Volkshochschule als Teil der kommunalen Daseinsvorsorge: Beispiel Stadt München

Von: Prof. Dr. Klaus Meisel (Managmentdirektor der Münchener VolkshochschuleProf. Dr. )

Prof. Dr. Klaus Meisel

Managmentdirektor der Münchener VolkshochschuleProf. Dr.

Er ist Managmentdirektor der Münchener Volkshochschule. Wichtige berufliche Stationen: bis 2006 Direktor am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, Honorarprofessor an der Philipps Universität Marburg. Arbeitsschwerpunkte: Weiterbildungsmanagement, Organisationsforschung -und Entwicklung, Professionalitätsentwicklung Publikationen (seit 2000): Managementprobleme in öffentlichen Weiterbildungseinrichtungen, Baltmannsweiler 2001 Wirtschaftlichkeit, Bielefeld 2005 (mit H.J. Schuldt/ K. Friedrich) Qualitätsmanagement, Bielefeld 2006 (mit S. Hartz) Kontakt: E-Mail: klaus.meisel@mvhs.de Tel.: 089/480066100 Fax: 089/480066250


Wir leben in spannenden Zeiten! Was vor noch nicht allzu langer Zeit unvorstellbar war, ist heute Realität. Die Post ist schon privatisiert, die Bahn soll (?) an die Börse. Viele Städte haben ihre Krankenhäuser, Wohnungsbaugesellschaften und Stadtwerke privatisiert.

Deren Oberbürgermeister  freuen sich, dass die Kommune mit dem Verkauf öffentlicher Betriebe die kommunale Schuldenlast  reduzieren konnten, können aber nur noch eingeschränkt „kommunale Daseinsvorsorge“ betreiben, da ihnen hierfür grundlegende Steuerungsgrößen abhanden gekommen sind. „Kommunale Daseinsvorsorge“ ist eine Begrifflichkeit, die in den letzten Jahren soviel Erotik ausstrahlte wie die kommunale Finanzanstalt  „Sparkasse“, deren Eigenkapital in den letzten Monaten aber sprunghaft angestiegen ist, weil seit der sich anbahnenden globalen Wirtschaftskrise nicht mehr „Risiko“, „Geiz“ und „Gier“ die Leitwerte der postfinanzglobalisierten Gesellschaft darstellen, sondern immer mehr – zumindest erwecken aktuelle Werbstrategien den Eindruck – Bürgernähe, Verlässlichkeit, Sicherheit, Fairness und Seriosität.

SINNVOLLES MENSCHLICHES DASEIN _ Mit der kommunalen Daseinsvorsorge ist die staatliche Aufgabe zur Bereitstellung der Grundversorgung an Infrastrukturen und Dienstleistungen für ein sinnvolles menschliches Dasein gemeint. Dazu zählen neben dem öffentlichen Verkehr, der Energieversorgung, der Entsorgung, Krankenhäuser usw. auch Bildungs- und Kultureinrichtungen. Da mit der Daseinsvorsorge die notwendigen Grundlagen für die Sicherung individueller Freiheit in einem demokratischen Gemeinwesen beabsichtigt waren, wurden die Tätigkeiten der Kommunen im Rahmen der Daseinsvorsorge durch die Verfassungsgarantie der kommunalen Selbstverwaltung in Artikel 28 des Grundgesetzes geschützt. Über die juristische Reichweite des Artikels 28 wird jedoch seit Jahren gestritten.

Hinter den unterschiedlichen Positionen  befinden sich oft auch vollständig unterschiedliche politische Auffassungen über die Rolle des Staates und seiner demokratisch legitimierter Instanzen. Im Kontext der europäischen wirtschaftsrechtlichen Entwicklungen wurden in den letzten Jahren die öffentlichen Betriebe immer wieder in Frage gestellt, obwohl auch im Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft betont wird, dass der Staat marktbezogene Tätigkeiten, die im Interesse der Allgemeinheit mit besonderen Gemeinwohlverpflichtungen verbunden sind, tätigen darf.

STÄDTE HABEN AKTIVE ROLLE _ Der Präsident des Deutschen Städtetages, der Münchner Oberbürgermeister Ude hat vor diesem Hintergrund in seiner Rede vor dem bundesweiten VHS Tag 2006 betont, dass Weiterbildung eine bedeutende Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge ist und die Volkshochschulen die wichtigsten Zentren der Weiterbildung und des lebenslangen Lernens der Städte und Gemeinden sind: „In der aktuellen bildungspolitischen Diskussion steht das gesamte Bildungswesen in Deutschland derzeit auf dem Prüfstand. Auch auf kommunaler Ebene werden Maßnahmen zur Bildungsreform intensiv diskutiert. Die Städte sehen sich nicht nur als Betroffene. Vielmehr sind sie daran interessiert, sich aktiv an Initiativen zur Bildungspolitik und an der Umsetzung von Reformmaßnahmen zu beteiligen. Die Weiterbildung ist ein eigenständiger Teil kommunalpolitischen Handelns, in dem sich kommunale Selbstverantwortung zur Geltung bringen kann. Daher halte ich es, angesichts der Tendenz, immer mehr Bereiche des kommunalen Handelns dem Markt zuzuführen, für entscheidend, die Weiterbildung als Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge zu verteidigen.“ (Christian Ude, Präsident des Deutschen Städtetages, 2006)

