Zeitschrift für Kunstsoziologie und Soziologie der Künste, 5(S1), 129–152.
Meine, H., Schumann, M., & Urban, H.-J. (Hrsg.) (2011). Mehr Wirtschaftsdemokratie wagen! VSA Verlag.
Menz, W., & Seeliger, M. (2024). Soziologie der Arbeit. Eine Einleitung. In W. Menz & M. Seeliger (Hrsg.), Soziologie der Arbeit: Ein Reader (S. 7-85). Suhrkamp.
Mhalla, A. (2026). Cyberpunk: Das neue totalitäre System (S. Singh, Übers.; 2. Auflage). C.H. Beck.
Mühlhoff, Rainer (2026). Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam.
Plehwe, D., Walpen, B. J., & Neunhöffer, G. (2007). Neoliberal hegemony: A global critique. Routledge.
Schoellbauer, J., Sonnentag, S., Prem, R., & Korunka, C. (2022). I’d rather know what to expect… Work unpredictability as contemporary work stressor with detrimental implications for employees’ daily wellbeing. Work & Stress, 36(3), 274–291.
Skyrman, V., Allelin, M., Kallifatides, M., & Sjöberg, S. (2023). Financialized accumulation, neoliberal hegemony, and the transformation of the Swedish Welfare Model, 1980–2020. Capital & Class, 47(4), 565-591.
Telford, L., & Briggs, D. (2022). Targets and overwork: Neoliberalism and the maximisation of profitability from the workplace. Capital & Class, 46(1), 59-76.
Teo, T. (2018). Homo neoliberalus: From personality to forms of subjectivity. Theory & Psychology, 28(5), 581-599.
Unterrainer, C., Weber, W. G., Höge, T. & Hornung, S. (2026a). Democratic organizing for social change. In S. Hornung, G. Islam, P. M. Bal, P. Dashtipour, P. D’Cruz, J. L. Degen, E. Dóci, N. Gerard, M. McDonald, Z. Sanderson, F. Tommasi, & W. G. Weber (Eds.), Handbook of Critical Work and Organizational Psychology (pp. 343-364). Edward Elgar.
Unterrainer, C., Weber, W. G., Höge, T. & Hornung, S. (2026b). From workplace democracy to civic engagement: Democratic practices in Economy for The Common Good enterprises. Paper presented at Rutgers-Oxford Employee Ownership Research Conference, Kellogg College, Oxford University (UK), August 28, 2026.
Voß, G. G., & Pongratz, H. J. (1998). Der Arbeitskraftunternehmer: Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50(1), 131-158.
Valenzuela, F., Manolchev, C., Böhm, S., & Agar, C. C. (2024). Working through (mis)recognition: Understanding vulnerability as ambivalence in precarious worker subjectivity. Human Relations, 77(10), 1436-1467.
Wacquant, L. (2009). Punishing the poor: The neoliberal government of social insecurity. Duke University Press.
Weber, W. G., Unterrainer, C., & Höge, T. (2020). Psychological research on organizational democracy: A meta-analysis of individual, organisational, and societal outcomes. Applied Psychology: An International Review, 69 (3), 1009-1071.
Weiskopf, R., & Loacker, B. (2006). ‘A snake’s coils are even more intricate than a mole’s burrow.’ Individualisation and subjectification in post-disciplinary regimes of work. Management Revue, 17(4), 395-419.
Wright, E. O. (2017). Reale Utopien. Suhrkamp.



