Hochschule und Beruflichkeit

Hochschulen brauchen ein Konzept für Arbeitsweltorientierung

Von: Staak Sonja (Stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg )

Staak Sonja

Stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg

Sonja Staack ist stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg und befasst sich in dieser Funktion unter anderem mit dem Themenfeld Bildung und Hochschule.


So rasant die Hochschulen wachsen, so schleppend kommt die konzeptionelle Ausgestaltung ihrer wachsenden Aufgaben voran. Längst werden große Teile des Arbeitsmarktes von akademischen Berufen geprägt. Doch mit dem Verhältnis von Studium und Beruf tun sich insbesondere die Universitäten nach wie vor schwer. Sie sollten sich trauen, von der Beruflichen Bildung zu lernen – ohne die Besonderheiten der Hochschulwelt einzuebnen.

Bildung zwischen zwei Welten

Berufliche oder akademische Bildung – das sind in Deutschland bis heute zwei fast völlig getrennte Welten. So gilt seit jeher für jeden jungen Menschen: Entweder – oder. Diese wechselseitige Abschottung der Bildungsbereiche gegeneinander ist nicht nur ein internationaler Sonderweg, sie trägt auch dazu bei, dass die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems besonders gering und das Ausmaß der sozialen Auslese besonders hoch ist. Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen im Schnitt 79 ein Hochschulstudium. Bei Nicht-Akademiker Familien schaffen gerade einmal 27 von 100 Kindern den Sprung an eine Hochschule.[1] Genauso wie das zergliederte Schulsystem zementiert auch die weiterführende Bildung die gegenseitige Abschottung gesellschaftlicher Milieus.

Bis heute sind die Systeme der Berufs- und Hochschulbildung durch eine bemerkenswerte gegenseitige Sprachlosigkeit miteinander verbunden. Auf kaum einer Tagung kann man Akteure aus beiden Welten treffen, kaum eine bildungspolitische Debatte greift Argumente aus dem jeweils anderen Bereich auf. Unabhängig voneinander ringt jede der beiden Welten um ihren eigenen Bildungsbegriff.

Seit einigen Jahren wird das Verhältnis von Hochschulen und Berufsbildung zunehmend ins Wanken gebracht. Grund dafür sind nicht übergreifende Debatten oder gezielte Bildungsreformen, sondern die individuellen Bildungsentscheidungen der Schulabgängerinnen und -abgänger: Ein immer größerer Teil von ihnen strömt an die Hochschulen. 2018 begannen 495 Tausend Jugendliche eine Ausbildung im dualen System nach Berufsbildungsgesetz bzw. Handwerksordnung, 514 Tausend begannen ein Studium an einer Hochschule oder Berufsakademie.[2] Mit dieser Entwicklung ist auch die Aufgabenteilung zwischen beruflicher und akademischer Bildung in Frage gestellt. Es ist daher nicht überraschend, dass sie erhebliche Gegenwehr provoziert.

Universitäten verteidigen Exklusivität

An den Universitäten besteht seit jeher die Sorge, dass die Entwicklung zur Massenuniversität mit einem Qualitäts- und Ansehensverlust verbunden ist. Das hat damit zu tun, dass die Hochschulfinanzierung nie mit steigenden Studierendenzahlen Schritt hielt. Die Sorge ist aber auch eng verknüpft mit der elitären Tradition des Hochschulsystems. Über Jahrhunderte hinweg war die Gruppe der Studierenden ein ausgesprochen kleiner Kreis. Vor dem zweiten Weltkrieg erreichte die Studierendenquote keine drei Prozent eines Jahrgangs, erst ab 1950 setzte dann ein fast kontinuierliches Wachstum der Studierendenzahlen ein, deutlich beschleunigt in den 1970er Jahren.[3] Im Wintersemester 2018/19 gibt es in Deutschland 2,9 Millionen Studierende. Allein in den letzten zehn Jahren ist ihre Zahl um fast 50 Prozent gestiegen.[4]

Längst können sich auch die Universitäten den Anforderungen einer Ausbildung für den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr verschließen, die Unterscheidung von Universitäten und Fachhochschulen beginnt zu verschwimmen. Ersatzweise hat das Hochschulsystem in den letzten 20 Jahren eine neue Differenzierungslinie entwickelt: Mit dem Bachelor wurde auch an den Universitäten ein Abschluss etabliert, der auf den außerhochschulischen Arbeitsmarkt orientiert und (ohne anschließendes Masterstudium) weder einen Einstieg in die Wissenschaft noch in die traditionellen akademischen Laufbahnen des öffentlichen Dienstes ermöglicht.

