Deutschland hat viele ungelöste Probleme auf dem Ausbildungsmarkt

Von den Schwierigkeiten des Übergangs von der Schule in die berufliche Ausbildung

Von: Ursula Beicht (Bildungsforscherin im BIBB), Dr. Günter Walden (Bildungsforscher beim BIBB)

Ursula Beicht

Bildungsforscherin im BIBB

Ursula Beicht ist seit 2003 Mitarbeiterin im Arbeitsbereich, Berufsbildungsangebot und -nachfrage/Bildungsbeteiligung‘ im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Bildungsbiografie von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Übergang Schule – Berufsausbildung.


Dr. Günter Walden

Bildungsforscher beim BIBB

Dr. Günter Walden, geboren 1952, Studium der Volkswirtschaftslehre, 1977 Abschluss als Diplom-Volkswirt an der Technischen Universität Berlin, 1988 Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Bremen. Nach Tätigkeit in der Markt- und Sozialforschung seit 1981 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn. Von 1998 bis 2003 Leiter des Arbeitsbereichs Kosten, Nutzen, Finanzierung. Seit 2003 Leiter der Abteilung ‚Sozialwissenschaftliche Grundlagen der Berufsbildung‘. Wichtigste Arbeits- und Forschungsgebiete: Kosten, Nutzen, Finanzierung beruflicher Bildung, Lernortforschung, betriebliches Ausbildungsverhalten, ...
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Vergleicht man die Höhe der Jugendarbeitslosigkeit zwischen einzelnen Ländern in Europa, so schneidet Deutschland sehr gut ab. Dennoch: Auch das duale System hat genug Schwachstellen.

So lag nach den Zahlen von Eurostat die Quote arbeitsloser Jugendlicher im Alter von 15 bis 24 Jahren für Deutschland im Oktober 2014 mit 7,5 % deutlich unter dem EU-Durchschnittswert von 21,8 %. Länder wie Griechenland, Spanien und Italien weisen Jugendarbeitslosenquoten von über 40 % auf. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich diese Werte nur auf solche Jugendlichen beziehen, die dem Arbeitsmarkt auch tatsächlich zur Verfügung stehen, Schüler und Studenten werden also herausgerechnet.

Obwohl in den genannten südeuropäischen Ländern die meisten Jugendlichen im betreffenden Alter noch Schulen oder Hochschulen besuchen, sind die hohen Jugendarbeitslosenquoten für diese Länder bedrohlich. In Diskussionen über die Gründe dafür, warum die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland relativ niedrig ist, wird neben der vergleichsweise guten wirtschaftlichen Situation häufig der besondere Vorteil des dualen Berufsausbildungssystems hervorgehoben. Aufgrund des ausgeprägten Praxis- und Arbeitsmarktbezugs der dualen Ausbildung verlaufe der Übergang in die Arbeitswelt in Deutschland reibungsloser als in anderen Ländern, die eher auf schulische Ausbildungsgänge setzen, wird argumentiert.

IMG_5644Im internationalen Vergleich bestätigt sich dies insofern, als auch andere Länder, in denen die betriebliche Ausbildung große Bedeutung hat, niedrige Quoten der Jugendarbeitslosigkeit aufweisen. Dies gilt innerhalb der EU gleichermaßen für Österreich, die Niederlande und Dänemark. Betrachtet man die deutsche Situation, sollten die vergleichsweise positiven Zahlen aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Weg in die Arbeitswelt für viele Jugendliche nach wie vor sehr schwierig ist. In diesem Beitrag werden wesentliche Entwicklungen in der beruflichen Bildung skizziert und wichtige Probleme des Übergangs von der Schule in eine berufliche Ausbildung dargestellt.

Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze rückläufig

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im dualen System der beruflichen Ausbildung ist seit einigen Jahren rückläufig. Betrug die Zahl der Verträge 2011 noch fast 570.000, so wurden 2014 nur noch rund 522.000 Verträge abgeschlossen (vgl. zu den einzelnen Zahlen im Folgenden Matthes u.a. 2014a). Ein Grund hierfür liegt darin, dass sich die Zahl der Schulabgänger in den letzten Jahren deutlich reduzierte und damit auch die Nachfrage nach betrieblichen Ausbildungsplätzen zurückging. Betrug die Zahl der Absolventen aus allgemeinbildenden Schulen im Jahr 2005 noch rund 940.000, so ist diese Zahl 2014 um mehr als 100.000 auf knapp 830.000 gefallen. Hinzu kommt eine Verschiebung in der Struktur der Schulabgänger: So stieg der Anteil der Jugendlichen, die eine Studienberechtigung erworben haben, stark an. Der weitaus größte Teil dieser Jugendlichen nahm ein Studium an einer Hochschule auf, wodurch sich die Nachfrage nach betrieblicher Ausbildung zusätzlich reduzierte.

Trotz der stark gesunkenen Schulabgängerzahlen bewegt sich die Zahl der Jugendlichen, die bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz leer ausgehen, derzeit immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Zwar zeigen die Indikatoren des Ausbildungsmarktes (wie die Angebots-Nachfrage-Relation) verglichen mit den Zeiten, in denen sehr viel mehr Jugendliche auf den Ausbildungsmarkt drängten, eine Verbesserung der Marktsituation für die Jugendlichen an. Doch suchten 2014 nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zum Stichtag 30. September immer noch rund 81.000 registrierte Ausbildungsstellenbewerber einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Von den bei der BA insgesamt gemeldeten Bewerbern können regelmäßig nur rund die Hälfte in eine duale Ausbildung vermittelt werden. Allerdings sind nicht alle an betrieblicher Ausbildung interessierten Jugendlichen bei der BA registriert, da die Meldung freiwillig ist und oft auf eine Unterstützung durch die BA bei der Ausbildungssuche verzichtet wird. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat anhand offizieller Statistiken berechnet, dass 2014 von allen ausbildungsinteressierten Personen 64,4 % tatsächlich eine duale Ausbildung aufnehmen konnten (Matthes u.a. 2014a). Diese Zahlen zeigen, dass sich sehr viel mehr Jugendliche für eine Ausbildung im dualen System interessieren, als schließlich einmünden.

Trotz der nach wie vor hohen Zahl erfolgloser Bewerber ist in den vergangenen Jahren auch die Zahl der bei den Betrieben unbesetzt gebliebenen Ausbildungsplätze gestiegen. Zum Stichtag 30. September 2014 betrug die Zahl der bei der BA gemeldeten unbesetzten Ausbildungsplätze immerhin rund 37.000 und hat sich damit gegenüber 2009 mehr als verdoppelt. Die gegenwärtige Situation auf dem Ausbildungsmarkt, bei der es eine hohe Zahl erfolgloser Marktteilnehmer sowohl beim Angebot der Betriebe als auch der Nachfrage der Jugendlichen gibt, wird vom BIBB mit dem Begriff „Passungsprobleme“ beschrieben (Matthes u.a. 2014b).

Die Vorstellungen der Betriebe und die Wünsche der Jugendlichen passen offensichtlich häufig nicht zueinander. Dies betrifft zum einen z. B. die Erwartungen der Betriebe im Hinblick auf den Schulabschluss und die Schulnoten von Bewerbern. Zum andern gibt es aber auch ein großes Missverhältnis zwischen den beruflichen Wünschen der Jugendlichen und dem betrieblichen Bedarf. So gibt es einerseits Berufe mit hohen Anteilen unbesetzter Ausbildungsplätze, wie z. B. Restaurantfachmann/-frau, Fleischer/-in oder Klempner/-in, und andererseits Berufe mit wenigen unbesetzten Ausbildungsplätzen und vielen erfolglosen Bewerbern, wie z. B. Bürokaufmann/-frau, Raumausstatter/-in oder Veranstaltungskaufmann/-frau (Matthes u.a. 2014b). Insbesondere Berufe im Handwerk und in der Gastronomie sind für viele Jugendliche weniger attraktiv, während das Interesse der Jugendlichen an kaufmännischen und Dienstleistungsberufen besonders ausgeprägt ist.

