Duale Ausbildung befindet sich in einer Phase der strukturellen Veränderung

Akademisierung: Herausforderung für die Gewerkschaften?

Von: Uta Kupfer (Bereichsleiterin Berufsbildungspolitik), Thomas Ressel (Ressortleiter bei der IG Metall)

Uta Kupfer

Bereichsleiterin Berufsbildungspolitik

Leiterin des Bereichs Berufsbildungspolitik in der ver.di Bundesverwaltung. Davor Tätigkeit in der Erwachsenenbildung, Jugendarbeit in der Gewerkschaft HBV, Bundesjugendsekretärin, Referentin im Bereich Berufsbildungspolitik. Federführend für die Arbeitnehmer in zahlreichen Neuordnungsverfahren, Mitglied des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung und verschiedener Unterausschüsse.    


Thomas Ressel

Ressortleiter bei der IG Metall

Thomas Ressel leitet das Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main. Der Diplom-Volkswirt und gelernte Industriekaufmann studierte auf dem zweiten Bildungsweg von 1987 bis 1990 an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg Volkswirtschaft. Seit 1990 arbeitet er als Gewerkschaftssekretär beim IG Metall Vorstand, zunächst zehn Jahre in der Abteilung Jugend, anschließend ein Jahr in der Abteilung Mitglieder und seit 2001 im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik, seit 2013 ...
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GEWERKSCHAFTEN Es ist nichts Schlechtes, wenn junge Menschen nach akademischer Bildung streben. Der zunehmenden Studienneigung den Kampf anzusagen, wäre der falsche Weg und auch nicht erfolgversprechend.

In den letzten zehn Jahren hat sich der Anteil der jungen Menschen, die ein Studium aufnehmen, deutlich erhöht. Inzwischen wird vor dieser, in der Vergangenheit von vielen geforderten Entwicklung zu mehr akademischer Bildung, teilweise heftig gewarnt. So spricht beispielsweise Julian Nida-Rümelin von einem „Akademisierungswahn“ (Nida-Rümelin 2014). Zeitgleich mit der wachsenden Anzahl von Studienanfängern ist die Anzahl der Neuverträge in der dualen Berufsausbildung auf einem Tiefstand.

Hochschulische und berufliche Bildung sind keine Gegensätze

Veränderungen in der Arbeitswelt insbesondere durch Digitalisierung lassen vermuten, dass höhere Anforderungen an Qualifikationen bestehen, die nur durch ein Studium zu erlangen sind. Der sehr hohe Anteil Studierender im europäischen Ausland, wo es kein duales Berufsbildungssystem gibt und die scheinbar zahllosen Möglichkeiten, die ein Studium eröffnet bringt junge Menschen und nicht zuletzt deren Eltern dazu, das Studium als den Königsweg des beruflichen Werdegangs zu sehen. Mittlerweile verlassen 50 Prozent der Schulabgänger die Schule mit einer Hochschulreife. Der direkte Weg in das Studium ist dann zwar möglich, aber nicht immer richtig, die hohe Zahl von Studienabbrechern deutet darauf hin. Mittlerweile sind es fast ein Drittel der Studienanfänger, die ihr Studium zunächst wieder abbrechen und sich neu orientieren, zum Teil auch hin zur dualen Berufsausbildung.

Ist die Entwicklung hin zu mehr akademischer Bildung tatsächlich dramatisch, wie Nida-Rümelins Beschreibung vermuten lässt? Passt dieser Bildungsmix für die Anforderungen im Beschäftigungssystem? Droht die duale Berufsausbildung zur Restgröße für Jugendliche mit mittleren Schulabschluss und Hauptschulabschluss zu werden? Ist die wachsende Anzahl junger Akademiker und Akademikerinnen gut vorbereitet für ihre berufliche Entwicklung? Und was bedeuten die Veränderungen im Bildungsverhalten für die Gewerkschaften?

Die Verschiebungen zwischen den Sektoren des Ausbildungsgeschehens erfordern tatsächlich, dass sich Gewerkschaften damit beschäftigen und Positionen entwickeln. Allerdings sollte die Situation nicht dramatisiert werden. Es ist nichts Schlechtes, wenn junge Menschen nach akademischer Bildung streben. Der zunehmenden Studienneigung den Kampf anzusagen, wäre der falsche Weg und auch nicht erfolgversprechend.

