Editorial

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München

Gerhard Endres ist freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


Die Energiewende bringt viele Bürger auf die Idee, ihre benötigte Energie selbst zu produzieren, Energiegenossenschaften in Bürgerhand werden in vielen Landkreisen gegründet. Da eine Genossenschaft regelmäßig überprüft werden muss und dies die Genossenschaftsverbände bei ihren Mitgliedern verantwortlich übernehmen, erhalten die Genossenschaftsverbände regen Zulauf. Gleichzeitig kommen mit den Energiegenossenschaften neue Zielgruppen in die Genossenschaftsverbände.

Die Renaissance der Genossenschaft ist unbestritten, vor einigen Jahren galten sie als Reste einer längst vergessenen solidarischen Wirtschaftsphilosophie. Klar Raiffeisenbanken und andere Genossenschaftsbanken sind nach wie vor in der Fläche sehr präsent, doch in der Öffentlichkeit sind die großen Geschäftsbanken mit Bankerboni und anderm in den Schlagzeilen.

Neben den eher ländlich geprägten Agrargenossenschaften und den Raiffeisenbanken hat die Wohnungsbaugenossenschaft, der nicht ganz selten aus der Arbeiterbewegung stammende Genossenschafttyp bis heute überlebt. Nicht nur das, gerade in den von hohen Mietpreisen gebeulten Mietwohungen in den Großstädten der Republik wurden neue Wohnungsbaugenossenschaften gegründet, um Spekulationsobjekte zusammen mit den Mietern. vor Immobilienspekulanten zu retten. Gleichzeitig gibt es Menschen die Chance, selbstbestimmt und selbstbewusst in einer genossenschaftlichen Wohnung leben zu können.

Die Vielfalt der Genossenschaften ist derzeit selbst für Insider nicht mehr zu überblicken. Die Bereitschaft, einen Beitrag zu schreiben, stieß auf eine überraschend breite und sehr konkrete Resonanz. Irgendwann musste der Redakteur weitere Anfragen einstellen. Klar ist allerdings auch, dass das Thema „Genossenschaften“ mit dieser Ausgabe von denk-doch-mal.de nur als erster Aufschlag verstanden werden kann.

Die Redaktion freut sich natürlich über Rückmeldungen, Ergänzungen und Diskussionen und Themenvorschläge für weitere Beiträge, da wir wissen, dass lange nicht alle Aspekte des Themas „Genossenschaften“ aufgegriffen werden.

Genossenschaften zeigen sich höchst lebendig in einer sozialen Marktwirtschaft, andere bezeichnen unsere Wirtschaftsordnung als kapitalistisch. Sei‘s drum: im deutschen, im europäischen und internationalen Wirtschaftssystem sind die Genossenschaften ein höchst wahrnehmbarer Wirtschaftsblock der auch zur Entschleunigung und zur sozialen Balance in der Gesellschaft beiträgt.

In Baden-Württemberg sind ein Drittel aller Bürger Mitglied einer Genossenschaft, die wahrscheinlich die demokratischste Unternehmensform darstellt. In der Genossenschaft können die Genossen sich vielfach engagieren und damit auch wirtschaftliche Verantwortung übernehmen. Jeder Bürger kann meist mit einem relativ kleinen Beitrag Mitglied einer Genossenschaft werden.

Diese Ausgabe von denk-doch-mal soll ermutigen, selbst in eine Genossenschaft einzutreten, dort mit zu arbeiten und damit die Gesellschaft ein wenig solidarischer werden zu lassen. Im Innenverhältnis menschelt es auch im Genossenschaftsbereich genauso wie überall in der Gesellschaft, das ist auch gut so.

Genossenschaften wurden und werden in der Regel als Selbsthilfeorganisationen gegründet. Wo das Herz dabei ist, gibt es Gefühle und damit auch Konflikte auch das ist normal. Trotzdem: in einer Genossenschaft gibt es verbindende gemeinsame Werte. Genossenschaften sind mehr als eine nur eine x-beliebige Unternehmensform. Die Genossenschaft ist wahrscheinlich die Unternehmensform für unsere Demokratie verbunden mit einer fairen Perspektive: Nicht der Gewinn allein steht im Vordergrund, sondern die Entwicklung von Produkten, von Wohnraum, von Energieanlagen, von Dorfläden oder Senioren-Wohngemeinschaften.

Gerade bei Genossenschaften gilt: Es gibt nichts was es nicht gibt. Lassen Sie sich von der Vielfalt der Aufsätze überraschen.

Mit den ersten Beiträgen, wird in das Thema ein- und hingeführt. Es werden grundsätzliche Aspekte der Genossenschaften vorgestellt: Dr. Roman Glaser, Präsident des Genossenschaftsverbands Baden-Württtemberg, über die Renaissance der Genossenschaften. Professor Dr. Günther Ringle über Genossenschaften und gesellschaftliche Verantwortung und Professor Dr. Werner Widuckel über Genossenschaften und Wirtschaftspolitik.

Im zweiten Block beschäftigt sich Walter Vogt mit den Gewerkschaften und Genossenschaften im Kapitalismus.

Der dritte Abschnitt sieht sich das Binnensystem der Genossenschaften genauer an: Dr. Johannes Bloome-Drees nimmt sich die Kultur der Genossenschaft vor, Prof. Dr. Theresia Theurl das Thema Genossenschaft und Member Value und Prof. Dr. Nicole Göler von Ravensburg beleuchtet die Motivation der Menschen bei der Neugründung von Genossenschaften.

Auffällig ist für jeden, der auf die Genossenschaften blickt die reiche Vielfalt unterschiedlicher Genossenschaften nach Größe, Aufgaben, Mitgliederzahl und Erfolg. Ministerin Christine Hadertauer stellt die bayerische Kommissoin zu den Sozialgenossenschaften vor, Prof. Dr. Susanne Elsen ihre Sicht auf Sozialgenossenschaften vor. Dr. Richard Reichel untersucht Kreidtgenossenschaften und Nico Storz die Zusammenarbeit bei Energiegenossenschaften.