Stefan Berger (Professor für Sozialgeschichte, Direktor des Instituts für soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum)

2022 legte die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ins Leben gerufene Kommission ‘Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie‘ ihre Ergebnisse in Form eines Sammelbandes vor, der auch die Empfehlungen der Kommission enthielt. (Berger, Jäger, Teichmann 2022) Zwischen 2018 und 2021 hatte die Kommission, die zur Hälfte aus Gewerkschafter:innen aus den Einzelgewerkschaften des DGB sowie DGB-Verteter:innen und zur Hälfte aus Wissenschaftler:innen bestand, mehrfach jährlich getagt, um zu eruieren, wie es um die Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie in Deutschland stand. Entstanden war die Idee zu einer solchen Kommission aus der Erkenntnis heraus, dass solche Erinnerungskulturen eine zentrale politische Ressource für die Gewerkschaftsbewegung der Gegenwart darstellen. Nur wenn es ihr gelingt, vergangene Errungenschaften, die heute in der Bundesrepublik viele Arbeitnehmer:innen als selbstverständlich betrachten, im Bewusstsein der Bürger:innen als Meilensteine gewerkschaftlicher Kämpfe zu verankern, werden sich auch heute Arbeitnehmer:innen für die Gewerkschaften engagieren. Über eine solche aktive Erinnerungskultur können die Gewerkschaften die gewerkschaftsfeindlichen Positionen in der Bundesrepublik, die da behaupten, dass Gewerkschaften in der heutigen Gesellschaft eine Art von Dinosaurier des Industriezeitalters sind, bekämpfen.

Dabei hatten in Absprache mit dem damaligen DGB-Vorsitzenden, Rainer Hoffmann, die beiden Kommissionsvorsitzenden Wolfgang Jäger und Stefan Berger, sehr bewusst die Bezeichnung ‚soziale Demokratie‘ gewählt, da es ihnen nicht allein um die Kämpfe der Gewerkschaften ging, sondern um eine breitere Erinnerungskultur, die vergegenwärtigen sollte, dass die Gewerkschaften immer progressive Bündnispartner hatten, aus den sozialen Bewegungen und der zivilgesellschaftlichen Mobilisation, die ihnen beim Erreichen ihrer Ziele, mehr soziale Gerechtigkeit  und mehr gesellschaftliche Teilhabe von Arbeitnehmer:innen in der Bundesrepublick zu erreichen, halfen. Sie knüpften sehr bewusst an die Unterscheidung von T. H. Marshall an, der argumentiert hatte, dass die politische Demokratie um wirtschaftliche und soziale Komponenten ergänzt werden müsse, um zu einer wirklich umfassenden demokratischen Fundierung von Gesellschaften zu gelangen. (Marshall 1947/1992) Für die Kommission haben Ulrich Heinemann und Manfred Wannöffel ausbuchstabiert, wie man sich eine solch umfassende Fundierung gesellschaftlicher Demokratie vorstellen kann und wie unverzichtbar für diesen Demokratiebegriff und für solidarische Gesellschaften starke Gewerkschaften und ihre gesellschaftlichen Verbündeten waren und sind.