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Mehr Mitbestimmung: „Deshalb plädieren wir sehr dafür, dass sich die Sozialparteien als wesentliche Akteure im Beschäftigungssystem mit der Gestaltung von Studiengängen beschäftigen.“

Deshalb plädieren wir sehr dafür, dass sich die Sozialparteien als wesentliche Akteure im Beschäftigungssystem mit der Gestaltung von Studiengängen beschäftigen und Qualitätsansprüche an berufliches Lernen an Hochschulen formulieren. Gleichzeitig ist es wichtig, die berufliche Bildung gleichwertig zur hochschulischen Bildung zu positionieren. Wichtige Grundlagen hat dafür der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) geschaffen, nun muss nachgelegt werden. Der DQR muss rechtlich verankert werden, um die Basis dafür zu schaffen, die Gleichwertigkeit von Bildungsabschlüssen und die Durchlässigkeit zwischen den Bildungswegen zu etwas Erfahrbaren für die Menschen zu machen. Erklärungen zur Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit reichen nicht aus.

Bildungsverhalten junger Menschen

Wie stellt sich das Bildungsverhalten junger Menschen aktuell tatsächlich dar? Oft wird behauptet, dass rund die Hälfte eines Altersjahrgangs ein Studium beginnt. Verglichen werden dabei die Studienanfänger mit den Anfängern in der dualen Ausbildung. Dabei bleiben aber weite Teile der beruflichen Bildung außen vor. Schaut man auf die statistischen Zahlen aller Anfänger/innen in den unterschiedlichen Bildungssektoren nach der Sekundarstufe I, zeigt sich ein differenzierteres Bild (BIBB 2017) und mit einem Blick auf die Statistik lässt sich ziemlich genau erkennen, wie sich die Anfänger/innen im Ausbildungsgeschehen den einzelnen Bereichen der Berufsbildung, Übergangsbereich, Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung und Studium zuordnen lassen.

Den größten Anteil am Ausbildungsgeschehen hat immer noch die Berufsbildung mit 34,7 %, allerdings in den letzten zehn Jahren leicht rückläufig (-4,6 %). Zum Bereich der Berufsausbildung gehören die duale Berufsausbildung, die schulische Berufsausbildung in den Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufen sowie die sonstige schulische Berufsausbildung. Insgesamt begannen 2016 rund 705.000 junge Menschen eine Ausbildung im Sektor Berufsausbildung. Den größten Anteil daran hatte die duale Berufsausbildung mit rund 520.000 Ausbildungsanfänger/innen.

Der Anteil der Studienanfänger/innen ist in den zurückliegenden Jahren deutlich gewachsen Rund 511.000 junge Menschen begannen 2016 ein Studium, das entspricht 25,2 % der Anfänger/innen im Ausbildungsgeschehen und einem Zuwachs von 39 % im Vergleich zu den Vorjahren.

514.000 junge Menschen erwarben eine Hochschulzugangsberechtigung. Das entspricht einem Anteil von 25,4 % an den Sektoren des Ausbildungsgeschehens und ist eine Steigerung von rund 13 %. Nicht alle Absolventen dieses Sektors beginnen ein Studium, ein großer Teil nimmt anschließend auch eine Berufsausbildung auf. Der Anteil der jungen Menschen, die einen Ausbildungsvertrag in der dualen Berufsausbildung abschließen obwohl sie eine Hochschulzugangsberechtigung haben, ist auf einen aktuellen Höchstwert von 27,7 % gestiegen.

Wenn wir den Blick auf die jungen Menschen richten, die mit schlechten Startchancen auf den Ausbildungsmarkt treffen, so wissen wir, dass sie entsprechende Unterstützungsinstrumente brauchen und zunächst meist in den Übergangsbereich einmünden. 2016 waren das rund 298.000 junge Menschen. Der Anteil der Übergangsmaßnahmen am Ausbildungsgeschehen beträgt aktuell 14,7 %. Erfreulich ist, dass die Anfänger/innen in diesem Bereich in den zurückliegenden Jahren um rund 28 % gesunken sind. Seit 2014 stieg der Anteil dieses Sektors allerdings wieder an. Ein dabei zu berücksichtigender Fakt ist die Aufnahme von Geflüchteten in die Berufsvorbereitung.

