Muslime in Deutschland

Von: Prof. Dr. Sonja Haug (Hochschullehrerin in Regensburg), Dr. Anja Stichs (Wissenschaftliche Mitarbeiterin Bundesamt für Migration)

Prof. Dr. Sonja Haug

Hochschullehrerin in Regensburg

Sonja Haug ist Professorin für Empirische Sozialforschung an der Hochschule Regensburg und leitete bis 2009 das Forschungsfeld Empirische Sozialforschung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Sie hat Soziologie in Mannheim studiert und dort auch promoviert, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Stuttgart und Leipzig, am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung und am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und hat an der Universität Mainz habilitiert.


Dr. Anja Stichs

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Bundesamt für Migration

Dr. Anja Stichs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsfeld Empirische Sozialforschung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Sie hat an der Freien Universität Berlin Soziologie studiert und dort im Bereich der Stadtsoziologie promoviert. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.  


Hohe Einbürgerungsquoten und ein hoher Anteil in Deutschland geborener Muslime verdeutlichen, dass sie einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft bilden. Die differenzierte Betrachtung nach Herkunftsgruppen zeigt, dass Muslime weder generell bildungsfern noch integrationsresistent sind. Die Ergebnisse indizieren, dass pauschalisierende Urteile über Muslime zu kurz greifen und dass das Merkmal der Religionszugehörigkeit in aktuellen Integrationsdebatten häufig überschätzt wird.

Über Muslime in Deutschland ist wenig bekannt. In der amtlichen Statistik ist erfasst, dass die katholische und evangelische Kirche jeweils etwa 25 Millionen Mitglieder haben, die jüdischen Gemeinden etwa 104.000. (i) Da muslimische Gemeinden über keine zentrale Organisation und Registrierung verfügen, ist die Zahl ihrer Mitglieder unbekannt.

Das muslimische Leben in Deutschland steht in engem Zusammenhang mit der Zuwanderung. Der Mikrozensus erhebt seit 2005 das Merkmal Migrationshintergrund. So werden 2009 15,7 Millionen Personen mit Migrationshintergrund ausgewiesen, das sind 19 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. 10,6 Millionen haben eigene Migrationserfahrung, fünf Millionen gehören zur zweiten Generation. Mehr als die Hälfte der Personen mit Migrationshintergrund (8,5 Millionen) sind deutsche Staatsbürger, meist Aussiedler/Spätaussiedler oder Eingebürgerte und deren Nachkommen.(ii) Im Mikrozensus wird das Merkmal der Religion jedoch nicht erhoben, so dass unbekannt ist, inwieweit die Personen mit Migrationshintergrund einer Religionsgemeinschaft angehören.

In der Forschung und Diskussion um muslimische Zuwanderer wird auch selten auf die Vielschichtigkeit des muslimischen Lebens in Deutschland eingegangen. Bisherige Studien befassen sich vor allem mit türkischen Zuwanderern, da diese die größte ausländische Nationalitätengruppe und auch die größte muslimische Population in Deutschland sind.(iii) Das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) führt Mehrthemenbefragungen, aber auch spezielle Studien zur religiösen Praxis und der organisatorischen Vertretung türkischstämmiger Muslime oder zum freiwilligen Engagement durch.(iv) Einzelne Abhandlungen anderer Autoren beziehen sich auf einzelne muslimische Gesellschaftsgruppen (Jugendliche, Familien). Des Weiteren werden türkische Zuwanderer regelmäßig im Rahmen der Sozialstrukturanalyse oder bei Datenanalysen zur Integration mit dem Sozio-ökonomischen Panel gesondert ausgewiesen.

