Dr. Michaela Kuhnhenne (Leiterin das Referats „Bildung und Qualifizierung/Geschichte der Gewerkschaften“ in der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung) und Dr. Eike Windscheid-Profeta (Leiter des Referats Wohlfahrtsstaat und Institutionen der Sozialen Marktwirtschaft in der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung)
Über das, was gute Pflege ausmacht, wird in öffentlichen und politischen Debatten immer wieder stark gerungen. Im Mittelpunkt dabei steht häufig die wachsende Zahl pflegedürftiger Menschen in Deutschland – eine Entwicklung, durch die Personal- und Versorgungsengpässen drohen. Doch der verengte Blick auf eine rein zahlenmäßige Fachkräftelücke in der Pflege ist nicht nur unter Berücksichtigung aktueller Daten zur Personalsituation unvollständig; er vernachlässigt auch viele andere Themen und Aspekte guter Pflege.
Ein zentraler und häufig unterbelichteter Bereich dabei ist die Heterogenität der Teams in der Pflege und die Herausforderung der Integration von Menschen mit unterschiedlicher Ausbildung und Herkunft (siehe Infobox): Steigende Zahlen von Auszubildenden in der 2020 eingeführten neuen generalistischen Pflegeausbildung, von Studierenden in den seit 2024 möglichen hochschulischen Bachelorstudiengängen als Pflegefachperson, von Menschen aus verschiedenen landesrechtlich organisierten Pflegeassistenzberufen, von aus dem Ausland stammenden Pflege(fach)kräften sowie von Quereinsteigenden – sie alle zeigen nicht nur die große Vielfalt an (Aus-)Bildungsniveaus und fachlicher Vielfalt in Pflegetätigkeiten, sondern auch die darin bestehenden großen Erwerbs- und Nachwuchspotenziale.
Infobox: Vielfältige Wege der Pflege(aus)bildung
Am 31.12. 2025 befanden sich rund 158.000 Personen in der dreijährigen Ausbildung zur Pflegefachkraft (Statistisches Bundesamt 2026). Diese bereitet sowohl auf den Einsatz in der Krankenpflege oder Kinderkrankenpflege als auch in der Altenpflege vor. Mit einem Frauenanteil von 71 % bei den 2025 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen bleibt das Berufsfeld weiblich dominiert, wobei der Anteil von Männern in der Pflege steigt. Die Ausbildung erfolgt nicht mehr ausschließlich über die Pflegeschulen. Nach einigen Modelversuchen wird seit 2024 ein hochschulischer Bachelorabschluss als Pflegefachfrau/-mann angeboten und im Jahr 2025 von rund 1.800 Personen studiert (Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend). Dazu kommen Pflegeassistenzberufe, für diese wird bisher nach 27 verschiedenen landesrechtlichen Regelungen ausgebildet. Ihre Zahl ist ebenfalls steigend. Laut Berufsbildungsbericht 2025 befanden sich im Schuljahr 2023/2024 in allen Bundesländern 19.168 Personen in einer entsprechenden Ausbildung. Erst ab 2027 wird eine 18monatige bundesrechtlich geregelte einheitliche Ausbildung zur Pflegefachassistenz eingeführt.
Diese Vielfalt in Pflegeteams kann bei fortbestehendem Fachkräftemangel und steigenden Anforderungen sowohl ein Problem als auch eine Chance sein. Denn Zusammenarbeit, Wissensweitergabe und Bildungsprozesse im Team sowie mit und zwischen unterschiedlichen Professionen und Berufsgruppen sind elementare Bestandteile gelingender Pflegepraxis – zugleich sind sie sehr voraussetzungsvoll.
In diesem Spannungsfeld gewinnt die Frage nach guter Zusammenarbeit eine zentrale Bedeutung. Wie gelingt es, in vielfältigen Teams Bildungsprozesse zu gestalten und eine gemeinsame berufliche Identität zu entwickeln? Welche Strukturen, Kommunikationsformen und Haltungen fördern Zusammenarbeit und berufliches Handlungsvermögen und wie lässt sich Anerkennung und Wertschätzung im Alltag verankern?
