Die University of Labour – Lehre und Forschung im Interesse der Beschäftigten

Von: Prof. Dr. Martin Allespach (Präsident der University of Labour, Leiter und Direktor der Europäischen Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt sowie einer von zwei Geschäftsführern der Academy of Labour)

Prof. Dr. Martin Allespach

Präsident der University of Labour, Leiter und Direktor der Europäischen Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt sowie einer von zwei Geschäftsführern der Academy of Labour

Prof. Dr. Martin Allespach ist Präsident der University of Labour, Leiter und Direktor der Europäischen Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt sowie einer von zwei Geschäftsführern der Academy of Labour. Er forscht und lehrt u.a. zu den Themen Arbeitsbeziehungen, berufliche Aus- und Weiterbildung und Personalentwicklung.  Vor seiner Tätigkeit am House of Labour war Martin Allespach über viele Jahre in verschiedenen Fach- und Führungsfunktionen bei der IG Metall beschäftigt, zuletzt als Bereichsleiter Grundsatzfragen und davor ...
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Im April 2021 erhielt die University of Labour (UoL) durch die hessische Wissenschaftsministerin die staatliche Anerkennung als Hochschule. Diese neue Institution in der Wissenschaftslandschaft knüpft an die langjährige Tradition der Europäischen Akademie der Arbeit an, die in diesem Jahr ihr 100jähriges Jubiläum feiert. Getragen wird die UoL von den Gewerkschaften, insbesondere von der IG Metall. Also: Eine weitere Hochschule, ja. Und doch unterscheidbar anders. Das Curriculum, die Forschungskonzeption und die Zielgruppe weisen auf ganz spezifische Alleinstellungsmerkmale hin.

Im Jahr 2016 hatte ich als Leiter und Direktor der Europäischen Akademie in der Universität Frankfurt ein Forschungsprojekt geleitet, das der Frage nachging, inwieweit das Thema Mitbestimmung in den Curricula der Wirtschaftswissenschaften verankert ist. Das Ergebnis war ernüchternd: Mitbestimmung ist ganz überwiegend ein blinder Fleck. Wenn sich die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge überhaupt mit Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung befassen, dann häufig aus einer formalen oder eher personalökonomischen Perspektive. Arbeit ist ein Produktionsfaktor neben anderen. Ihn gelte es möglichst kostenoptimal zu verplanen. Das Interesse gilt dem Wertschöpfungsbeitrag der Humanressource für den Unternehmenserfolg. Unternehmensziele werden als gegeben und nicht hinterfragbar gesetzt. Personal ist die abhängige Variable aus Technik, Markt und Organisation. Dieser Befund muss verwundern, fördert Mitbestimmung doch die Teilhabe der Beschäftigten, gewährleistet Demokratie und ist nicht zuletzt Garant für den wirtschaftlichen Erfolg der Betriebe.

Die rein an ökonomischen Verwertungsinteressen ausgerichtete Logik in den Wirtschaftswissenschaften setzt sich in Konzepten der betrieblichen Aus- und Weiterbildung fort. Sie legitimiert sich nahezu ausschließlich über ökonomische Kategorien: Performance, Effizienz, Effektivität. Emanzipatorische Ziele geraten da allzu schnell aus dem Blick. Wenn die Aus- und Weiterbildung nicht auf Qualifikation verengt werden soll, sind emanzipatorische Kategorien und Zielstellungen unverzichtbar. Eine ausschließliche Orientierung am Anforderungsbezug und an einer ökonomischen Verwertungslogik wäre verkürzt und reproduziert ein antiquiertes Verständnis von Personalentwicklung. Bildung würde sich dann lediglich über ihren Anpassungs- und Loyalitätsaspekt legitimieren; sie würde total instrumentalisiert und ihrer emanzipatorischen Elemente beraubt. Das, was in der Aus- und Weiterbildung passiert ist das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen den Qualifizierungsinteressen der Betriebe und den Bildungsinteressen der Beschäftigten. Hier haben die Akteure der Mitbestimmung eine besondere Funktion und Verantwortung. Unser neuer Studiengang „Berufspädagogik: Arbeit – Bildung – Organisation“ bereitet auf diese anspruchsvolle Aufgabe vor.

Teilhabe, Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität, Gute Arbeit und Nachhaltigkeit bilden für uns an der UoL die normative Basis. Eine solche Perspektive verweist auf Arbeit als zentrale Kategorie. Arbeit ist Quelle der Wertschöpfung und kann gesellschaftlichen Nutzen stiften, sie ist Teil der Kultur, Einkommensquelle, ein Ort gesellschaftlicher Teilhabe, der Entfaltung von Sinnansprüchen und Fähigkeiten, ein Ort des individuellen und kollektiven Lernens. Arbeit ist ein mehrdimensionales Phänomen in dem sich vielfältige Interessensunterschiede und Aushandlungsprozesse, etwa im Rahmen der betrieblichen und gewerkschaftlichen Mitbestimmung, sichtbar werden und zu berücksichtigen sind. In der Gestaltung von Arbeit spiegeln sich gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Die Berufspädagogik kommt ohne einen solchen Arbeitsbegriff nicht aus. Berufliches Lernen findet in betrieblichen Kontexten schließlich nicht nur in Kursen und Seminaren, sondern in erster Linie im Prozess der Arbeit statt. Das macht einen Begriff von entwicklungsförderlicher Arbeit als berufspädagogische Leitkategorie unverzichtbar.