Die Daten verdeutlich zwar eine Verschiebung zwischen den Bildungssektoren zugunsten der hochschulischen Bildung aber von einem „Akademisierungswahn“ zu sprechen erscheint uns überzogen und nicht Zielführend. Der weitaus größte Bildungsbereich ist weiter die Berufsbildung. Allerdings darf diese Einschätzung nicht dazu verleiten, die strukturellen Probleme gerade im dualen Ausbildungssystem zu überdecken oder auch die Probleme im dreigliedrigen Schulsystem und die damit verbundenen Selektionsmechanismen nicht in den Blick zu nehmen. Auch die Herausforderung, den Übergangsbereich wieder deutlich zu reduzieren, bleibt eine wichtige Aufgabenstellung. Wir sind allerdings auch überzeugt, ein isoliertes Betrachten einzelner Bildungssektoren greift zu kurz.

Welche Bildung braucht die Gesellschaft

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant 1784).

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Ziel der Mitwirkung: „Wenn Gewerkschaften an der Gestaltung von Ausbildungsordnungen oder anderen curriculare Vorgaben mitwirken, geht es vor allem auch um Persönlichkeitsentwicklung (reflexiv und kritisch denken).“

Dieses Verständnis der Aufklärung von Kant und die Aufforderung sich seines Verstandes zu bedienen muss Anspruch sein, wenn es um Bildung geht. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben sich zu bilden, damit die Grundlagen für seine persönliche Entfaltung zu schaffen und gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu hinterfragen, um damit letztlich sein Leben, das gesellschaftliche Zusammenleben und den Umgang mit der Umwelt nachhaltig zu gestalten. Bildung bedeutet für uns deshalb vor allem auch Persönlichkeitsentwicklung.

Wenn Gewerkschaften an der Gestaltung von Ausbildungsordnungen oder anderen curriculare Vorgaben mitwirken, geht es vor allem auch um Persönlichkeitsentwicklung (reflexiv und kritisch denken). Die duale Berufsausbildung gestalten wir bereits mit und können diesen Anspruch einbringen. Absolventen der dualen Berufsausbildung verfügen aufgrund der in ihrer Ausbildung entwickelten beruflichen Handlungskompetenzen über die Fähigkeiten flexibel auf Veränderungen in den Arbeitsanforderungen zu reagieren, team- und projektorientiert zu arbeiten, Arbeitsprozesse in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen, entsprechend zu handeln und eigenes Handeln zu reflektieren. Sie wachsen hinein in die community of practice.

Unternehmen schauen primär aus Verwertungssicht der Arbeitskraft sowie Kostengesichtspunkten auf das Thema Bildung und Qualifizierung. Im Vordergrund stehen allerdings meist die Qualifikationsanforderungen in Bezug auf konkrete Arbeit und darauf, welche Kompetenzen benötigt werden, um Aufgaben zu bewältigen. Dabei wägen sie ab, mit welchem Arbeitskräftemix und welchen vorgehaltenen Qualifikationen Profit sichergestellt werden kann. Die unternehmerischen Strategien sind durchaus vielschichtig und abhängig von einzelbetrieblichen Entscheidungen. Ausschlaggebend für Entscheidungen ist, mit welcher Strategie der beste Nutzen erzielt werden kann bzw. erwartet wird.

Unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen entscheidet Bildung über den Wert der Arbeitskraft von Arbeitnehmer/innen. Das ist jungen Menschen durchaus bewusst, wenn sie sich gegen eine Ausbildung in Berufen entscheiden, die geprägt sind von niedrigen Einkommen und unattraktiven Arbeitsbedingungen. Auch die Entscheidung für ein Studium ist meist von Erwartungen an die zukünftige berufliche Entwicklung beeinflusst.

Die duale Ausbildung befindet sich in einer Phase der strukturellen Veränderung. Die Anzahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge hat sich zwar bei rund 520.000 Neuverträgen in den letzten Jahren stabilisiert, liegt aber deutlich unterhalb der Werte um die Jahrtausendwende (rd. 600.000 jährliche Neuverträge). Insbesondere die Ausbildungsbeteiligung von Kleinbetrieben ist in den letzten Jahren rückläufig, obwohl sie grundsätzlich auf eine duale Ausbildung setzen. Wie sonst wäre die Klage des Handwerks nach fehlenden Auszubildenden zu bewerten? Ein großer Teil der unbesetzten Ausbildungsplätze befindet sich in Kleinbetrieben und im Handwerk. Die geringe Tarifbindung und in der Folge niedrige Einkommen sowie belastende Arbeitsbedingungen erschweren es vielen Betrieben, in diesen Bereichen für Jugendliche attraktiv zu sein.