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Die Rolle der Volkshochschule als Teil der kommunalen Daseinsvorsorge wird in der Stadt München jährlich in Zielvereinbarungen zwischen Stadtrat und Münchner Volkshochschule (MVHS) neu akzentuiert. Die grundlegenden  Aufgaben sind:

München ist als offene Weltstadt mit internationalem Tourismus, als Integrationsort und als Ort mit weltweiten ökonomischen und kulturellen  Verflechtungen darauf angewiesen, dass die Münchener Bürgerinnen und Bürger fremdsprachlich kompetent sind. Mit dem Unterricht in über vierzig verschiedenen Fremdsprachen, an denen jährlich ca. 30.000 Teilnehmer/innen teilnehmen, ist die MVHS die größte Sprachenschule der Stadt, in der sich Menschen aus allen Ländern begegnen.

BRÜCKEN SCHLAGEN _ Die Integrationserfolge wie auch -probleme einer Einwanderungsgesellschaft zeigen sich in erster Linie im kommunalen Zusammenleben. Deshalb ist ein zentrales Ziel der MVHS Brücken zwischen Menschen verschiedener Herkunft und kultureller Prägung zu bauen. Eine wichtige Voraussetzung ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Mehr als 14.000 Migrantinnen und Migranten jährlich haben der MVHS die Gelegenheit, in den unterschiedlichsten Lernarrangements Deutsch zu lernen und sich die erworbenen Kompetenzen auch zertifizieren zu lassen. Da die Volkshochschule vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auch als Prüfungsstelle für die Einbürgerungstests anerkannt ist, konnten seit September 2008 bereits mehr als 1000 Einbürgerungswillige an der MVHS den Einbürgerungstest absolvieren. Natürlich hält die MVHS entsprechende Begleitprogramme vor.

Seit Anfang der neunziger Jahre nimmt der Anteil der jungen Menschen, die die Schule ohne den schulischen Mindestabschluss verlassen wieder zu. An der Volkshochschule haben diese jungen Menschen die Gelegenheit, im Rahmen der „Zweiten Chance“ den qualifizierenden Haupt- und den Realschulabschluss in Voll- und Teilzeitlehrgängen nachzuholen. Die differenzierten Lehrgänge mit integrierter sozialpädagogischer Arbeit, projektorientiertem Unterricht und Betriebspraktika werden jährlich von mehreren Hundert jungen Menschen besucht. Ohne diese Bildungschance hätten sie kaum die Möglichkeit eine qualifizierte Ausbildungsstelle zu erhalten oder sich auch schulisch weiterzubildenden. Wo die Schule also nicht zu ihrem Ziel kommt, führt die VHS weiter. Darüber baut die MVHS auch ihre Grundbildungs- und Alphabetisierungsangebote für die Erwachsenen aus, in dem sie versucht, ein kommunales Netzwerk in der Grundbildung aufzubauen.

SENIOREN WOLLEN TEILHABEN _ Die demographische Entwicklungen beeinflussen zunehmend auch das Zusammenleben im kommunalen Gemeinwesen. Erfreulicherweise werden die Menschen heute älter und bleiben länger gesund und vital. Sie haben auch in der nachberuflichen Phase Interessen an der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. In der „Senioren Volkshochschule“ der MVHS werden die Zielgruppen angesprochen, die gerne mit Gleichgesinnten gemeinsam lernen wollen. Darüber hinaus ist fast jeder VHS Kurs ein intergeneratives Lernprojekt. Damit stärkt die MVHS den Zusammenhalt zwischen jung und alt und ermuntert Ältere, ihre Erfahrungen und Kompetenzen an Jüngere weiterzugeben.

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Die Münchner Volkshochschule dient nicht nur mit ihrem breiten allgemeinbildenden Bildungsangebot dem Wirtschaftsstandort München, sondern auch mit einem spezifischen berufsbezogenem Angebot. Als Konsequenz auf technologische Entwicklungen bietet die MVHS für alle Interessierte, die Gelegenheit in einem außerbetrieblichen Lernzusammenhang, sich die aktuellen IT-Kompetenzen anzueignen und weiterzuentwickeln. Da unsere Arbeitsgesellschaft zunehmend „diskontinuierliche Erwerbsbiographien“ hervorbringt, konzentriert sich die MVHS darüber hinaus auf die Vermittlung berufsübergreifender Kompetenzen, die die Menschen in die Lage versetzen sollen, sich neu zu orientieren und auf der Basis einer breiten berufsbezogenen Bildung die eigene Berufsbiographie aktiv mitzugestalten. Darüber bietet sie in Kooperation mit der kommunalen Wirtschaft insbesondere für bildungsbenachteiligte Zielgruppen (z.B. für Migrantinnen) Qualifizierungsprojekte an, die diesen einen erfolgreichen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ermöglichen. Für die MVHS ist die allgemeine Weiterbildungsfähigkeit der Menschen eine zentrale Voraussetzung für deren Beschäftigungsfähigkeit.

