Editorial: Mehr Daten – bessere Bildung? Was bringen Bildungs-ID, Bildungsverlaufsregister & Co.?

Die vorliegende Ausgabe „Mehr Daten – bessere Bildung?“ beleuchtet das bildungspolitische Vorhaben, durch eine umfassendere Datenerfassung und -zentralisierung das Bildungssystem zu verbessern. Noch nichts davon gehört? In der bildungspolitischen Diskussion sind manche Akteure auch erst durch den Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung auf die „Bildungs-ID“ und das „Bildungsverlaufsregister“ gestoßen. Die Bundesregierung will „gemeinsam mit den Ländern für die nächste Dekade relevante und messbare Bildungsziele vereinbaren und eine datengestützte Schulentwicklung und das Bildungsverlaufsregister schaffen.“ Zudem will sie die Einführung einer „zwischen den Ländern kompatiblen Schüler-ID“ unterstützen und die Verknüpfung mit der „Bürger-ID“ ermöglichen, also mit einer Identifikationsnummer, über die potenziell alles – etwa Steuern, Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen und Bildung – verwaltet und gesteuert werden kann.

Josefine Lühe, Kai Maaz: Potenziale eines Bildungsverlaufsregisters für die nationale Bildungsberichterstattung

Josefine Lühe und Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation zeigen auf, welche Perspektiven sich aus der Einführung eines Bildungsverlaufsregisters (BVR) für die nationale Bildungsberichterstattung ergeben könnten. Ein Bildungsverlaufsregister würde der Bildungsberichterstattung einen deutlichen Qualitätssprung erlauben, so Lühe und Maaz. Beide sind an der Erstellung des nationalen Bildungsberichts beteiligt und geben einen kompakten Überblick über dessen Aufgaben, Datengrundlagen und Herausforderungen. Anschließend skizzieren sie Idee, Entstehungsgeschichte und Umsetzungsprobleme eines Bildungsverlaufsregisters, um schließlich zu erörtern, welche Potenziale und Grenzen sich daraus für die Weiterentwicklung der nationalen Bildungsberichterstattung ableiten lassen.

Tobias Brändle: Die Bildungs-ID als Schlüssel zu evidenzbasierter Steuerung und Bildungsgerechtigkeit – Potenziale, Hürden und ethische Grenzen

Die derzeit stark diskutierte Bildungs-ID, die die Voraussetzung für ein zentrales Bildungsverlaufsregister darstellt, ist Thema des Beitrags von Tobias Brändle. Er leuchtet aus, welche Potenziale die Bildungs-ID als ein Hebel für „bessere Bildung“ hat, welche Hürden einer Umsetzung entgegenstehen und welche Leitplanken gesetzt werden sollten, um den „langen und steinigen“, aber aus seiner Sicht sehr lohnenden Weg zu gehen. In seiner Abwägung von Vorteilen und Risiken einer Bildungs-ID zeigt er regelrechte Dilemmata auf und bezeichnet die Einführung von Bildungsverlaufsdaten als „bildungskulturelles Veränderungsprojekt“.

Sigrid Hartong: Plädoyer für eine transformative statt datafizierungsgetriebene Bildungssteuerung

Sigrid Hartong ordnet die Pläne zur Einführung einer Bildungs-ID und eines Bildungsverlaufsregisters in eine langfristige, zunehmend exzessive Datafizierung von Gesellschaft und Bildung ein und warnt vor erheblichen Risiken. Aus Sicht der „Critical Data Studies“ betont sie, dass viele Probleme, die durch Daten gelöst werden sollten, kaum verbessert oder teils sogar verschärft wurden – auch in Ländern mit Schüler-ID. Mit der Forderung nach einem „Kassensturz“ kritisiert sie zudem die hohen Kosten des erforderlichen Steuerungs- und Verwaltungsapparats, so dass an anderer Stelle Mittel fehlen – etwa für Pädagogik, Unterstützung oder Personal. Die oft behauptete Alternativlosigkeit von „mehr Daten“ weist Hartong zurück und plädiert für eine kritische Auseinandersetzung mit und aktive Gestaltung von Daten und Technologien im Bildungssystem bis hin zu einer datensouveränen und zugleich transformativen Bildungssteuerung.

Dieter Dohmen: Mythos datenbasierte Steuerung – Warum Daten das Bildungssystem nicht retten und was wirklich nötig wäre

Der Bildungs- und Sozialökonom Dieter Dohmen kritisiert, dass hierzulande Daten oftmals nicht als „Mittel“, sondern als „Ersatz“ für Reformen betrachtet werden. Solange datenbasierte Steuerung aber primär bedeutet, Symptome im Bildungsbereich zu vermessen, statt Ursachen zu beheben, gerät sie für Dohmen zum technokratischen Schlagwort oder gar zu einer „Steuerungsromantik“. In seinem Beitrag zeigt er die Grenzen dieses Steuerungsparadigmas auf und skizziert, welche strukturellen und pädagogischen Reformen notwendig wären, damit Daten nicht nur Probleme dokumentieren, sondern tatsächliche Verbesserungen ermöglichen. Verbesserungen, die Kinder und junge Menschen heute brauchen und nicht erst, wenn das nächste Datengroßprojekt etabliert ist.

Birgita Dusse: Wozu auf Daten warten? Kritische Anmerkungen zu den Plänen für ein Bildungsverlaufsregister und eine Schüler*innen-ID aus Sicht der GEW

Unter den DGB-Gewerkschaften hat sich bislang nur der Vorstand der GEW zur Schüler-ID und zum Bildungsverlaufsregister positioniert. Und zwar ablehnend. In ihrem Beitrag erläutert Birgita Dusse die Argumente der Bildungsgewerkschaft, die sich zum Beispiel auf Datenschutz, Grundrechte, Professionspolitik, Pädagogik und das Bildungsverständnis beziehen. Sie betont die Prinzipien der Datensparsamkeit und die „digitalen Grundrechte“ von Lehrenden und Lernenden. Nach Jahrzehnten der Standardisierung und Leistungstests hat sich nahezu nichts an den Defiziten des Schulsystems geändert. Dabei liegen die bildungspolitischen Antworten schon lange auf dem Tisch. Bestehende Dateninstrumente und -bestände könnten bereits jetzt besser und konsequenter genutzt werden. Das gilt auch für den Übergang von der Schule in die Ausbildung.

Sandra Garbade, Dirk Flegel: Lehren aus der Umsetzung des § 31a SGB III und Schlussfolgerungen für gelingende Übergänge – ein Interview

Sandra Garbade und Dirk Flegel vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung (HiBB) berichten im Interview über die Umsetzung des Datenaustauschs gemäß § 31a SGB III zwischen Schulen, Landesinstitut und Bundesagentur für Arbeit zu Schüler*innen, die ihren Schulbesuch ohne eine klare Anschlussperspektive verlassen und die auf der Grundlage des Datenaustauschs in den Blick genommen und angesprochen werden. Der Datenaustausch hilft, um erfolgreicher für die Jugendlichen zu sein, Hürden abzubauen und besser in Kontakt mit ihnen treten zu können, so Garbade und Flegel. Beim Landesinstitut liegen wesentliche Aufgaben für die Umsetzung dieses Datenaustausches wie auch für die Ausgestaltung der Hamburger Jugendberufsagentur. Ausgehend von ihren Erfahrungen schätzen Sandra Garbade und Dirk Flegel eine Schüler-ID als den nächsten sinnvollen Schritt ein, damit Jugendliche individuell noch besser unterstützt und die Begleitstrukturen am Übergang Schule-Beruf verbessert werden können.