Griechenland: Krise und Bildung

Von: Valter Fissaber (Berater im Arbeits- und Wirtschaftsministeriums Griechenlands)

Valter Fissaber

Berater im Arbeits- und Wirtschaftsministeriums Griechenlands

Valter Fissaber (Athen) Studium in Köln, Arbeit bei der EG – Kommission im Zuge des Beitritts Griechenlands, Leiter des Forschungs- und Beratungsinstituts VfA in Athen, zahlreiche europäische Kooperationsprojekte, von 2009 bis 2011 Präsident des griechischen Zentrums für Berufsorientierung, danach Berater im Arbeits- und Wirtschaftsministerium.


In den vergangenen Monaten wurde in allen Medien sehr viel über die Probleme der griechischen Wirtschaft und auch über die damit eng zusammen hängende soziale Krise der griechischen Gesellschaft berichtet. Es ist aber kaum bekannt, wie die dortige Situation im Bereich von Bildung und Ausbildung ist. Dabei würde niemand widersprechen, wenn man behaupten würde, dass „ die Zukunft von  Wirtschaft und Lebensqualität in Griechenland davon abhängen wird, ob Qualität und Leistung des Bildungssystems verbessert werden, während man sich weiterhin zur sozialen Gerechtigkeit verpflichtet“ (Schleicher, OECD 2011). Das würde bedeuten, dass das Land in Bildung und Ausbildung investieren muss. In der jetzigen Krise wird der Schwerpunkt der Bemühungen um Verbesserung wohl vor allem in der Beseitigung von Fehlentwicklungen und in der Minderung von Ineffizienz liegen müssen.

Einige Merkmale des aktuellen griechischen Bildungssystems

Was aber charakterisiert das heutige griechische Bildungssystem, und wo liegen seine Schwächen und Stärken?

  • Laut PISA 2009 (Anagnostopoulou 2011), gehört Griechenland der Gruppe der OECD Länder an, die in den Standardfeldern Textverständnis, Mathematik und Physik etwas schwächere Ergebnisse als der Durchschnitt aufweisen Dabei liegt Griechenland auch hinter einer Reihe von Ländern zurück, die niedrigere  Ausgaben pro Schüler aufweisen, oder die sich auf dem gleichen oder niedrigerem Wirtschaftsniveau bewegen
  • Das Schüler/Lehrer – Relation und die Größe der Schulklassen sind in Griechenland im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern niedriger.
  • Griechische Lehrer haben mit Abstand die wenigsten Unterrichtsstunden in Europa. Das ist der Grund, warum die Ausgaben pro Schüler über dem europäischen Durchschnitt liegen, obwohl die Lehrergehälter sich deutlich unterdurchschnittlich sind (Schleicher, OECD, 2011).
  • Griechenland ist eines der ganz wenigen Staaten in Europa ohne jegliche Form externer Evaluierung von Schule und Unterricht.
  • Griechenland bleibt weiterhin eines der am stärksten zentral verwalteten Bildungssysteme Europas, während andere Länder in den letzten Jahren ihre Bildungssysteme stark dezentralisiert haben oder ohnehin aus einer dezentralen Tradition kommen.
  • Das Land weist in den letzten 15 Jahren enorme und kontinuierlich steigende Zahl von jungen Leuten auf, die einen Gymnasialabschluss haben und studieren.
  • Berufsausbildung ist in Griechenland quantitativ und qualitativ relativ stark entwertet. Der Grund dafür dürfte- unter anderem – darin zu suchen sein, dass  jegliche Ausbildung außerhalb von Gymnasium und Hochschule in der griechischen Gesellschaft ein negatives Image hat ( Kollias, 2009).
  • Was die Beteiligung der Bevölkerung am Lebenslangen Lernen betrifft, liegt Griechenland weit hinter der EU – Durchschnitt zurück. Die Beteiligungsrate bewegt sich um die 3,0 %, im Vergleich zu  9,5 % im europäischen Mittelwert.(Kollias, 2009).
  • Zwischen beruflicher Erst-  und Weiterbildung sind Lücken und Überlappungen häufiger als Kohäsionen und Komplementaritäten.
  • Zwischen Bildungssystem und Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ist in Griechenland kaum eine Verbindung gegeben.

Man muss trotzdem anerkennen, dass in den letzten zwei Jahren erste konkrete Bemühungen in Gang gesetzt sind, um diese Situation zu verbessern. Als Beispiel dafür können die Schritte zur Verabschiedung eines Nationalen Qualifikations- Rahmens (NQF) genannt werden (ET 2020, 2009).