Explizit mit der muslimischen Bevölkerung befassen sich nur zwei Studien. Das vom Bundesministerium des Innern in Auftrag gegebene Projekt „Muslime in Deutschland“ befasst sich mit Integrationsbarrieren und der Ausprägung der Gewaltbereitschaft und fundamentalistischer Tendenzen von jugendlichen und erwachsenen Muslimen.(v) 80 Prozent der Befragten sind türkischer Abstammung. Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung bezieht sich explizit auf die Religiosität von Muslimen aus vier Regionen (Türkei, Bosnien, Arabien und Iran).(vi) Die Studie enthält jedoch keine Informationen über nicht muslimische Zuwanderer, so dass keine Aussage über die Zahl der Muslime aus diesen Ländern und die Besonderheit im Vergleich zu anderen Zuwanderern getroffen werden kann.

Um die gesamte Zahl der Muslime in Deutschland festzustellen und auch das muslimische Leben in Deutschland aus vielfältigen Perspektiven näher zu erforschen, und somit zur Versachlichung der Debatte beizutragen, wurde das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2008 von der ersten Deutschen Islam Konferenz beauftragt, eine repräsentativ angelegte Studie durchzuführen.(vii) Es wurden 6.000 Haushalte aus fünfzig muslimisch geprägten Herkunftsländern telefonisch befragt. Die Stichprobenziehung erfolgte durch ein Namensverfahren, das auf typischen Namen der ausgewählten Herkunftsländer basierte. So war es möglich, sowohl muslimische als auch nicht-muslimische Personen mit Migrationshintergrund zu finden.

Muslime in Deutschland kommen aus einer Vielzahl von Herkunftsländern

Die Ergebnisse belegen, dass zum Teil erhebliche Anteile der Personen mit Migrationshintergrund aus den untersuchten Herkunftsländern sich selbst nicht als Muslime betrachten. Beispielsweise gehören fast 40 Prozent der Migranten aus Iran gar keiner Religionsgemeinschaft an. Aus anderen überwiegend muslimisch geprägten Herkunftsländern wie etwa dem Irak oder afrikanischen Ländern sind verstärkt Angehörige religiöser Minderheiten wie Christen zugewandert. Aus der religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung des Herkunftslandes kann daher nicht automatisch auf die Religion der in Deutschland lebenden Migranten geschlossen werden. Religion und Herkunft hängen bei Migranten aus der Türkei am stärksten zusammen – 81 Prozent bezeichnen sich als Muslime. Bei Migranten aus anderen Regionen, wie Iran oder Naher Osten, ist der Anteil der Muslime sehr viel geringer (49 bzw. 59 Prozent).

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Daraus ergibt sich, dass bisherige Schätzungen fehlerhaft sind, da sie auf der Summe der Staatsbürger von zwanzig muslimischen Herkunftsländern basieren; zusammen mit der Zahl der Einbürgerungen in den letzten Jahren wurde so von knapp über drei Millionen Muslimen ausgegangen. Nicht berücksichtigt wurden hierbei auch die Kinder von Eingebürgerten, was zu einer Unterschätzung der Zahl der Muslime führt.

Die Ergebnisse der Studie Muslimisches Leben in Deutschland zeigen, dass die Muslime in Deutschland hinsichtlich der regionalen Herkunft eine sehr heterogene Bevölkerungsgruppe sind. Wie zu erwarten, dominiert die große Gruppe der Türkeistämmigen. So haben knapp 2,6 Millionen der in Deutschland lebenden Muslime türkische Wurzeln. Aus den südosteuropäischen Ländern Bosnien-Herzegowina, Bulgarien und Albanien stammen etwa 550.000 Personen. Die drittgrößte muslimische Bevölkerungsgruppe in Deutschland sind 330.000 Migranten aus dem Nahen Osten, hauptsächlich aus dem Libanon, dem Irak, Ägypten oder Syrien. Aus Nordafrika kommen zwischen 280.000 der in Deutschland lebenden Muslime, die Mehrzahl davon aus Marokko. Kleinere Gruppen stammen aus Zentralasien, Iran, Süd-/Südostasien und dem sonstigen Afrika. Eine pauschalierende Bewertung dieser Bevölkerungsgruppe ist angesichts ihrer unterschiedlichen Herkunftskontexte, Zuwanderungsmotive Aufenthaltsdauer und auch unterschiedlichem Integrationsstand nicht angemessen.

