Auch in Krisenzeiten stabile Unerternehmensform

Von: Prof. Dr. Susanne Elsen (Lehrstuhlinhaberin in Bozen)

Prof. Dr. Susanne Elsen

Lehrstuhlinhaberin in Bozen

Prof. Dr. habil. Susanne Elsen ist Professorin an der Freien Universität Bozen. Schwerpunkt in Forschung und Lehre: soziale Innovationen, nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung, Community Development und ökosoziales Wirtschaften.


Warum sind Genossenschaften für die Belange des Gemeinwesens besonders geeignet?

Genossenschaften gewinnen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen neue Bedeutung.  Sie entstehen aus den konkreten Lebensverhältnissen und sind in den gesellschaftlichen Kontext eingebunden. Dadurch sind sie in der Lage, mehr als andere Unternehmensformen spezifische Bedürfnisse zu decken und vorhandene Potenziale zu nutzen. Diese sozialkulturelle Einbindung macht Genossenschaften zu Akteuren der ökonomischen, ökologischen und sozialen Sicherung und Entwicklung. Wie zahlreiche Untersuchungen zeigen, bewirkt die kooperative Struktur von Genossenschaften auch eine Verteilung von Lasten in Krisenzeiten und damit eine höhere wirtschaftliche Stabilität. Die Möglichkeiten der lokal-regionalen Wertschöpfung durch Sekundärgenossenschaften und Wirtschaftskreisläufe werden derzeit vielerorts wieder erkannt.

Genossenschaften sind optimal zur Organisation der gesellschaftlichen Belange insbesondere im lokalen und regionalen Kontext geeignet. Die Bündelung der Kräfte, Reziprozität, Demokratie, Selbsthilfe und Selbstorganisation sind wirksame soziale und wirtschaftliche Strategien und gleichzeitig Modelle einer aktiven Bürgergesellschaft. Das genossenschaftliche Identitätsprinzip und das Demokratieprinzip gewährleisten gerade im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens Selbstkontrolle, Selbstorganisation und Selbstbestimmung in Fragen, die tief in das persönliche Leben der Betroffenen reichen. Die gelebten Genossenschaftsprinzipien beruhen auf Sozialkapital und haben gleichzeitig das Potenzial, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Das Förderprinzip definiert den nicht primär profitorientierten Charakter von Genossenschaften. Der gemeinsam definierte Zweck und die zweckbezogene Gewinnverwendung, nicht die Kapitalvermehrung stehen im Zentrum genossenschaftlichen Wirtschaftens. Diese Mitgliederlogik (versus Investorenlogik) ist damit verbunden, dass dysfunktionale Mittelabflüsse (an Shareholder oder Dachorganisationen und Holdings) verhindert werden. Die Wertschöpfung kommt den Mitgliedern zugute.

Das genossenschaftliche Identitätsprinzip hat einen wirtschaftlichen und einen sozialen Effekt: Es verknüpft zwei Funktionen, welche im Markt getrennt sind (z.B. arbeitgebende und arbeitnehmende Seite in Produktivgenossenschaften). Dies spart Kosten, erweitert das Interesse der Mitglieder um die des gemeinsamen Kooperativunternehmens und verbindet das Gemeinsame mit dem Eigenen. Dieses Gemeinsame motiviert zu mehr Einsatz und stärkt die Identifikation, erklärt aber auch, dass genossenschaftliches Unternehmertum für alle Mitglieder mit einer hohen Verantwortung und mit unternehmerischem Know How verbunden ist.

Das genossenschaftliche Demokratieprinzip (one person one vote) bewirkt, dass der Einfluss der Mitglieder unmittelbar wirksam ist. Der basisdemokratische Prinzip macht Genossenschaften zum Modell der Bürgergesellschaft. Es steht im Kontext von Sozialgenossenschaften in besonderer Weise für einen Umbau des Sozialstaatsmodells hin zur Selbstvertretung der Anspruchsberechtigten.

