Zeit ist Leben - Die Vermarktung der Zeit und das biblische Zeitverständnis

Von: Erwin Helmer (Betriebsseelsorger in Bayern)

Erwin Helmer

Betriebsseelsorger in Bayern

Diakon Erwin Helmer ist Ansprechpartner der Betriebsseelsorge in Bayern und in der Bundeskommission der Betriebsseelsorge. Theologe und Diakon in der Betriebsseelsorge in der KAB und CAJ (Katholische Arbeitnehmerbewegung und Christliche Arbeiter/Innen-Jugend) der Diözese Augsburg, beschäftigen. Erwin Helmer geht in Firmen, wenn’s kriselt. Der 54jährige Diakon aus Weilheilm in Bayern betreut die Angestellten von Firmen in vier Landkreisen im Großraum Augsburg. Helmer war auf Seiten der Beschäftigten, als es um verlängerte Ladenöffnungszeiten ging, er ist jetzt ...
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In Holland kam es vor kurzem zu einem ungewöhnlichen Bündnis: die große Gewerkschaft FNV startete gemeinsam mit der katholischen Kirche eine Kampagne gegen die 24-Stunden-Wirtschaft unter dem Motto „Bevrijde Tijd“ ( befreite Zeit ). Arbeit rund um die Uhr; produzieren, kaufen und verkaufen ohne Begrenzung; Dienstleistungen immer und überall – das sollte in einer gemeinsamen Kampagne thematisiert werden.

Übrigens eine gute Anregung auch für unsere deutschen Kirchen. Denn nicht nur in Holland, auch bei uns in Deutschland wollen einflussreiche Vertreter der Wirtschaft zu jeder Zeit produzieren lassen, vermarkten und verkaufen ohne Ende. So wächst der Druck auf den Sonntag, aber auch die Feiertage werden regelmäßig von interessierten Kreisen in Frage gestellt.

Einige wollen den Ladenschluss komplett liberalisieren und das Ladenschluss-Gesetz abschaffen. Und es gibt eine neue Art der „Vertrauensbildung“ in den Betrieben – die sogenannte „Vertrauensarbeitszeit“. Darunter versteht man die Abschaffung der Stechuhr und die gleichzeitige Definition von Zielvereinbarungen für die Mitarbeiter/innen, die sie nun in freier Verantwortung erledigen müssen. Da die Ziele sehr eng gesteckt sind, führt dies in der Tendenz zu versteckten Überstunden und Arbeiten ohne Ende. Die Zahl der registrierten Überstunden in Deutschland ist nach wie vor sehr hoch – 1,6 Milliarden im Jahr 2003. Was aber noch schwerer wiegt: die Zahl der nicht registrierten (versteckten) Überstunden beträgt mindestens noch einmal so viel. Über 2 Milliarden seien dies im Jahr sagen renommierte Institute. Wäre es möglich, diese Überstunden auf die Arbeitslosen zu verteilen, so ergäbe das in der Summe über 2,5 Millionen Vollzeitarbeitsplätze und damit die Lösung des Problems der Massenarbeitslosigkeit. Auch aus diesem Grund ist es Zeit, sich über die Zeit Gedanken zu machen.

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In Deutschland haben sich die Kirchen zum Schutz des Sonntags stark gemacht. Mehr und mehr aber wird ihnen deutlich. Es geht nicht nur um den Sonntag, es geht um das Leben. Es geht um Lebenszeit, es geht um das Zeitverständnis der Gesellschaft und um das Zeitverständnis der Kirchen. Denn, dem rein ökonomischen Zeitverständnis steht diametral das biblische Zeitverständnis gegenüber. Einige Facetten daraus will ich entwickeln.