klickhierAbb. 1: Zahl der Muslime nach Herkunftsregionen
In Deutschland leben etwa vier Millionen Muslime

Die Hochrechnung auf Basis der direkten Befragung ergab, dass in Deutschland etwa vier Millionen Muslime leben. Damit ist der Islam in Deutschland die drittgrößte Religionsgemeinschaft, mit großem Abstand zu den Christen. Muslime stellen einen Anteil von rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Etwa ein Viertel der laut Mikrozensus 15,7 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland ist muslimischen Glaubens. Die Muslime verteilen sich auf das gesamte Bundesgebiet mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Rund 45 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund sind deutsche Staatsangehörige. Muslime weisen eine relativ junge Bevölkerungsstruktur auf, ein Viertel ist unter 16 Jahre alt.

Drei Viertel der Muslime in Deutschland sind Sunniten

Die größte konfessionelle Gruppe bilden mit 74 Prozent die Sunniten. Sieben Prozent der Muslime sind Schiiten, zumeist aus dem Iran, und sechs Prozent sind Anhänger spezieller Glaubensrichtungen, wie Sufis, Ibaditen oder Ahmadis. Daneben leben in Deutschland 13 Prozent Aleviten – diese stammen fast ausschließlich aus der Türkei.

klickhierAbb. 2: Verteilung der Glaubensrichtungen unter den Muslimen in Deutschland in Prozent

Die überwiegende Mehrheit der Muslime ist gläubig, insgesamt 86 Prozent schätzen sich selbst als stark oder eher gläubig ein. Religiosität ist insbesondere bei türkeistämmigen Muslimen und Muslimen afrikanischer Herkunft ausgeprägt. Dagegen ist sie bei iranischstämmigen Muslimen eher gering. Zehn Prozent sehen sich als sehr stark gläubig, aber etwa ein Drittel als gar nicht gläubig. Vergleiche zwischen Muslimen und Angehörigen einer anderen Religion zeigen außerdem, dass starke Religiosität keine Besonderheit der Muslime ist. Bei den meisten Herkunftsregionen unterscheiden sich Muslime und Angehörige einer anderen Religion in Bezug auf die Gläubigkeit nur geringfügig. In der Religiosität spiegelt sich somit unabhängig von der Religionszugehörigkeit ein Aspekt der Herkunftskultur wieder.

Betrachtet man die religiöse Alltagspraxis, wie das Beten, das Begehen religiöser Feste, der Einhaltung religiöser Speisevorschriften und Fastengebote, bestehen unter den Muslimen große Unterschiede je nach Herkunftsregion und je nach Glaubensrichtung.

Geringer Vertretungsgrad der muslimischen Verbände

Obwohl die Religiosität und die religiöse Praxis bei Muslimen stark ausgeprägt sind, verfügen nur 20 Prozent über eine Mitgliedschaft in einem religiösen Verein oder einer Gemeinde. Auch die in der ersten Deutschen Islam Konferenz (DIK) vertretenen muslimischen Verbände sind bei Muslimen relativ unbekannt.viii Noch geringer ist deren Vertretungsleistung aus Sicht der Muslime – weniger als ein Viertel fühlt sich von einem der Verbände vollständig vertreten. Die geringe Zustimmung lässt sich u.a. durch die Heterogenität der Muslime nach Glaubensrichtung und Herkunft einerseits sowie der überwiegend zielgruppenspezifischen Ausrichtung der Verbände andererseits erklären. So betrachten sich von den türkeistämmige Sunniten immerhin 32 Prozent durch mindestens einen Verband vollständig vertreten, bei den türkeistämmigen Aleviten sind es 27 Prozent, bei den Muslimen sonstiger Herkunftsländer indessen nur sieben Prozent. Ein weiterer Einflussfaktor stellt die Religiosität dar. Erwartungsgemäß ist die Vertretungsleistung bei stark oder eher gläubigen Muslimen ausgeprägter als bei wenig oder gar nicht Gläubigen. Gleiches gilt wenn man nach regelmäßigen versus seltenen Gottesdienstbesuchern differenziert.

