Ministerin Theresia Bauer und Präsident Prof. Friedrich Hubert Esser

Ein (fast) immer funktionierender Reisverschluss

Statements zum dualen Studium

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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ZWEI INTERVIEWS Duale Studiengänge punkten durch ihre Praxisnähe und sind für die Betriebe ein wichtiges Instrument zur Fachkräfterekrutierung. Knapp 90 % der dual Studierenden bereuen ihre Entscheidung nicht und würden wieder einen dualen Studiengang wählen.

Aber es gibt Schwachstellen, die auszumerzen sind. Festzuhalten ist, dass die zeitliche und die inhaltliche Abstimmung zwischen Lehr- und Lerninhalten der Bildungseinrichtungen und Ausbildungs-/Qualifizierungsinhalten der Unternehmen noch nicht den Empfehlungen des Wissenschaftsrats entsprechen. Andererseits ist es aber gerade die Verknüpfung von Theorie und Praxis, die angehende Studierende von einem dualen Studium erwarten. In den Absolventenbefragungen der Dualen Hochschule Baden Wuerttemberg (DHBW) wird regelmäßig der größte Verbesserungsbedarf des dualen Studiums bei diesem Aspekt ausgemacht. Die Mehrheit der ehemaligen Studierenden erachtet eine stärkere Anwendung des Fachwissens während der Praxisphase als notwendig und fordert ebenso einen besseren Praxisbezug in der Theoriephase.

Zwei Statements zum dualen Studium von Prof. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn, und Theresia Bauer, Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, bewerten das Format und ordnen es ein.

Denk-doch-Mal.de: Herr Präsident Esser, das BIBB kümmert sich um das duale Studium: Ist das die Zukunftsvariante der dualen Berufsausbildung?
Prof. Friedrich Hubert Esser: Das duale Studium ist sowohl eine Variante der dualen beruflichen Ausbildung, die mit einem Studium gekoppelt wird, als auch ein ausschließlich hochschulisches Format, das in erheblichem Umfang betriebliche Bildungsphasen beinhaltet. Damit ist das duale Studium ein neues Bildungsformat, das klassische hochschulische Angebote ergänzt und stärker beruflich orientiert ist. Vor diesem Hintergrund hat der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Juni 2017 duale Studiengänge ausdrücklich als innovatives Bildungsformat begrüßt. Duale Studienmöglichkeiten sind ein wichtiges Instrument der Betriebe, um leistungsstarke Schulabgängerinnen und -abgänger zu rekrutieren und längerfristig an sich zu binden. Die Jugendlichen sehen das duale Studium als Alternative zum klassischen Bachelor-Studium, nicht aber als Alternative zur Ausbildung. Das haben BIBB-Erhebungen bei Studierenden zum Image der beruflichen Bildung ergeben.

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BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser: „Ich kann nur empfehlen, auch einen beruflichen Abschluss anzustreben.Doch nicht überall, wo duales Studium drauf steht, ist Dualität auch wirklich drin. Deshalb hat der BIBB-Hauptausschuss klare Kriterien zur Definition eines dualen Studiengangs aufgestellt, die unter anderem die organisatorischen, vertraglichen und curricularen Bezüge der Lernorte Betrieb und Hochschule umfassen. Auch hinsichtlich der Studienabschlüsse hält das BIBB weitere Anstrengungen der Hochschulen für erforderlich, diese breiter und an Berufsfeldern auszurichten, damit die Absolventinnen und Absolventen sich damit am Arbeitsmarkt behaupten können.“

Denk-doch-Mal.de: Die Mehrzahl der dualen Studienplätze ist inzwischen nicht mehr mit einem Berufsabschluss in einem anerkannten Beruf verbunden. Was bedeutet das? Sinkt das Niveau oder steigt es?
Prof. Friedrich Hubert Esser: Tatsächlich wächst der Anteil sogenannter praxisintegrierender dualer Studiengänge, die betrieblich nicht mit einer eingetragenen Ausbildung verbunden sind. Das belegen Zahlen der vom BIBB betriebenen Datenbank „AusbildungPlus“(www.ausbildungplus.de). Dies lässt sich unter anderem auf ein größeres Angebot von Berufsakademien zurückführen, die traditionell betriebliche Phasen in ihre Ausbildung integrieren und diese nun als duale Studiengänge anbieten. Darüber, warum Betriebe möglicherweise auf die geregelte berufliche Ausbildung im Rahmen von dualen Studiengängen verzichten, können nur Vermutungen angestellt werden. Ich bedauere diese Entwicklung und kann jungen Menschen nur empfehlen, auch einen beruflichen Abschluss anzustreben. Damit ist die Qualität der betrieblichen Phasen gesichert und die Studierenden haben eine Rückfallposition, wenn es an der Universität oder Fachhochschule nicht so recht klappt. Daraus jetzt aber den Umkehrschluss zu ziehen, es gäbe generell Qualitätsprobleme bei praxisintegrierenden Studiengängen, wäre sicherlich falsch.