Insbesondere das Handwerk versucht die Attraktivität der Berufsausbildung für Jugendliche mit neuen Angeboten, wie der Verzahnung von Aus- und Fortbildung, der Koppelung von Ausbildung und Berufsabitur oder der Etablierung einer Marke Höhere Berufsbildung zu steigern. Ob damit Wirkung erzielt werden kann, bleibt abzuwarten.

Fragen des Einkommens und der Arbeitsbedingungen, die den Status von Berufen im Handwerk deutlich heben könnten, stehen nicht wirklich sichtbar auf der Agenda der Handwerksarbeitgeber. Dem Argument, das Wettbewerbsbedingungen und Kosten dem entgegenstehen, kann mit einer wirksamen Tarifbindung begegnet werden. Damit würden für alle Betriebe gleiche Wettbewerbsbedingungen bei der Bezahlung gelten.

Die Verzahnung von Aus – und Fortbildung ist auch ein Weg des Einzelhandels zur Fachkräftegewinnung. Mit den sogenannte Abiturientenprogrammen wird für Schulabgänger/-innen mit Hochschulzugangsberechtigung ein konkretes Modell angeboten, bei dem die Absolvent/ innen in der Regel nach drei Jahren sowohl über den beruflichen Ausbildungsabschluss der Einzelhandelskaufleute als auch über den Abschluss der Aufstiegsfortbildung Handelsfachwirt verfügen. Nach dieser Qualifizierung werden die Absolventen vorrangig auf der unteren Führungsebene eingesetzt. (Assistenz der Filialleitung) Hier geht es vor allem darum, Jugendliche mit einer höheren Schulbildung für eine Tätigkeit im Einzelhandel zu gewinnen.

Immer stärker setzen Unternehmen in der Industrie und im Dienstleistungsbereich auf duale Studiengänge in der Form von praxisintegriertem dualem Studium. Über 100.000 Jugendliche beginnen inzwischen jährlich ein duales Studium, über die Hälfte davon in praxisintegrierter Form (AusbildungPlus 2017). Die Zusammenarbeit mit Hochschulen eröffnet den Unternehmen einen individuellen Gestaltungsspielraum in der Ausbildung. Die Stärke der dualen Ausbildung, das Erfahrungslernen, wird im besten Fall passgenau in Studiengänge eingebunden.

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Duales Studium: „Ein duales Studium ist nur attraktiv, wenn die Lernphasen im Praxisteil des Studiums curricular gut mit den Phasen an der Hochschule verzahnt sind.“

Jedoch ist ein duales Studium nur attraktiv, wenn die Lernphasen im Praxisteil des Studiums curricular gut mit den Phasen an der Hochschule verzahnt sind. Das ist nicht bei allen Studiengängen gegeben, wie die Klagen der Studierenden den Gewerkschaften gegenüber vermuten lassen. Wir sehen hier Regelungsbedarfe, die in das Regelwerk der Akkreditierung aufgenommen werden müssen, als auch über die Akkreditierung hinausgehen und betrieblich über die Gremien der Tarifparteien oder Interessenvertretungen geregelt werden müssen.

Neben den dualen Studiengängen setzen Unternehmen auch verstärkt auf die Rekrutierung von Hochschulabsolventen. Im Gegenzug verzichten sie insbesondere im kaufmännischen Bereich auf die duale Berufsausbildung. Diese Entwicklungen werden nicht ohne Folgen für das System der dualen Berufsausbildung sein und es bleibt abzuwarten, wie sich die Unternehmensstrategien und das veränderte Bildungsverhalten junger Menschen in der Zukunft auswirken. Bei Absolventen dualer Studiengänge und Hochschulen steigt das Risiko von unterwertiger Arbeit, mit der Folge von zunehmender Frustration und Motivationsproblemen, wenn Erwartungen an die Arbeitsbiographie nicht erfüllt werden.

Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weist darauf hin, dass bis zum Jahr 2035 der Bedarf in akademischen Berufen gedeckt werden könne. Ab 2026 wird allerdings die Gefahr eines Fachkräftemangels im mittleren Qualifikationssegment prognostiziert, wenn die Trends der letzten Jahre anhalten sollten (Maier u.a. 2016). Deshalb beschäftigen sich Gewerkschaften mit der Frage, wie die duale Berufsausbildung attraktiv für die Betriebe und die Jugendlichen bleiben kann.