Hoher Bedarf am islamischen Religionsunterricht

Zentrales Thema der zweiten DIK und wichtiges Anliegen der dort vertretenen muslimischen Verbände stellt der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen dar. Muslime bilden, wie andere zugewanderte Gruppen in Deutschland auch, eine relativ junge Bevölkerungsgruppe. 21 Prozent sind im schulpflichtigen Alter von 6 bis unter 18 Jahren. Bei rund vier Millionen Muslimen ergibt sich damit rein rechnerisch die Zahl von rund 800.000 muslimischen Schülern, darunter gut 100.000 alevitische Schüler.

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Derzeit besucht nur eine Minderheit der muslimischen Schüler islamischen Religionsunterricht in der Schule. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in vielen Bundesländern zwar verschiedene Modelle in Schulversuchen erprobt werden, islamischer Religionsunterricht jedoch nicht zum Regelangebot öffentlicher Schulen gehört.(ix) Durch themenverwandte Unterrichtsfächer wird diese Lücke nur teilweise kompensiert. Obgleich muslimische Schüler deutlich häufiger am Ethikunterricht teilnehmen als ihre christlichen Schulkameraden mit Migrationshintergrund aus den entsprechenden Herkunftsländern und obwohl sie teilweise den christlichen Religionsunterricht besuchen, wird mehr als die Hälfte weder in Religion noch in Ethik unterrichtet. Bei den christlichen Schülern ist nur knapp jeder Fünfte ohne jegliches Angebot.

klickhierAbb. 3: Teilnahme von Schülern aus muslimisch geprägten Herkunftsländern am schulischen Religions- oder Ethikunterricht nach Religionszugehörigkeit

Innerhalb der Gruppe der Muslime lassen sich Unterschiede nach Herkunftsgruppen und Glaubensrichtungen erkennen. Es fällt auf, dass alevitische Schüler sowie muslimische Schüler, die aus anderen Ländern als der Türkei stammen, deutlich seltener den islamischen Religionsunterricht besuchen, als türkeistämmige Schüler sunnitischer Konfession. Bei Aleviten ist die geringe Beteiligung am islamischen Religionsunterricht darauf zurückzuführen, dass sich die alevitische Glaubenslehre erheblich von der anderer muslimischer Glaubensrichtungen unterscheidet.

Der islamische Religionsunterricht wird von ihnen als Unterrichtsfach offenkundig nicht akzeptiert. Zwar werden Aleviten in einigen Bundesländern als Religionsgemeinschaft anerkannt und bieten alevitischen Religionsunterricht an.Fehler: Referenz nicht gefunden Aufgrund der vergleichsweise geringen Zahl an alevitischen Schülern sowie Religionslehrern ist es in diesen Bundesländer jedoch nicht möglich, flächendeckend Unterricht anzubieten. Bei der stark heterogenen Gruppe der Muslime anderer Herkunftsländer lässt sich die geringe Beteiligung u.a. dadurch erklären, dass sie tendenziell seltener in ethnisch konzentrierten Wohnquartieren leben, als Türkeistämmige, die nach den Aussiedlern die zweitgrößte Zuwanderergruppe in Deutschland stellen.(x) Es ist daher zu vermuten, dass ihre Kinder auch seltener Schulen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schülern aufsuchen, also Schulen, an denen mit höherer Wahrscheinlichkeit islamischer Religionsunterricht angeboten wird.