Zeit zu befreien

Gott befreit aus allen Abhängigkeiten, das ist die zentrale Erfahrung Israels. Israel hat es am eigenen Leib erfahren. Gott liess sich anrühren vom Elend seines Volkes, ganz real und historisch. Nicht einmal einer der damals mächtigsten Männer der Erde, der ägyptische Pharao Ramses II kann das machtlose, kleine Volk Israel halten. Denn Gott Jahwe tut, was er sagt: „Ich habe des Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und sein Wehklagen vernommen. Ich kenne ihr Leid. Siehe ich komme nun herab, um es zu befreien.“ ( Ex 3,7-8 ) Nicht der kanaanitische Herr der Naturzeit und des Naturrhythmus „Baal“( übersetzt Herr ) ist der wahre Herr. Für die Israeliten war und ist der wahre Herr „Jahwe“, der „Ich-bin-da-für-euch“. Dieser Gott unterscheidet sich fundamental von allen anderen Göttern. Er tritt in die Geschichte ein und zeigt sich als Feind der Knechtschaft und Sklaverei, als Befreier und Begleiter. Seither ist Geschichte des Menschen Freiheitsgeschichte. Seither ist Zeit des Menschen Befreiungszeit.

Vielleicht brauchen die Menschen heute wieder einen Anstoss, um sich ihres Elends und ihrer „Versklavungen“ bewusst zu werden. Der Mensch droht zum Arbeitstier und zum Konsumsklaven zu werden, ohne dass er es merkt. Die Zeit als befreite Zeit zu verstehen, als Zeit sich aus Zwängen zu befreien und sich für Freiheit in der Zeit einzusetzen, steht ganz neu auf der Tagesordnung.

Zeit zu entscheiden

Als Israel der Knechtschaft entronnen war, warteten schon die nächsten Gefahren. Immer wieder wird dieses befreite und „erlöste“ Volk Israel in der Folgezeit vergesslich. Es läuft fremden Göttern nach, macht sich Bildnisse von Götzen und wird seinem Befreier-Gott untreu. Gott Jahwe stöhnt in Psalm 81 : „Ach, wenn mein Volk doch auf mich hörte…Wie bald würde ich seine Feinde beugen.“ Gott schickt Profetinnen und Profeten. Sie rufen zur Umkehr, sie ermahnen und argumentieren, sie bitten und drohen. „Wehe dem sündigen Volk, der schuldbeladenen Nation, der Brut von Verbrechern, den verkommenen Söhnen“ ( Jesaia 1,4 ). Wenn Profeten drohen, bebt die Erde. Der Gott Israels ist ein eifersüchtiger Gott und duldet keine Götzen. Er will die klare Entscheidung, das klare Bekenntnis zum Gott des Lebens. Dies zeigen schon die ersten Sätze Jesu im ältesten Evangelium bei Markus: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

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Zeit ist Entscheidungszeit, denn in dieser Zeit entscheidet sich alles. Es ist Zeit umzukehren, damals wie heute. Wer umkehrt, erkennt, dass etwas im Leben nicht stimmt. Umkehr heute heisst widerstehen – dem Konsumismus und seinen Folgen, den Verlockungen des schnellen Geldes, den Verführungen der Werbung. Umkehr heisst, die eigene Zeit bewusst und gewissenhaft gestalten.

Zeit empfinden

Das Leben des Menschen gleicht den zwei Seiten einer Medaille. Die eine Seite bietet Freude, Glück und Leben, die andere Ärger, Trauer und Angst. Ein ewiges Auf und Ab. Diese Erfahrung kann depressiv machen, wie es beim alttestamentlichen Prediger „Kohelet“ immer wieder anklingt: „Alles ist Windhauch und Haschen nach Wind.“ Dem selben Kohelet aber verdanken wir den wunderbaren Text Kohelet 3,1-8: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben…eine Zeit zum Weinen und eine Zeit für den Tanz…eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen…eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden.“ Wem diese Erfahrung des Kohelet klar wird, der lebt anders. Er lässt den Dingen seine Zeit, er lebt intensiv und bewusst. Und gerade dadurch wird er den Ereignissen gerecht, den Menschen und letztlich Gott gerecht.

Gerade heute, wo viele Ereignisse gleichzeitig laufen, gewinnt die Erkenntnis des Kohelet einen neuen Sinn. Das Eindringen der Arbeitszeit in die Familienzeit und in die Freizeit bedeutet eine grosse Gefahr für den Menschen. Etwa wenn die Mutter ständig per Telefon zur „Arbeit auf Abruf“ geholt wird, wenn der Angestellte auf seinem Computer zuhause sein Projekt fertigstellt, wenn der Börsianer im Fitnessstudio zum Handy greift, wenn der Sonntag mehr und mehr zum Arbeitstag wird. „Alles hat seine Zeit“, das bedeutet einen neuen Umgang mit der Zeit, die uns zur Verfügung steht. Die Entdeckung der Gelassenheit tut not, um damit den Dingen und dem Menschen ihre Zeit zurück zu geben.