Schreckgespinst Akademisierung

Pflegen die Hochschulen mit der Warnung vor der Massenuniversität nicht zuletzt ihren Standesdünkel, so pflegt die Welt der Berufsbildung weiterhin Vorbehalte gegenüber Akademikerinnen und Akademikern: Mit Hochschulbildung, so das Vorurteil, könne man im Grunde wenig Praktisches anfangen. Im Ergebnis versuchen bisweilen beide Seiten reflexhaft, den Trend zum Studium aufzuhalten – schließlich sei die Wirtschaft insbesondere auf beruflich qualifizierte Fachkräfte angewiesen, so bestätigen sie sich gegenseitig.

Bei näherem Hinsehen gibt es für den Trend zum Studium allerdings durchaus rationale Gründe. Nach wie vor ist ein Studium der beste Schutz gegen Erwerbslosigkeit: Die Arbeitslosenquote unter Akademiker/innen lag 2017 bei 2,3 Prozent.[5] Vor allem aber sind die Einkommen akademisch Qualifizierter im Durchschnitt 70 Prozent höher als die von beruflich Ausgebildeten. Bezogen auf das Lebenseinkommen bedeutet das: Hochschulabsolvent/innen verdienen mit durchschnittlich 2,3 Millionen Euro eine Million mehr.[6] Diese strukturellen Unterschiede sind durch zunehmende Prekarisierungstendenzen auch in akademisch geprägten Berufsfeldern bisher nicht grundlegend verändert worden.

Wenn der Trend zum Studium anhält – und wenn wir ihn nicht durch eine rabiate Regulierung des Hochschulzugangs abwürgen wollen – wird es Zeit, nicht länger über Akademisierung und Massenuniversitäten zu schimpfen, sondern sich der Debatte um eine neue Aufgabenteilung von beruflicher und akademischer Bildung zuzuwenden. Hierzu gehört zunächst die Anerkennung, dass auch Hochschulen Aufgaben der Berufsqualifizierung übernehmen. Dieser Anspruch beschränkt sich nicht auf Bachelorstudiengänge oder Fachhochschulen und ist schon gar keine Randaufgabe des akademischen Systems. Und dieser Anspruch wird auch durch noch so brillante Forschungseinrichtungen nicht von alleine erfüllt, sondern bedarf konzeptioneller Anstrengungen und Debatten.

Von der beruflichen Bildung lernen

Die Hochschulen könnten hier eine Menge von der beruflichen Bildung lernen: Berufsorientierung darf nicht Engführung auf ein kleines Tätigkeitsgebiet oder gar einen einzelnen Betrieb bedeuten, sondern gerade in der überbetrieblichen Ausrichtung liegt die Stärke des dualen Ausbildungssystems. Dazu gehört auch die Einbeziehung überbetrieblicher Akteure in die Gestaltung von Ausbildungsordnungen. Außerdem trägt die Einbeziehung der Perspektiven nicht nur von Arbeitgebern, sondern auch von Arbeitnehmerorganisationen dazu bei, dass die Inhalte der Berufsausbildung nicht auf ihre kurzfristige Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt hin ausgerichtet werden, sondern auf eine nachhaltige Qualifizierung zielen, die Beschäftigten auch in einer sich rasch verändernden Arbeitswelt eine solide Grundlage und Orientierung geben kann.

Für keinen der genannten Aspekte gibt es im Hochschulsystem bisher funktionierende Routinen. Wie kann verhindert werden, dass immer mehr hochspezialisierte Studiengänge entstehen, die sich an einem allzu kleinen Tätigkeitsfeld oder gar an den Bedürfnissen eines einzelnen Arbeitgebers orientieren? Auf welcher Ebene, in welcher Phase und in welcher Form werden überbetriebliche Akteure in die Gestaltung von Studiengängen einbezogen? Welche Gremien, Beiräte oder Netzwerke brauchen wir, um eine solche Gestaltungsarbeit zu etablieren? Wie können wir im Hochschulsystem die Erkenntnis verankern, dass zur Berufspraxis Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gleichermaßen gehören und beide Seiten in die Entwicklung und Bewertung von Studiengangkonzepten einbezogen werden sollten?

