Anschlüsse schaffen – auch für Hauptschüler

Von: Thomas Strehle (Lehrer)

Thomas Strehle

Lehrer

Jahrgang 1971, seit 9 Jahren Lehrer an einer Ganztageshauptschule in Mannheim, engagiert vor allem im Bereich Schule/Beruf, nebenberuflich Student der Erwachsenenbildung an der Techn. Universität Kaiserslautern.  


„Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben“. Dieser altbekannte Spruch wurde Generationen von Schülern mit auf den Weg gegeben. Er verweist auf den besonderen Gehalt des Lernens in der Schule: es geschieht nicht zum Selbstzweck, sondern deswegen, um Schüler auf eine Welt außerhalb der Schule vorzubereiten. Diese Vorbereitung ist eine der wesentlichen Aufgaben von Schule.

Man könnte die Aufgabe von Schule auch mit dem alten Begriff der „Lebenstüchtigkeit“ umschreiben, der für unsere Ohren allerdings etwas altbacken klingt. Die Schule ist aber auch eine Einrichtung, die bildet: Bildung ist ohne den  Einbezug der Schülererfahrungen und des außerschulischen Lebens  nur schwer möglich. So hatte es sich in der Pädagogik eingebürgert, Schule unter dem Aspekt zu sehen, wie sie die Bildung der Schüler fördern kann (vgl. Hintz/Pöppel/Rekus 1993, S. 266). Das Fragen nach Bildung unter den konkreten Bedingungen von Schule ist ein Kennzeichen jeder institutionalisierten Bildungspraxis und prinzipiell nicht abschließbar (ebenda).

Schule und Bildung stehen damit in einem Zusammenhang. Ohne die in der Schule gemachten Bildungserfahrungen ist das sich daran anschließende Leben nur schwer möglich.  „Die Schule leistet die allgemeine Bildung, das heißt, sie vermittelt die Kulturtechniken und Kenntnisse, die zur selbstverantworteten Lebensführung in der gegebenen Kultur und zum Erlernen eines gesellschaftlichen Berufes nötig sind“ (von Hentig, S. 69). Die Schule schafft Anschlüsse für alles weitere – oder passt es besser zu sagen: sie sollte es?

Die Vorbereitung auf ein selbstverantwortetes Leben in Gemeinschaften und die Fähigkeit zur Teilhabe an der gesellschaftlichen Ausgestaltung sind zentrale Aspekte schulischer Bildung. Die in der Schule stattfindenden Bildungsprozesse münden schließlich in einem Schulabschluss, dessen erfolgreiches Bestehen den Schülern die Eröffnung gesellschaftlicher Räume ermöglichen sollte. Das Schaffen von Anschlüssen wird so zu einer zentralen schulischen Aufgabe. Dabei spielt, vor allem auch in der Hauptschule, die Vermittlung der Berufsfähigkeit eine zentrale Rolle. Damit sind sämtliche Vorgänge gemeint, die die Schüler und Schülerinnen für ein Berufsleben qualifizieren: das Kennenlernen der eigenen Fähigkeiten gehört hier genauso dazu wie die Kenntnisse der Berufsbilder, zu denen diese Fähigkeiten passen.

Diese Phase des Übergangs ist ein zentraler Aspekt schulischen Lernens und Bildens, bei dem es momentan aber Schwierigkeiten gibt. Gerade für Hauptschüler passt die Verwendung des Begriffes Übergang, der ein passgenaues Übertreten von der Schule in die Berufswelt impliziert, nicht mehr. Alle Beteiligten erleben hier einen tiefen Einschnitt, denn nun treffen erworbene Kenntnisse, persönliche Erwartungen und Hoffnungen auf eine Realität, die sich als schwer gestaltbare zeigt.  Es gibt zu viele Bewerber auf zu wenig Ausbildungsplätze, der angestrebte Traumberuf oder mögliche Alternativen sind für viele nicht erreichbar.

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Einen Ausbildungsplatz direkt nach der Schule zu erhalten, ist ein hartes und mühseliges Unterfangen. Die Zahl der Ausbildungsplätze kann mit der Zahl der Schulabgänger in keinster Weise mithalten (vgl. Joachim Ulrich in dieser Online-Ausgabe).

Die Hauptschule ist in einigen Bundesländern, auch in Baden-Württemberg, eine eigenständige Schulart mit einem besonderen Profil. Sie hat sich bei ihren Schülern zum Ziel gesetzt, die eigenständige Lebensplanung im privaten und beruflichen Bereich zu fördern, Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln und die Ausbildungsfähigkeit zu verbessern ( vgl. Kultusministerium Baden-Württemberg).

