Genossenschaften aus gewerkschaftlicher Sicht

Von: Walter Vogt (Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall)

Walter Vogt

Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall

Walter Vogt, Diplom-Betriebswirt (FH), 44,  ist seit 2007 politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall im Funktionsbereich Betriebs- und Branchenpolitik, Ressort Betriebsverfassung und Unternehmensmitbestimmung. Seine wesentlichen Tätigkeitsschwerpunkte sind die betriebswirtschaftliche Beratung, die Analyse von Jahresabschlüssen, die Früherkennung von Unternehmenskrisen sowie deren Überwindung mittels beschäftigungspolitischer Ansätze. Davor war er lange Jahre in der Beratung von Wohnungsgenossenschaften und in der genossenschaftlichen Prüfung tätig. Unter anderem ist er Aufsichtsratsmitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft.  


Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Gewerkschaften haben sich von Genossenschaften spätestens ab etwa der Mitte des vergangenen Jahrhunderts weitestgehend entfernt. Nicht zuletzt die negativen Erfahrungen aus der Gemeinwirtschaft hegen heute noch immer den Anschein, dass seitens der Gewerkschaften eine Wiederannäherung kaum, und wenn, dann doch nur zögerlich betrieben wird. Das scheint zu verwundern. Zum einen sind die deutschen Genossenschaften Arbeitgeber für annähernd 900.000 Menschen, zum anderen haben gerade Genossenschaften in der Finanz- und Wirtschaftskrise ihre stabilisierende Rolle deutlich sichtbar unter Beweis gestellt.

Historie 1: Von den Anfängen bis zum Nationalsozialismus

Kennzeichnend für die Rechtsform der Genossenschaft ist die Hilfe zur Selbsthilfe, also der Zusammenschluss von Personen, um gemeinsam solche Aufgaben zu übernehmen, die der Einzelne in seinem Umfeld alleine nicht bewerkstelligen kann. Entscheidend für die genossenschaftliche Entwicklung in Deutschland vor über 150 Jahren war, dass dieser Selbsthilfegedanke von verantwortungsbewussten Personen – Hermann Schulze-Delitzsch oder Friedrich Wilhelm Raiffeisen, um die bekanntesten zu nennen – aufgegriffen und stetig weiterverfolgt worden ist.

Nicht minder wichtig war aber auch, dass sich seinerzeit in der Rechtsform Genossenschaft die Wertevorstellungen und Ideale einer klassenbewussten Arbeiterschaft wiederfanden. Gleichberechtigung, Mitspracherechte und Solidarität waren für viele Arbeiter die Alternative zu einer hierarchisch – kapitalistisch dominierten Ordnung. Etwa ab der Jahrhundertwende entstanden so in größerem Umfang von Arbeitern getragene Genossenschaften, im Wesentlichen im Konsumbereich und auf dem Wohnungssektor. Beide bedürfen einer gemeinsamen Betrachtung, wobei Vieles aus dieser Zeit nicht vollends bekannt und aufbereitet ist.

Als Gegenpol zum privaten Einzelhandel konzentrierten Konsumgenossenschaften sich seinerzeit darauf, ihre Waren ausschließlich an ihre Mitglieder als Verbraucher zu verkaufen und – so der Anreiz – die Mitglieder, gemessen an der Höhe des erzielten Jahresüberschusses, anteilig rückzuvergüten. Die Konsumgenossenschaften waren es auch, die gerade Gewerkschaftsmitgliedern vielfach eine Beschäftigung geboten haben, wenn diese aufgrund ihrer gewerkschaftlichen oder politischen Aktivitäten missliebig geworden sind. Konsumgenossenschaften erlebten mit rund 1.400 Genossenschaften ihre Blüte zu Zeiten der Weimarer Republik. Später wurden sie im Dritten Reich durch die Nationalsozialisten zielgerichtet zerstört und gleichgeschaltet. Heute sind sie durch Einzelhandel und Discounter nahezu verdrängt und kommen leider kaum noch über eine Nischenrolle mehr hinaus.