Mit der Gesetzesnovellierung, die am 18. August 2006 in Kraft getreten ist, wurde in Deutschland eine Wiederbelebung der Genossenschaftsidee für die aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernisse ermöglicht. Neu ist in Deutschland die Öffnung der Rechtsform für soziale, gesundheitliche und kulturelle Zwecke (Sozial- und Gesundheitsgenossenschaften) nach italienischem Vorbild. Für Deutschland bedeutet dies eine Möglichkeit aber auch eine Herausforderung, sich einem zeitgemäßen Modell des Wohlfahrtsstaates zuzuwenden, in dem die Forderung nach voller gesellschaftlicher Teilhabe und Selbstvertretung der Anspruchsberechtigten in einem gestaltenden Sozialstaat Realität werden soll. Die Interessen der Wohlfahrtsverbände steht in Deutschland den Genossenschaftsprinzipien und der Selbstvertretung Betroffener des Wohlfahrtssystems deutlich entgegen, auch wenn die historischen Wurzeln der Verbände durchaus genossenschaftliche Züge trugen.

Biomasse

Im Folgenden werden verschiedene Genossenschaften mit sozialen Zielsetzungen vorgestellt und ihr Potenzial für zukunftsfähige Lösungen gesellschaftlicher Probleme skizziert. Dabei kann zwischen Genossenschaften mit sozialer Zielsetzung unterschieden werden, die im sozialen Sektor tätig sind (Sozialgenossenschaften) und solchen, die neben ihrem primären Zweck z.B. im Wohn- und Versorgungsbereich, wichtige  soziale  Zielsetzung verfolgen. Darüber hinaus ist zu unterscheiden einerseits zwischen Primärgenossenschaften, die, wie im Fall der Sozialgenossenschaften, in (z.T. geförderter) Selbstorganisation ein gemeinsames Anliegen organisieren oder im sozialen Bereich Dienstleistungen anbieten und andererseits sekundärgenossenschaftlichen Strukturen, die als kooperative Förderstruktur diesen Einzelgenossenschaften dienen. Ich beziehe mich bei den Darstellungen insbesondere auf Beispiele in Deutschland.

In welchen sozialen Bereichen eignen sich Genossenschaften mit sozialer Zielsetzung?

Wohnungsgenossenschaften und Stadtteilgenossenschaften und ihr Beitrag für sozialen Stadtumbau Wohnungsgenossenschaften sind, im Gegensatz zu den Intentionen der historischen Gründungen Ende des 19. – Mitte des 20. Jahrhunderts, keine Sozialgenossenschaften. Sie spielen aber eine zentrale soziale Rolle und viele von ihnen bemühen sich, die sozialkulturelle Genossenschaftsidee wieder zu beleben. Gerade einkommensschwächere Haushalte sind auf bezahlbare Wohnungen und eine funktionierende Nachbarschaft angewiesen. Wohnungsgenossenschaften spielen in der sozialen Stadtentwicklung und im Stadtumbau, insbesondere angesichts der veränderten Demographie, eine wichtige Rolle. Als Mitgliederbetriebe haben sie gute Möglichkeiten, auf veränderte Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu reagieren und diese aktiv einzubeziehen.

Alte Menschen wollen überwiegend in ihrem vertrauten  Wohngebiet leben, auch wenn sie gebrechlich und pflegebedürftig werden. Die ökologische Gerontologie zeigt, dass die Qualität von Nachbarschaft, Wohnbereich und Nahraum für ältere Menschen an Bedeutung gewinnen und ihre sozialen Funktionen verändern. Durch eine Kombination von Anpassungen im Wohn- und Umfeldbereich, die Einrichtung wohnungsnaher Servicestützpunkte wohnortbezogener haushaltsnaher und personenbezogener Dienstleistungen sowie ehrenamtlichem Engagement ist dies möglich.

In München wird dieses Modell unter dem Namen „Wohnen im Viertel“ von der GEWOFAG umgesetzt. Es ermöglicht aktives Altern und soziale Einbindung sowie die Integration von Bürgerschaftlichem Engagement in ein breiteres Unterstützungsnetz. Als neue, bedarfsspezifische Wohnungsgenossenschaft mit starken ökologischen und sozialkulturellen Elementen ist die Münchner Genossenschaft WAGNIS e.G. zu erwähnen.