Dass es einen hohen Bedarf am islamischen Religionsunterricht gibt, wird auch durch die Ergebnisse über die Meinung der muslimischen Befragten im Alter ab 16 Jahren zu diesem Thema bestätigt. Über 80 Prozent der Muslime befürworten die Einführung islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen. Dabei lässt sich die Tendenz ablesen, dass mit zunehmender Religiosität die Zustimmung wächst. Auch Herkunft und Glaubensrichtung haben einen Einfluss. Von den türkischen Sunniten befürworten 90 Prozent die Einführung islamischen Religionsunterrichts als Unterrichtsfach, bei den Muslimen sonstiger Herkunftsländer sind es knapp 80 Prozent. Aleviten wurden auch nach der Befürwortung alevitischen Religionsunterrichts gefragt, der von gut 60 Prozent befürwortet wird.

Nicht alle muslimischen Zuwanderer sind bildungsfern

Häufig wird davon ausgegangen, dass Muslime in Deutschland generell bildungsfern sind, eine Annahme, die aufgrund des Hintergrunds der Zuwanderung aus ländlich geprägten Regionen weniger entwickelter Herkunftsländer plausibel scheint. Zuwanderer aus muslimisch geprägten Herkunftsländern, wie z.B. aus Iran, aber auch aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Zentralasien oder Süd-/Südostasien, weisen jedoch häufig ein hohes Bildungsniveau auf. Insofern stimmt die Aussage der Bildungsferne nur bedingt und trifft nur auf einzelne Gruppen zu, hierbei vor allem auf türkeistämmige Zuwanderer und Migranten aus Südosteuropa. Dies ist auf die Anwerbung niedrig qualifizierter Arbeitsmigranten vor 1973 und den Familiennachzug zurückzuführen.

klickhierAbb. 4: Anteil der Muslime mit mittlerem und hohem Schulabschluss nach Ort des Schulabschlusses, Herkunftsregionxi sowie Geschlecht in Prozent
Differenziert man zwischen Bildungsausländern, die im Erwachsenalter nach Deutschland zugewandert sind, sowie Bildungsinländern, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind – die so genannte zweite Zuwanderergeneration – zeigt sich, dass letztere deutlich häufiger als ihre Elterngeneration einen Schulabschluss erwerben. Noch immer erreichen jedoch 14 Prozent der Bildungsinländer keinen Schulabschluss. Bei den aus der Türkei stammenden Männern der zweiten Generation sind es 15 Prozent, bei aus Nordafrika stammenden Migranten zwölf Prozent.

Ein intergenerationaler Bildungsaufstieg lässt sich auch daran erkennen, dass 43 Prozent der männlichen Zuwanderer einen Abschluss einer weiterführenden Schule oder die Hochschulreife aus dem Herkunftsland mitbrachten, in der zweiten Generation bereits 62 Prozent die mittlere Reife bzw. das Abitur erlangen. Die in Deutschland aufgewachsenen Musliminnen holen sogar noch deutlicher auf. 56 Prozent haben einen weiterführenden Abschluss, bei den muslimischen Bildungsausländerinnen sind es weniger als ein Drittel. Durch die Bildungserfolge der muslimischen Mädchen reduzieren sich auch die in der ersten Generation deutlich ausgeprägten Geschlechterunterschiede.

Berücksichtigt man neben dem Geschlecht auch die Herkunft lässt sich insbesondere unter den türkeistämmigen Frauen ein bemerkenswerter Bildungsaufstieg erkennen. Waren noch 43 Prozent der türkeistämmigen Frauen der ersten Generation ohne jeglichen Schulabschluss zugewandert, so liegt dieser Anteil in der zweiten Generation bei knapp 14 Prozent, 22 Prozent erreichen die Hochschulreife. Innerhalb der Gruppe der Türkeistämmigen erweisen sich die in Deutschland aufgewachsenen Alevitinnen als besonders erfolgreich, von denen jede Dritte eine Hochschulzugangsberechtigung vorweisen kann. Bei einigen Herkunftsgruppen lässt sich ebenso wie allgemein ein Trend zu höheren Schulerfolgen bei Mädchen im Vergleich zu Jungen beobachten. Musliminnen der zweiten Generation aus Südosteuropa, dem Nahen Osten und Nordafrika schließen die Schule häufiger mit der mittleren Reife oder dem Abitur ab als ihre Brüder.