Daneben standen Gewerkschaften bei einem hohen Anteil von Genossenschaftsgründungen im Wohnungsbaubereich im Hintergrund. Sie nahmen ihren Ausgang in der spontanen Selbsthilfe von Arbeitslosen, besonders von Bauarbeitern und Architekten. Theoretische Programme der Gewerkschaften, auf denen solche Initiativen beruhten, gab es in den Anfängen nicht. Und letztlich scheiterte eine Vielzahl dieser Genossenschaften aufgrund ihrer mangelnden Kapitalausstattung wieder. Eine Möglichkeit des Auffangens stellte, allerdings unter Verlust der genossenschaftlichen Rechtsform, die sich etablierende ‚Bauhüttenbewegung’ dar. Deren Gesellschafter waren Gewerkschaften, Kommunen und andere Genossenschaften. Parallel entstanden im Verbund mit der ‚Volksfürsorge’ oder der ‚Arbeiterbank’ weitere Unternehmen zur Finanzierung der gewerkschaftlichen wohnungswirtschaftlichen Aktivitäten.

Im Jahr 1922 wurde der ‚Deutsche Baugewerkschaftsbund’ gegründet, um zwei Jahre später mit der Gründung der ‚Deutsche Wohnungsfürsorge AG für Beamte, Angestellte und Arbeiter’ durch den Baugewerkschaftsbund und den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund’ die Weichen für die gewerkschaftseigene und gemeinwirtschaftliche Wohnungswirtschaft zu stellen. Auch auf dem wohnungswirtschaftlichen Sektor hat dann der Nationalsozialismus eine weitere Ausbreitung jäh unterbunden, diese Wohnungsunternehmen enteignet, um sie unter dem Namen ‚Neue Heimat’  umzufirmieren. Festzustellen bleibt jedoch: Das wohnungswirtschaftliche Engagement der Gewerkschaften in Form der genossenschaftlichen Ausprägung endete bereits in Zeiten der Weimarer Republik!

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Historie 2: Die Nachkriegszeit bis zur Gemeinwirtschaft

Nach dem zweiten Weltkrieg, 1954, wurden auf Beschluss des DGB zunächst alle Vermögensreste der gewerkschaftlichen wohnungswirtschaftlichen Beteiligungen nach Rückgabe durch die Besatzung unter das Dach der ‚Neuen Heimat Hamburg’ gestellt. Parallel zeigte sich das gewerkschaftliche Engagement in der Gründung einer Reihe von regionalen Gemeinwirtschaftsbanken. Die Bank für Gemeinwirtschaft, die BfG, war letztlich das Produkt eines Zusammenschlusses solcher Banken im Jahr 1958. Primäre Aufgabe dieser Gemeinwirtschaftsbanken sollte sein, die von den Nationalsozialisten verbotenen Spareinrichtungen der Konsumgenossenschaften zu ersetzen, um diesen damit eine günstige Kapitalbeschaffung zu ermöglichen.

Die Rechnung ging jedoch nicht auf, weil der wachsende Bankbetrieb zunehmend Eigenkapital benötigte. Aber Mittel für die erforderlichen Kapitalerhöhungen konnten die vielfach unter chronischen Kapitalmangel leidenden Konsumgenossenschaften meist gar nicht aufbringen. Somit schwand die Macht der Konsumgenossenschaften zunehmend, und bereits wenige Jahre nach der Fusion ist aus der BfG eine nahezu lupenreine Gewerkschaftsbank geworden, die allerdings – und das muss ausdrücklich betont werden – noch bis zum Anfang der 1980er Jahre des vergangenen Jahrhunderts den Beweis antrat, dass eine Bank auch sehr wohl im Gemeinwohlinteresse erfolgreich betrieben werden kann.

Andererseits blieb die BfG noch wesentlicher Finanzier der Konsumgenossenschaften, von denen immer mehr jetzt in tiefe wirtschaftliche Probleme gerieten. In diesem Spannungsverhältnis, und vor dem Hintergrund ihrer rückläufigen Mitgliederzahlen, setzte sich dann allerdings die vermeintliche Überzeugung durch, dass die Rechtsform der Genossenschaft nicht mehr passgenau sei. Stattdessen seien klamme Konsumgenossenschaften wirtschaftlich besser in Form der Aktiengesellschaft zu betreiben. Die Verschmelzung vieler Konsumgenossenschaften zur co op AG ist dafür sicher das bekannteste Beispiel. Nun, die Erfahrung zeigt uns heute, dass es gerade nicht möglich war, aus angeschlagenen Genossenschaften gesunde Aktiengesellschaften zu machen.