In den von der Kommission behandelten Einzelthemen wurden die Inhalte einer solchen Erinnerungsgeschichte sozialer und wirtschaftlicher Demokratie ausbuchstabiert. Die zentralen Ergebnisse der Kommissionsarbeit zirkelten dabei um die Frage, welche Ereignisse, Prozesse und Bewegungen in einer solchen Geschichte eine wichtige Rolle spielen sollen und können. Streiks sowie Mobilisierungen gegen Betriebsschliessungen haben z.B. ein sehr hohes Erinnerungspotential, da sie Menschen zusammenbrachten. Die gemeinsamen Aktionen bergen ein Solidarisierungspotential, das oftmals von positiven Gefühlen und Erfahrungen begleitet wird. Zumal bei erfolgreichen Streiks, wie etwa demjenigen zur Durchsetzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in Schleswig-Holstein 1956/7, ist die Erinnerung daran ein wichtiger Baustein, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie gemeinsam mit ihren Gewerkschaften und sozialen Bewegungen wichtige Dinge, die ihren Alltag wesentlich verbessern, anstoßen können. Schwieriger dagegen ist es mit einem der zentralen Arbeitsbereiche von Gewerkschaften, den Tarifverhandlungen. Ihnen fehlt das mobilisierende, ‚heroische‘ Moment von Streiks, weshalb ihr Erinnerungspotential meist schwach ausgeprägt ist. Hier ist eine aktive Erinnerungspolitik gefragt, um herauszustreichen, wie sehr die Lage von Arbeitnehmer:innen durch solche Verhandlungen innerhalb der ‚Konfliktpartnerschaft‘ (Müller-Jentsch 1999) von Arbeitgebern:innen und Arbeitenehmer:innen verbessert wurde und immer noch wird. Nicht nur ein relativ hohes Lohnniveau, sondern auch vielfältige sonstige Verbesserungen im Arbeitsumfeld von Arbeitnehmer:innen gehen auf diese Verhandlungen zurück, so dass eine aktive Erinnerung daran die Bindung der Arbeitnehmer:innen an die Gewerkschaften stärken kann. Dasselbe gilt für die Arbeit der Zehntausende von Betriebsrät:innen, die vor Ort sich für die Beschäftigten einsetzen und manchmal gegen und manchmal mit dem Management und der Leitungsebene von Betrieben und öffentlichen Verwaltungen den Arbeitsalltag der Menschen verbessern. Auch hier ist eine aktive Erinnerungsarbeit gefragt, denn die Alltäglichkeit dieser Arbeit fällt sonst leicht aus den aktiven Erinnerungspeichern der Gesellschaft heraus. Gerade das bundesrepublikanische industrielle System, das oftmals mit den Begriffen Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft beschrieben wird, hat die Wirtschaft des Landes demokratisiert und durch die aktive Übernahme von Verantwortung durch Arbeitnehmer:innenvertreter auch zu einer größeren wirtschaftlichen Effizienz des gesamten Systems beigetragen. In der Gegenwart erleben wir z.T. beispiellose Versuche, diese Mitbestimmung zu unterminieren und zurückzukehren zu einer ‚Herr-im-Haus‘ Mentalität von Unternehmer:innen, die das industrielle System in Deutschland vom 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs prägte. Auch hier ist eine aktive Erinnerungskultur aufgerufen, die vielen Vorzüge von Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft den Menschen in der Bundesrepublik zu vergegenwärtigen.

Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über einen ausdifferenzierten Sozialstaat, der ohne die aktive Beteiligung von Gewerkschaften und anderen sozialen Bewegungen so nicht entstanden wäre. Dennoch ist in der öffentlichen Erinnerung bis heute immer noch präsent, dass die Fundamente des deutschen Sozialstaats durch Bismarck und den deutschen Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhunderts gelegt wurden. Auch hier ist aktive Erinnerungsarbeit gefragt, die den Bürger:innen ins Bewusstsein ruft, welche vielfältigen sozialen Kämpfe notwendig waren, um eine umfassende Absicherung von Arbeitnehmer:innen gegen Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit, Alter (Rente) und andere Unwägbarkeiten des Lebens zu erreichen.