Denk-doch-Mal.de: Was ist eigentlich mit den Betrieben los: Warum finden sie auf einmal dieses Angebot so richtig toll?
Prof. Friedrich Hubert Esser: Es gibt mittlerweile ein sehr vielfältiges Angebot an dualen Studiengängen. Das ermöglicht es den Betrieben, ein genau für sie passendes Modell zu finden oder mit den Hochschulen auf ihre Bedarfe zuzuschneiden. Hier zeigen einige Hochschulen eine erstaunliche Flexibilität. Umso wichtiger ist es deshalb, dass bei dualen Studiengängen klare Qualitätskriterien definiert und eingehalten werden. Es gibt derzeit keine empirischen Belege zur Substitution von dualer Ausbildung durch duale Studiengänge – weder bei den Betrieben noch bei den Studierenden. Vielmehr macht der Erfolg dieses Bildungsformats deutlich, wie wichtig berufliche Orientierung, erfahrungsgeleitetes Lernen und Praxisbezug für einen erfolgreichen Einstieg in das Erwerbsleben sind – alles Tugenden der beruflichen Bildung, die nun auch Eingang in die Hochschulen finden. Der Erfolg dualer Studiengänge ist aber auch ein Beleg dafür, dass die derzeitigen Angebote der Aufstiegsfortbildung auf der Gesellen-, Meister- und MeisterPlus-Ebene sowohl für die Betriebe wie auch für die Bildungsnachfrager an Inhalten wie auch an Attraktivität so nicht auskömmlich sind. Auch das sollte uns zu denken geben!

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Denk-doch-Mal.de: Frau Ministerin Bauer, Sie sagen: Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) ist uns sehr wichtig. Warum setzt das Wissenschaftsministerium sich so für dieses Hochschulformat ein?
Theresia Bauer: Eine Stärke der Hochschullandschaft in Baden-Württemberg ist ihre Vielfalt, die für die unterschiedlichsten Anforderungsprofile passgenaue Lösungen anbietet. Ein Alleinstellungsmerkmal der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) ist die curriculare Verschränkung der Lernorte Hochschule und Unternehmen bzw. soziale Einrichtung („Duale Partner“). Das heißt, es existiert kein Nebeneinander von Studium und Praktika, sondern ein Wechsel zwischen theoretischen und praktischen Lernphasen, die aber einem einheitlichen Studienplan unterliegen. Für das Land, seine Wirtschaft und seine sozialen Einrichtungen ist die Duale Hochschule besonders wertvoll, weil hier künftige Fach- und Führungskräfte akademisch ausgebildet, aber gleichzeitig optimal auf den Berufsalltag vorbereitet werden. Das lassen sich die Firmen einiges kosten. Jedem Euro, den das Land für die DHBW ausgibt, stehen Investitionen der Dualen Partner von bis zu fuenf Euro in ihre dualen Studierenden gegenüber.

Denk-doch-Mal.de: Wo würden Sie die DHBW in der deutschen Hochschullandschaft einordnen?
Theresia Bauer: Man kann duale Berufsausbildung, Universitäten, HAW und DHBW in einem Koordinatensystem verorten, in dem auf der horizontalen Achse die akademische Befähigung (mit einem Schwerpunkt bei Sach- und Methodenkompetenzen, vor allem fachspezifische Lösungsstrategien) und auf der vertikalen Achse die Berufsbefähigung (dazu gehören vor allem auch Sozial- und Selbstkompetenzen) aufgetragen ist. Bei der Berufsausbildung steht vor allem die Berufsbefähigung im Vordergrund. An den Universitäten wird vor allem die akademische Befähigung vermittelt. Wie stark die Berufsbefähigung der Absolventinnen und Absolventen ausgeprägt ist, hängt auch vom gewählten Fach ab. In der Medizin ist sie hoch, in den Sprachwissenschaften wird in der Regel nicht für ein konkretes Berufsbild ausgebildet. Die HAW liegen irgendwo in der Mitte zwischen diesen Extremen. Die DHBW schließlich vermittelt im Vergleich zu den HAW durch die integrierten und curricular vernetzten Praxisphasen eine höhere Berufsbefähigung bei vergleichbarer akademischer Befähigung. Letzteres ist vor allem dadurch möglich, dass die Studierenden der DHBW von den Dualen Partnern sorgfältig ausgewählt werden und dadurch im Durchschnitt hoch motiviert und befähigt für ihr Studienfach sind.