Als Zwischenfazit lässt sich festhalten: Erstens, die Genossenschaft ist eine mitgliederbezogene Unternehmensform, die aber bei kontinuierlichem Loslösen von den Mitgliederinteressen (ihrem genossenschaftlichen Förderzweck) sich von den Mitgliedern zunehmend entfremdet, indem sie primär reine Marktinteressen in den Focus stellt, und damit letztlich die ‚Genossenschaftlichkeit‘ verwässert. Zweitens: Richtig ist, dass die Wurzeln der ‚Gemeinwirtschaft’ in der genossenschaftlichen Selbsthilfe liegen. Allerdings haben sich diese Wurzeln längst gelöst, nachdem der Selbsthilfegedanke überlagert wurde von weiteren, höheren Interessen im Rahmen einer auf das Gemeinwohl bezogenen Ökonomie – welche nicht zuletzt die unternehmerische Tätigkeit der Gewerkschaften insgesamt in starke Kritik gebracht  hat.

Insbesondere nach diesem Trauma begegnen Gewerkschafter den Genossenschaften bis heute noch vielfach skeptisch. Vieles wird leider vermischt – doch die Chancen für eine Wiederannäherung stehen heute gut.

Wo liegen die aktuellen Herausforderungen?

Eine Reihe von Ansatzpunkten ergibt sich bereits aus der demokratischen Struktur der Genossenschaft. Auf ihr lassen sich neue gewerkschaftlicher Handlungsfelder aufbauen. Dabei sind primär natürlich die betriebliche Ebene und das Ziel der Sicherung von Arbeit und Beschäftigung zu nennen.

Herausforderung 1: Betriebsübernahme durch die Belegschaft in Krise und Insolvenz

Die gelungene Fortführung von Krisenbetrieben durch die Belegschaft in Deutschland ist noch immer auf Einzelfälle begrenzt. Noch seltener erfolgen sie im Genossenschaftsmodell. Auch die Erfahrungen des Verfassers in der IG Metall ab der Hoch-Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 bis heute zeigten hier kein Umdenken (Anmerkung: und die wissenschaftliche Empirie übrigens auch nicht). Das verwundert insofern, tragen doch Genossenschaften vor dem Hintergrund von Strukturwandel und Globalisierung gerade dazu bei, dass gerade lokale Arbeitsplätze gesichert werden können. Mit ihrer tiefen regionalen  Verwurzelung stellen sie ein Gegengewicht zur Entvölkerung ländlicher Gebiete dar, und fördern damit auch die Entwicklung strukturschwacher Regionen.

Der wesentliche Erklärungsansatz liegt darin, dass Gewerkschaften häufig noch vom Idealbild der Produktivgenossenschaft ausgehen. Diese stellt eine besondere Form der genossenschaftlichen Selbsthilfe dar, in welcher die Mitglieder sind zugleich Eigentümer und Beschäftigte des von ihnen gegründeten, oder gemeinsam betriebenen Unternehmens sind. Produktivgenossenschaften bergen letztlich zwei Hauptgefahren: Einerseits das mögliche Scheitern der Selbsthilfe – und das damit verbundene vergebliche Binden gewerkschaftlicher Ressourcen (was automatisch ein negatives Licht auf die handelnden Personen wirft). Andererseits genau das Gegenteil, nämlich der Erfolg der Kooperative, einhergehend mit Abwanderung der Belegschaft, ihrem Tragen von unternehmerischer Verantwortung und somit der Verringerung des gewerkschaftlichen Vertretungspotentials, konkret: Betriebsräte und Gewerkschaften könnten überflüssig, und Tarifstandards unterlaufen werden – was in der Folge zu einen zunehmenden Wettbewerbsdruck und zur Erosion, und damit zu weiteren Abwärtsspiralen führen könnte.