Die Schüler, die an ihr den Abschluss ablegen, haben den niedrigsten Bildungsabschluss.  Sie konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt nun mit Schülern anderer Schulformen um die raren Ausbildungsplätze. Dabei haben die geringer qualifizierten die schlechteren Chancen, da die Arbeitgeber, meistens, bis auf wenige Ausnahmen, Schüler mit einem höherwertigen Abschluss vorziehen. Das bedeutet: Hauptschüler gehen leer aus, wenn sich Schüler mit einem höherwertigen Abschluss auf die gleiche Stelle bewerben. Auch Schüler mit hervorragendem Hauptschulabschluss sind der Konkurrenz aus anderen Schulformen häufig unterlegen.

„Dort (auf dem Arbeitsmarkt, T.S.) gilt knallhart: Der Bessere ist des Guten Feind. Wenn eine Firma die Wahl hat zwischen einem guten Realschüler und einem guten Hauptschüler, dann nimmt sie den mit dem höheren Abschluss. Zumal von denen ja genug da sind. Es gibt keinen Mangel. Die Kinder brauchen heute bessere Schulabschlüsse als ihre Eltern, um in die gleichen beruflichen Positionen zu gelangen. Gelingt das nicht, ist der soziale Status in der Generationenfolge gefährdet“ (Rösner 2010, S. 19).Die gesellschaftlichen Gruppen, deren Kinder auf die Hauptschule gehen und die nach Einkünften, Bildungsniveau u.ä. benachteiligt sind, werden am Ende der Schulzeit wieder benachteiligt. Gesellschaftliche Ungleichheiten wirken so in das Bildungssystem hinein.

Am Ende der Schulzeit manifestiert sich deutlich eine  Bildungsungleichheit: bestimmte Gruppen profitieren innerhalb des Bildungssystems mehr als andere. Der Grund dafür liegt darin, dass Schulleistungen in Deutschland stark mit der sozialen Herkunft korrelieren. Dies wurde immer wieder bemängelt, zuletzt und überaus deutlich durch PISA, doch geändert wurde daran kaum etwas.  „Die Abstände zwischen den sozialen Schichten allerdings sind weitgehend erhalten geblieben. Nach wie vor ist die Bildungsungleichheit nach Herkunft stark ausgeprägt. Soziale Ungleichheit bestimmt noch immer die Bildungs- und damit auch die Lebenschancen“ (Faulstich 2003, S. 33).

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Dies sind die Rahmenbedingungen, mit denen sich Schule abfinden muss und innerhalb derer sie ihren Bildungsanspruch zu verwirklichen hat. Die Frage ist: wie gehen Schule und Schüler damit um? Auf Seiten der Schüler ist deutlich zu erkennen, dass sie versuchen, einen höherwertigen Abschluss zu erreichen.  Sie scheinen die fehlende Tragfähigkeit des Hauptschulabschlusses erkannt zu haben und streben  nur dann eine Ausbildung an, wenn die Noten für eine längere Schullaufbahn zu schlecht sind. Und in der Tat: die Zahl der Hauptschüler in Ausbildung steigt an, wenn sie einen höherwertigen Schulabschluss, in der Regel die Mittlere Reife, erreicht haben. Für die Stadt Mannheim trifft dies zu: absolvieren die Schüler nach ihrem Hauptschulabschluss noch ein 10. Schuljahr (in Baden Württemberg die Werkrealschule, T.S.) steigt die Übergangsquote in Ausbildung von 15% auf 34% an.

Und die Schule? Was machen Hauptschulen angesichts dieser krisenhaften Situation? Den Hauptschulen „Business as usual“ zu unterstellen würde weder der Realität entsprechen noch wäre es fair. Viele versuchen trotz der erschwerten Bedingungen, ihren Schülern gerecht zu werden und eine Integration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die beiden Schlüsselbegriffe dafür lauten „Stärkung“ und „Kooperation“. Die Schüler sollen über Unterricht und verschiedene Projekte Kompetenzen erwerben und Fähigkeiten erlangen, die sie „stark“ und „fit“ genug machen, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können.