Die lange Geschichte von sozialen Bewegungen, zu denen die Geschichte der Gewerkschaften auch gehört, ist selbst eine Ressource im Selbstverständnis dieser Bewegungen sowie in ihrer Außendarstellung. (Berger/Scalmer/Wicke 2024) Dabei ist in der Kommissionsarbeit deutlich geworden, wie wenig Gewicht gerade die Gewerkschaften auf die aktive Erinnerung ihrer eigenen Organisationsgeschichte legen. Zwar wurden immer wieder mal Broschüren zur Geschichte aufgelegt, zuweilen sogar Ausstellungen kuratiert und Tagungen veranstaltet, aber all dies wurde niemals gleichbedeutend mit einer starken Erinnerungskultur, die auf historischem Fundament in der Lage gewesen wäre, die jeweils zeitgenössische Identifikation mit den Gewerkschaften historisch zu unterfüttern. Zu wichtigen Festtagen, wie etwa dem 1. Mai, oder zu wichtigen innerorganisatorischen Jubiläen sollten die Gewerkschaften eine aktivere Erinnerungspolitik fahren, um ihren Mitgliedern und Unterstützer:innen zu zeigen, wie lange und wie erfolgreich ihre Organisationen sich bereits für sie einsetzen. Das historische Bewusstsein solcher langer Erfolgsgeschichten stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Organisationen. Dabei sollte dieses historische Bewusstsein durchaus kritische Elemente enthalten. Nicht alle Dinge, die Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Vergangenheit getan haben, erweisen sich im Rückblick als progressiv und weiterführend. Konstruktive Selbstkritik aus der Erinnerung heraus ist der Motor, in der Gegenwart eine Politik zu machen, die sich dieser historischen Fehler bewusst ist und von ihnen lernen will.

Gewerkschaften waren und sind ein zentrales Element der Aspiration nach mehr sozialer Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Eine aktive Erinnerungskultur sollte diese zentralen Werte der Gewerkschaftsbewegung und ihrer Verbündeten herausstreichen, um danach zu fragen, welche Bedeutung ihnen in den aktuellen gesellschaftlichen Diskursen der Bundesrepublik zukommen und wie sie in diesen gestärkt werden können. Erinnerung ist auch hier ein wichtiges Element in der gegenwartspolitischen Verortung und Verankerung. Dabei ist es wichtig, gerade den Wert der sozialen Gerechtigkeit weiter auszubuchstabieren. So ist z.B. Geschlechtergerechtigkeit ein wichtiger Baustein sozialer Gerechtigkeit. Die Gewerkschaften waren hier nicht immer Vorreiter, denn gerade die männlich geprägten Industriegewerkschaften hatten jahrhundelang ein traditionell paternalistisches und patriarchalisches Selbstverständnis. Dennoch waren sie auch immer wieder, nicht zuletzt durch das mutige Engagement von Frauen in den Gewerkschaften, Vorreiter für eine stärkere Gleichstellung von Frauen – am Arbeitsplatz und darüber hinaus. Daran zu erinnern, ist eine wichtige Ressource im Kampf um mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Gegenwart, denn u.a. der ‚gender paygap‘ bleibt eine wichtige Erinnerung daran, wie weit wir auch in der Bundesrepublik von wirklicher Geschlechtergerechtigkeit entfernt sind.

Auch der Kampf der Gewerkschaften gegen Rassismus und ethnisch motivierte Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen gehört in eine aktive Erinnerungsgeschichte der Gewerkschaften, die zugleich eigene Versäumnisse der Vergangenheit kritisch aufarbeitet. Schon im Kaiserreich gelang es den Gewerkschaften nicht, die Gründung einer eigenen polnischen Gewerkschaft zu verhindern, weil sie sich nicht mit voller Energie der Rekrutierung und Mobilisierung von polnischsprachigen Arbeiter:innen widmete und der Nationalitätenkonflikt der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg auch die Welt der Gewerkschaften nicht unberührt ließ. Auch das Verhältnis der bundesrepublikanischen Gewerkschaften zu den sogenannten ‚Gastarbeiter:innen‘ der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren war zwiespältig. Einerseits versuchte man aktiv, die ausländischen Kolleg:innen in die gewerkschaftlichen Organisationen zu integrieren. Die vielen Zehntausende von ausländischen Betriebsrät:innen und Gewerkschafter:innen zeugen vom aktiven Engagement von ‚Gastarbeiter:innen‘. Andererseits begleitete man von Gewerkschaftsseite schon die Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften seit Ende der 1950er Jahre skeptisch und war z.T. auch froh, als die Regierung von Helmut Kohl in den 1980er Jahren eine Remigrationspolitik fuhr, die danach trachtete, möglichst viele Arbeitnehmer:innen mit ausländischen Wurzeln wieder loszuwerden. Dennoch sollte bei aller Berücksichtigung kritischer Elemente eine aktive Erinnerungspolitik der deutschen Gewerkschaftsbewegung die vielen Ereignisse und Kampagnen in den Vordergrund stellen, in denen deutsche und ausländische Kolleg:innen gemeinsam Verbesserungen in ihrem Arbeitsalltag erreichten und den Kampf gegen Diskriminierung vorantrieben. Der Streik der Arbeiter:innen bei Pierburg in Neuss 1973 sowie die gewerkschaftliche Kampagne ‚Mach meinen Kumpel nicht an’ nach 1985 sind hier hervorragende Beispiele für solche Solidarisierungen, die in der Gegenwart nichts an Aktualität eingebüßt haben. Gerade die Erinnerung an die Bedeutung der Arbeitsmigration für die Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik ist nach wie vor defizitär. Hier liegt auch ein wichtiges Betätigungsfeld für die gewerkschaftliche Erinnerungspolitik.