Bestehende Wohnungsgenossenschaften haben die Möglichkeit, Tochterstrukturen, auch Sozialgenossenschaften, für die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu gründen und gemeinsam mit den Mitgliedern zu betreiben. Einige  Wohnungsgenossenschaften haben Vereine zur Förderung des nachbarschaftlichen Miteinanders und damit der Wiederbelebung der sozialen Genossenschaftsidee gegründet. Ein gelungenes Beispiel ist der Verein „Generationenwohnen“ der Münchener Wohnungsgenossenschaft West.
Ein weiteres Beispiel ist die Stadtteilgenossenschaft Sonnenberg e.G. in Chemnitz, die auf der Basis von Potenzial- und Bedarfsanalysen, unter Beteiligung zahlreicher Akteursgruppen aufgebaut wurde. Stadtteilgenossenschaften sind Zusammenschlüsse von Wohnungswirtschaft, lokalen Unternehmen, Vereinen, Einrichtungen und öffentlichen Trägern, die ihre Kräfte bündeln um z.B. Aufgaben des Stadtumbaus, sozialpolitische und arbeitsmarktbezogene Probleme zu lösen (Multistakeholdergenossenschaften). Die Organisation des Alltagslebens bietet u.a. Möglichkeiten zur Generierung neuer Tätigkeitsfelder. Als eigene Geschäftsfelder betreibt die Stadtteilgenossenschaft ein Bürger-Service-Zentrum mit Angeboten der Kommunikation, Information und Kooperation, sowie ein Zentrum für wohnungsnahe Dienstleistungen für alle BürgerInnen.

Seniorengenossenschaften und Zeitbanken – neue Solidargemeinschaften in einer alternden Gesellschaft
Es geht bei der Bewältigung der veränderten demografischen Lage nicht nur um die Frage der Finanzierung von Renten und Pflegekosten. Ins Zentrum rückt die Frage, was Menschen für ihr Leben und Zusammenleben wirklich brauchen, Fragen der nahräumlichen Versorgung, der sozialkulturellen Einbindung, der Möglichkeiten von Teilhabe und sozialproduktiver Tätigkeit, der guten Nachbarschaft und des Verbleibs in der vertrauten Wohnumgebung, kurz Fragen der Lebensqualität.

Wohnungsgenossenschaft

Seniorengenossenschaften sind nicht nur aus Kostengründen soziale Innovationen, die unsere Gesellschaft als neue Form gegenseitiger Hilfe dringend braucht. Das genossenschaftliche Identitätsprinzip gewährleistet Selbstbestimmung und es ermöglicht bürgerschaftliches Engagement in eigener und gemeinsamer Sache.

Seniorengenossenschaften basieren auf gegenseitiger Hilfe im intergenerativen Kontext. Zeitbasierter Tausch (Zeitbanken) bildet den wichtigsten Bestandteil. Zeit hat dabei die gleichen Funktionen wie Geld: sie ist Tauschmedium, Recheneinheit und Mittel der Wertaufbewahrung.  Alle Menschen verfügen über Zeit, auch und besonders diejenigen, die wenig Geld haben und ihr Arbeitsvermögen im monetarisierten Markt nicht (mehr) einbringen können.

Die Seniorengenossenschaft Riedlingen wurde im Mai 1991 gegründet. Engagierte BürgerInnen unterstützen hilfebedürftige alte Menschen und haben selbst dadurch zahlreiche Vorteile. Sie arbeiten für die gemeinsame Idee: Altern in Würde und im vertrauten sozialen Umfeld. Aktive Mitglieder liefern Essen aus, bereiten das Frühstück zu, begleiten Hilfebedürftige zum Arzt oder in die Tagespflege. Die Genossenschaft vermittelt auch barrierefreie Wohnungen und bietet dort einen Pflegedienst an. Bei der Gründung waren es 20 Personen, die sich als aktive Helferinnen und Helfer betätigten. Heute hat die Genossenschaft 654 Mitglieder und 113 aktive Helferinnen und Helfer. Die Mitwirkenden haben die Wahl unterschiedlicher Honorierungsmöglichkeiten: Sie erhalten entweder einen Stundenlohn in Geld oder sie lassen sich die geleistete Zeit auf ihr Stundenkonto gutschreiben. NutzerInnen ohne eigenes Stundenkonto bezahlen eine Pauschale.

Die Elemente: Nahraumversorgung, Bürgerschaftliches Engagement, monetäre Entlohnung und Zeitwährung in Kombination mit professionellen Diensten und baulich-räumlichen Anpassungen sind als umfassende Lösungsansätze zur Gestaltung einer alternden Gesellschaft kombinierbar.