Gleichzeitig werden, so die Hoffnung, über diese verschiedenen Projekte und Programme Kontakte für die Schüler geknüpft, die ihnen bei der Ausbildungsplatzsuche nützen können. Beide Ziele sind nicht immer klar voneinander zu trennen: bei vielen Initiativen, auch bei den beiden, die nun vorgestellt werden, findet sowohl eine Stärkung der Schüler als auch Kooperation statt.

Ein immer bedeutend werdender Ansatz, um Hauptschüler auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, ist die Gründung von Schülerfirmen. Sie versuchen, in einem klar umgrenzten Feld wirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten. Die Schüler übernehmen dabei verschiedenste Bereiche, die für den Erfolg der Firma notwendig sind. Ein Beispiel dafür ist der Oliventraum, ein Projekt der Nachbarschafts-Hauptschule Weinsberg (Baden-Württemberg). Eine Schülergruppe fährt im Rahmen dieses Projekts jedes Jahr nach Lucca Sicula (Sizilien) und hilft bei der Olivenernte. Nach der Pressung wird das gewonnene Öl nach Deutschland transportiert. Dann beginnt die eigentliche Arbeit der Schülerfirma: sie organisiert das Abfüllen der Flaschen, das Drucken der Booklets, die Preiskalkulation und den Verkauf. An Markttagen der umliegenden Gemeinden finden sich häufig Schülergruppen vor Ort, die ihr selbst hergestelltes Öl verkaufen. Mittlerweile wurde die Produktpalette erweitert: Orangenmarmelade und Oregano werden ebenfalls verkauft. Die Kunden wissen die Qualität der Produkte und das Fachwissen der Schüler, die über jeden einzelnen Produktionsschritt genauestens berichten können, sehr zu schätzen. Die Schüler arbeiten gerne bei der Schülerfirma mit, besonders die Erntereise ist sehr beliebt. Bei allen Schülern ist das Bewusstsein gewachsen, zu einer besonderen Gruppe zu gehören und etwas Tolles zu leisten (alle Informationen zum „Oliventraum“ auf www. nhs-olivenoel.blogspot.de).

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Auch  „Rock your life“ (RYL), eine weitere regionale Alternative, ist ebenso im Haupt-schulbereich angesiedelt, doch wird hier ein vollkommen anderer Ansatz verfolgt. Studenten der privaten Zeppelin-University aus Friedrichshafen helfen Hauptschülern bei der Vorbereitung auf den Abschluss und sollen ihnen den Einstieg in den Beruf ermöglichen (Die Zeit 23/2010, S. 66). Der Student oder die Studentin fungiert dabei als Coach: er gibt Nachhilfe bei schulischen Schwierigkeiten, er unterstützt bei der Berufsorientierung, er hilft bei der Praktikumssuche oder spricht einfach nur Mut zu. Ein Studierender ist dabei immer für einen Schüler verantwortlich. Mittlerweile gibt es in Friedrichshafen 85 solcher Paare.Die gemeinnützige GmbH, die das ganze organisiert und aus einer studentischen Perspektive hervorging, beruht auf Grundsätzen eines sozialen Unternehmertums. Die Integration des Hauptschülers in das Berufsleben wird so zum bestimmenden Faktor des Programms. Ziel ist, für den Schüler Kontakte zu regionalen und ausbildenden Unternehmen herzustellen. Viele Unternehmen unterstützen mittlerweile das Programm und bieten Praktika für die Schüler an. RYL nützt sowohl den Unternehmen als auch den Schülern: die Unternehmen erhalten Zugang zu Jugendlichen, deren Interesse am Unternehmen geweckt ist und die dazu noch durch einen Coach unterstützt werden; und die Schüler haben so über den persönlichen Kontakt die Chance, einen Ausbildungsplatz zu erhalten.

„Denn unter normalen Umständen würden viele von ihnen schon an dieser Hürde scheitern: Häufig sortierten Personalchefs Bewerber mit Hauptschulabschluss oder solche, die einen fremd klingenden Namen haben und aus bestimmten Stadtteilen stammen, von vorn herein aus, so die Masterabsolventin…“ (Christina Veldhoen, die Organisatorin des Programms, T.S. Die Zeit 23/2010, S.66). Allerdings steht noch nicht fest, ob die Teilnehmer des Programms tatsächlich mehr Erfolg als andere haben, da die ersten gecoachten Schüler diesen Sommer erst die Schule verlassen werden.