Unter den Angehörigen der ersten Generation übertreffen ausschließlich Musliminnen aus dem Iran ihre männlichen Glaubensgenossen gleicher Herkunft in Hinblick auf schulische Bildung. Allerdings ist die Quote der gut Ausgebildeten im Vergleich zu selbst Zuwanderern anderer Herkunftsregionen bei beiden Geschlechtern relativ hoch. Demgegenüber fällt das Bildungsniveau der in Deutschland aufgewachsenen iranischstämmigen Frauen ab. Sowohl Bildungsausländerinnen als auch männliche Bildungsinländer gleicher Herkunft erlangen häufiger einen mittleren oder hohen Schulabschluss.

Soziale Integration zeigt sich an Kontakten

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Persönliche Beziehungen zu Angehörigen der Aufnahmegesellschaft sind ein wichtiger Indikator für die soziale Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen. Betrachtet man die Häufigkeit von Freundschaftskontakten zeigt sich, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten aus muslimisch geprägten Herkunftsländern über regelmäßige Kontakte zu Deutschen verfügt. 70 Prozent haben mindestens einmal pro Woche Kontakt zu deutschen Freunden. Hierbei bestehen keine Unterschiede zwischen Muslimen und Angehörigen einer anderen Religion. Allerdings fällt auf, dass Muslime tendenziell häufiger gar keine Freundschaftskontakte zu Deutschen haben (12 Prozent), als dies bei sonstigen Religionsangehörigen der Fall ist (9 Prozent).

Im Generationenverlauf lässt sich eine deutliche Steigerung der Kontaktintensität beobachten. Von den selbst zugewanderten Muslimen haben 65 Prozent regelmäßigen Kontakt zu Deutschen, bei den in Deutschland Aufgewachsenen sind es 81 Prozent. Die Häufigkeit von Freundschaftskontakten zu Deutschen ist in der ersten Generation außerdem eine Geschlechterfrage. Muslimische Frauen der ersten Generation geben deutlich seltener an, mindestens einmal wöchentlich Kontakt zu haben, als männliche Zuwanderer. Gleichzeitig haben sie überproportional oft gar keinen Kontakt. In der zweiten Generation gleicht sich die Kontakthäufigkeit von muslimischen Männern und Frauen weitgehend an.

In zahlreichen Integrationsstudien hat sich als stabiler Befund erwiesen, dass zwischen Freundschaftskontakten von Zuwanderern zu Deutschen einerseits und deutschen Sprachkenntnissen andererseits ein starker positiver Zusammenhang besteht. Dies gilt auch, wenn andere mögliche Einflussfaktoren kontrolliert werden. In Übereinstimmung mit diesem Ergebnis, zeigt sich, dass die Kontaktintensität von Muslimen zu Deutschen ganz erheblich von ihren Deutschkenntnissen abhängt. Nur knapp jeder vierte Muslim, der nach eigener Einschätzung keine oder sehr schlechte Sprachkenntnisse in den Bereichen Verstehen, Sprechen, Lesen und Schreiben hat, trifft sich mindestens einmal wöchentlich mit Deutschen im Freundeskreis. Bei Muslimen mit guten oder sehr guten Deutschkenntnissen sind es 78 Prozent. Differenziert man nach Sprachkenntnissen und Generationenzugehörigkeit, zeigt sich das Angehörige der ersten Generation mit guten oder sehr guten Sprachkenntnisse eine fast vergleichbar hohe Kontaktintensität aufweisen, wie Angehörige der zweiten Generation. Auch die schulische Bildung wirkt sich auf die Häufigkeit von Freundschaftskontakten zu Deutschen aus. Muslime ohne eine abgeschlossene Schulausbildung oder mit einem niedrigen Schulabschluss treffen sich seltener mit Deutschen im Freundeskreis als Muslime mit einem mittleren oder hohen Schulabschluss.

