Hauptschüler auf dem Weg ins Arbeitsleben

Übergänge aus der Looserecke

Von: Tilly Lex (Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Jugendinsituts (DJI), München), Dr. Frank Braun (Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Jugendinstituts (DJI), München)

Tilly Lex

Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Jugendinsituts (DJI), München

Tilly Lex ist seit 1999 Mitarbeiterin des Forschungsschwerpunkts „Übergänge in Arbeit“ beim DJI. Davor machte sie eine Ausbildung zur Elektroassistentin in der Schule für technische Assistenzberufe der Fa. Siemens, München mit daran anschließender dreijähriger Berufstätigkeit in der Abteilung «Zentrale Forschung und Entwicklung» Bereich Halbleitertechnologie. Sie ist Absolventin des zweiten Bildungswegs auf der Berufsoberschule für Technik und Gewerbe – Erwerb der fachgebundenen Hochschulreife. Arbeitsaufenthalte in Frankreich; Zusatzprüfung in Französisch – Erwerb der allgemeinbildenden Hochschulreife. Studium der ...
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Dr. Frank Braun

Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Jugendinstituts (DJI), München

Dr. Frank Braun ist seit 1999 Leiter des Deutschen-Jugend-Instituts, Forschungsschwerpunktes „Übergänge in Arbeit“. Davor war er Lehrer an „inner city schools“ in Cleveland/Ohio, Research Assistant am Office of Research and Field Services/School of Education der University of Pittsburgh, Assistent von Saul Robinsohn am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen Abteilungen des DJI. Seine Arbeitsgebiete sind: Wissenschaftliche Begleitung von Modellprogrammen zur beruflichen Integration von Jugendlichen; Erforschung der Bildungs-, Ausbildungs- und Erwerbsbiographien von Jugendlichen und ...
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Auf über 200.000 fehlende Ausbildungsplätze schätzte die Bundesagentur für Arbeit Anfang Juli 2007 die „aktuelle Lehrstellenlücke“ . Ende September 2007 werden wahrscheinlich rd. 40.000 bis 50.000 Bewerberinnen und Bewerber als noch unversorgt gemeldet sein. Wo bleiben die anderen Jugendlichen? Haben sie alle kurzfristig einen Ausbildungsplatz gefunden?Neun oder maximal zehn Jahre beträgt die Schulpflicht in Deutschland. Mit 15 oder 16 Jahren haben Jugendliche ihre Schulpflicht erfüllt. Laut Berufsbildungsbericht beträgt das Durchschnittsalter bei Beginn der Berufsausbildung fast 19 Jahre. Was geschieht in den Jahren zwischen Ende der Schulpflicht und dem Beginn der Ausbildung?

Wege von Hauptschülern in die Ausbildung

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI)geht diesen Fragen in einer Untersuchung nach. Im März 2004 wurden bundesweit in 126 Schulen rund 4.000 Schülerinnen und Schüler im letzten Schulbesuchsjahr der Hauptschule (bzw. in Hauptschulzweigen von Gesamtschulen und anderen Sekundarschulen) per Fragebogen nach ihren Schulerfahrungen und ihren weiteren Bildungs- und Ausbildungsplänen befragt. Jungen stellten deutlich mehr als die Hälfte der Befragten. 53 % stammten aus Zuwandererfamilien.Seitdem wurden die Jugendlichen in halbjährlichen Abständen zu ihren weiteren Wegen durch das Bildungs- und Ausbildungssystem interviewt. 1.522 Jugendliche haben bis November 2006 an allen Befragungen teilgenommen. Wie sind ihre Wege nach Ende der Schule verlaufen?

Plan und Realität an der ersten Schwelle

Knapp die Hälfte der Schülerinnen und Schüler wollte unmittelbar nach der Schule eine Berufsausbildung beginnen, gut ein Viertel weiter die Schule besuchen. 14 % sahen die Teilnahme an einem Angebot der Berufsvorbereitung als nächsten Schritt. Sonstige Pläne (Praktika, Freiwilligenjahre, Wehr- oder Zivildienst usw.) hatten 7 %. 6 % wussten noch nicht, was sie als nächstes tun wollten. Und nur 2 % gaben an, auch ohne vorherige Qualifizierung erst einmal jobben und Geld verdienen zu wollen.