Neben diesen beiden Initiativen gibt es eine ganze Reihe weiterer im gesamten Bundesgebiet, die sich darum bemühen, Hauptschüler zu fördern und ihnen eine Integration in das Berufsleben zu ermöglichen. Sie sind ein Zeichen für Engagement und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Dabei entwickeln die Schulen selbst eine Idee, wie bei dem „Oliventraum“, oder sie werden von einer zunächst außerschulischen Initiative muteinbezogen.

Auch auf institutioneller Ebene wurde einiges getan, um die Hauptschule den veränderten Bedingungen anzupassen. Es gibt wohl keine andere Schulform, an der so viele Veränderungen stattfanden wie an der Hauptschule. Alle Reformen, die die Hauptschule modernisieren sollen, finden in Baden-Württemberg unter einer zentralen Bedingung statt: die Hauptschule bleibt in ihrer Form bestehen, am dreigliedrigen Schulsystem wird nicht gerüttelt. Vorschläge, die in eine andere Richtung gehen, werden nicht in die Tat umgesetzt. Alle bisher eingeleiteten Veränderungsmaßnahmen bleiben so auf interne Prozesse an Hauptschulen begrenzt.

Die letzte große Lehrplanrevision in Baden-Württemberg fand im Jahr 2004 statt. Nicht zuletzt das schlechte Abschneiden deutscher Schüler, insbesondere auch deutscher Hauptschüler in internationalen Vergleichsstudien, führte zu einer Implementierung von Bildungsstandards, bei der die Qualität von Schule im Wesentlichen an ihren Ergebnissen gemessen werden soll (vgl. Böttcher/Dicke 2010, S. 16). Allerdings hat sich an der Hauptschule wesentlich mehr verändert als nur die Einführung von Bildungsstandards. Es wurde über die Einführung des Bildungsplans im Jahr 2004 versucht, das Lernen an Hauptschulen anders zu gestalten. Sie sollte zu einem Haus des Lernens und Bildens werden. Allerdings ist die Datenlage äußerst schlecht, um beurteilen zu können, ob die Reformen auch tatsächlich in die Praxis umgesetzt wurden (vgl. Böttcher/Dicke 2010, S. 19).
Handlungsorientiertes, problemorientiertes und projektartiges Lernen wurde an Hauptschulen gestärkt, um so den gesellschaftlichen Anforderungen an ihre Abgänger gerecht zu werden.

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Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: der Bildungsplan ist von dem Gedanken getragen, dass sich eine komplizierte Welt  nicht im 45-minütigen Unterrichtstakt den Schülern erschließen lässt. Gleichzeitig werden den Schülern und Lehrern Räume geöffnet, projektartig und integrativ zu lernen. Dem lehrergesteuerten Frontalunterricht steht der Bildungsplan eher skeptisch gegenüber. Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Lebensbezug sind zentrale Stichworte. Die Änderungen des Bildungsplans stoßen, auch das wird von seinen Verfassern mehrfach betont, auf ein positives Echo bei der Wirtschaft.

Eines konnten die Reformen allerdings nicht leisten: sie waren nicht dazu in der Lage, die Diskussion um die Zukunftsfähigkeit dieser Schulform zu  beenden. Es gibt eine Entwicklung, die diese Diskussion noch verstärkt: der Hauptschule bleiben, auch in Baden-Württemberg, die Schüler weg. Dies stellt das Statistische Landesamt fest.  „In Baden-Württemberg gab es im Schuljahr 2006/07 genau 1226 Hauptschulen mit insgesamt 183000  Schülern. Dies waren fast 6% weniger als im Vorjahr“ (Schwarz-Jung 2007, S. 25). Viele Hauptschulen sind relativ kleine Hauptschulen, das heißt sie haben wenig Schüler und sind 1-zügig. Von diesen im Schuljahr 2006/07 bestehenden 1226 Hauptschulen hatten nur 14 mehr als 400 Schüler, 283 aber weniger als 85 Schüler (vgl. ebenda, S. 27).

Mittlerweile hat sich diese Entwicklung noch verschärft: viele Hauptschulen müssen schließen, weil sie die erforderlichen Schülerzahlen nicht mehr vorweisen können. In dieser eben zitierten, höchst interessanten Veröffentlichung des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg wird noch etwas anderes deutlich: die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen existiert während des Besuchs der Hauptschule praktisch nicht.