Die IG Metall hat für die Übertragung von Erkenntnissen aus der Berufsbildung auf die Hochschulwelt mit ihrem Konzept der ›erweiterten modernen Beruflichkeit‹ wichtige Ansatzpunkte geliefert und den Mut aufgebracht, eine bildungsbereichsübergreifende Debatte anzustoßen.[7] Sie formuliert den Anspruch, gemeinsame Prinzipien für die Gestaltung der Lernprozesse in der betrieblich-dualen Berufsbildung und in der Hochschule zu formulieren und überträgt im Kern ihr in der Berufsausbildung entwickeltes Konzept einer modernen Beruflichkeit auf die Hochschulbildung als ›wissenschaftliche Berufsausbildung‹.

Besonderheiten der Hochschulbildung

Was in dieser Perspektive bisher fehlt, sind die Besonderheiten des Hochschulsystems. Ein Begriff akademischer Arbeitsweltorientierung muss aber zwingend unvollständig bleiben, nimmt er diese nicht in den Blick. Hier verdienen vor allem drei Punkte eine nähere Betrachtung: Erstens das Fehlen eines konkreten Berufsbildes als Normalität hochschulischer Berufsqualifizierung, zweitens der unmittelbare Bezug der hochschulischen Bildung zur wissenschaftlichen Forschung und die Eigenschaft der Studierenden als Lernende und Forschende zugleich sowie drittens die Rolle der Studierenden als Mitglieder der Hochschule und damit als Subjekte der Fortentwicklung des Wissenschaftssystems, welches neben der Qualifizierung auch unmittelbar zur Aufgabe hat, Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu erarbeiten und Grundlagen für gesellschaftlichen Fortschritt zu entwickeln.

Wie lässt sich berufliche Handlungsfähigkeit herstellen, wenn ein konkretes Berufsfeld während der Ausbildung noch kaum absehbar ist? Wie können aktuelle Forschungsergebnisse und -debatten sinnvoll mit der Reflexion von Praxisbedingungen und Branchenstrukturen, mit sozialen wie technologischen Herausforderungen zusammen gedacht werden? Wie können Studierende schon während der Ausbildung Praxiserfahrungen und -analysen auf wissenschaftlichem Niveau reflektieren und an der Entwicklung von Forschungsfragen mitwirken?

Aus einer übergreifenden Debatte über die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten beruflicher und hochschulischer Bildung könnte ein weiterentwickelter Begriff von Praxisorientierung entstehen, von dem beide Seiten profitieren. Dafür allerdings muss die Sprachlosigkeit zwischen den beiden Bildungswelten überwunden werden. Wenn die Neuordnung des Verhältnisses von Hochschulen und Berufsbildung von beiden Seiten weniger als Angriff, sondern als Chance begriffen würde, könnte sie der beruflichen Bildung Impulse liefern, den Elfenbeinturm Hochschule aufbrechen helfen und der Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen nutzen. Das wäre es allemal wert.

 

[1] Kracke, Nancy / Middendorff, Elke / Buck, Daniel (2018): Beteiligung an Hochschulbildung, Chancen(un)gleichheit in Deutschland, DZHW Brief 3/2018, Hannover: DZHW.

[2] Statistisches Bundesamt (2019): Schnellmeldung Integrierte Ausbildungsberichterstattung. Anfänger im Ausbildungsgeschehen nach Sektoren/Konten und Ländern 2018, Wiesbaden.

[3] Wolter, Andrä 2014: »Eigendynamik und Irreversibilität der Hochschulexpansion in Deutschland«, in: Ulf Banscherus / Margret Bülow-Schramm / Klemens Himpele / Sonja Staack / Sarah Winter (Hg.): Übergänge im Spannungsfeld von Expansion und Exklusion – Eine Analyse der Schnittstellen im deutschen Hochschulsystem, Bielefeld: 19-38.

[4] Studierendenstatistik des Statistischen Bundesamts.

[5] Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (2018): Aktuelle Daten und Indikatoren. Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten, Nürnberg.

[6] Allmendinger, Jutta (2016): »Wie ein gutes Ausbildungssystem aussehen sollte«, in: Merton, Online-Magazin des Stifterverbands, https://merton-magazin.de/wie-ein-gutes-ausbildungssystem-aussehen-sollte.

[7] IG Metall-Vorstand (2014): Erweiterte moderne Beruflichkeit. Ein gemeinsames Leitbild für die betrieblich-duale und die hochschulische Berufsbildung, Diskussionspapier, Frankfurt (Main).