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Was aber charakterisiert das heutige griechische Bildungssystem, und wo liegen seine Schwächen und Stärken?

  • Laut PISA 2009 (Anagnostopoulou 2011), gehört Griechenland der Gruppe der OECD Länder an, die in den Standardfeldern Textverständnis, Mathematik und Physik etwas schwächere Ergebnisse als der Durchschnitt aufweisen Dabei liegt Griechenland auch hinter einer Reihe von Ländern zurück, die niedrigere  Ausgaben pro Schüler aufweisen, oder die sich auf dem gleichen oder niedrigerem Wirtschaftsniveau bewegen
  • Das Schüler/Lehrer – Relation und die Größe der Schulklassen sind in Griechenland im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern niedriger.
  • Griechische Lehrer haben mit Abstand die wenigsten Unterrichtsstunden in Europa. Das ist der Grund, warum die Ausgaben pro Schüler über dem europäischen Durchschnitt liegen, obwohl die Lehrergehälter sich deutlich unterdurchschnittlich sind (Schleicher, OECD, 2011).
  • Griechenland ist eines der ganz wenigen Staaten in Europa ohne jegliche Form externer Evaluierung von Schule und Unterricht.
  • Griechenland bleibt weiterhin eines der am stärksten zentral verwalteten Bildungssysteme Europas, während andere Länder in den letzten Jahren ihre Bildungssysteme stark dezentralisiert haben oder ohnehin aus einer dezentralen Tradition kommen.
  • Das Land weist in den letzten 15 Jahren enorme und kontinuierlich steigende Zahl von jungen Leuten auf, die einen Gymnasialabschluss haben und studieren.
  • Berufsausbildung ist in Griechenland quantitativ und qualitativ relativ stark entwertet. Der Grund dafür dürfte- unter anderem – darin zu suchen sein, dass  jegliche Ausbildung außerhalb von Gymnasium und Hochschule in der griechischen Gesellschaft ein negatives Image hat ( Kollias, 2009).
  • Was die Beteiligung der Bevölkerung am Lebenslangen Lernen betrifft, liegt Griechenland weit hinter der EU – Durchschnitt zurück. Die Beteiligungsrate bewegt sich um die 3,0 %, im Vergleich zu  9,5 % im europäischen Mittelwert.(Kollias, 2009).
  • Zwischen beruflicher Erst-  und Weiterbildung sind Lücken und Überlappungen häufiger als Kohäsionen und Komplementaritäten.
  • Zwischen Bildungssystem und Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ist in Griechenland kaum eine Verbindung gegeben.

Man muss trotzdem anerkennen, dass in den letzten zwei Jahren erste konkrete Bemühungen in Gang gesetzt sind, um diese Situation zu verbessern. Als Beispiel dafür können die Schritte zur Verabschiedung eines Nationalen Qualifikations- Rahmens (NQF) genannt werden (ET 2020, 2009).

Wenn man diese Merkmale zu Bildung und Ausbildung in Griechenland betrachtet, entsteht kein einheitliches Bild. Einiges scheint sehr positiv zu sein (z.B. niedrigste Lehrer –Schüler – Relation   in Europa), und gleichzeitig liegt vieles im Argen (z.B. fast keinerlei Verbindung der Schule zur Arbeitswelt, geschweige denn zum  Arbeitsmarkt). Manches an diesem widersprüchlichen Bild des griechischen Bildungssystems lässt sich  erklären, wenn man den sozialen und vor allem den kulturellen  Hintergrund der griechischen Gesellschaft mit berücksichtigt. Als ein Beispiel hierfür kann das hohe persönliche und familiäre Engagement für die Bildung der Kinder dienen; dies zeigt sich vor allem an den Aufwendungen, die für Bildung außerhalb der regulären staatlichen Bildungsinstitutionen aufgebracht werden. Ein anderes Beispiel: Disziplinlosigkeit im Klassenzimmer und erst recht im Hörsaal hat eine lange Tradition in Griechenland. Laut OECD Studie (Schleicher, OECD 2011) weisen die griechischen Studenten das schlechteste Disziplinarklima unter allen Studenten in den OECD – Ländern, auf.

Der Einfluss der europäischen Bildungspolitiken

Die europäischen Bildungspolitiken haben die griechische Bildungspolitik im erheblichen Umfange beeinflusst. Dieser erfolgte, systematisch gesehen, über drei miteinander verknüpfte „Schienen“:

1.  Europäische „Gesetzgebung“ und europäischer politischer Rahmen.

Hierzu gehört z.B. der Europäische Qualifikationsrahmen und die Verpflichtung für die Mitgliedsländer, einen entsprechenden Nationalen Qualifikationsrahmen einzuführen. Aber auch politische Texte, wie z.B. die Schlussfolgerung des Rates vom 12. Mai 2009 (ET 2020), haben in Griechenland zu Reformimpulsen geführt.