Nahraumversorgung – der soziale Kristallisationspunkt im Dorf

Nahraumversorgung mit Waren des täglichen Bedrafs ist Voraussetzung für die Erhaltung von  Dorfstrukturen und trägt maßgeblich zur Lebensqualität bei. Genossenschaftliche Dorfläden gewährleisten die Versorgung älterer und nicht mobiler Personengruppen in ländlichen Räumen, ermöglichen Direktvermarktung und sind zudem Kommunikationspunkte im Ort. Genossenschaftliche Dorfläden sind also keine Supermärkte, sondern Genossenschaften, die neben ihren wirtschaftlichen auch wichtige soziale Ziele verfolgen. Sie basieren auf einer Mischung  bezahlter Arbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Sie dienen dem Gemeinwohl und in vielen peripheren Regionen Europas wird versucht, mit Hilfe öffentlicher Förderungen diese wertvolle Struktur des Dorflebens mit zahlreichen anderen wichtigen Funktionen nach dem Motto „alles unter einem Dach“– Infopoint, Post, Sparverein, Bar, Mütter- und Altentreff etc. zu verbinden, und den sterbenden Dörfern wieder einen lebendigen Kern zu geben.

Auch diese Form genossenschaftlicher Lösungen lässt sich nicht als „Sozialgenossenschaft“ im engeren Sinne bezeichnen, aber es handelt sich um Genossenschaften, die in besonderer Weise neben wirtschaftlichen auch soziale Ziele vertreten. Das derzeit beste Beispiel in Bayern ist der „Nordwaldmarkt“ in Nordhalben in der Region Nordostoberfranken. Die Gemeinde mit 1.800 Einwohnern befindet sich im strukturschwachen ehemaligen Zonenrandgebiet und ist geprägt von Abwanderung und demographischem Wandel. Als 2010 der einzige Vollsortimenter vor Ort den Betrieb einstellte, wurden die Bürgerinnen und Bürger selber aktiv und sicherten ihre eigene Versorgung durch einen genossenschaftlichen Laden. Ohne diese Versorgung würde sich die ohnehin schwierige Situation weiter verschärfen. Dem Laden, der in kinder-, senioren- und behindertengerechten Räumlichkeiten untergebracht ist, wurde ein Bistrobereich, sanitäre Anlagen, ein öffentlicher Bücherschrank und ein Treffpunkt mit Spielecke angegliedert. Der Laden liefert durch ehrenamtliche Helfer und gegen einen kleinen Aufpreis auch die Waren ins Haus. Dieses Beispiel zeigt die soziale Bedeutung einer genossenschaftlichen Nahraumversorgung und die Belebung des  bürgerschaftlichen Engagements in eigener und gemeinsamer Sache.

Professionsgenossenchaften im Sozialen Sektor

Professionsgenossenschaften sind Produktivgenossenschaften im Bereich sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen. Sie basieren auf  dem Zusammenschluss überwiegend qualifizierter Berufsgruppen des Sozial- und Gesundheitswesens und bieten Dienstleistungen auf dem Markt der Sozial- und Gesundheitsdienste an.  Sie scheinen sich also kaum von anderen Anbietern in diesem an Bedeutung gewinnenden Bereich zu unterscheiden.

Doch auch hier bieten genossenschaftliche Unternehmen besondere Vorzüge: Gegenüber Anbietern der  Wohlfahrtsverbände oder Investorenorientierter Unternehmen, fließen keine Mittel in Overheadstrukturen bzw. an Investoren ab. Die Mitarbeitenden genießen auf der Basis des Demokratieprinzips gleiche Rechte und können das Unternehmen, welches auf der Basis des Identitätsprinzip ihr gemeinsames Unternehmen ist, steuern. Sie können ihre gemeinsame Philosophie der Leistungserbringung, insbesondere die professionsethische Haltung gegenüber Ihren Auftraggebern leben, was insbesondere im Bereich von Pflegedienstleitungen eine zentrale Rolle spielt. Die mit der UNO-Deklaration der Rechte von Menschen mit Behinderungen verbundenen Ansprüche der Inclusion und Selbstvertretung Betroffener, wird zu einem selbstbewussteren Auftreten der Leistungsberechtigten, insbesondere im Bereich der Pflege und der persönlichen Assistenz führen.

