Literaturhinweise

Oskar Negt: Der politische Mensch

Steidl-Verlag, Göttingen 2010

Auf ein Buch von Oskar Negt hinzuweisen, erscheint merkwürdig, fast überflüssig. Viele Leserinnen und Leser von DENK-doch-MAL werden den bekannten Philosophen und Pädagogen und seine Texte kennen. Oskar Negt ist ein langjähriger Begleiter der Gewerkschaften und insbesondere ihrer Bildungspolitik.

Mit diesem Hinweis soll daher nicht auf den Text als solchen als vielmehr auf seine enorme Aktualität zum Beispiel auch für den gegenwärtigen Diskurs um Demokratieverständnis und Demokratiebildung hingewiesen werden.

Im letzten Jahr feierte Oskar Negt seinen 85. Geburtstag. Lesenswert ist seine zweibändige Biografie, um den Menschen und die Bedeutung seiner persönlichen Erfahrungen für sein wissenschaftliches Werk zu verstehen. Der „Politische Mensch“ kann als eine Gesamtdarstellung zentraler Aussagen dieses Werkes gelesen werden. Das Buch stellt wesentliche seiner Gedanken in einen gegenwartsbezogenen Zusammenhang von Gesellschaftskritik, kritischer Bildungspolitik und emanzipativer Pädagogik. Seine politische und wissenschaftliche Biografie bildet dabei einen wesentlichen produktiven Erfahrungshintergrund.

„Demokratie“ – so lautet einer der ersten Sätze in diesem Buch – „ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss – immer wieder tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein.“ (S. 13). Das Elixier des Politischen ist nicht die Macht bzw. die Machtausübung, sondern die Demokratie, genauer die „Demokratie als Lebensform“ (so der Untertitel). Das ist weitaus mehr als parlamentarische und institutionell verfasste, und durch die Institutionen begrenzte Demokratie, sondern immer mit dem Moment der Utopie auf ein Noch-Nicht, auf zukünftiges gesellschaftliches und umfassend demokratisches Leben ausgerichtet. So wie umfassende Demokratie noch geschaffen werden muss, ist auch das Politische als ein auf das Gemeinwohl orientierte Handeln Teil dieser Utopie.

„Denn Utopie ist die konkrete Verneinung der als unerträglich empfundenen gegenwärtigen Verhältnisse, mit der klaren Perspektive und der mutigen Entschlossenheit, das Gegebene zum Besseren zu wenden.“ (S.36). Dabei macht Demokratie nicht an den Werktoren halt. „Demokratisierung auch in den wirtschaftlichen Machtbereichen wäre die einzig verlässliche und wirksame Gegenkraft gegen derartige (durch den Neoliberalismus hervorgerufene, BK) zerstörerischen Tendenzen“ (S.515).

Geprägt von Hannah Arendt interessiert Oskar Negt, warum trotz faschistischer Diktatur und ideologischer Gleichschaltung Menschen sich gegen diese Vereinnahmung aufgelehnt und anders verhalten haben. Im Text wird von ihm das Beispiel des Feldwebels Anton Schmid erzählt, der im Winter 1941/42 in Polen eine Reihe von Mitgliedern des jüdischen Widerstands gerettet hat, bis er von der SS entdeckt und hingerichtet wurde. Während es einerseits so wichtig ist, diese und andere Lebensschicksale zu erinnern, ist es andererseits der „offene Blick auf das gesellschaftliche Ganze“ (S.16), das Wissen um „ein zivilisatorisches Minimum an Menschlichkeit“ (S. 19), was aus diesen und vielen anderen Schicksalen des Widerstands spricht.

Für unsere Gegenwart ist daraus Vieles zu lernen. Vor allem: „Nicht zu warten, bis das Gemeinwesen verrottet ist und die moralischen Verkrüppelungen der Herrschaftseliten ein gesellschaftliches Betriebsklima geschaffen haben, das die Mühe um Anstand und politische Urteilskraft immer beschwerlicher und vielfach auch aussichtslos werden lässt.“ (S. 20).