Zeit auszusetzen

Damit nicht alles im Rhythmus des Alltags und in der Logik von Produktion und Konsum dahingeht, hat Gott den Menschen einen Zeitrhythmus angeboten. Gott selbst führt den Tag des Aufhörens und des Aussetzens ein. Er faulenzt, und in eben diesem „Tun“ vollendet er das Schöpfungswerk. Am 7.Tag ruhte Gott und eben dadurch wird die Schöpfung komplett ( Genesis 2,2f ): „Und so vollendete Gott am siebten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig.“ Im Nichtstun geschieht etwas, geschieht sogar das Allerwichtigste.

Der Mensch darf nach Gottes Vorbild sein Werk unterbrechen und sich sagen: „Es ist gut so, lehn dich zurück, schaue, was die Woche gebracht hat.“ Eine wichtige Botschaft damals für Israel und nicht minder aktuell für uns heute. Der Sabbat wird im Alten Bund zweifach begründet. Zum einen ist er der siebte Tag der Schöpfung, die Gott eben am „Aufhörtag“ vollendet. Zum anderen ist Sabbat der Gedenktag an die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens: „Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm. Darum hat dir der Herr, dein Gott, geboten, dass du den Sabbat halten sollst.“ ( Deuteronomium 5,30)

Wenn heute die „24-Stunden-Wirtschaft“ propagiert wird, wenn Sonntag zunehmend zum Produktionstag und Konsumtag erklärt wird, wenn rein ökonomische Interessen gegen gewachsene soziale Strukturen und Kulturen konkurrieren, wächst die Gefahr für den Menschen, besonders für die Familien. Der Mensch darf nicht alles, was er kann. Gewerkschaften heute wieder ein ausdrückliches „Recht auf den gemeinsamen Feierabend“ und damit die Voraussetzung für die tägliche gemeinsame Unterbrechung der Arbeit. Die Logik der Ökonomie muss sich der Logik des Menschseins beugen. Deshalb ist die Kultur des Aufhörens und Aufhören-könnens von neuem wichtig geworden.

Zeit beherrschen

Die Grundfrage der Zeitgestaltung ist: wer bestimmt? Bestimmt die Zeit den Menschen oder der Mensch die Zeit? Wer dient wem? Dient der Mensch der Zeit oder dient die Zeit dem Menschen? Aus ethischer, biblischer Sicht ist es der Mensch, der souverän ist. Er allein hat Würde, göttliche Würde. Geschichte ist in der Bibel nie verzweckt und funktional. In der Geschichte ereignet sich etwas. Zeitgeschichte ist Geschichte Gottes mit den Menschen, ist Zeichengeschichte. Denn Gott spricht dem Menschen etwas zu durch Ereignisse, durch Menschen, durch Zeichen, die den Weg weisen. Geschichte und damit Zeit ist am Menschen orientiert, an seiner Entfaltung, an seiner Verantwortung. Das gute Leben, das der Mensch als „Gerechter“ führen soll, steht im Mittelpunkt der Geschichte. „Macht euch die Erde untertan!“ ( Genesis 1,28 ) Dieser Befehl Gottes duldet keine anderen Prioritäten als den Vorrang des Menschen vor den Dingen. Der Mensch ist beauftragt, König zu sein über seine Zeit. Von Gott eingesetzter König, der seine Zeit regiert.

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Ein neues Zeitbewusstsein ist notwendig, das dem heutigen Menschen zu neuer Freiheit verhelfen kann. Der Mensch ist der Souverän der Zeit, die ihm von Gott anvertraut ist. Der Mensch ist es, der die Zeit beherrscht, so dass alles seine Zeit bekommt, so dass alle Zeit dem Menschen dient, so dass den menschlichen Gemeinschaften( z.B. den Familien ) ihre Zeit geschenkt wird und eben dadurch Gott als der Geber der Zeit geehrt wird.