Gemeinsam mit ihren Verbündeten waren die Gewerkschaften historisch immer wieder ausgesprochene Vertreter:innen eines Internationalismus, der den Nationalismus ablehnte und stattdessen den Blick über den nationalen Tellerrand wagte. Zu erinnern wäre hier an den frühen und nachhaltigen Einsatz von Gewerkschaftern für ein soziales Europa (Buschak 2014), aber auch an Solidarisierungen über die Landesgrenzen hinaus, etwa bei Streiks befreundeter Gewerkschaftsbewegungen in anderen Ländern. Schon vor dem Ersten Weltkrieg bauten Gewerkschaften internationale Organisationen auf, die ihre Tätigkeiten international vernetzten und zu einem Austausch führten, die die nationale Gewerkschaftsarbeit immer wieder bereicherte. Von diesen Anfängen bis heute stellte die internationale Arbeit von Gewerkschaften einen wichtigen Bestandteil ihres Selbstverständnisses dar, wobei sie in der Erinnerung oftmals in Vergessenheit zu geraten droht. So ist etwa der Anteil von Gewerkschaften an der Arbeit der International Labour Organisation (ILO) kaum Gegenstand einer Erinnerungskultur der ILO oder nationaler Gewerkschaften, obwohl ohne die Beteiligung von Gewerkschaftsvertreter:innen viele der progressiven Politikvorstellungen und Empfehlungen der ILO niemals zustande gekommen wären.

Schließlich beschäftigte sich die Kommission auch mit der Bündnispolitik der Gewerkschaften im Hinblick auf andere soziale Bewegungen. So gab es etwas bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Verbindungen von Gewerkschafter:innen mit Vertreterinnen der Frauenbewegung, die gemeinsam versuchten, stärkere Geschlechtergerechtigkeit durchzusetzen. Immer wieder gab es auch enge Bündnisse mit der Friedensbewegung. Vor 1914 demonstrierten Hunderttausende von Gewerkschafter:innen gegen den drohenden Krieg. In verschiedenen friedensbewegten Kampagnen der Bundesrepublik, vom ‚Kampf gegen den Atomtod‘ in den 1950er Jahren bis zur NATO-Nachrüstungsdebatte der 1980er Jahre, schlossen gewerkschaftliche Vertreter:innen enge Bündnisse mit der Friedensbewegung. Und auch wenn das Verhältnis der Gewerkschaften zur Umweltbewegung nicht immer spannungsfrei war, so gab es doch gegenseitige Lernprozesse, die dazu führten, dass beide Seiten aufeinander zugingen und sich gemeinsam engagierten für Formen von guter Arbeit, die zugleich nachhaltig und umweltverträglich sind.