Damit lässt sich politische Bildung – so bedeutsam die Auseinandersetzung um ihren institutionellen Bestand ist – eben nicht nur institutionell begrenzen, etwa auf den schulischen Politikunterricht oder auf die Institutionen der politischen Bildung: „Jede Bildung ist politische Bildung“, weil jede Bildung zur „Weltaneignung“ (S.30) beiträgt. Das gilt z.B. auch für die berufliche Bildung, in der um den sichtbaren Erhalt des Politischen zu ringen ist oder für informelle Bildungsprozesse. Aber auch umgekehrt gilt: jede Form der Ökonomisierung von Bildung verhindert nicht nur bestimmte Möglichkeiten der Weltaneignung, sie treibt vielmehr auch durch ihre Leitbilder des Ökonomischen ein Bild des Sozialen voran, das durch Egoismus geprägt ist.

Politische Bildung, das Wissen um und das Erfahren von gesellschaftlichen Verhältnissen und die sich darauf aufbauenden Urteile und Handlungen, lassen sich nicht deduktiv ableiten. Es geht um die Abstraktion aus subjektivem Erleben, darum, um aus „Wahrnehmungen, Interessen und Empfindungen, die mit seiner (individuellen, B.K.) Umwelt verknüpft sind, so zu verallgemeinern (…), dass eine situationsunabhängige Weltoffenheit entsteht, in der das Einzelne nicht vernichtet, sondern aufgehoben, bewahrt ist.“ (S. 257). Das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderen ist neu zu bestimmen, „und zwar so, dass vom Besonderen auszugehen ist und aus dem Besonderen heraus das Allgemeine entwickelt wird.“ (S. 259). Dafür bedarf es soziologischer Phantasie; es eignet sich dazu das exemplarische Lernen als Methode.

Im Kern des politischen Menschen steht die Herausbildung von Urteilsvermögen. Ein zentraler Gedanke, der sich fundamental gegen Aufspaltungen zwischen beruflicher und allgemeiner Bildung wendet und die strukturelle und pädagogische Integration zum Anspruch erhebt. Die Herausbildung von Urteilsvermögen basiert auf sechs „Reflexionskategorien“, die für Negt bestimmte Ausprägungen der Weltaneignung bezeichnen: Orientieren, Wissen, Lernen, Erfahren, Urteilen und Charakterbildung. Und es sind die „Charakterfragen der Politik“, mit denen er das Buch endet und die auch für uns für dieses Heft so wichtig sind. Es geht um den politischen Menschen und seine Moral. Wertorientierung erscheint nicht als etwas von außen an den lernenden Menschen Herangetragenes, sondern aus den aus der konkreten Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen erarbeitetes moralisches Gerüst politischen Handelns.

Bernd Kaßebaum


Mahir Gökbudak / Reinhold Hedtke: 3. Ranking Politische Bildung

Politische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I im Bundesvergleich, 2019 ( = Working Paper der Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld)

Das wichtigste Ergebnis der Studie steht bereits auf der Titelseite: „Von einer Gleichwertigkeit des Rechts auf politische Bildung kann in Deutschland keine Rede sein.“  Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind eklatant. Insgesamt gilt: der Stellenwert der politischen Bildung in der Sekundarstufe I der allgemeinbildenden Schulen ist gering. Politische Bildung hat in der schulischen Bildung wenig Gewicht.

In diesem Ranking, dessen dritte Auflage seit kurzem vorliegt, werden in einer quantitativen Analyse des jeweiligen Leitfachs der politischen Bildung Anteile im schulischen Unterricht ermittelt und länderübergreifend miteinander verglichen. Das Ranking macht keine Aussagen darüber wie politische Bildung an den Schulen umgesetzt wird. Die Autoren sind sich dessen bewusst.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. In drei Viertel der Bundesländer findet politische Bildung in den 5. und 6. Klassen nicht statt. In sechs Bundesländern frühestens ab der 8. Klasse. Nur in einem Bundesland, in NWR, findet ein zweistündiger Politikunterricht durchgängig in den Klassen 5 bis 8 statt; in Hessen, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein in drei aufeinander folgenden Schuljahren. Bayern und Thüringen bilden wie in den letzten Jahren mit Abstand das Schlusslicht.