Immer noch viele Jugendliche im Übergangsbereich

Seit vielen Jahren hat sich in Deutschland ein sogenanntes Übergangssystem, d.h. ein Übergangsbereich der beruflichen Bildung etabliert. Es handelt sich hierbei um eine Vielzahl unterschiedlicher Bildungsgänge, die nur eine berufliche Grundbildung bzw. Teilqualifizierung, nicht aber einen Berufsabschluss vermitteln (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008; Beicht und Eberhard 2013). Jugendliche, die bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz leer ausgehen, nehmen häufig zunächst eine Bildungsmaßnahme im Übergangssystem auf, um sich danach erneut um eine Ausbildungsstelle zu bewerben. Im Jahr 2005 hatte der Übergangsbereich mit rund 420.000 Neuzugängen einen Höchststand erreicht (Dionisius u.a. 2014).

IMG_6320In den vergangenen Jahren reduzierte sich die Zahl der Neuzugänge in den Übergangsbereich aufgrund der Abnahme der Schulabgängerzahlen und der verbesserten Marktsituation für Ausbildungsstellenbewerber deutlich. 2013 lag die Zahl der Neueintritte nur noch bei unter 260.000 (Dionisius u.a. 2014). Gleichwohl handelt es sich immer noch um einen quantitativ sehr bedeutsamen Bildungsbereich. Für eine Beurteilung des Übergangsbereichs ist zu beachten, dass es sich um sehr unterschiedliche Bildungsmaßnahmen handelt, die nicht immer nur als Auffangmaßnahmen für erfolglose Bewerber zu betrachten sind. Hier ist insbesondere darauf aufmerksam zu machen, dass im Übergangsbereich teilweise auch ein Hauptschulabschluss oder mittlerer Schulabschluss nachgeholt werden kann, was in der Regel einen besseren Zugang zu den Ausbildungsberufen des dualen Systems ermöglicht. Knapp ein Drittel der Absolventen des Übergangsbereichs hatte 2012 einen solchen höheren Schulabschluss erworben (Dionisius u.a. 2014).

Bedeutung der Berufsausbildung in berufsbildenden Schulen unverändert

Traditionell gibt es in Deutschland als Alternative zum dualen Berufsausbildungssystem auch eine voll qualifizierende Ausbildung an beruflichen Schulen. Einen besonders hohen Anteil haben hier die Gesundheits-, Sozial- und Erziehungsberufe, für die es in der dualen Ausbildung keine Entsprechung gibt. Aufgrund der ausgeprägten Konzentration auf bestimmte Berufe ist der Frauenanteil in der schulischen Berufsausbildung besonders hoch. In den Gesundheits- und Sozialberufen betrug dieser Anteil im Jahr 2012 fast 80 % (Schier 2014). Trotz des Rückgangs der Schulabgängerzahlen blieb die absolute Zahl der Anfänger in vollqualifizierenden schulischen Ausbildungsgängen fast konstant (2005: 215.000; 2013: 212.000) (Schier 2014). Dabei gab es in den Berufen des Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesens eine Steigerung (2005: 142.000; 2013: 167.000), während andere Berufsbereiche an Bedeutung verloren haben (Schier 2014). Die allermeisten schulischen Berufe setzen allerdings einen mittleren Schulabschluss voraus und sind deshalb in der Regel keine Alternative für Jugendliche mit Hauptschulabschluss.

Schwieriger Zugang zu betrieblicher Ausbildung für bestimmte Gruppen von Jugendlichen Eine betriebliche Ausbildungsstelle zu finden stellt für viele Jugendliche die größte Hürde auf dem Weg von der Schule in die Arbeitswelt dar. Die Entscheidung über den Abschluss eines Ausbildungsvertrages fällen die Betriebe, die einen Ausbildungsplatz anbieten und sie legen hier bedarfsbezogene Kriterien an. Analysen des Übergangsgeschehens kommen hier zum Ergebnis, dass bestimmte Gruppen unter den Jugendlichen besonders große Schwierigkeiten haben, direkt nach der Schule einen betrieblichen Ausbildungsplatz zu erhalten. Zu nennen sind insbesondere Jugendliche mit Hauptschulabschluss, Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie junge Frauen.