Fakt ist aber, dass es sich bei dem weitaus überwiegenden Teil der deutschen Genossenschaften um sogenannte Fördergenossenschaften handelt, also Genossenschaften mit einem regelmäßig wirtschaftlich motivierten Förderzweck. In Deutschland hat sich, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, nie ein nennenswerter produktivgenossenschaftlicher Sektor entwickelt. Zum einen wurde ein solcher häufig aus ideologischen Gründen bekämpft, zum anderen schienen mit zunehmenden Wohlstand und einem Mindestniveau an sozialer Absicherung die Produktivgenossenschaften immer weniger notwendig zu sein.

In Deutschland sind sie heute eher noch in den neuen Bundesländern als Agrargenossenschaften, als Produktivgenossenschaften des Handwerks und im Baunebengewerbe oder im Frisörhandwerk anzutreffen. In der alten Bundesrepublik traten Produktivgenossenschaften kurzfristig als Alternativbetriebe im Rahmen der Solidarischen Ökonomie in Erscheinung. Hier gab es vereinzelt negative gewerkschaftliche Erfahrungen mit Ausweitung der Arbeitszeit oder Lohnsenkungen, aber auch mit den lähmenden basisdemokratischen Prozessen, welche letztlich dann oft zum Scheitern dieser Betriebe führten. Heute ist aber zu konstatieren: In Zeiten, in denen die Sozialpartner von Flächenverträgen mittels betrieblicher Bündnisse für Arbeit abweichen können, scheinen die Ängste der Gewerkschaften doch ein Stück weit überholt zu sein.

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Gewerkschaften achten bei betrieblichen Abweichungen vom Flächentarifvertrag sehr genau auf die damit in Gänze verbundenen Auswirkungen. Und abgesehen davon, dass eine hundertprozentige Übernahme in der Praxis kaum erreicht wird, gelten auch für Genossenschaften mit den Gesetzen zur Unternehmensmitbestimmung und dem Betriebsverfassungsgesetz regelmäßig die gleichen mitbestimmungsrechtlichen Grundlagen, genau wie für andere Rechtsformen auch. Insofern werden Arbeitnehmervertretungen auch weiterhin notwendig sein, wenn auch mit anderen Herausforderungen und Arbeitsschwerpunkten – und genau hier liegen auch die Anknüpfungspunkte! Umso wichtiger ist es deshalb, dass sich Gewerkschaften koordinierend in Belegschaftsinitiativen einbringen, Anregungen geben, Lösungen finden, Netzwerke aufbauen, betriebswirtschaftliches Know-how vermitteln – und so letztlich den Prozess kontinuierlich unter der Prämisse des Erhalts von Standort und Beschäftigung absichern.

Herausforderung 2: Langfristige Unternehmensnachfolge in genossenschaftlicher Rechtsform

Nach neueren Informationen des Instituts für Mittelstandsforschung suchen in den kommenden acht Jahren 131.000 mittelständische Unternehmen einen Nachfolger. Dabei stehen neben häufig überzogenen Kaufpreisvorstellungen und einem Nicht-Loslassen-Können des Inhabers, dem demographischen Wandel geschuldet, immer weniger potenziell geeignete Kandidaten zur Verfügung. Der DIHK berichtet, dass allein im Jahr 2010 aus diesem Grund rund 1.800 Unternehmen mit mehr als 23.000 Arbeitsplätzen aufgegeben worden seien. Umso wichtiger ist demnach, dass Überlegungen nach einer kollektiven Nachfolge auch innerhalb der Belegschaft diskutiert werden. Offen auseinanderzusetzen ist sich mit dem Gedanken, dass auch die Genossenschaft als Mitarbeiterbeteiligungsmodell dienen kann. Die Zielstellung geht dabei über die einer Belegschaftsinitiative hinaus, denn neben der Sicherung der Arbeitsplätze steht in ihr primär der Gedanke der Selbstverwaltung von Anfang an im Mittelpunkt.

Die Voraussetzungen für ein genossenschaftliches Modell sind allerdings günstiger als in Krisenzeiten: Wenn es sich um ein gesundes Unternehmen handelt, ist der wirtschaftliche Druck geringer –  und die zentrale Frage nach Sicherung der Beschäftigung stellt sich nicht in solcher Relevanz. Abläufe sind eingespielt, Kundenbeziehungen vorhanden und das Know-how in der Belegschaft gesichert. Insofern sind die Nachfolgeplanungen bereits frühzeitig schon in wirtschaftlich gesunden Zeiten in Angriff zu nehmen, und mögliche Modelle in der Belegschaft und mit ihren Vertretern proaktiv auszuloten. Und gerade im KMU-Bereich oder im Handwerk gilt es anzusetzen. Zur langfristigen Ansparung ihrer Anteile zwecks späterer Übernahme müssen passgenaue Fördermöglichkeiten bereitgestellt werden; und auch hier müssen sich Gewerkschaften einbringen.