Zeit gestalten

Der als Gottes Ebenbild geschaffene Mensch „Adam“ wird mit seiner Frau „Eva“ von Gott in den Garten Eden gesetzt, „damit er ihn bebaue und bewahre.“(Gen 2,15) Nutzen, ohne auszubeuten; hegen, ohne zu schädigen – das ist die hervorragende Aufgabe des Menschen. So fügt er sich organisch in den grossen Plan Gottes ein, indem er den Garten Eden hegt und pflegt. Adam und Eva leben sozusagen in einem wunderbaren „Biotop“, das gleichzeitig ein „Chronotop“ ist – eine Zeitoase. Denn die Zeit steht in Eden still, die Zeit ist in Adam`s und Eva`s Händen, sie gestalten und planen ihre „Zeit“. Gott hat ihnen die Macht dazu gegeben. Beschleunigung und Vermarktung sind (noch) kein Thema.

Aufgabe des Menschen ist und bleibt wesentlich die Zeitgestaltung. Die Zeit, die dem Menschen und seinen Gemeinschaften gegeben ist, muss planbar sein und muss geplant werden. Wo Menschen wie in einem „Zeitkorsett“ festgezurrt sind, wo sie zu Marionetten der Produktion werden, drohen sie zu verkümmern. Jeder Mensch hat das Recht auf eine planbare Freizeit, hat das Recht auf Planbarkeit. Denn Familien, Vereine, Verbände und Gemeinschaften brauchen verlässliche Strukturen.

Zeit feiern

Im Hebräischen gibt es kein abstraktes Wort für Zeit. Und das hat seinen Grund. Die biblische Zeiterfahrung ist die einer „`rhythmischen Zeit`: sie verdankt sich der Erfahrung des regelmäßigen Wechsels im Naturablauf, der jeweils eigenen Lebenssituation und vor allem der je neuen Gotteserfahrung“ (Prakt. Bibellexikon, S.1253, Herder-Verlag)

(1) Das Passahfest als zentrales Glaubensfest schildert nicht nur die Ereignisse des Auszugs aus Ägypten in blumigen Worten und spektakulären Szenen, sondern verkörpert und vergegenwärtigt die Ereignisse um 1300 vor Christus. Im Vollzug der Feier vereint sich das Volk mit den Vorfahren. Dies wird deutlich durch die Elemente der Passah-Feier: die spannende Erzählung der Nacht des Auszugs, die Hast bei der Feier und die Hausliturgie. „Gegenwart und Zukunft verschmelzen, die Gemeinde wird eins mit den Vätern.“ (Klaus Grünwaldt, Meine Zeit steht in deinen Händen, Bibel und Kirche 4/99, Kath. Bibelwerk)

In unserer Zeit der Individualisierung und der flexiblen Strukturen ist es schwierig geworden, gemeinsame Feste zu feiern. Zum einen fehlt das Bewußtsein, dass wir geschichtlich, religiös und kulturell Gewordene sind. Zum anderen sind die gemeinsamen freien Zeiten, etwa in den Familien, immer weniger geworden. Eine neu zu schaffende „Zeitkultur“ setzt da an, bei unseren Wurzeln, unserer Geschichte, unserer Kultur. Wir sollten es wieder neu lernen, ein Fest zu feiern, weil Gott am Menschen handelt.

Die Zeit ist erfüllt

Mit dem Kommen des Sohnes Gottes ist alle Zeit erfüllte Zeit. Dies zeigt die Antrittspredigt Jesu in Nazareth, wo er aus dem Profeten Jesaia vorliest: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, heute hat er mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen eine gute Nachricht zu verkünden und den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen, auszurufen ein Gnadenjahr des Herrn.“ Dann schliesst er das uralte Verheissungsbuch des Jesaia und sagt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt.“ (Lukas 4,18-21) Das Zeitverständnis des „chronos“ ist damit in die Schranken verwiesen. Zeit ist nicht neutral, nicht linear, auch nicht schicksalhaft und nicht ewig. Die Zeit des „kairos“ und des „kyrios“ ist angebrochen, und damit Zeit zu befreien, Zeit zu entscheiden, Zeit zu erlösen.

