„Caritas in veritate“ aus Sicht der Caritas

Von: Dr. Thomas Steinforth (Vorstandsreferent)

Dr. Thomas Steinforth

Vorstandsreferent

Dr. Thomas Steinforth hat nach einer journalistischen Ausbildung Philosophie in München studiert. Er ist seit 1999 beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. beschäftigt und dort seit 2006 als Vorstandsreferent tätig. Er ist Mitglied des Vorstands des Diözesanrats der Katholiken in der Erzdiözese München und Freising und seit vielen Jahren nebenberuflicher Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule München (Ethik der Sozialen Arbeit, Wirtschafts- und Unternehmensethik) Kontakt: Thomas.Steinforth@caritasmuenchen.de  


Der folgende Beitrag versteht sich nicht als umfassende Würdigung der Enzyklika, sondern will lediglich einige Punkte herausgreifen, die aus Sicht der Caritas besonders wichtig erscheinen. Bei allen oft genannten und zu Recht kritisierten systematischen, methodischen und inhaltlichen Problemen des Textes birgt die Enzyklika doch eine ganze Reihe an Punkten, die sehr geeignet sind, die sozialethischen und sozialpolitischen Diskussionen zu beleben. Sechs Punkte seien herausgegriffen.

Wirtschaft ist kein moralfreier Raum

Erster Punkt: Zu begrüßen sind die klare Zurückweisung einer Vorstellung von Wirtschaft als einem moral-freien Raum (vgl. 34) und die Forderung, dass das Wirtschaften lebens-dienlich und menschen-dienlich sein solle – und zwar im jeweiligen Kerngeschäft, nicht erst in einem zusätzlichen „sozialen Engagement“ der Unternehmen. Damit einher geht die Forderung nach einem Stakeholder-Ansatz, nach dem die legitimen Interessen aller Anspruchsgruppen zu berücksichtigen sind, nicht nur die Interessen der share-holder, die allzuoft nur eine kurzfristige Renditemaximierung anstreben.

Etliche Kritiker der Enzyklika bemängeln zwar zurecht, dass unklar bleibt, an wen genau sich diese Forderung eigentlich richtet, auf welcher Ebene der Ethik sie angesiedelt ist und wie das Verhältnis von Gesinnungswandel und Strukturreform zu verstehen ist – gleichwohl ist die recht eindeutige Verurteilung eines weit verbreiteten Wirtschaftsverständnisses zu begrüßen, das auch eine Hauptursache ist für die sozialen Probleme, mit denen die Caritas konfrontiert ist.

Neue Formen der Armut – auch in reichen Ländern

Zweiter Punkt: Zu begrüßen sind die Hinweise auf die zunehmende Ungleichverteilung der Bedingungen eines guten Lebens und auf die wachsende Armut, wobei ausdrücklich auch die wachsende Armut in den reichen Ländern genannt wird: „In den reichen Ländern verarmen neue Gesellschaftsklassen, und es entstehen neue Formen derArmut“ (22). Der Papst hat in diesem Zusammenhang erfreulicherweise keine Angst vor dem hierzulande fast tabuisierten Wort der „Umverteilung“ und vor der Forderung nach einem starken, auch sozial aktiven Staat – wobei die Enzyklika auch hinsichtlich des Sozialstaatsverständnisses keine ganz eindeutige Position vertritt.

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Das Problem der sich zur krassen Ungerechtigkeit steigernden Ungleichheit und der zunehmenden Armut wird also benannt. Das ist aus Sicht der Caritas erfreulich – auch wenn der Einschätzung mancher Kritiker zuzustimmen ist, nach der die Analyse der Ursachen unscharf bleibt und leider nicht in die ausdrückliche Forderung nach einer „Option für die Armen“ mündet. Eine eindeutigere Positionierung wäre wünschenswert und stünde auch ganz in der jüngeren Tradition der kirchlichen Sozialverkündigung.