2. Von den Strukturfonds finanzierte Maßnahmen.

Finanzierung durch den Strukturfonds war für Griechenland stets eine wichtige Quelle für Reformen, weil dabei europäische Prioritäten und Ziele zu beachten sind. Als typische Beispiele dafür können genannt werden: die modellhafte Einführung von Ganztagsschulen, die Modernisierung von Weiterbildung, eine breite Etablierung von Betriebspraktika in der Berufsausbildung, die Einführung von Master – Abschlüssen und nicht zuletzt  neue Unterrichtsmethoden ( e-learning, blended learning, usw) für griechische Schulen (Eurydice – 2010).

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3. Beteiligung griechischer Organisationen im Rahmen europäischer Projekte.

Die relativ rege Beteiligung griechischer Organisationen an internationalen Innovationsprojekten – meistens im Sinne eines know- how -Transfers nach Griechenland – hat in erheblichem Umfang zu einer Kompetenzentwicklung, vor allem auch im Kreis des Bildungspersonals selbst, geführt. Ausgehend von europäisch initiierten Modellprojekten sind immer wieder Versuche unternommen werden, erfolgreich erprobte Ansätze zu „mainstreamen“ – dies allerdings durchweg mit weniger durchschlagenden Erfolgen. Als Beispiele für die Wirkungen solcher Projekte könnten genannt werden:

  • eine im Laufe der Jahre immer substantieller werdende Berücksichtigung des Prinzips der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern auf allen Ebenen des Bildungs- und Ausbildungssystems (Stylianidou 2004),
  • die Einführung von ausbildungsbegleitenden Elementen,
  • die Einführung von Betriebspraktika als fester Bestandteil der Berufsausbildung, und
  • der Einsatz von aktiven  gegenüber den vormals ausschließlich passiven Beschäftigungspolitiken.

Man könnte diese Liste der Beispiele fast beliebig erweitern. Damit lässt sich die Frage nach dem Gewicht der europäischen Bildungspolitiken für Griechenland eindeutig positiv beantworten, zumindest, wenn man die verschiedenen Strukturebenen von Bildung und Ausbildung ins Auge fasst.

Umbau des Bildungssystems: zu langsam, nicht breit und nicht tiefgehend genug

Von Europa kommende positive Impulse, die Schaffung von – finanziellen und normativen – Rahmenbedingungen waren für Reformen nützlich. Viel wichtiger aber ist die Antwort auf die Frage, ob dies auch zu messbaren Vorteilen für die Schülerinnen und Schüler und für die Beschäftigten  Griechenlands, geführt hat. Es ist kaum bestreitbar, dass – gemessen an der Vielzahl von Programmen und Initiativen und den Mitteln, die geflossen sind- breitere und tiefer gehende Wirkungen hätten erzielt werden müssen. Während andere europäische Länder in derselben Zeitperiode viel größere Fortschritte erzielen konnten, ist die griechische Wirkungsbilanz eher ernüchternd bis negativ und muss möglicherweise sogar mit zu den Ursachen der gegenwärtigen Krise gerechnet werden.

Leider gibt es keine wissenschaftlich fundierten Schätzungen über die – immer durch das „Nadelöhr“ der griechischen Politik vermittelte – Auswirkungen der europäischen Bildungspolitiken an der Basis, also für die Lebens- und Arbeitsperspektiven der Beschäftigten und der nachwachsenden Generationen. Aus diesem Grund kann man nur indirekt ( z.B. PISA – Ergebnisse, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, vorzeitige Schulabbrüche, internationaler Rang der Wettbewerbs-fähigkeit des Landes, u.a.) schlussfolgern.

Eine solche Schlussfolgerung könnte lauten: Was europäisch angestoßen und durch griechische Politik umgesetzt wird, hat – bis jetzt – die Bildungs- und Arbeitsmarktsituation der Menschen nicht substantiell verbessert. Aber: Die europäische Bildungspolitik hat erhebliche Wirkungen gehabt für die Ausbildung von „know-how“ bei griechischen Bildungsexperten und  -praktikern und für  notwendige Reformen breit sensibilisiert. Insofern hat sich – gegenüber der Situation etwa einer Dekade vorher – die Mentalitäts- und Kompetenzbasis für einen tief gehenderen Reformprozess verbessert und verbreitert.