Je nach Herkunftsregion der Muslime variiert die Wahrscheinlichkeit für den Aufbau von Freundschaftskontakten zu Deutschen. Muslime aus Südosteuropa fallen durch eine hohe Kontaktintensität auf, bei Muslimen aus der Türkei, aus Afrika südlich der Sahara sowie Iran ist sie vergleichsweise gering. Bei Afrikanisch- sowie Iranischstämmigen ist dies wenigstens teilweise auf ausgeprägte Geschlechterdifferenzen zurückzuführen. So gibt nur jede dritte Muslimin aus Afrika südlich der Sahara sowie knapp jede Zweite aus Iran an, mindestens einmal pro Woche freundschaftliche Kontakte mit Deutschen zu pflegen. Dies ist insbesondere bei der Gruppe der Iranischstämmigen ein eher unerwarteter Befund, da diese nicht zuletzt im Zusammenhang mit der oftmals guten schulischen Bildung der Elterngeneration sowie der gering ausgeprägten Religiosität als gut integrierte Gruppe gelten.

Muslime integrieren sich in deutschen Vereinen

Die soziale Integration hängt auch mit der Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, sei es Migrantenorganisationen oder herkömmliche Vereine. Vier Prozent der Muslime engagieren sich ausschließlich in einem herkunftslandbezogenen Verein. Dagegen sind mehr als die Hälfte der Muslime über 16 Jahre Mitglied in einem deutschen Verein, hierbei 37 Prozent ausschließlich in deutschen Vereinen und 18 Prozent in deutschen und herkunftslandbezogenen Vereinen.

Am häufigsten ist dabei die Mitgliedschaft in einem Sportverein. 28 Prozent der Muslime sind in einem deutschen und acht Prozent in einem herkunftsbezogenen Sportverein. Sportvereine sind insbesondere in den jüngeren Altersgruppen sehr beliebt, wobei muslimische Jugendliche zwar etwas seltener Mitglied als Angehörige anderer Religionsgemeinschaften sind, jedoch häufiger als Jugendliche ohne Religionszugehörigkeit. Ein Unterschied der Partizipation in Sportvereinen zeigt sich zwischen den Geschlechtern – weibliche Muslima sind weitaus seltener Mitglied als männliche.

klickhierAbb. 5: Mitgliedschaft in einem Sportverein
Bedeutend sind weiterhin berufsbezogene Organisationen wie Gewerkschaften und Berufsverbände. Eine weitere Gruppe von Organisationen sind Bildungs- und Kulturvereine. Zehn Prozent der Muslime sind in einem deutschen Bildungsverein Mitglied, fünf Prozent in einem herkunftslandbezogenen Bildungsverein. Fast ebenso hoch ist die Partizipation in Kulturvereinen, wobei hierbei die Kultur des Herkunftslandes etwas stärker im Mittelpunkt des Interesses steht. Acht Prozent sind in einem herkunftslandbezogenen Kulturverein Mitglied, aber neun Prozent in einem deutschen Kulturverein.

Die Mitgliedschaft in einem Bildungs- oder Kulturverein nimmt somit bei Muslimen einen relativ hohen Stellenwert ein. Hochgerechnet geben 380.000 und 376.000 Personen an, in einem deutschen Bildungs- bzw. Kulturverein Mitglied zu sein (doppelte Mitgliedschaften können dabei vorkommen). Diese hohe Beteiligung an Vereinen, sei es im Sport oder im Bildungs- und Kultursektor, kann als ein Hinweis für eine zunehmende soziale Integration der Muslime gewertet werden.