Last, but not least, wird es zu den wichtigen Gebieten einer aktiven Erinnerungspolitik der deutschen Gewerkschaften gehören müssen, dass sie sich mit der Geschichte der Gewerkschaften in der DDR und im Transformationsprozess des wiedervereinigten Deutschlands auseinandersetzt. Die Gewerkschaften in der DDR waren Massenorganisationen, in denen allerdings die allermeisten Mitglieder wegen konkreter Vorteile und z.T. erheblichem Druck von oben Mitglieder waren, ohne dabei allerdings von einem tiefen commitment für die Ideale der Gewerkschaftsbewegung durchdrungen zu sein. Die Gewerkschaften in der DDR waren auch keine freien Gewerkschaften, sondern immer, nach leninistischer Ideologie, Transmissionsriemen der regierenden kommunistischen Partei, die deren Beschlüsse in den Betrieben umzusetzen hatten. Weite Teile der Arbeitnehmerschaft begegnete ihnen also zurecht mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Im Wiedervereinigungsprozess, der z. T. durch einen wirtschaftlichen Kahlschlag auf dem Gebiet der früheren DDR einherging, misslang es dann den bundesrepublikanischen Gewerkschaften, die in Arbeit verbliebenden Arbeitnehmer:innen dauerhaft an die Gewerkschaften zu binden. Zu übermächtig war das Gefühl der Kolonisierung des Ostens durch den Westen, und für viele Ostdeutsche waren die westdeutschen Gewerkschaften ein Teil dieser feindlichen Übernahme. Von daher ist die Erinnerung an Gewerkschaften in den neuen Bundesländern auch nie zu einem Bestandteil der ansonsten weit verbreiteten Ostalgie geworden. Hier gäbe es also ein weites Feld für eine aktive Erinnerungspolitik der Gewerkschaften, der es gelingen müsste, die positiven Errungenschaften der Gewerkschaften für die Menschen vor Ort in Vergangenheit und Gegenwart ins Bewusstsein zu rufen.

Insgesamt kam die Kommission zu dem Schluss, dass es vielfältige Themen gibt, zu denen sicher weitere hinzugefügt werden könnten, die Bestandteil einer aktiven Erinnerungspolitik der Gewerkschaften sein sollten. Dabei musste sie aber auch konstatieren, dass es um die gesellschaftliche Erinnerung an gewerkschaftliche Kämpfe in der Bundesrepublik schlecht bestellt ist. Schaut man sich z.B. die Museen der Bundesrepublik an, so tauchen Gewerkschaften dort so gut wie nicht auf. (Jäger 2021) Die Neukonzeption des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn in diesem Jahr unterstreicht noch einmal, wie wenig Gewerkschaften Bestandteil der gesellschaftliche Erinnerungspolitik sind. Auch an den Veranstaltungen zum 1. Mai sind historische Themen und die Mobilisierung von Erinnerung eher Mangelware. (https://www.boeckler.de/fpdf/HBS-007834/p_ek_ap_17_2020.pdf )

Trotz solcher Negativbefunde muss die Erinnerungspolitik der deutschen Gewerkschaftsbewegung nicht bei Null anfangen. So hat die Hans-Böckler-Stiftung etwa schon in den 2000er Jahren eine vorbildliche historische Webseite entwickelt, die die Errungenschaften der Gewerkschaften und ihrer zentralen Vertreter aufarbeitet. Immer wieder initiierten Gewerkschaftsvertreter:innen auch eigene historische Ausstellungen, die an die sozialen Kämpfe der Vergangenheit erinnerten. In ihren abschließenden Empfehlungen betonte die Kommission von daher, dass die Gewerkschaften auf diesen vielversprechenden Fundamenten aufbauen sollte. Es ist ein gutes Zeichen, dass zahlreiche dieser Empfehlungen in der Folge von den Gewerkschaften, vor allem über die Hans-Böckler-Stiftung, umgesetzt wurden und werden. So wurde die vorbildliche Webseite ‘Geschichte der deutschen Gewerkschaften’ mit neuen Ressourcen ausgestattet und weitergeführt. Sie stellt heute das Rückgrat gewerkschaftlicher Erinnerungsarbeit dar. (https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/index.htm ) Darüber hinaus hat die Hans-Böckler-Stiftung ein eigenes Referat für gewerkschaftliche Erinnerungsarbeit ins Leben gerufen, das zunächst unter der Leitung von Dieter Pougin und seit diesem Jahr unter der Leitung von Barbara Manthe, herausragende Arbeit macht, um der Erinnerung an Gewerkschaften und ihren Verbündeten mehr gesellschaftliche Durchschlagskraft zu geben. (https://www.boeckler.de/de/schwerpunkt-gewerkschaftliche-erinnerungskulturen-73530.htm ) Vor allem die wichtige social media Arbeit steht im Mittelpunkt ihrer Bemühungen, die gewerkschaftliche Erinnerung voranzubringen.