Für Gewerkschaften ist es bedeutend, Hochschulen auch als Orte ihres Handelns zu begreifen. Die IG Metall hat bereits vor Jahren die Studierendenarbeit als Handlungsfeld begriffen und in allen Bezirken und an ausgewählten Hochschulstandorten Verantwortlichkeiten geklärt und Ressourcen bereitgestellt. Inzwischen haben sich über 40.000 Studierende in der IG Metall organisiert.

Mit Gründung der Gewerkschaft ver.di wurde die Gruppe der Studierenden im Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung angesiedelt. Gleichzeitig sind sie auch in den verschiedenen Fachbereichen verankert. Hochschulpolitik von der Studienqualität bis zum BAföG gehörte also von Anfang an dazu. Dass es für Gewerkschaften wichtig ist und ihre Politik bei Studierenden ankommt, zeigt die wachsende Zahl der Mitglieder.

Berufliches Lernen an Hochschulen und in der beruflichen Aus- und Fortbildung neu denken

Aus unserer Sicht sollte berufliches Lernen in der Berufsausbildung und an den Hochschulen gemeinsam gedacht werden. Die Bildungssysteme isoliert zu betrachten, birgt das Risiko einer verschärften Konkurrenz zwischen den Systemen, wenn die Akteure der jeweiligen Systeme versuchen nur ihre Strukturen zu stärken. Ausgangspunkt für eine gesamtgesellschaftliche Bildungsstrategie für die Bereiche berufliche Aus- und Fortbildung sowie hochschulische Bildung sollten gemeinsame Qualitätsansprüche an berufliches Lernen sein. Im Leitbild der erweiterten modernen Beruflichkeit hat die IG Metall bereits 2014 diese Qualitätsansprüche formuliert. Auch der wissenschaftliche Beraterkreis von IG Metall und ver.di hat Leitlinien für eine gemeinsame duale, schulische und hochschulische berufliche Bildung in den Berufs-Bildungs-Perspektiven 2014 entworfen.

Im Leitbild der erweiterten modernen Beruflichkeit wurden fünfzehn Qualitätsansprüche formuliert. Diese Qualitätsansprüche gelten bildungsbereichsübergreifend und beschreiben gemeinsam die Anforderungen an einen Kompetenzerwerb für berufliche Handlungsfähigkeit in seiner Gesamtheit, beginnend mit breiten fachlichen Qualifikationen, der Fähigkeit des Lernenden zur Reflexion, seiner Eigenverantwortung und seiner sozialen Kompetenzen.

Berufliches Lernen:

  • erfordert eine fachlich breite Qualifikation;
  • vermittelt Wissen, Handlungsfähigkeit und ermöglicht praktische Erfahrungen;
  • orientiert sich an Arbeits- und Geschäftsprozessen;
  • geschieht durch die Bewältigung von (berufstypischen) Aufgaben;
  • ist entdeckendes und forschendes Lernen;
  • ist Bildung;
  • ist soziales Lernen;
  • zielt auf die Reflexion und Gestaltung von Arbeit;
  • umfasst die Reflexion und Gestaltung von Lern- und Berufswegen;
  • bereitet auf die Berufsrolle vor;
  • fördert und entwickelt Identität;
  • verknüpft Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung;
  • zielt auf ein anderes Theorie-Praxis-Verhältnis;
  • hat unterschiedliche Zielorte;
  • schließt niemanden aus (IG Metall 2014).

Die in diesen Dimensionen dargestellten Qualitätsansprüche geben eine Orientierung zur Politikgestaltung. Peter Faulstich hat dieses 2015 bei einem Vortrag aus Sicht des wissenschaftlichen Beraterkreis von IG Metall und ver.di prägnant beschrieben:

„Wenn wir eine Bildungs- und Arbeitspolitik in Richtung auf einen Integrationsprozess wollen, der die bisherige Trennung selektiver Bildungsinstitutionen und polarisierter Arbeitseinsatztypen überwindet, muss auch die Polarität von ‚akademischem‘ und ‚betrieblichem‘ Bildungstyp aufgehoben und müssen die traditionellen Barrieren zwischen Facharbeitern und Akademikern aufgebrochen werden, die sich über hierarchisch orientierte Abschlüsse begründen.“ (Faulstich 2015)