Jugendliche mit Hauptschulabschluss

Eine Vielzahl von Untersuchungen zum Übergang in eine betriebliche Ausbildung kommt übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die Chancen von Jugendlichen mit schlechteren schulischen Voraussetzungen niedriger sind. Insbesondere gilt dies für Jugendliche mit Hauptschulabschluss, wobei den Schulnoten noch eine zusätzliche Bedeutung zukommt (z. B. Beicht und Walden 2014a, Protsch 2014). Hauptschülern gelingt vor allem der direkte Einstieg in eine berufliche Ausbildung häufig nicht und sie müssen oft zunächst eine Teilqualifizierung im Übergangsbereich aufnehmen. So haben rund 70 % der Teilnehmer an einer Maßnahme des Übergangsbereichs maximal einen Hauptschulabschluss (Beicht und Eberhard 2013). Obwohl ein großer Teil der Hauptschüler schließlich doch noch eine Berufsausbildung durchlaufen kann, bleibt dennoch jeder dritte Hauptschüler letztlich ohne Abschluss einer Berufsausbildung (Braun u.a. 2014). Bei Personen ohne Schulabschluss liegt die Quote derjenigen ohne Berufsabschluss sogar bei über 60 % (Braun u.a. 2014). Bei Personen mit einem Realschulabschluss oder einer Hochschulzugangsberechtigung sind mit 8,7 % und 5,4 % die Anteile nicht formal Qualifizierter dagegen erheblich niedriger (Braun u.a. 2014).

Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss stellten in den 1960er Jahren noch den weitaus überwiegenden Teil der Absolventen allgemeinbildender Schulen. Heute sind sie mit 22,8 % dagegen eine Minderheit (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2014: 91). Dies hat dazu geführt, dass derzeit auch nur noch ein Drittel der Ausbildungsbetriebe Hauptschulabsolventen ausbildet (Gerhards u.a. 2013). Dabei hat sich auch das berufliche Spektrum, welches Hauptschülern zugänglich ist, im Laufe der Jahre deutlich eingeengt (Troltsch und Walden 2012). Jugendliche mit Hauptschulabschluss werden dabei eher in kleineren als in größeren Betrieben und eher im Handwerk als in Industrie und Handel ausgebildet (Gerhards u.a. 2013).

Jugendliche mit Migrationshintergrund

Wie viele Studien zeigten, haben Jugendliche aus Familien mit einer Migrationsgeschichte mit besonderen Schwierigkeiten beim Übergang in eine berufliche Ausbildung zu kämpfen.Junge Migranten verfügen im Schnitt über schlechtere Schulabschlüsse und ihre geringeren Übergangschancen sind zum Teil hiermit zu erklären. So haben 45 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund maximal einen Hauptschulabschluss, während es bei den anderen Jugendlichen nur 29 % sind (Beicht und Walden 2014c). Allerdings sind die Aussichten auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz auch bei gleichem Schulabschluss schlechter:. In der Gruppe der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss, die am Ende ihrer Schullaufbahn eine duale Ausbildung anstreben, liegt der Anteil derjenigen, die innerhalb von drei Jahren erfolgreich einmünden, bei Migranten mit 75 % deutlich niedriger als bei Nicht-Migranten mit 84 %. Bei den Schulabsolventen mit einem mittleren Abschluss betragen die entsprechenden Werte 72 % und 84 % (Beicht und Walden 2014c). Hervorzuheben ist allerdings, dass für die Gruppe der Studienberechtigten Unterschiede in den Einmündungschancen zwischen Migranten und Nicht-Migranten nicht nachweisbar sind (Beicht und Walden 2014c).

IMG_3230Für die Gruppe der ausbildungssuchenden Jugendlichen ohne Studienberechtigung bleiben In statistischen Analysen die geringeren Chancen von Migranten gegenüber Nicht-Migranten auch dann erhalten, wenn zusätzlich eine Vielzahl anderer möglicher Einflussfaktoren auf den Übergang in eine duale Ausbildung berücksichtigt wird. Dieses Ergebnis bedeutet, dass dann selbst unter gleichen Bedingungen der Zugang von Migranten zu betrieblicher Ausbildung schwieriger ist als für Nicht-Migranten. Vermutlich liegen die Ursachen hierfür in den Auswahlprozessen bei der Vergabe der betrieblichen Ausbildungsplätze. Einiges deutet darauf hin, dass es teilweise Vorbehalte in Betrieben gegenüber Bewerbern mit Migrationshintergrund gibt (Scherr 2015).