Die UoL geht im Oktober d.J. mit zwei Bachelor-Studiengängen an den Start: Zum einen Business Administration mit Schwerpunkt Personal und Recht und zum anderen Berufspädagogik: Bildung – Arbeit – Organisation. Bald soll dann ein Studiengang Arbeitsrecht und ein MBA Nachhaltiges Management folgen.

Arbeit, Arbeitsbeziehungen, Mitbestimmung stellen in all unseren Studiengängen einen Kristallisationspunkt dar. Auf der Grundlage von anwendungsorientierter und interdisziplinärer Forschung und Lehre widmen wir uns etwa Fragen zur zukünftigen Gestaltung der Arbeitswelt sowie zu Mitbestimmung und Arbeitsbeziehungen in Betrieben, Unternehmen und Organisationen. Der Wandel der Arbeit bringt gerade für die Aus- und Weiterbildung sowie die Personalentwicklung neue Anforderungen hervor. Unsere Studiengänge vermitteln hierfür das notwendige theoretische Wissen für die Interessenvertretung aber auch für Verantwortliche in Personal- und Personalentwicklungsabteilungen und der Aus- und Weiterbildung.

Das Studium an der UoL ist berufsintegrativ, nicht berufsbegleitend. Theorie und Praxis stehen nicht zusammenhangslos nebeneinander, sondern sind aufeinander bezogen. Die Studierenden bringen jeweils ein Projekt aus ihrem beruflichen Umfeld mit. Dieses Projekt wird im Verlauf des Studiums in Auseinandersetzung mit den Lerninhalten aus den jeweiligen Modulen entwickelt. Das jeweils Gelernte wird außerdem auf das Unternehmen / die Organisation, aus der der/die Studierende kommt, übertragen. Mit dieser Transfer- und Handlungsorientierung wird schon während des Studiums Praxis i.S. eines humanitären, sozialen und demokratischen Fortschritts gestaltet und eine entsprechende Wirkung in den Betrieben erzeugt. Dieser besondere Theorie-Praxis-Bezug spiegelt sich auch in unserer erfahrungsorientierten Hochschuldidaktik wider. Die Zielgruppen für unsere Studiengänge sind Betriebs- und Personalräte, haupt- und ehrenamtliche Gewerkschafter*innen, Ausbilder*innen, Personalentwickler*innen, Beschäftigte in Personalabteilungen. Sie bringen ein hohes Maß an umfangreichen beruflichen Erfahrungen mit, die zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion und theoretischer Verallgemeinerungen werden. Damit formulieren Studierende die Case-Studies quasi aus ihren Erfahrungen selbst. Auf den fruchtbaren didaktischen Zusammenhang von Theorie und Praxis hatte Oskar Negt bereits in den 1970er Jahren in seiner Schrift „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“ hingewiesen. Er geht davon aus, dass die Einzelerfahrungen der Menschen aufs Engste mit den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen zusammenhängen. Konflikte, die beispielsweise Beschäftigte in ihrem Arbeitsalltag erleben, sind nicht singulär, sondern Ausdruck von spezifischen gesamtgesellschaftlich bedingten Verhältnissen, Zusammenhängen oder Problemen. Diese Theorie, die ursprünglich im Kontext der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit entwickelt wurde, lässt sich hervorragend auch für die Hochschuldidaktik fruchtbar machen.

Mit einem der Studiengänge sind wir in Kooperation schon seit 5 Jahren unterwegs (Business Adminstration mit Schwerpunkt Personal und Recht). Dort führen wir engmaschige Evaluationen durch: Nach einer Lehrveranstaltung, einem Modul, Face-to-Face nach der Hälfte des Studiums und am Ende des Studiums. Die Studierenden schätzen dabei genau diesen erfahrungsorientierten Zugang und – quasi als Flipside – die Transferorientierung und den engen Theorie-Praxis-Bezug. Besonders hervorgehoben wird auch die arbeitnehmer*innen-orientierte Perspektive und der inhaltliche Schwerpunkt auf Arbeitsbeziehungen.

Die UoL legt einen besonderen Fokus auf Forschung; hierfür hat sie die konzeptionellen und strukturellen Voraussetzungen geschaffen. Ziel unserer Forschung ist es, Veränderungen in der Arbeitsgesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen, um die Befunde in einem übergreifenden Zusammenhang zu stellen und einen Beitrag zur Gestaltung von Praxis im Sinne eines humanitären, sozialen und demokratischen Fortschritts zu liefern. Unser Forschungsverständnis ist emanzipativ. Eine solche Forschung trägt zur Selbstaufklärung des Menschen über seine gesellschaftlichen und sozialen Abhängigkeiten bei und hilft die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch durch Lösung von diesen Abhängigkeiten seine Lage verbessern kann. Menschen können Bedingungen verändern, in sie eingreifen; Erkennen und Verändern bilden eine Einheit. Die in der Forschung entwickelten Überlegungen und Theorien tragen dazu bei, bestehende Probleme besser zu analysieren und lösen zu können (Anwendungs- und Handlungsorientierung).

Weitere Information zur UoL, den Studienangeboten, Leitbildern, Strukturen, Studienorganisation, Forschungsschwerpunkten u.dgl. finden sich im Internet unter: https://www.university-of-labour.de .