Resümierend lässt sich in Bezug auf die Gruppe der Muslime feststellen, dass es sich um eine heterogene Gruppe handelt. Muslime in Deutschland stammen aus verschiedensten Herkunftsländern und gehören unterschiedlichen Glaubensrichtungen an. Hohe Einbürgerungsquoten und ein hoher Anteil in Deutschland geborener Muslime verdeutlichen, dass sie einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft bilden. Die differenzierte Betrachtung nach Herkunftsgruppen zeigt, dass Muslime weder generell bildungsfern noch integrationsresistent sind. Die Ergebnisse indizieren, dass pauschalisierende Urteile über Muslime zu kurz greifen und dass das Merkmal der Religionszugehörigkeit in aktuellen Integrationsdebatten häufig überschätzt wird. Als zusätzliche Komponente stellt der Themenbereich Religion und Religiosität für klassisch soziologische Erklärungsansätze, die unter Berücksichtigung der Migrationsgeschichte die Bedeutung sozialer Faktoren für verschiedene Aspekte der Integration herausgearbeitet haben, jedoch eine Bereicherung dar.

Die Studie kann unter www.bamf.de/forschung heruntergeladen oder bestellt werden.

Sonstige Bemerkungen

i) Statistisches Bundesamt (2010): Statistisches Jahrbuch. Wiesbaden, S. 69 ff.
ii) Statistisches Bundesamt (2010): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Personen mit Migrationshintergrund. Fachserie 1, Reihe 2.2. Wiesbaden.
iii) Worbs, Susanne; Heckmann, Friedrich (2003): Islam in Deutschland: Aufarbeitung des gegenwärtigen Forschungsstandes und Auswertung eines Datensatzes zur zweiten Migrationsgeneration. In: Bundesministerium des Innern (Hg.): Islamismus – Texte zur inneren Sicherheit. Berlin: Bundesministerium des Innern. S. 133-220. Babka von Gostomski, Christian (2008): Türkische, griechische, italienische und polnische Personen sowie Personen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien in Deutschland. Erste Ergebnisse der Repräsentativbefragung „Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland 2006/2007“ (RAM). Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Working Paper Nr. 11.
iv) Sen, Faruk; Sauer, Martina (2006): Islam in Deutschland. Einstellungen der türkischstämmigen Muslime. Religiöse Praxis und organisatorische Vertretung türkischstämmiger Muslime in Deutschland. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung. ZfT-aktuell Nr. 115. Essen: Zentrum für Türkeistudien. Halm, Dirk; Sauer, Martina (2007): Bürgerschaftliches Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Sauer, Martina (2007): Perspektiven des Zusammenlebens: Die Integration türkischstämmiger Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse der achten Mehrthemenbefragung. Essen: Stiftung Zentrum für Türkeistudien.
v) Brettfeld, Katrin; Wetzels, Peter (2007): Muslime in Deutschland. Berlin: Bundesministerium des Innern.
vi) Bertelsmann Stiftung (2008): Religionsmonitor 2008. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.
vii) Haug, Sonja; Stichs, Anja; Müssig, Stephanie (2009): Muslimisches Leben in Deutschland. Im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz. Forschungsbericht. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Forschungsbericht Nr. 6.
viii) Es handelt sich um die sechs folgenden Verbände: Alevitische Gemeinde in Deutschland (AABF), Islamische Union der Anstalt für Religion (D?T?B), Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IR), Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM), Verein islamischer Kulturzentren (VIKZ),  Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD).
ix) Zum aktuellen Angebot s. Übersicht in: Geschäftsstelle der deutschen Islam Konferenz Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hg.) (2011): Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. Perspektiven und Herausforderungen. Nürnberg, S. 138.
x) Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2010): Migrationsbericht 2008, Nürnberg, S. 215.
xi) Ohne die Regionen Zentralasien/GUS sowie sonstiges Afrika bei denen eine Differenzierung nach Generationenzugehörigkeit und Geschlecht aufgrund zu geringer Fallzahlen nicht möglich war.