Gute Beispiele für diesen Typ der Sozialgenossenschaften sind die Assistenzgenossenschaften Bremen und Hamburg die beide ihren Hintergrund auch in der Independent Living Bewegung haben.

Genossenschaftliche Lösungen Betroffener im Sozial- und Gesundheitsbereich

– Selbsthilfe und Selbstvertretung

Noch deutlicher wird der zuletzt diskutierte Aspekt bei Sozialgenossenschaften Betroffener. Sie sind die konsequentesten sozialen Innovationen innerhalb des deutschen Wohlfahrtssystems, denn sie machen Ernst mit dem Anspruch voller gesellschaftlicher Teilhabe. Sozialgenossenschaften Betroffener werden auch als „Selbsthilfegenossenschaften“ bezeichnet, was seltsam anmutet, da es sich bei Genossenschaften prinzipiell um Selbsthilfeformen handelt. Bei Sozialgenossenschaften Betroffener handelt es sich um sozialökonomische Selbsthilfe und Selbstorganisation strukturell benachteiligter Personen und dies bedeutet eine besondere Herausforderung.

Die genossenschaftliche Unternehmensform stellt im Allgemeinen hohe Anforderungen an die Kompetenzen und die Engagementbereitschaft ihrer Mitglieder. Sozialgenossenschaften Betroffener haben den Anspruch, in gemeinsamer Selbsthilfe ein soziales Problem, z.B. mangelnde Integration behinderter Menschen in den Arbeitsmarkt, zu lösen. Haben sie produktivgenossenschaftlichen Charakter, agieren in den Wettbewerbsstrukturen des Marktes, haben aber aufgrund ihrer Mitgliederstruktur vielfältige Nachteile. Wirtschaftlicher Erfolg und sozialintegrativer Anspruch sind gleichwertige Zielsetzungen. Sozialgenossenschaften Betroffener sind als Träger sozialpolitischer Lösungen im Wohlfahrtssystem anspruchsberechtigt und dies muss sich in adäquaten Ermöglichungsstrukturen spiegeln.

Auch wenn es sich oft um Formen gestützter Selbsthilfe durch professionell Tätige handelt, ist den Prinzipien der Selbstvertretung und der Selbsthilfe Betroffener Rechnung zu tragen. Professionelle sind Dienstleistende in der unmittelbaren Verantwortung gegenüber ihren Auftraggebern, strukturell benachteiligten Menschen. Dies erfordert eine besondere professionelle Haltung der Ermöglichung (Facilitator) von Selbstvertretung und Selbstorganisation, eine Haltung die sich auch in der Ausbildung von Professionellen des Sozial- und Gesundheitswesens wieder finden muss.

Angesichts der Einlösung des Anspruchs voller gesellschaftlicher Teilhabe durch genossenschaftliche Selbsthilfe müssten diese gegenüber anderen Anbietern im Wohlfahrtssystem, z.B. bei öffentlichen Auftragsvergaben, bevorzugt behandelt werden. (Vergleichbar den Sozialklauseln zur Eingliederung der autonomen Provinz Bozen (LG Nr. 15/2011)).

Darüber hinaus sollten diese Gründungen durch finanzielle Unterstützungen, insbesondere aber durch sekundärgenossenschaftliche Strukturen gefördert werden. Werkstätten und andere Produktionsbetriebe von Menschen mit intellektuellen oder psychischen Beeinträchtigungen sollten als Sozialgenossenschaften organisiert und Betroffene selber demokratisch in die Unternehmenssteuerung einbezogen werden. Für die Variante der Sozialgenossenschaft Betroffener und die der Solidargenossenschaft ist die gesetzlich mögliche Fördermitgliedschaft (Mitglieder sind nicht selbstnutzend, bringen aber Zeit und andere Ressourcen zugunsten dieser Sozialgenossenschaften ein) zu propagieren da es sich um gemeinnützige Formen handelt.

Ein bekanntes Beispiel für ein Unternehmen, welches mit anspruchsvollen Tätigkeiten im Markt den Spagat zwischen wirtschaftlicher Eigenständigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe der Mitglieder wagt, ist die CBA München mit ihrem Restaurant Blaues Haus.  (Es handelt sich noch um einen Verein, jedoch mit sozialgenossenschaftlichem Charakter).