003_Netzwerk_FotosTatsächlich war es im November 2004 nur jeder/m Vierten gelungen, eine Ausbildung zu beginnen. Jugendlichen aus Zuwandererfamilien mussten weit stärker als Jugendliche deutscher Herkunft ihre Ausbildungspläne zugunsten erreichbarer Alternativen zurückstellen. Eine Berufsausbildung bis November 2004 begonnen hatten deutlich mehr Jungen als Mädchen und deutlich mehr Jugendliche deutscher Herkunft als Jugendliche mit Migrationshintergrund. Gut jede/r Dritte ging im November weiter zur Schule, um überhaupt erst einmal einen Schulabschluss oder auch einen höheren Schulabschluss zu erwerben.

Mädchen gingen diesen Weg häufiger als Jungen, Jugendliche türkischer Herkunft häufiger als junge Aussiedler oder Jugendliche deutscher Herkunft. Dabei lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. Bei der größeren Gruppe war es eher ein längerfristig angelegter Plan. Diese Jugendlichen haben Bildungsziele, die sie bisher nicht hatten verwirklichen können. Bei der kleineren Gruppe (etwa ein Drittel) war der weitere Schulbesuch eher eine Notlösung. Sie überbrückten die Zeit, bis sie einen zweiten Anlauf in Richtung Ausbildung nehmen konnten und versuchten gleichzeitig, ihre Voraussetzungen zu verbessern.

Ansonsten war Berufsvorbereitung – sei es in Form eines schulischen Berufsvorbereitungsjahres, sei es als Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme der Bundesagentur für Arbeit – der quantitativ wichtigste Ausweg für diejenigen, die ihre Ausbildungsziele erst einmal nicht verwirklichen konnten. Ingesamt besuchten im November 2004 26 % der Jugendlichen eine Berufsvorbereitung, also ebenso viele, wie zu diesem Zeitpunkt eine Berufsausbildung aufgenommen hatten. Damit hat Berufsvorbereitung als Anschluss an die Hauptschule in ihrer quantitativen Bedeutung mit Berufsausbildung gleichgezogen.

Wie ging es weiter?

006_Netzwerk_FotosVergleicht man die Stationen, die die Jugendlichen vom November 2004 bis zum November 2006 erreicht haben, so ist der Anteil derjenigen, die sich in Ausbildung befinden, von 27 % auf 54 % angestiegen. Für jede/n Zweiten hat sich der Weg in die Ausbildung also um ein Jahr oder sogar zwei Jahre verzögert, aber sie haben es geschafft. Ein Fünftel der Hauptschulabsolventinnen und Absolventen gehen 30 Monate nach Ende der Pflichtschulzeit noch immer in die Schule. Das sind überwiegend diejenigen, die von vornherein höhere Schulabschlüsse anstrebten. Viele von ihnen sind dabei auch erfolgreich. Es ist zu erwarten, dass insbesondere die Mädchen ihren Weg durch schulische Ausbildungsgänge gehen und anspruchsvolle schulische Ausbildungsabschlüsse erreichen werden. Wäre unser allgemein bildendes Schulsystem anders organisiert, würden sie diese Ziele möglicherweise in kürzerer Zeit erreichen. Aber die Mädchen nutzen auch eine zweite Chance, wo sie geboten wird.

Problematisch ist die Situation des von Jahr zu Jahr anwachsenden Anteils von Jugendlichen, die zum Zeitpunkt der Befragung arbeitslos sind oder als Ungelernte arbeiten. Dieser Anteil ist von 11 % im November 2004 über 13 % im November 2005 auf 19 % im November 2006 gestiegen. Diese Jugendlichen werden schrittweise aus dem Bildungs- und Ausbildungssystem ausgegrenzt. Wenn sie keine zweite oder dritte Chance bekommen, droht ihnen ein Leben am Rande der Gesellschaft.

Wie kann die Vorbereitung von Hauptschülern auf die Zeit nach dem Pflichtschulbesuch verbessert werden?