Liebe und Wahrheit – Liebe und Gerechtigkeit

Dritter Punkt: Für eine Organisation, die den Namen „Caritas“ (also „Liebe“) trägt, sind natürlich die Reflexionen zum Verhältnis von Wahrheit und Liebe (Einleitung) und zum Verhältnis von Liebe und Gerechtigkeit (z.B. 6) besonders interessant, auch wenn diese beiden Verhältnisbestimmungen nicht immer ganz klar und auch ihre systematische Verknüpfung mit den praktisch-konkreten Analysen und Forderungen der Enzyklika wenig erkennbar sind.

Beide „Verhältnisse“ sind allerdings in der Tat sehr wichtig, nicht nur für die theoretisch-akademische Reflexion:

Button pfeilWenn die Kirche die „Wahrheit in der Liebe“ und die „Liebe in der Wahrheit“ verkünden und praktizieren soll, dann hat das z.B. auch Konsequenzen für die (zu verstärkende) Verzahnung von theologischer Wissenschaft und Verkündigung einerseits mit dem praktischen Einsatz der Kirche und ihrer Caritas für Liebe und Gerechtigkeit andererseits, denn – so der Papst sehr bündig und treffend: „Das Tun ist blind ohne das Wissen, das Wissen ist steril ohne die Liebe.“

Button pfeilUnd eine theoretisch solide Verhältnisbestimmung von Liebe und Gerechtigkeit ist für das ganz praktische Selbstverständnis der Caritas durchaus von Belang. Es kann einen entscheidenden Unterschied machen für die Sicht auf den hilfesuchenden Menschen und für die Gestaltung der caritativen Arbeit, ob ich diese Arbeit eher als praktizierte Liebe oder als praktizierte Gerechtigkeit oder irgendwie als „beides“ verstehe.

Beide in der Enzyklika angedachten Verhältnisbestimmungen (Liebe und Wahrheit; Liebe und Gerechtigkeit) sollten weiter verfolgt werden; – auch wenn ich manche Bedenken gegen eine zumindest anklingende „Koordinatenverschiebung“ bzgl. der Grundbegriffe einer christlichen Soialethik nicht verschweigen will.

„Logik der Unentgeltlichkeit“: denkbar und praktikabel?

Viertens sei die mit dem Gerechtigkeitsverständis zusammen hängenden Reflexionen zu den Themen „Logik bzw. Geist des Schenkens“, „Logik der Unentegeltlichkeit“ (v.a. 34) benannt. Auch diese Überlegungen sind sehr anregende Denk-Anstöße, zumal der Papst diesen Geist des Schenkens ja auch für den Kernbereich des Wirtschaftens selbst für relevant hält.

Der Text lässt zwar nicht erkennen, was das denn konkret heißen könnte, unter welchen strukturellen, institutionellen Rahmenbedingungen so etwas denn real möglich sein soll (auch hier zeigt der Text eine Tendenz zu individual- und tugendethischen Appellen) – und doch wäre es spannend, Möglichkeiten und Grenzen für eine Handlungslogik auszuloten, die nicht der Logik der bloßen Tauschgerechtigkeit des Geben und Nehmens entspricht: Ist so eine Logik denkbar – und unter welchen Rahmenbedingungen ist sie praktikabel für gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen, für gemeinnützige Non-Profit-Organisationen, für die Kirche und ihre Caritas oder auch für uns alle als Wirtschaftsakteure?

Entwicklungszusammenarbeit und nationale Sozialpolitik
Eine fünfte Anmerkung betrifft den Vorschlag an die reichen Länder, die (ja in der Tat!) zu steigernden Ausgaben für die Entwicklungshilfe unter anderem durch eine „Revision der Politik der Fürsorge und sozialen Solidarität in ihrem Inneren“ (60) zu finanzieren. Die konsequentere Anwendung der Subsidiarität könne – so der Papst – dazu beitragen, „Geldmittel zu sparen – auch unter Beseitigung von Verschwendungen und mißbräuchlichen Bezügen – die für die internationale Solidarität zu bestimmen sind“.