Betrachtet man alle Jugendlichen, also unabhängig davon, ob sie tatsächlich eine duale Ausbildung anstreben oder nicht, so ist zusätzlich auch auf Unterschiede in der Bildungsaspiration zwischen Migranten und Nicht-Migranten hinzuweisen. Migranten mit maximal einem mittleren Schulabschluss suchen wesentlich seltener nach einer betrieblichen Ausbildung als vergleichbare Jugendliche ohne Migrationshintergrund (Beicht und Walden 2014b). Hier gibt es offensichtlich noch Aufklärungsbedarf bei nicht-studienberechtigten Jugendlichen mit Migrationshintergrund hinsichtlich der Vorteile einer dualen Berufsausbildung. Migranten mit einer Studienberechtigung interessieren sich dagegen sogar stärker für eine betriebliche Berufsausbildung als studienberechtigte Nicht-Migranten.

Junge Frauen

Junge Frauen sind in der dualen Berufsausbildung traditionell schwächer vertreten als Männer. So betrug der Frauenanteil im dualen System im Jahr 2012 nur 39 % (Gericke und Lissek 2014). Dagegen ist die schulische Ausbildung eine Domäne der Frauen. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Berufswahl und die Berufstätigkeit von Männern und Frauen immer noch stark unterscheiden. So entscheiden sich Frauen vor allem für kaufmännische und Dienstleistungsberufe, während gewerbliche und technische Berufe auch heute noch weit überwiegend von Männern erlernt und ausgeübt werden. Vor allem in den Gesundheits-, Sozial- und Erziehungsberufen ist der Frauenanteil sehr hoch und diese Berufe werden zu einem erheblichen Teil in der schulischen Ausbildung erlernt.

Es ist hervorzuheben, dass Frauen nicht allein deshalb in der dualen Berufsausbildung geringer vertreten sind, weil sie seltener eine solche Ausbildung anstreben, Vielmehr haben auch diejenigen Frauen, die einen Beruf im dualen System erlernen wollen, schlechtere Einmündungschancen im Vergleich zu Männern. So waren von den bei der BA gemeldeten Bewerbern im Jahr 2012 nur 40,3 % der Frauen gegenüber 45,6 % der Männer bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz erfolgreich, obwohl Frauen die deutlich besseren schulischen Voraussetzungen aufwiesen (Beicht und Walden 2014a: 9). Analysen von Beicht und Walden (2014) zeigen, dass die Unterschiede in den Einmündungschancen zwischen Männern und Frauen auf ihre unterschiedlichen Berufsinteressen zurückzuführen sind. Frauen streben vor allem besonders attraktive kaufmännische- und Dienstleistungsberufe an, während sich für die insgesamt weniger nachgefragten gewerblich-technischen Berufe weit überwiegend Männer bewerben. Junge Frauen haben also deshalb geringere Einmündungschancen, weil die Konkurrenz unter den Bewerbern in den sie interessierenden Berufen viel höher ist. Allerdings kann man Frauen nicht ohne weiteres raten, auf gewerbliche und technische Berufe auszuweichen, da sie hier teilweise immer noch mit Vorbehalten von Seiten der Betriebe zu kämpfen haben.

Handlungserfordernisse

Die Ausführungen haben deutlich gemacht, dass in Deutschland trotz des relativ niedrigen Ausmaßes der Jugendarbeitslosigkeit der Übergang junger Menschen von der Schule in die Arbeitswelt nach wie vor mit Problemen verbunden ist. Die Zahl der Jugendlichen, die bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz leer ausgehen, ist ebenso wie die Zahl der Personen, die ohne einen anerkannten Berufsabschluss verbleiben, nach wie vor relativ hoch. Die Berufsbildungspolitik hat hier immer noch erhebliche Herausforderungen zu bewältigen.