Eine wichtige Empfehlung der Kommission war die Stärkung regionaler Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie. Hier setzt die Hans-Böckler-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Regionalverband Ruhr unter Leitung von Stefan Berger und Timo Hauge ein Pilotprojekt um, das im Ruhrgebiet eine Route der Solidarität in Ergänzung der in der Region sehr beliebten Route der Industriekultur etabliert. In Zukunft werden über diese Route nicht nur große Unternehmerpersönlichkeiten und technische Errungenschaften der Region gefeiert, sondern auch der sozialen Kämpfe gedacht, in denen die Gewerkschaften eine wichtige Rolle spielten. Ende 2026 wird die zu diesem Projekt gehörende Webseite gelauncht und ist dann für alle öffentlich zugängig. Zusätzlich wird an den Orten der Route Industriekultur auf die Route der Solidarität verwiesen.

Neben der Stärkung der regionalen Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie empfahl die Kommission auch die bessere Berücksichtigung der internationalen Dimension gewerkschaftlicher Solidarisierungen. In den vergangenen Jahren hat Stefan Berger hier mit Unterstützung der Simon-Fraser-Universität in Kanada sowie der britischen und französischen Gewerkschaftsbewegung eine Webseite aufgebaut, die sich als Diskussionsplattform zur Erinnerungspolitik von Gewerkschaften in aller Welt versteht und darüber informiert, welche Formen von Erinnerungsarbeit es gibt. (https://www.sfu.ca/union-memory.html )

Insgesamt bin ich als vormaliger Kommissionspräsident zufrieden mit den Umsetzungen der Kommission. Auch wenn es in Zukunft noch viel zu tun gibt, ist es der Kommission doch gelungen, zentrale Impulse für eine aktivere Erinnerungspolitik der Gewerkschaften zu geben, die jetzt peu a peu umgesetzt werden. An der Ruhr-Universität in Bochum werden im Umfeld des von mir geleiteten Instituts für soziale Bewegungen und oftmals in enger Kooperation mit der Gemeinsamen Arbeitsstelle der Ruhr-Universität mit der IG Metall regelmäßig Lehrveranstaltungen zur Erinnerungsgeschichte der deutschen Gewerkschaften abgehalten. Auch die Gründung der German Labour History Association im Jahr 2017 hat dazu beigetragen, dass das Thema in den historischen Wissenschaften inzwischen wieder eine größere Präsenz hat. Mit über 150, meist jüngeren Mitgliedern, ist die GLHA ein wichtiges Instrument, um die Geschichte der Arbeit und die Erinnerung an sich wandelnde Arbeitsprozess und die sozialen Kämpfe von Arbeiterbewegungen für mehr soziale Gerechtigkeit in der Wissenschaft und der breiteren Gesellschaft zu verankern. (https://www.germanlabourhistory.de/ )