Was muss getan werden?  Was kann die EU dazu beitragen?

Die Hauptverantwortung hierfür liegt auf der griechischen Seite, und es würde den Rahmen dieses Artikels überschreiten, die Themen der nationalen  Bildungsstrategien  und der Prioritäten in der Ausbildungspolitik hier zu erörtern. Aber es ist von ebenfalls großer Bedeutung, was innerhalb der europäischen Bildungspolitiken anders gemacht werden könnte, um größere und direktere positive Wirkungen auf die Bildungs- und Lebenssituation der Menschen zu erzielen.

Ich erlaube mir an dieser Stelle, einige Empfehlungen zu formulieren:

  • Der Europäische Sozialfonds sollte in der kommenden Programmperiode verstärkt  Finanzmittel für Griechenland vorsehen, und zwar zu Lasten des Regionalfonds. Die Vorschläge der Kommission zum zukünftigen EU – Finanzrahmen 2014-2020 sehen dies eindeutig vor; es besteht aber die Gefahr, dass diese Priorität  unter dem Druck einer Reihe von Mitgliedsstaaten aufgeweicht wird.
  • Es war meiner Meinung nach eine Fehlentscheidung, das Konzept der Gemeinschaftsinitiativen (EQUAL, LEADER) zu nationalisieren und thematisch zu begrenzen. Es müsste weiterhin europäisch „gesteuert“ und auf Bereiche wie Bildung und Ausbildung, Anwendung von Innovationen ausgedehnt werden. Damit würde ein europäisches Korrektiv gegenüber gerade in Krisenzeiten erkennbaren Tendenzen, auf alte und  teilweise rückständige Pfade zurück zu greifen, gesetzt werden.
  • Was die bestehenden europäischen Programme auf dem Gebiet der Bildung und Ausbildung (LLL Programm, PROGRES Programm) angeht, möchte ich – mit Griechenland im Kopf – zum Beispiel für das Programm Lifelong Learning vorschlagen: dieses sollte dahingehend erweitert werden, dass erfolgreiche Konzepte mit Unterstützung des Programms  tatsächlich praktisch umgesetzt werden können, wie es früher mit den Projekten aus ESF Artikel 6 der Fall war. Dies wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Wirksamkeit.

In diesem Zusammenhang, soll auf eine Problematik hingewiesen werden, die bisher kaum beachtet worden ist. Die meisten Konzepte und Politiken, die aufgrund ihres innovativen Gehalts als transferfähig angesehen werden, stammen – zusammen mit der dazugehörigen Know-how – Kapazität – aus dem Norden bzw.den westlichen Regionen Zentraleuropas. Das hat zur Konsequenz, dass zumeist den Partnern aus den Süden und teilweise auch aus dem Osten Europas Lösungen angeboten werden, die deren  in ihren jeweiligen Kulturen wurzelnde Stärken nicht genügend berücksichtigen und ihnen von daher auch nicht ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten bieten.

Es müsste stärker als bisher berücksichtigt werden, was die „Empfängerländer“ brauchen und welche starken Voraussetzungen und Kompetenzen sie einbringen. Eine „Transfer“ – Politik, die in diesem Sinne mehr auf „gleicher Augenhöhe“ ansetzt, würde nicht nur Ländern wie Griechenland nützen,  sondern auch im Sinne eines zukünftig gemeinsames Europa der Bürgerinnen und Bürger einen Schritt weiter führen.

Literatur

Andreas Kollias + Kathy Kikis-Papadakis, „ Greek National Report on LLL and adult learning“, 2009, ITE Crete im Rahmen des Projekts EFELSE – Evaluation Framework fort he Evolution of LLL strategies in Europe.

Andreas Schleicher (OECD task force), “Education policy advice for Greece”, OECD 2011.

Kyriaki Anagnostopoulou, “PISA 2009 ” ( PISA 2009 ΠΡΩΤΑ ΑΠΟΤΕΛΕΣΜΑΤΑ ΓΙΑ ΤΗΝ ΕΛΛΑΔΑ” (PISA 2009 Erste ergebnisse von Griechenland), Zentrum fuer Bildungsforschung, Athen 2011.

Education and Training 2020 (ET 2020), Bruessel 2009, J.O. (119-28.5.2009).

Eurydice (2010), National system overviews on education systems in Europe and on-going reforms, 2010 Edition.

F. Stylianidou, G. Bagakis and D. Stamovlasis (2004). “ Attracting, developing, and retaining effective teachers: country background report for Greece, 2004, Athens.