Alle Zeit ist sinnreiche, ist sinnvolle Zeit. Alle Zeit ist in christlichem Verständnis schon im tiefsten Grunde Zeit des Heils und der Heilung. Nichts ist deshalb nach christlichem Verständnis wichtiger als die Zeit als Heilszeit zu erkennen. Mit anderen Worten: das Reich Gottes ist schon mitten unter uns. Alle Zeit ist Gabe und zugleich Aufgabe. Weil diese Zeit schon gesegnete Zeit ist, darf sie nicht unter dem Diktat der Marktgesetze stehen. Sie muss die Ökonomie sinnvoll gestalten und darf nicht zur Gestalt der Ökonomie werden.

Zeit leben

Wer Christus nachfolgt, wird eine neuer Mensch. Wir müssen „von neuem geboren werden“, sagt Christus dem Pharisäer Nikodemus (Joh 3,3). Der neue Mensch lebt bewusst seine Zeit. Er schafft Zeitstrukturen, die ihm und seinen Mitmenschen dienen. Er wird neu, und das zeigt sich im souveränen Umgang mit der Zeit. So wie der Psalmist sagt: „Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz“ ( Ps 90,12 ) . Indem wir uns einen guten Zeitplan geben, beherrschen wir die Zeit und können darin „zeitlos“ leben.

Im „Jetzt“ leben, in klarer Abgrenzung gegen zeitraubende Strukturen, das ist der Weg in die Zukunft. Nicht immer können wir das „Zeitkorsett“ einfach ablegen. Nicht immer können wir die „Zeitdiebe“ ausfindig und letztendlich dingfest zu machen. Aber das Ziel dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: heute, hier und jetzt, und frei und ganz zu leben.

Einige Schlussfolgerungen

Zusammenfassend können wir drei Linien eines biblischen Zeitverständnisses ausmachen.

Das Herz des biblischen Zeitverständnisses ist das Passahfest und später das Osterfest. Gott selbst greift ein in die Geschichte, erst durch Mose, durch die Väter und die Profeten und dann durch seinen Sohn Jesus Christus, um sein Volk zu befreien. Darauf baut alle kommende Zeit auf. Es gibt eigentlich keine abstrakte „Zeit“ mehr, denn im Reich Gottes ist alle Zeit im Grunde erfüllte Zeit. Die wöchentliche Feier des jüdischen Sabbats und dann des christlichen Sonntags fusst auf dieser jüdisch-christlichen Grunderfahrung.

Die Herrschaftsverhältnisse sind eindeutig. Der Auftrag Gottes an den Menschen ist es, die Zeit zu beherrschen und sich keinesfalls von den Zeitzwängen beherrschen zu lassen. Der Mensch ist als Souverän der Zeit von Gott eingesetzt. Damit sind die Machtverhältnisse geklärt. Denn „Der Mensch kann nicht auf sich selber verzichten, noch auf den Platz, der ihm in der sichtbaren Welt zukommt; er darf nicht Sklave der Dinge, Sklave der Wirtschaftssysteme, Sklave der Produktion, Sklave der eigenen Produkte werden.“ So Papst Johannes Paul II in seiner ersten Enzyklika „Redemptor Hominis“ vom 4.3.1979 (Nr.16 ).

Es gibt so etwas wie gesunde und gute Zeitrhythmen, die dem Menschen und seinen Gemeinschaften, der Kultur und der Natur eingeschrieben sind. Wenn der „Biorhythmus“ des Menschen auf Dauer mißachtet wird, wird der Mensch krank. Die Familien brauchen geschützte Zeiten, sonst können sie gar nicht Familie sein. Die menschliche Gemeinschaft braucht das Fest, das Orientierung gibt, das zusammen führt und Zukunft eröffnet. Jeder Sonntag gibt davon Zeugnis, jedes Fest im Kirchenjahr animiert uns dazu. Diese Zeitrhythmen gilt es zu beachten und neu zu entdecken. „Alles hat seine Zeit“ – der Prediger Kohelet bringt es auf den Punkt. Lasst allem und jedem seine Zeit! In diesem Sinne liegt es an uns, ein neues Zeitbewusstsein zu schaffen.

Zum weiterlesen:

Karl-Heinz Geißler, Es muß in diesem Leben mehr als Eile geben, Herder-Verlag 2001
Karl-Heinz Geißler, Zeit leben, Weinheim, Quadriga-Verlag 1997
Pickshaus u.a., Arbeiten ohne Ende, Hamburg 2001, VSA-Verlag