In einem leider nicht mehr öffentlich zugängigen Film des DGB Sachsens, in dem die Haltung von sächsischen Berufsschülern zu Gewerkschaften im Mittelpunkt standen, wurde deutlich, wie wenig diese Berufsschüler mit dem Thema Gewerkschaften verbanden. Die meisten kannten sie nicht, und einer meinte sogar, dass das wohl etwas für Professoren sei. Stärker kann man eigentlich nicht unterstreichen, wie bedeutsam eine aktive Erinnerungspolitik an die Geschichte der Gewerkschaften ist, wenn man den Gewerkschaften eine Zukunftshorizont in unserer Gesellschaft eröffnen will. Dabei gilt es auch zu bedenken, dass im weltweiten Vergleich die deutsche Gewerkschaftsbewegung eine der einflussreichsten und mächtigsten überhaupt ist. An den meisten anderen Orten der Welt sind freie Gewerkschaften heute viel schwächer als sie es zu ihren Hochzeiten zwischen den 1950er und 1980er Jahren waren. Auch in Deutschland nimmt die Zustimmung zu Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft im Unternehmerlager und in der Politik ab. Die Zukunft dieses Modells sozialer Demokratie wird deshalb nicht zuletzt auf dem Feld der Erinnerungspolitik verteidigt.

Eine solche Erinnerungspolitik bedarf der Ressourcen, und hier spielen die Institutionen der Gewerkschaften, wie eben die Hans-Böckler-Stiftung, eine ganz wichtige Rolle. Aber auch die Vertreter:innen der Gewerkschaften in den Erinnerungsinstitutionen der Bundesrepublik, wie den Museen, sind dazu aufgerufen, sich noch stärker für eine angemessene Berücksichtigung von Gewerkschaften und ihrer Geschichte in der kollektiven Erinnerung der Republik einzusetzen. Letztendlich wird die Mobilisierung von Erinnerung aber nur gelingen, wenn auch die Millionen von Gewerkschafter:innen sich aktiv um die Erinnerung an die eigene Bewegung einbringen und diese pflegen. Von daher ist die Gründung von lokalen Geschichtszirkeln innerhalb von gewerkschaftlichen Organisationen und innerhalb von Betrieben zu fördern. Ein Vorbild kann hier die Geschichtswerkstattbewegung der 1980er und 1990er Jahre sein, in der ja auch Gewerkschaftsvertreter:innen schon einmal eine ganz wichtige Rolle spielten.

Die Bundesrepublik ist nicht zuletzt auf Grund ihrer Gewerkschaften zu einem besseren Ort für Arbeitnehmer:innen geworden, als es jemals zuvor in der deutschen Geschichte der Fall war. Dies zu verteidigen und auszuweiten bleibt eine wichtige Zukunftsaufgabe. Gewerkschaften sind von daher keine Dinosaurier des Industriezeitalters, sondern vielmehr die Türöffner zu einer demokratischeren und sozial gerechteren Republik.

Berger, Stefan, Wolfgang Jäger und Ulf Teichmann (Hg.), Gewerkschaften im Gedächtnis der Demokratie. Welche Rolle spielen soziale Kämpfe in der Erinnerungskultur?, Bielefeld: transcript, 2022. Der Band ist auch in einer Lizenzausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen.

Berger, Stefan, Sean Scalmer und Christian Wicke (Hg.), Remembering Social Movements. Activism and Memory, London: Routledge, 2024.

Buschak, Willy, Die Vereinigten Staaten von Europa sind unser Ziel. Arbeiterbewegung und Europa im frühen 20. Jahrhundert, Essen: Klartext, 2014.

Jäger, Wolfgang, Soziale Bürgerrechte im Museum. Die Repräsentation sozialer Demokratie in neun kulturhistorischen Museen, Bielefeld: transcript, 2020.

Marshall, Thomas H., Bürgerrechte und soziale Klassen. Zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt/Main: Campus 1992. Das Buch erschien erstmalig 1947.

Müller-Jentsch, Walther (Hg.), Konfliktpartnerschaft: Akteure und Institutionen der industriellen Beziehungen, München: Hampp, 1999.

Autor

  • Professor für Sozialgeschichte, Direktor des Instituts für soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum und ehemaliger Kommissionspräsident zu den Erinnerungskulturen der sozialen Demokratie, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung.

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