Dazu als fünfter Punkt drei kritische Hinweise:

1e_tnErstens ist gerade in katholischer Perspektive das Subsidiaritätsprinzip nicht als Einspar-Instrument zu verstehen, auch wenn die möglichen, durchaus nicht zwangsläufig eintretenden Kostenersparnisse durch verstärkte Subsidiarität natürlich wünschenswert sind.

2e_tnZweitens bestärken die Ausführungen das Vorurteil, es gebe einen umfangreichen Missbrauch sozialer Leistungen. Selbst das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht dagegen davon aus, dass z.B. die Zahl der Hartz-IV-Berechtigten um rund 1 Million über der Zahl der tatsächlichen Leistungsempfänger liegt, dass wir also nachwievor eher das Problem einer massenhaften Nicht-Inanspruchnahme zustehender und notwendiger Leistungen haben.

3e_tnDrittens ist angesichts großer und wachsender Privatvermögen in den Händen weniger nicht einzusehen, warum die internationale Entwicklungszusammenarbeit ausgerechnet von den ohnehin Benachteiligten finanziert werden soll.

Ohne Gottesglauben keine rechte Motivation?

Sechster und letzter Punkt: Einige Formulierungen der Enzyklika erwecken zumindest den Eindruck, es mangele Menschen ohne ausdrücklichen Gottesglauben letztlich an der rechten Motivation und Zielsetzung für soziales und humanitäres Engagement. So stellt die Enzyklika fest, eine ganzheitliche Entwicklung „braucht Gott: Ohne ihn wird die Entwicklung entweder verweigert oder einzig der Hand des Menschen anvertraut, der in die Anmaßung der Selbst-Erlösung verfällt und schließlich eine entmenschlichte Entwicklung fördert.“ Und: „Im übrigen gestattet nur die Begegnung mit Gott (…), eine Liebe reifen zu lassen, die ‚Sorge um den anderen und für den anderen’ wird“. (11)

Diese und ähnliche Ausführungen sind zumindest missverständlich und geeignet, Nicht-Christen und Nicht-Gläubigen unnötigerweise „vor den Kopf zu stoßen“. Sind diese etwa nur zu einer „un-reifen“ Liebe fähig, da ihre Liebe ohne die ausdrückliche Begegnung mit Gott ja angeblich nicht reifen kann?

Die für meinen Eindruck nicht ganz klaren Begriffe und Argumente zu diesem Themefeld (etwa die Ausführungen zum Naturrecht und zum Transzendenzbezug), sowie der zumindest missverständliche „Tonfall“ der Enzyklika sind bedauerlich, denn wir brauchen vor Ort und auch auf überregionaler, globaler Ebene im sozial-caritativen Engagement und auch in der politischen Arbeit mehr noch als bislang praktische und politische Bündnisse, in denen man sich einander als gleichwertige Bündnispartner voll respektiert, auch ohne „letzte Wahrheiten“ zu teilen.

Der Papst selbst fordert ja erfreulicherweise in dieser Enzyklika ganz ausdrücklich  Bündnisse über die Grenzen der Glaubensgemeinschaften hinweg und er lobt ausdrücklich das Engagement auch nicht-kirchlicher Gruppen und Organisationen (z.B. der Gewerkschaften) für eine gerechte Ordnung – umso irritierender finde ich gerade deshalb den manchmal anklingenden „Tonfall“ gegenüber den Nicht-Gläubigen.

Soweit – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – sechs Anmerkungen zu einer Enzyklika, die mit den Worten des Münchner Erzbischofs in der Tat ein wichtiges „moralisches Ausrufezeichen“ setzt, die aber zugleich etliche Fragezeichen provoziert und die gerade dadurch geeignet ist, Diskussionen anzuregen und zu beleben.