Diese Fragen stellte der Workshop „Team. Struktur. Vielfalt. Zusammenarbeit in Pflege und (Aus-)Bildung neu denken“ der Hans-Böckler-Stiftung, der am 2. und 3. März 2026 in Düsseldorf stattfand und aus dem die Beiträge dieser denk-doch-mal Ausgabe hervorgegangen sind. Ausgangspunkt waren Forschungsprojekte aus zwei Förderreferaten der Hans-Böckler-Stiftung, die sich mit Fragen der (Weiter-)entwicklung von Beruflichkeit in der neuen generalistischen Pflegeausbildung, bei wachsender Heterogenität der Teams in der Pflege sowie der Integration von im Ausland angeworbenen Pflegekräften und Quereinsteigenden befassen. In allen Projekten stellte sich im Laufe der Forschungsarbeit Zusammenarbeit, Anerkennung und Wissensvermittlung im Team als wesentliche Faktoren gelingender Pflegearbeit und beruflicher Identitätsbildung heraus.
Als Fazit des Workshops und der abschließenden Diskussion kann festgehalten werden: Pflege und erst recht nicht die Pflegeausbildung und die gelingende Entwicklung von Beruflichkeit können nicht losgelöst vom Gesundheits- und Pflegesystem betrachtet werden. Sie sind immer in Wechselwirkung mit diesem zu denken. Es sind strukturelle Probleme in der Pflege wie der Mangel an Fachkräften und damit auch an Anleitung im Praxisteil der Ausbildung, der sich in der generalistischen Pflegeausbildung negativ auswirkt. Für eine erfolgreiche Integration von Auszubildenden, zugewanderten oder quereinsteigenden Kräften in Pflegeteam, für Arbeitsbedingungen, die sowohl der (Weiter-)entwicklung von Beruflichkeit als auch guter Pflege dienlich sind, finden sich in Beispiele in unterschiedlichen Einrichtungen. Diese good Practice Beispiele gilt es zu bündeln, auf breiter Ebene einzusetzen und weiterzuentwickeln.
Zu den Beiträgen im Einzelnen
Ausgehend von der zentralen Bedeutung einer attraktiven Ausbildung für die Behebung des Fachkräftemangels in der Pflege greifen Gerd Dielmann, Paul Grieser und Melanie Wehrheim zentrale Ergebnisse der jüngsten ver.di Auszubildendenbefragung auf. Die Zufriedenheit der Auszubildenden und Studierenden in der Pflege ist nach wie vor unterdurchschnittlich und ihre Abbruchquote überdurchschnittlich. Knackpunkt aber damit auch Stellschraube für eine erfolgreiche, attraktive Ausbildung ist eine qualifizierte Praxisanleitung auch in alltäglichen Lernsituationen. Dies wiederum kann nur durch den Einsatz von mehr Fachkräften und damit der Umsetzung bedarfsgerechter Personalvorgaben geleistet werden.
Im Beitrag von Lena Becker-Pülm, Peter Bleses, Mike Nienhaus und Karin Reiber geht es ebenfalls um Attraktivität und Qualität der generalistischen Ausbildung. Sie fragen ob diese die Auszubildenden auf die Arbeit in allen Pflegebereichen gleichermaßen gut vorbereitet und die Ausbildung in allen Bereichen gleich gut und attraktiv ist. Eine wesentliche Rolle spielt aus Sicht der Auszubildenden neben der Praxisanleitung ihre Integration ins Pflegeteam an ihren jeweiligen Praxisorten. Diese gelingt in der Altenpflege besser, zugleich bestehen aber aufgrund fehlender Pflegefachkräfte Mängel bei der Anleitung. Dies wirkt sich negativ auf die Attraktivität einer späteren Berufstätigkeit im Feld Altenpflege aus.