In kaum einer anderen Schulform fanden die letzten Jahre so viele Veränderungen statt wie an der Hauptschule. Sie ist die Reformschule im Schulsystem. Schon allein die Vielzahl der an ihr durchgeführten Reformen verweist auf die  Schwierigkeiten der Hauptschule. Immer wieder wurde versucht, die Rolle der Hauptschule im dreigliedrigen Schulsystem zu sichern und gesellschaftlichen Prozessen anzupassen. Die an sie formulierten Aufgaben sind aber alles andere als einheitlich. So laufen an der Hauptschule momentan verschiedenste Erwartungen, Ansprüche und gesellschaftliche Gegebenheiten zusammen, die ein im ganzen höchst diffuses  Bild ergeben, das auch von starken Widersprüchen geprägt ist.

Auf Schulseite finden sich viele engagierte Kollegien, die stark darum bemüht sind, Hauptschüler den Weg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Schulen gehen dabei, sei es über Schülerfirmen oder außerschulische Kooperationen, unterschiedliche Wege. Ein Bildungsplan, der auf projektartiges und fächerverbindendes Lernen, Eigenverantwortung und Handlungsorientierung setzt, schafft die notwendigen Freiräume. Diese Veränderungen müssten eigentlich dazu beitragen, die Hauptschule für Schüler attraktiv zu machen. Aber, und das ist das auf den ersten Blick irritierende, wird sie von Schülern eher gemieden: der Hauptschule brechen die Schüler weg.
Gleichzeitig schaffen es immer weniger Hauptschüler, direkt nach ihrem Abschluss in Ausbildung zu kommen, obwohl gerade dies die Hauptschule ja eigentlich leisten sollte.  Soziale Benachteiligungen greifen hier und werden noch durch einen  Arbeitsmarkt verstärkt, der zu wenig Ausbildungsstellen zur Verfügung stellt.

Der Hauptschulabschluss scheint wenig tragfähig zu sein, um eine Integration in den Arbeitsmarkt gewährleisten zu können. Folgt man den aktuellen Zahlen der Kultusministerkonferenz, erreicht die Zahl der Ungelernten einen neuen Höchststand. Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, von denen viele einen Hauptschulabschluss haben, sind von dieser Entwicklung betroffen. „Jeder sechste junge Mensch in Deutschland zwischen 20 und 30 Jahren hat keinen Berufsabschluss … Dies geht aus dem neuen Bildungsbericht von Bund und Ländern hervor. Besonders dramatisch ist die Situation für 20 bis 30 Jährige mit Migrationshintergrund, von denen über 30% ohne Berufsabschluss sind… Vor allem Hauptschüler haben Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden“ (Frankfurter Rundschau, 16.06.2010)

Die fehlende Anschlussfähigkeit des Hauptschulabschlusses wird von vielen Seiten erkannt. Nicht zuletzt sprechen die vielen Reformen an Hauptschulen davon Bände. Da einige Bundesländer am dreigliedrigen Schulsystem im Prinzip nichts ändern wollen, geht der neueste Trend zu einer 6- statt wie bisher 5-jährigen Regelschulzeit an Hauptschulen. Man darf gespannt sein, ob diese Reformen die Anschlüsse verbessern können.

Literatur

Böttcher, W./Dicke, J.N.: Noch Mängel in der Umsetzung, in: bildung und wissenschaft Baden-Württemberg 06/2010, S. 16-20
Bundesinstitut für Berufsbildung, zitiert nach Frankfurter Rundschau 2./3.01.2010
Frankfurter Rundschau: Immer mehr Junge ohne Abschluss. FR 16.06.2010, S. 1
Faulstich, Peter: Weiterbildung. München 2003
Hanselmann, Ulla: Nimm Dein Leben in die Hand. Die Zeit, 02.06.2010
Hentig, Hartmut von: Bewährung – von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein. München 2006
Ikubiz, Interkulturelles Bildungszentrum der Stadt Mannheim 2007
Hintz, Dieter/Pöppel, Karl Gerhard/Rekus, Jürgen: Neues schulpädagogisches Wörterbuch. München 1993
Rösner, Ernst: Der Bessere ist des Guten Feind. Frankfurter Rundschau 17.06.2010, S. 19
Schwarz-Jung, Silvia: Hauptschulen in Baden-Württemberg im Schuljahr 2006/07 – eine Zusammenstellung der Fakten, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 8/2007, S. 25-29. Herausgegeben durch das Statistische Landesamt
Im Text genannte Internetadressen:
www.bildung-staerkt-menschen.de Bildungsplan 2004 Hauptschule/Werkrealschule, Baden-Württemberg
www.nhs-olivenoel.blogspot.com