1. Aus unserer Sicht braucht es einen bildungspolitischen Zukunftsentwurf, der sich an folgenden Aspekten orientiert:Das mehrgliedrige Bildungssystem ist geprägt von Selektion, Konkurrenz, Ökonomisierung und einem Denken in den jeweiligen Regelungskreisen. Eine Gesamtsicht auf Bildung ist kaum strukturiert und strategisch möglich, da die Interessen der jeweiligen Bildungsbereiche und ökonomische Interessen Transparenz und gemeinsames Wirken verhindern. Es braucht einen bildungsbereichsübergreifenden Reformdiskurs. Welchen Anspruch an Bildung hat unsere Gesellschaft und um welche Werte geht es uns bei der Bildung? Eine Reformkommission Bildung, in der Bund, Länder, Kommunen und Sozialpartner gemeinsam eine gesellschaftliche Bildungsstrategie entwickeln ist überfällig. Matthias Anbuhl hat dies bereits in der letzten Ausgabe von DENK-doch-MAL.de skizziert (Anbuhl 2017). Die Ökonomisierung von Bildung muss zurückgedrängt werden und Bildung muss wieder zum gesellschaftlichen Gut werden.

2. Berufliches Lernen sollte als Ganzes in den Blick genommen werden. Aus- und Fortbildung sowie hochschulische Bildung müssen ganzheitlich gedacht werden. Die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten individuell und entlang der Anforderungen der Arbeitswelt müssen bildungsbereichsübergreifend gestaltet werden. Die Trennung von Erfahrung und Wissenschaft löst sich in den Bildungswegen bereits auf. Erfahrungslernen und Wissenschaftsorientierung sind keine Gegensätze, wie das Beispiel der dualen Studiengänge zeigt. Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung gelingt nur, wenn Bildungsgänge aufeinander bezogen sind.

3. In den Berufsfeldern, beispielsweise Handel, öffentliche Verwaltung, Finanzdienstleistung, IT, Metall oder Elektro sollen Monitoringverfahren entwickelt und etabliert werden, die eine Früherkennung ermöglichen. Sozialpartner und Wissenschaftler unter Beteiligung von Praxisexperten sollen hier die Entwicklungen in den Berufsfeldern beobachten, analysieren und Handlungsfolgerungen vereinbaren. Durch eine kontinuierliche Zusammenarbeit können so schnell und flexibel Veränderungen aufgenommen und Maßnahmen eingeleitet werden. Die Entwicklung von Berufsprofilen und Studiengängen erfolgt weiterhin in den Strukturen der jeweiligen Expertenkreise. Es gäbe aber einen übergeordneten Austausch, der einen Beitrag zum Verständnis von Bildungswegen leistet und Raum für neue Synergien eröffnet.

Literatur

Anbuhl, Matthias; Wer eine offene Gesellschaft verteidigen will, muss die sozialen Sorgen der Menschen aufgreifen, Die gespaltene (Bildungs-)Republik, denk-doch-mal.de, 2017, http://denk-doch-mal.de/wp/matthias-anbuhl-die-gespaltene-bildungs-republik/

AusbildungPlus: Duales Studium in Zahlen 2016, Bonn 2017

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB); Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2017, Bonn 2017

Faulstich, Peter; Konvergenzstrategie für eine gemeinsame Weiterentwicklung betrieblicher, schulischer und hochschulischer Berufsbildung, Vortrag vor dem Bildungsausschuss der IG Metall vom 21. Mai 2015, in: www.wap.igmetall.de

IG Metall; Leitbild erweiterte moderne Beruflichkeit, Frankfurt/M. 2014

Kant, Immanuel; in: Berlinische Monatshefte, 1784, Vgl. http://immanuel-kant.net/philosophie-werke/zeitalter-der-aufklaerung/aufklaerung

Nida-Rümelin, Julian; Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung, 2014

Maier, Tobias; Zika, Gerd; Wolter, Marc Ingo; Kalinowski, Michael; Neuber-Pohl, Caroline, BIBB-Report 3/2016

Wissenschaftlicher Beraterkreis der Gewerkschaften IG Metall und ver.di; Berufs-Bildungs-Perspektiven 2014, Berlin/Frankfurt am Main 2014