Die MVHS ist ein öffentliches Forum für gelebte Demokratie. Sie initiiert öffentliche Debatten und fördert den Austausch von unterschiedlichen Positionen. Insofern kultiviert sie auch den öffentlichen Streit. Ein Akzent ihrer politischen Bildungsarbeit ist die Beschäftigung mit kommunalen Themen. Aktuellerweise lässt sich dieses Aufgabenverständnis an folgenden eindrucksvollen und ausgewählten Beispielen verdeutlichen:

1._   Die MVHS bearbeitet in Geschichtswerkstätten in Stadtvierteln die dunkelsten Kapitel der Münchener Stadtgeschichte. Deren veröffentlichten Ergebnisse sind unverzichtbare Beiträge zur Münchner Stadtgeschichte.

2._ Die MVHS initiiert seit zwei Jahren einen „Klimaherbst“. Koordiniert wird ein städtisches Netzwerk an Veranstaltungen, die sich mit den unterschiedlichsten inhaltlichen Facetten des Klimawandels beschäftigen. Informations- und Diskussionsveranstaltungen, Anregungen zur Reflexion, Ausstellungen und Besichtigungen sowie die Beschäftigung mit praktischen Konsequenzen   ermöglichen sehr unterschiedliche Zugänge zur Auseinandersetzung mit der Thematik.

Die Münchner Volkshochschule fördert mit einem wohnartnahen Gesundheitsbildungsprogramm die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. Dabei geht es ihr mit ihren spezifischen Angeboten im Regelfall um die Verbindung von Theorie und praktischer Übung.

KUNST UND PUBLIKUM _ Sie trägt in verschiedener Hinsicht zu kulturellen Vitalität des Gemeinwesens bei. So verbindet sie beispielsweise Kunst und Publikum, in dem sie den Menschen den Weg zu den Museen, Kunstschätzen, Theater und Konzerte durch entsprechende Begleitprogramme ermöglicht. Sie fördert natürlich auch die kulturelle Mitgestaltung des kommunalen Gemeinwesens mit einem eigenen Kulturzentrum und Ateliers oder etwa mit Werkausstellungen.

Im Rahmen zahlreicher Kooperationen mit den Münchner Hochschulen und Universitäten bringt die MVHS die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung zu den Bürgerinnen und Bürgern und stärkt damit deren Urteilskraft. Fast 1500 Münchnerinnen und Münchner gehen in diesem Zusammenhang im Rahmen eines „studium generale“ auch eine langfristige Lernverpflichtung ein.

Die Münchner Volkshochschule ist nicht nur offen für die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren. Sie fördert auch in ihrem Wirkungskreis das kommunale Bildungsnetzwerk für die Umsetzung des lebenslangen Lernens. Sie arbeitet mit den Münchner Schulen zusammen, gestaltet in Pilotprojekten das Ganztagesangebot mit, entwickelt für Schulen eine bedürfnisorientierte Elternbildung, betreibt eine Beratungseinrichtung „Übergang Schule und Arbeitswelt“, unterstützt in Projekten die Schulsozialarbeit, veranstaltet gemeinsam mit der städtischen Bibliothek ein Bildungsprogramm, arbeitet in einem ökologischen Bildungszentrum mit dem Münchner Umweltzentrum eng zusammen oder bietet spezifische Fremdsprachenangebote an einer Fachhochschule an.

BERATUNG GEHÖRT DAZU _ Ihre Weiterbildungsberatungsstelle hat sie in eine umfassendere kommunale  Weiterbildungsberatungsstelle im Zusammenwirken mit dem Referat für Arbeit und Wirtschaft und dem Schulreferat integriert. Nicht zuletzt ist die Münchner Volkshochschule mit ihren fast 3000 Dozentinnen und Dozenten, die ihre fachlichen und erwachsenenpädagogischen Kompetenzen aus allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen einbringen, selbst Ausdruck eines kommunalen Netzwerkes.

Bundesweite Programme  wie „Lernende Regionen“ und „Lernen vor Ort“ zeigen, dass die kommunale Ebene bei der Realisierung der bildungspolitischen Strategie des „Lernens im Lebenslauf“ eine wachsende Bedeutung hat. VHS sichern ein wohnortnahes, breitgefächertes Grundangebot, fördern die Weiterbildungs-beteiligung, bemühen sich besonders um sog. bildungsferne Gruppen,  konzentrieren sich auf Schnittstellen im Bildungssystem, leisten übergreifenden Support und gestalten kommunale Bildungsnetzwerke mit. Mit ihrer in mehrfacher Hinsicht integrativen Funktion leisten sie unverzichtbare Beiträge zum kulturell lebendigen, demokratischen und ökonomisch erfolgreichen kommunalen Gemeinwesen.