Solidarische Sozialgenossenschaften

Alle Genossenschaften basieren aufgrund ihrer kooperativen Struktur auf mitgliederbezogener Solidarität. Wenn wir von „Solidargenossenschaften“ sprechen, ist von einem erweiterten Begriff der Solidarität die Rede. Solidargenossenschaften basieren auf bürgerschaftlichem Engagement nicht unmittelbar Betroffener zugunsten benachteiligter Personen, die nicht Mitglied der Sozialgenossenschaft sein müssen. Das Förderprinzip (im Sinne der Förderung der Mitglieder) und das Identitätsprinzip sind in diesen Sozialgenossenschaften weitgehend aufgehoben. Es handelt sich um solidarische Leistungen in Form von unbezahlter Arbeit zugunsten anderer, die als unterstützungsbedürftig angesehen werden. Solidargenossenschaften können durch die Vorleistung von Bürgerinnen und Bürgern als Basis für die Entwicklung genossenschaftlicher Selbsthilfe Benachteiligter dienen. Dabei verändert sich schrittweise die Mitgliedschaft zugunsten der Nutzenden selber, die einen Lernprozess zur Übernahme ihrer Genossenschaft durchlaufen.

Beispiele finden sich im Bereich von Fördergenossenschaften in der Entwicklungszusammenarbeit. Ein bekanntes Beispiel in Deutschland ist die Trierer Wohnungsgenossenschaft am Beutelweg, die in ihrer Gründungsphase auf dem bürgerschaftlichen Engagement zahlreicher solidarischer Bürger basierte. (Die Autorin ist Mitgründerin dieser Solidargenossenschaft).

Sekundärgenossenschaften

Die Entfaltung eines sozialgenossenschaftlichen Sektors in Deutschland erfordert die Entwicklung von kooperativen Strukturen über den Einzelgenossenschaften. Auch diese Strukturen sind nach (sozial-) genossenschaftlichen Prinzipien zu strukturieren. So können z.B. auf der Basis einer Sozialgenossenschaft Betroffener Softwarelösungen, Buchhaltung und Rechnungswesen, Steuerwesen, Vorbereitung der Verbandsprüfung, Auftragsansuchen und Auftragsbearbeitungen oder auch Vermarktung und Vertrieb unter einer gemeinsamen Dachmarke organisiert werden. Es handelt sich um spezifisch sozialgenossenschaftliche Fördergenossenschaften, die der Stärkung der einzelgenossenschaftlichen Ansätze dienen. Eine weitere wichtige sekundäre Struktur besteht in einer Mutualitätsgenossenschaft, die als kooperativer Fonds der Anschubfinanzierung und der Überbrückung von Liquiditätsengpässen dient.

Ausblick

Genossenschaften sind, wie zahlreiche Untersuchungen weltweit zeigen, durch ihre kooperative Struktur und die Verantwortungsübernahme der Mitglieder auf der Basis (relativer) Gleichheit gerade in Krisenzeiten stabile Unternehmensformen ICA (international Cooperative Alliance) und nicht ohne Grund hat die UNO das Jahr 2012 zum internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Die Entwicklung von Genossenschaften im sozialen und gesundheitlichen Sektor, im Bereich von Bildung, Kultur und Ökologie sowie im Bereich der Organisation von Einrichtungen der bürgerschaftlichen Infrastruktur sind angesichts der Situation des öffentlichen Sektors aber auch der Ansprüche der Gestaltung einer partizipativen und demokratischen Bürgergesellschaft zentrale Herausforderungen unserer Zeit. Insbesondere die anspruchsvolle Form der Sozialgenossenschaften Betroffener ist die konsequenteste soziale Innovation des deutschen Wohlfahrtssystems, sofern diese verbunden wird mit einer gestaltenden Sozial- und Gesellschaftspolitik, die die förderlogischen Voraussetzungen hierfür gewährleistet.

Weiterführende Literatur:

Elsen, Susanne: Gemeinwesenökonomie. Neuwied 1998
Elsen, Susanne: Die Ökonomie des Gemeinwesens. Weinheim und München 2007
Elsen, Susanne (Hrsg.): Ökosoziale Transformation Neu-Ulm 2011
Elsen, Susanne/Aluffi, Anna (Hrsg.): Gesellschaftlicher Aufbruch, reale Utopien und die Arbeit am Sozialen. Bozen 2013
Flieger, Burghard: Sozialgenossenschaften Neu-Ulm 2003