Im Dezember 2014 hat sich eine neue Allianz für Aus- und Weiterbildung konstituiert, der neben Bund, Ländern und der Wirtschaft auch die Gewerkschaften angehören. Die Allianz hat sich eine Reihe von Zielen gesetzt, die wesentlich auf einen Abbau bestehender Übergangsprobleme abstellen. U.a. soll jedem Jugendlichen ein Weg aufgezeigt werden, der frühestmöglich zu einem Berufsabschluss führen kann. Ebenfalls sollen die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt verringert werden und der Übergangsbereich soll stärker als bisher das Ziel des Erwerbs eines anerkannten Berufsabschlusses berücksichtigen. Die neue Allianz für Aus- und Weiterbildung beschäftigt sich insofern mit bedeutenden Problemlagen der gegenwärtigen Situation des Übergangs von der Schule in die Ausbildung. Ein wesentlicher Prüfstein der künftigen Arbeit der Allianz wird dabei sein, inwieweit es tatsächlich gelingt, Jugendliche verstärkt in voll qualifizierende Ausbildung zu bringen und nicht mehr auf teilqualifizierende Bildungsmaßnahmen des Übergangsbereichs zu verweisen.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich. Bielefeld 2008

Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2014. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung von Menschen mit Behinderungen. Bielefeld 2014

Beicht, Ursula; Eberhard, Verena: Ergebnisse empirischer Analysen zum Übergangssystem auf Basis der BIBB-Übergangsstudie 2011. In: Die Deutsche Schule, 105 (2013) 1, S. 10-27

Beicht, Ursula; Walden , Günter: Berufswahl junger Frauen und Männer: Übergangschancen in betriebliche Ausbildung und erreichtes Berufsprestige, BIBB Report 4/2014. Bonn 2014a.

Beicht, Ursula; Walden, Günter: Chancennachteile von Jugendlichen aus Migrationsfamilien beim Übergang in berufliche Ausbildung. Welche Rolle spielt die soziale Herkunft? In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 110 (2014b) 2, S. 188-215

Beicht, Ursula; Walden, Günter: Einmündungschancen in duale Berufsausbildung und Ausbildungserfolg junger Migranten und MIgrantinnen. Ergebnisse der BIBB-Übergangsstudie 2011, BIBB Report 5/2014. Bonn 2014c.

Braun, Uta; Schandock, Manuel; Weller, Sabrina: A9.3 Junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn 2014, S. 285-290

Dionisius , Regina; Illiger, Amelie; Schier, Friedel;: A6 Die integrierte Ausbildungsberichterstattung im Überblick. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn 2014, S. 232-244

Gerhards, Christian; Troltsch, Klaus; Walden, Günter: Jugendliche mit Hauptschulabschluss in der betrieblichen Berufsausbildung: Wer bildet sie (noch) aus, welche Erfahurngen gibt es und wie können ihre Chancen verbessert werden? BIBB Report 22/13. Bonn 2013.

Gericke, Naomi; Lissek, Nicole: A 4.2 Gesamtbestand der Ausbildungsverhältnisse. In: Berufsbildung, Bundesinstitut für (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbeericht 2014. Bonn 2014, S. 101-110

Matthes, Stephanie ; Ulrich, Joachim Gerd; Flemming, Simone; Granath, Ralf-Olaf: Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2014. Duales System vor großen Herausforderungen. Bonn 2014a.

Matthes, Stephanie; Ulrich, Joachim Gerd; Krekel, Elisabeth M.; Walden, Günter: Wachsende Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt: Analysen und Lösungsansätze. Bonn 2014b.

Protsch, Paula: Segmentierte Ausbildungsmärkte. Berufliche Chancen von Hauptschülerinnen und Hauptschülern im Wandel. Opladen, Berlin,Toronto 2014
SCHERR, ALBERT (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung. Stand der Forschung, Kontroversen, Forschungsbedarf. Weinheim und Basel 2015

Schier, Friedel: A5 Berufsausbildung in berufsbildenden Schulen. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn 2014, S. 222-229

Troltsch, Klaus; Walden, Günter: Exklusion und Segmentation in der beruflichen Bildung im längerfristigen Vergleich. In: Sozialer Fortschritt, 61 (2012) 11-12, S. 287-297