Probleme gibt es zu Hauf. So kann politische Bildung zwar in der Stundentafel berücksichtigt, muss aber nicht verpflichtend sein. Mit der Untersuchung wurde auch nicht auf den Unterrichtsausfall oder den Anteil fachfremd erteilten Unterrichts geschaut.

Die Ergebnisse sind ein weiterer und eindringlicher Weckruf. In einer gesellschaftlich hoch sensiblen Phase, in welcher der Rechtsradikalismus immer weiter Raum greift, soziale Medien wichtiger werden als guter Journalismus und die weitere Ökonomisierung des Sozialen fortschreitet, darf an politischer Bildung nicht gespart werden.

Erhältlich ist die Studie über https://www.uni-bielefeld.de/soz/ab9/ .

Bernd Kaßebaum


Achim Albrecht, Gesine Bade, Andreas Eis, Uwe Jakubczyk, Bernd Overwien (Hg.): Jetzt erst recht: Politische Bildung!

Bestandsaufnahme und bildungspolitische Forderungen. Wochenschau-Verlag. 2020

Politische Fähigkeiten und demokratische Haltungen zu entwickeln, sind Bildungsziele aller Schulformen. Die Wirklichkeit widerspricht vielfach diesen Zielen. Aktuelle Daten zeigen, dass Politischer Bildung nur eine geringe Bedeutung in der Schule zukommt und häufiger als jedes andere Fach fachfremd unterrichtet wird. Den Herausgeber*innen geht es darum, die längst überfällige Debatte über die dringend notwendige Stärkung Politischer Bildung anzustoßen.

Dabei nehmen sie auch die Gefahr der Verengung kreativer Unterrichtsgestaltung und selbstbestimmten Lernens in den Blick. Partizipation und Demokratie an Schulen reduziere sich „vielfach auf Selbststeuerung, Freundlichkeits- oder Pseudopartizipation oder auf neue Formen der Selbstdisziplinierung, wenn schulische Mitbestimmung auf soziale Streitschlichtung oder die Wahl der Reihenfolge der zu bearbeitenden Arbeitsaufträge beschränkt bleibt“, so die Herausgeber*innen in ihrer Einleitung. Politische Bildung erschöpfe sich jedoch nicht im – womöglich standardisierten – Kompetenzerwerb. Vielmehr greift sie „die subjektiven und kollektiven Deutungsmuster der Lernenden auf und zielt auf eine kritische Auseinandersetzung mit Interessen- und Wertekonflikten sowie die Ermöglichung bewusster Entscheidungen für Werte wie Grund- und Menschenrechte, Gleichheit, Pluralität, soziale Teilhabe, Minderheitenschutz oder dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.“ Derlei Lernprozesse sind freilich weder standardisierbar noch in eng getakteten Unterrichtsstunden überprüf- und bewertbar. Zudem bricht sich der hohe Anspruch der politischen Bildung stets an seinen defizitären Rahmenbedingungen, was die Autor*innen des Bands am Beispiel der ungenügenden Aus-und Fortbildung, des Fehlens einer Beteiligungskultur an Schulen, der digitalen Exklusion und anderer sozialer Verwerfungen in Schule und Gesellschaft ausführen.