Als weiteres Zwischenfazit ist zu resümieren: Gewerkschaften können gerade im Zuge der Debatte nach mehr Wirtschaftsdemokratie heute andere, neue organisatorische betriebliche Strukturen entwickeln und forcieren. So dürfen gerade im Rahmen von Unternehmenskrisen, aber auch im Zuge von Regelungen zur langfristigen Unternehmensnachfolge Ansätze für einen Zusammenschluss der Belegschaft, gerade in genossenschaftlicher Ausprägung, nicht unberücksichtigt bleiben. Das hat zwei wesentliche Gründe. Einerseits kann dadurch kollektives Know-how gesichert werden. Andererseits können solche Prozesse nur innerhalb der Belegschaften beteiligungsorientiert ablaufen. Gewerkschaften können hierdurch also auch immer ein Potential an neuen Mitgliedern ansprechen und aktivieren. Dabei ist explizit auf die genossenschaftliche Rechtsform zu verweisen – auch wenn sich mit ihr das klassische Rollenverständnis der Mitbestimmung etwas verändert. Letzteres gilt dies allerdings für alle Modelle einer Kapitalbeteiligung der Belegschaft.

Herausforderung 3: Anknüpfungspunkte außerhalb der betrieblichen Ebene

Die Debatte nach mehr Wirtschaftsdemokratie geht für Gewerkschaften jedoch über die jeweilige betriebliche Ebene und der mit ihr verbundenen Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hinaus.

Gerade in der für die Genossenschaft typischen Selbstverwaltung zeigt sich ihr Demokratieverständnis: Genossenschaften werden von ihren Mitgliedern in Eigenregie geführt, womit gegenseitige Solidarität und das Einstehen für den Anderen verbunden sind. Dieser Grundgedanke widerspricht der Profitmaximierung und der Übervorteilung wirtschaftlich Schwächerer. Und im Gegensatz zu anderen Rechtsformen bemisst sich bei der Genossenschaft der Erfolg nicht, zumindest nicht primär, an der erzielten Kapitalrendite, sondern vielmehr in der Erfüllung ihres jeweiligen Förderzwecks. Die Werte von Solidarität und Demokratie sind verbindende Elemente, Gewerkschaften und Genossenschaften können gemeinsam in der Öffentlichkeit dafür werben.

So wäre auch außerhalb der betrieblichen Ebene eine zielgerichtete Unterstützung der Rechtsform gerade für jene Personengruppen einzufordern, die sonst keinen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt haben, oder die von sozialer Ausgrenzung betroffen sind. In der Rechtsform der Genossenschaft kann es gelingen, diese Bevölkerungsgruppen wirksam in Arbeitswelt und Gesellschaft zu integrieren, indem ihnen einerseits Know-how vermittelt, andererseits auch sukzessive Verantwortung in einem auf Solidarität und Nachhaltigkeit basierenden Modell übertragen wird. In diese Aufgabe können sich Gewerkschaften aktiv einbringen.

Neue Handlungsfelder

Ein weiteres Wesensmerkmal der Genossenschaft ist, dass sie ihre Stärken gerade in solchen Bereichen beweist, in denen gesellschaftliche Interessen gestützt werden. Hier ist zunächst die kommunale Ebene zu nennen: Eine Genossenschaft kann Träger speziell von solchen Aufgaben sein, die von Staat und Kommune aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht mehr aufgebracht werden können. Freizeit und Bildungseinrichtungen, Schwimmbäder und Schulen, kulturelle Einrichtungen und Angebote zur Sicherstellung der Grundversorgung, gerade in ländlichen Gebieten – allesamt zeigen diese Beispiele eine Vielfalt an Möglichkeiten für neue genossenschaftliche Betätigungsfelder auf:

Erstens: Als soziale Alternative zu Privatisierung und Veräußerung von staatlichen Vermögen kann die Genossenschaft ein Modell sein, staatliche Leistungen für breite Schichten der Bevölkerung zu sichern. Weitere Ansätze ergeben sich in der Re-Kommunalisierung von öffentlichen Aufgaben. Auch hier können Gewerkschaften entsprechenden Druck entfalten, indem sie kommunale genossenschaftliche Modelle aktiv unterstützen, und dabei als überzeugte Promotoren auftreten.

