Bildungsbildung in Europa

Von: Hermann Nehls (Leiter des Referats für Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildungbeim, DGB Bundesvorstand in Berlin und Redaktionsmitglied von denk-doch-mal)

Hermann Nehls

Leiter des Referats für Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildungbeim, DGB Bundesvorstand in Berlin und Redaktionsmitglied von denk-doch-mal

Hermann Nehls, geboren 1955 in Rostock; 1978 – 1981 Ausbildung zum Industriemechaniker; 1981 – 1985 Tätigkeit in mechanischer Versuchswerkstatt; 1985 – 1992 Sozialsekretär bei der Evangelischen Kirche (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt); 1990 berufsbegleitend Dipl. Betriebswirt; 1994 – 2002 Leiter der DGB Jugendbildungsstätte Flecken – Zechlin, Brandenburg; seit 2002 Referatsleiter für Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung beim DGB Bundesvorstand.


Diese Ausgabe war eigentlich geplant mit dem Schwerpunkt ‚Bildungsmacht Europa’. Artikel über die Entwicklungen in verschiedenen Mitgliedstaaten der EU sollten analysieren, wie es um die Berufsbildungspolitik der Europäischen Kommission bestellt ist. Wir wollten der Frage nachgehen, ob und wie ‚Europa’ nationale Berufsbildungspolitik beeinflusst. Bei den Gesprächen mit möglichen Autorinnen und Autoren zeigte sich, dass die Berufsbildungssysteme, anders als im Hochschulbereich, noch wesentlich durch die nationale Situation bestimmt werden. Europäische Berufsbildungspolitik hilft allenfalls, um Gestaltungsdynamiken zu beeinflussen, der Motor bleibt aber die nationale Entwicklung. Insofern haben wir das Thema des Hefts den Inhalten der vorliegenden Artikel angepasst.

Dass die Europäische Berufsbildungspolitik nationale Bildungssysteme bisher wenig beeinflusst, mag verwundern: Schließlich ist es seit 2000 das erklärte Ziel, die Europäische Union zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt“ zu machen, die sogenannte Lissabon Strategie. Diese beinhaltet eine explizite strategische Ausrichtung der Berufsbildungspolitik auf wirtschafts- und wettbewerbspolitische Ziele.

Es gab und gibt eine lebhafte Debatte zu den Instrumenten, mit denen die Europäisierung der beruflichen Bildung vorangetrieben werden soll. Alle Mitgliedsstaaten diskutieren, wie nationale Qualifikationsrahmen entwickelt werden können. Sie diskutieren die Umsetzung der Empfehlung des Europäischen Rahmens für Qualitätssicherung in der Beruflichen Bildung (EQARF), ECVET und nicht zuletzt gibt es eine Debatte über die Anerkennung von non formal und informell erworbenen Kompetenzen.

Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen der Mitgliedsstaaten erscheint diese Debatte allerdings fern von akuten Problemlagen: Die Jugendarbeitslosigkeit explodiert in einigen der sog. PIIGS Ländern (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien) auf 50 Prozent. Es bleibt festzuhalten, dass die EU Instrumente zwar vielfach diskutiert werden, die Wirklichkeit nationaler Berufsbildungssysteme wird von ihnen aber noch nicht berührt.

Das gilt übrigens auch für die Entwicklung nationaler Qualifikationsrahmen: Die Mitgliedsstaaten, die über das Bildungssystem beeinflussende Qualifikationsrahmen verfügen wie Schottland und Irland, haben diese Rahmen lange vor dem Europäischen Qualifikationsrahmen entwickelt, um ihre Bildungs- und Berufsbildungssysteme zu reformieren. Es braucht offensichtlich noch mehr Zeit, bevor ‚Europa’ Berufsbildungssysteme beeinflusst.

Gegenwärtig wird in Europa intensiv über das deutsche Modell der dualen Berufsausbildung diskutiert. Expertinnen und Experten sehen eine Ursache für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland vor allem in dem System der dualen Berufsausbildung. Dabei wird deutlich: Eine 1:1 Transformation kann es nicht geben. Die Berufsbildungssysteme sind historisch und kulturell gewachsen, sie lassen sich nicht einfach übertragen. Allerdings können und sollten Mindeststandards für Berufsbildung definiert werden.

Mit Unterstützung des Europäischen Gewerkschaftsbundes und vor allem durch die Unterstützung von Wilfried Kruse ist es gelungen, wichtige Hinweise aus verschiedenen Mitgliedsstaaten zu bekommen, woran sich Gestaltungskriterien orientieren sollten. So beschreiben Fernando Puig-Samper Mulero von den Commissiones Obreras und Oriol Homs, Direktor der Fundació CIREM, die Lage der Ausbildung in Spanien, Valter Fissaber analysiert die Situation in Griechenland und Kaja Toomsalu die Situation in Estland. Wilfried Kruse beschreibt unter dem Titel ‚Bildung in Europa: gestern zu wenig – heute zu viel?’ verallgemeinerbare Entwicklungstendenzen.

Der Vorteil eines Online Hefts kommt bei dem Thema Berufsausbildung in Europa zum Tragen: Das Heft kann und soll noch um weitere Schlaglichter aus anderen Mitgliedsstaaten ergänzt werden.