Der Band dokumentiert die vielfältigen Beiträge und Ergebnisse der Grundsatztagung „Wann, wenn nicht jetzt? Politische Bildung in der Schule“, die 2018 an der Evangelischen Akademie in Hofgeismar stattfand. Autor*innen wie Andrea Becher, Eva Gläser, Wolfgang Sander, Andreas Eis, Bernd Overwien und Bettina Zurstrassen werfen einen Blick auf Konzepte und neue Ansätze politischen Lernens von der Primarstufe über die Sekundarstufen bis hin zur beruflichen Bildung. Weitere Beiträge befassen sich mit den Standards und Konzepten für die Qualifizierung und Weiterbildung von Lehrkräften für die Politische Bildung oder mit der Kooperation von schulischen und außerschulischen Akteuren der politischen Bildung. Mit dem Problem gesellschaftlicher Ungleichheit, neuen Formen der Ausgrenzung und Möglichkeiten zum Empowerment von benachteiligten Kindern und Jugendlichen sowie inklusiven Praxen in heterogenen Gesellschaften schließen Sanem Kleff, Ilka Hoffmann, Dirk Lange und Steve Kenner die an der Praxis politscher Bildungsarbeit orientierten Kapitel des Buches ab.

Die Empfehlungen in diesem Band wurden von ca. 100 Expert*innen erarbeitet und richten sich an bildungspolitische Akteure in den Landtagen, an Fachverbände, Gewerkschaften sowie an Universitäten, Aus- und Weiterbildungsinstitutionen. Sie basieren auf der oben genannten Tagung in Hofgeismar und sind wie folgt zu finden: „Wann, wenn nicht jetzt? Erklärung zur Politischen Bildung in den Schulen“. Siehe: https://www.uni-kassel.de/fb05/uploads/media/Erkl%C3%A4rung_HOG_01.pdf

Martina Schmerr


Tim Engartner: Ökonomisierung schulischer Bildung

Analysen und Alternativen. Studien 6/2020. Hg. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. April 2020

In einer aktuellen Studie im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung untersucht Tim Engartner die Dimensionen und Folgen einer zunehmenden Ökonomisierung des Schulbereichs, die sich schon lange nicht mehr in zunehmendem Schulsponsoring, dem Anwachsen der Privatschulen oder des Nachhilfemarkts erschöpft. Die Studie analysiert die breite Palette von Ursachen und Einflussfaktoren. Dazu zählen die chronische Unterfinanzierung des Schulsystems (die sich am augenfälligsten baufälligen Schulgebäuden und dem eklatanten Lehrer*innenmangel zeigt), die Expansion ökonomischer Denk-, Handlungs- und Entscheidungsmuster im Schulsystem, die Lobbyaktivitäten von Unternehmen und arbeitgebernahen Initiativen und nicht zuletzt die Digitalisierung jugendlicher Lebens- und Bildungswelten. Die Themen reichen von Schulautonomie, Privatschulen, Nachhilfemarkt, Wirtschaftslobbyismus im Bereich Unterrichtsmaterialien, über Curricula und Fortbildungen bis hin zur Digitalisierung schulischer Bildung.

Unter anderem fragt Engartner, welche Risiken in einer Stärkung der ökonomische Bildung (auf Kosten der politischen Bildung) und in einem Unterrichtsfach «Wirtschaft» liegen, das nahezu ausschließlich auf Themen wie die (private) Altersvorsorge, den (privaten) Versicherungsschutz und die berufsbezogene Persönlichkeitsbildung setzt. Auch weist er anschaulich nach, dass die Digitalisierung der Schulen bislang eher von ökonomischen Interessen als von pädagogischen Konzepten geprägt ist.

Engartners Analysen sind ein weiteres Zeugnis dafür, dass das Bildungswesen mehr und mehr dem Primat der Ökonomie unterliegt, und zwar in dem Maße, wie sich Bildungspolitik in ihren Entscheidungen und Handlungen an Kriterien von Effizienz, Output und Ökonomie ausrichtet, sich aus ihrer Verantwortung zurückzieht und die Tür für private Interessen sowie ökonomische Logik öffnet. Die Studie wird abgerundet durch Alternativen zur Ökonomisierung schulischer Bildung und durch schulpolitische Forderungen.

Die Online- und Printversion der Studie sind hier erhältlich: https://www.rosalux.de/publikation/id/42166/oekonomisierung-schulischer-bildung?cHash=c1e883b004ab9d8f44f9a14031a2d661

Martina Schmerr