Zweitens: Gerade in jüngerer Zeit zeigten Genossenschaftsneugründungen auf dem Gebiet autark agierender Energieerzeugung und –Vermarktung aufstrebende Tendenz. Auf traditionell eher oligopolistisch geprägten Märkten entstehen Photovoltaikanlagen, Wind- und Heizkraftwerke, Bioenergiedörfer – nicht nur in staatlich geförderten Modellprojekten, sondern erfreulicherweise in wachsendem Maße gerade aus Bürgerinitiativen heraus. Allesamt sind sie konkrete Beispiele für einen sozial – ökologischen Umbau der Gesellschaft.

Drittens: Allein dem demographischen Wandel geschuldet nimmt der Sektor der sozialen Dienstleistungen einen immer breiteren Bereich für neue, ganz unterschiedliche genossenschaftliche Handlungsfelder ein. Alten- und Pflegedienstleistungen, Schulen, Behindertenwerkstätten, Seniorenbetreuung, vielfach auch in Ausprägung wie Arbeitslosen- oder  Mietergenossenschaften, und ganz besonders auch in sozialen Brennpunkten. Handlungsfelder liegen also immer dort, wo sich der Staat aufgrund rückläufiger Verteilungsspielräume bei steigenden Bedarfen sozialer Absicherung und Erhaltung öffentlicher Infrastruktur zurückzieht, oder wo soziale und ökonomische Erfordernisse unberücksichtigt bleiben. Und hier liegen auch die Ansatzpunkte für die Gewerkschaften.

Fazit

Die Aufgabe für Gewerkschaften könnte also wie folgt lauten: Bei konkreten betrieblichen Umstrukturierungen Genossenschaftsmodelle aufzeigen, und diese aktiv vertreten. Daraus werden sich Anforderungen konkretisieren, welche wiederum in die politische Debatte eingebracht werden können.

Parallel dazu in den politischen Arenen im Zuge einer neuen, wirtschaftsdemokratischeren Ausrichtung nach der Krise die Genossenschaften als eine mögliche und zentrale Alternative positiv herausstellen, und deren Weiterentwicklung fördern.

Fakt ist: Jenseits eines Schwarz-Weiß-Denkens ‚Markt raus, Staat rein’ steht die Genossenschaft für eine andere Form des Wirtschaftens. Damit ist sie auf jeden Fall auch eine ordnungspolitische Alternative zur Eindämmung von Finanzkapitalismus und Shareholder Value. Ein Fundament für eine krisenresistentere Unternehmenslandschaft ist sie allemal. Um sich jedoch unter den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch stärker sichtbar entfalten zu können, braucht sie weitere Fürsprecher. Gewerkschaften mit ihrem Mitgliederpotential können dabei eine gewichtige Rolle einnehmen.

Literatur

Klemisch, H. /Vogt, W.: Genossenschaften und ihre Potenziale für eine sozial gerechte und nachhaltige Wirtschaftsweise, in: FES (Hrsg.): WISO Diskurs , Bonn (2012)
Vogt, W.: Genossenschaften – Sozialromantik oder reale Alternative zum Finanzkapitalismus?, in: spw 5/2010, S. 47-53, Dortmund (2010)

Vogt, W.: Genossenschaften – eine andere Form des Wirtschaftens, in: Parlamentarische Linke (Hrsg.): Dokumente, Berlin (2011)

Vogt, W.: Gewerkschaften und Genossenschaften. Versuch einer Positionsbestimmung, in: spw 1/2012, S. 44-47, Dortmund (2012)

Vogt, W.: Nachhaltige Zukunftssicherung durch genossenschaftliches Wirtschaften. Eine Publikation der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft zum Ende des UN-Jahres der Genossenschaften 2012, Delitzsch (2013)