Denk-doch-Mal.de: Sie setzen jetzt auch auf weiterbildende und berufsbegleitende Masterangebote an der DHBW. Mir geht es nicht um die Querelen die damit verbunden waren, sondern um die bildungspolitische Einordnung: Ist das ein weiterer Baustein, um ein vollwertiger Konkurrent der Hochschulen zu werden?
Theresia Bauer: Denkt man das duale Studienprinzip konsequent weiter, dann ist ein duales Masterstudium nur in V

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Ministerin Theresia Bauer: Jedem Euro, den das Land für die DHBW ausgibt, stehen Investitionen der Dualen Partner von bis zu fuenf Euro in ihre dualen Studierenden gegenüber.

erbindung mit einer Berufstätigkeit vorstellbar. Deshalb sind die Masterangebote der DHBW nicht berufsbegleitend, sondern berufsintegrierend. Das bedeutet, dass die Arbeitgeber der Studierenden involviert sind. Die Studierenden bringen konkrete Fragestellungen aus ihrem Berufsalltag in das Studium ein, so dass die ganze Semestergruppe anhand dieser praktischen Bespiele die gewünschten Kompetenzen erwerben kann. Für die Studierenden bietet das Masterstudium die Möglichkeit, die im Bachelorstudium erworbenen Kompetenzen wahlweise zu vertiefen oder zu erweitern und sich dadurch zusätzliche Karrierewege zu eröffnen. Für die Unternehmen sind die Masterangebote des DHBW CAS eine Variante der Personalentwicklung und damit mittelbar auch der Mitarbeiterbindung.

Denk-doch-Mal.de: Ist das duale Studium die Zukunftsvariante der dualen Berufsausbildung oder ersetzt es die Hochschulen für angewandte Wissenschaften?
Theresia Bauer: Weder noch. Während die duale Berufsausbildung auf einen konkreten Beruf vorbereitet, qualifiziert ein Studium immer für ein ganzes Berufsfeld. Die HAW haben andererseits eine wichtige Rolle als Hochschule der Aufsteiger/-innen, die häufig keine allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife vorweisen können, die üblicherweise Voraussetzung für ein DHBW-Studium ist. Außerdem hat die HAW einen deutlich weiter gefassten Forschungsauftrag und ist flexibler in ihren Studienangeboten, zum Beispiel, weil die Studierenden über einen längeren Zeitraum kontinuierlich an der Hochschule sind.

Denk-doch-Mal.de: Erfüllt die Praxisphase im Betrieb den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Reflexivität?
Theresia Bauer: Diesen Anspruch hat die DHBW an ihre Dualen Partner. Es gehört zu den Aufgaben der Studiengangsleiterinnen und -leiter, diesen Anspruch gegenüber den Dualen Partnern einzufordern. Befragungen von Studierenden zeigen, dass das in der Mehrzahl der Fälle funktioniert, es aber auch Duale Partner gibt, die hier noch Nachholbedarf haben. Der im Sommer 2017 erstmals verliehene Duale Partner Award hat besonders gelungene Umsetzungen der Praxisphasen belohnt und sichtbar gemacht. Es ist zu hoffen, dass das auch als Inspiration für andere Duale Partner wirkt.

Denk-doch-Mal.de: Ist die passgenaue und hochqualifizierte Nachwuchsbildung, die DHBW für die Betriebe sicherstellt, nicht ein zu „schmaler Ansatz“ für eine Hochschulbildung?
Theresia Bauer: Das Duale Studium ist eine ständige Gratwanderung zwischen akademischem Anspruch und akademischer Weite einerseits und Praxisnähe und beruflicher Relevanz des Gelernten andererseits. Dieser Herausforderung stellen sich die Professorinnen und Professoren, die Studiengangsleiter/-innen, Dekaninnen und Dekane, die Leitungen der Studienakademien und das Präsidium täglich. Bei aller Nähe zwischen den Dualen Partnern und der DHBW ist sicherzustellen, dass das akademische Profil des Dualen Studiums nicht den Interessen einzelner Unternehmen oder sozialer Einrichtungen untergeordnet wird.

Die Statements sammelte unser DENK-doch-MAL.de-Redaktionsmitglied Klaus Heimann für seine Reportage zum dualen Studium ein, die im DSW-Journal als Titelgeschichte erschienen ist.
Link: https://www.studentenwerke.de/sites/default/files/dsw_journal_4-2017.pdf