Julia Lenzen; Johannes Laser; Christoph Bräutigam; Michaela Evans-Borchers; David Sommer gehen dem Potenzial von Quereinsteigenden für das Berufsfeld der Pflege nach. Quereinstiege, so wird argumentiert, bieten nicht nur die Möglichkeit der Erschließung möglicher Erwerbspersonenpotenziale zur Schließung von Fachkräftelücken. Darüber hinaus bringen Quereinsteigende auch Erfahrungen und fachliche Kompetenzen aus früheren Tätigkeiten und Berufen in die berufliche Pflege ein. Voraussetzung dafür, diese Kompetenzen auch gewinnbringend im Pflegealltag einzusetzen ist wiederum Offenheit im Team sowie Unterstützung durch die Pflegeeinrichtungen, Gestaltungsspielräume zur Nutzung dieses Wissens bereitzustellen.
Stefanie Hiestand; Wolfram Gießler; Nadine Nothstein zeigen an einem Beispiel aus der stationären Altenpflege wie mit dem Konzept Primary Nursing mittels klarer Zuordnung von Verantwortlichkeiten, Kommunikation gewährleistet und Transparenz für Mitarbeitende, Bewohner*innen und Angehörige geschaffen werden kann und somit die professionelle Handlungsmacht der Pflegekräfte strukturell ermöglicht wird. Zugleich weisen sie darauf hin, dass für gemeinsame Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse im Pflegeteam ebenso wie für die Beziehungsarbeit mit den Bewohnenden eine entsprechende personelle und zeitliche Ausstattung grundlegend ist.
Christoph Bräutigam, Johannes Laser und Michaela Evans-Bochers fragen anhand des Beispiels zweier hinsichtlich der Personalzusammensetzung unterschiedlicher Abteilungen Beispielen aus Krankenhäusern nach den Auswirkungen des jeweiligen Qualifikationsmixes auf Kompetenzerleben, Arbeitsbelastungen und die berufliche Identität Pflegender. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf dem kollegialem Wissenstransfer – der informellen Weitergabe von Fachwissen aus Aus- und Weiterbildung und Erfahrungswissen aus der beruflichen Praxis im Pflegeteam. Diesem kommt unabhängig von seiner Zusammensetzung eine zentrale Rolle sowohl für gelingende Pflege als auch für Motivation und Entwicklung der Pflegenden zu. Sie plädieren dafür gewachsene Kooperations- und Wissensvermittlungsformen zu stärken.
Hildegard Theobald befasst sich mit den Auswirkungen der zunehmenden internationalen Personalrekrutierung sowie neuen Standards der Personalbemessung auf Anerkennungsverhältnisse in der Pflege. Beide Reformansätze, so zeichnet sie anhand von Beispielen aus der stationären Pflege nach, verändern die Logiken von teambezogener Integration und Zusammenarbeit vor Ort – und führen dadurch zu Herausforderungen für die Teamentwicklung sowie die Anerkennung von Fachlichkeit. Sie plädiert vor diesem Hintergrund für eine stärkere Berücksichtigung von Anerkennungsdynamiken in pflegepolitischen Reformen.
Ruth Abramowski bilanziert in ihrem Beitrag „Beruflichkeit kollektiv denken?“ Beiträge dieser Ausgabe unter der Fragestellung, wie sich eine identitätsstiftende Professionalisierung der Pflege erreichen lässt. In der Analyse verschiedener Reformansätze, die die Ausbildung, die Personalsituation oder die Teamzusammensetzung in Pflegesettings betreffen, zeigt sie auf, dass bisher zu selten Autonomie, Kooperation und Verantwortung von Pflegenden adressiert wurden – und damit Professionalisierung und Handlungsmacht von Beschäftigten in der Pflege strukturell vernachlässigt werden. Statt neuerliche Reformen zu adressieren, lenkt sie den Blick auf die kollektiven Bedingungen von Beruflichkeit in der Pflege, wie Partizipation oder Selbstorganisation, die es zu stärken gilt.
Literatur:
Statistisches Bundesamt (2026): Ausbildung in der Pflege: 8 % mehr neue Auszubildende im Jahr 2025. Pressemitteilung Nr. 090 vom 18. März 2026. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/03/PD26_090_212.html?nn=2110
Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.). (2025): Berufsbildungsbericht 2025, Tabelle 14, S. 65 https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/273880/f5330ba9181acb9f5bd87a69da672848/berufsbildungsbericht-2025-data.pdf