Die Ergebnisse der DJI-Untersuchung zeigen: Hauptschüler sind keine Restschüler. Sie haben vielfältige Motive und Potenziale. Sie versuchen die Chancen zu nutzen, die ihnen geboten werden. Lehrkräfte an Hauptschulen unterstützen die Jugendlichen dabei mit großem Engagement

Wir beobachten allerdings derzeit zwei unterschiedliche Richtungen, in die sich Hauptschulen entwickeln:

014_Netzwerk_FotosIn einer ersten Entwicklungsoption setzt sich der Trend fort, dass die Hauptschule zur Schule der Jugendlichen wird, denen der Übergang in die weiterführenden Schulen misslingt bzw. von den weiterführenden Schulen in die Hauptschulen zurück geschickt werden. Diese Entwicklungsoption geht mit der Vorstellung einher, dass Hauptschülerinnen und Hauptschüler die Grenzen ihrer kognitiven Möglichkeiten erreicht haben. Praktische Erfahrungen in Betriebspraktika werden in dieser Option als Alternative zum theoretischen Lernen in der Schule gesehen. Angenommen wird, dass die Zukunft der Hauptschüler in einer Ausbildung in einfachen Berufen oder einer Befähigung für die Ausübung einfacher Arbeit liegt. Berufsbezug der Hauptschule bedeutet dann die Vorbereitung auf eine Qualifizierung für einfache Arbeit.

Auch die zweite Entwicklungsoption fordert einen stärkeren Berufsbezug der Hauptschule (aber auch von Realschulen und Gymnasien!). Berufsbezug bedeutet in dieser Option, dass durch praktisches Lernen theoretisches Lernen gefördert wird. In dieser Option sollen Betriebspraktika die Aneignung von schulischen Unterrichtsinhalten unterstützen. Diese zweite Entwicklungsoption macht Lernen im Arbeitsprozess zu einem didaktischen Prinzip eines Unterrichts, der Praxiserfahrungen nicht als Alternative zu theoretischem Lernen sieht, sondern praktisches und theoretisches Lernen zu verbinden sucht. Dabei werden die Möglichkeiten des ganztägigen Lernens genutzt, um ausreichend Raum für Betriebspraktika, schulischen Unterricht und für eine ergänzende Förderung in kleinen Lerngruppen zu gewinnen. Es ist ein Ansatz, der das Potenzial informellen Lernens außerhalb der Schule zu nutzen sucht und auch eine Öffnung zu Lernmöglichkeiten in anderen Kontexten – im Verein, im Jugendverband, im freiwilligen Engagement – systematisch betreibt.

018_Netzwerk_FotosDas Ziel ist, alle Jugendlichen mindestens zu einem Kompetenzniveau zu bringen, das eine Basis für eine Berufsausbildung bildet. Der Vielfalt der Motive und Potenziale der Jugendlichen würde man dadurch gerecht, dass die Möglichkeit des Erwerbs eines Mittleren Bildungsabschlusses selbstverständlich wird.

Viele Hauptschulen gehen bereits in diese Richtung: Sie setzen auf eine individualisierte Förderung ihrer Schülerinnen und Schüler, sie holen das Arbeitsleben in die Schule und schicken ihre Schülerinnen und Schüler hinaus ins Arbeitsleben. Sie engagieren sich im künstlerischen und kulturellen Bereich. Sie fördern ehrenamtliches Engagement und orientieren sich an Zielen wie Solidarität, Schutz der Umwelt und einem guten Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Sie holen das Leben in die Schule und schicken die Jugendlichen hinaus in das Leben mit seinen vielfältigen Lernpotenzialen.

Zur weiteren Lektüre

Birgit Reißig / Nora Gaupp: Schwierige Übergänge von der Schule in den Beruf. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 28/2007 vom 9. Juli 2007, S. 10-17.

Schule – und dann? Hauptschüler auf dem Weg ins Arbeitsleben. Kostenlos anzufordern unter: Maerz@dji.de

Tilly Lex / Nora Gaupp / Birgit Reißig / Hardy Adamzcyk: Übergangmanagement: Jugendliche von der Schule ins Arbeitsleben lotsen. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut

Irene Hofmann-Lun / Andrea Michel / Ulrike Richter / Elke Schreiber: Schulabbrüche und Ausbildungslosigkeit. Strategien und Methoden der Prävention. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut