Duales Studium im Kontext der Akademisierung

Start in den Arbeitsmarkt gelingt, Entgelt stimmt, Karriere dauert etwas länger

Von: Dr. Sirikit Krone (Wiss. Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Qualifikation)

Dr. Sirikit Krone

Wiss. Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Qualifikation

Dr. Sirikit Krone, Studium der Sozialwissenschaften in Wuppertal; Promotion 1994 zur Dr. rer soc. an der Bergischen Universität GH Wuppertal; Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung; Forschungstätigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal; seit 1993 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Technik im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen; seit 2003 Mitarbeiterin in der Forschungsabteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST); zum 01.01.2007 Überleitung an das IAQ; aktuelle Forschungsthemen: Übergang Schule-Beruf, Entwicklung des Berufsbildungssystem, Entwicklung des tertiären Sektors, Durchlässigkeit und Öffnung der Bildungssysteme, ...
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DUALES STUDIUM Hybride Bildungsformate, deren Kernelement die Verknüpfung der beiden Bildungssegmente ‚Hochschulbildung‘ und ‚berufliche Bildung‘  sind, stoßen auf großes Interesse. Das duale Studium, lernen im Doppelpack, ist auf Erfolgskurs.

Ein Kernelement der Akademisierung in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt ist das veränderte Bildungsverhalten der studienberechtigten Jugendlichen. Die duale Berufsausbildung hat einen deutlichen Attraktivitätsverlust sowohl bei den SchulabgängerInnen selbst als auch bei ihren Eltern, die den beruflichen Ausbildungsweg ihrer Kinder entscheidend beeinflussen, erlitten. Diese Entwicklung führte zu einem deutlichen Anstieg der Studienanfängerquote auf 58 % im Jahr 2015 (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016), die damit im dritten Jahr den Anteil derjenigen, die eine schulische oder duale Berufsausbildung begonnen haben, übertraf.

Mit der Abwanderung in den tertiären Ausbildungsbereich ist die Erwartung auf eine Erhöhung der Chancen am Arbeitsmarkt, eine geringere Bedrohung von Erwerbslosigkeit sowie ein höheres Einkommen verbunden. Folgen wir den Daten im OECD-Vergleich, so ist dieses Verhalten absolut rational. Der Verdienstvorsprung der akademisch gebildeten Beschäftigten in Deutschland war im Jahr 2015 mit 66 % deutlich höher als im OECD-Durchschnitt von 56 % (vgl. OECD 2017). Die Erwerbslosenquote derjenigen, die über einen Abschluss im tertiären Sektor verfügen, liegt wiederum mit einem Wert von 2,2 % in 2016 weit unter dem derjenigen, die einen Abschluss unterhalb des Sekundärsektors haben (10 %), aber auch noch sichtbar unterhalb des Wertes der Gruppe mit einem Abschluss im Sekundär bzw. Postsekundärsektors mit 3,7 % (vgl. OECD 2017).

Aktuelle Daten des IAB auf der Grundlage von Mikrozensusberechnungen zeigen allerdings, dass sich dieses Verhältnis umkehrt, wenn wir uns die Gruppe derjenigen anschauen, die eine berufliche Ausbildung plus eine Aufstiegsfortbildung durchlaufen haben. Die Erwerbslosenquote für AbsolventInnen einer Fachschul-/Meister-/Technikerausbildung lag im Jahr 2016 mit 1,7 % unter der von AbsolventInnen einer Hochschulausbildung mit 2,4 (vgl. IAB 2017). Hier zeigen sich Begleiterscheinungen eines Fachkräftemangels, der in vielen Branchen bereits besteht und sich auf weitere Berufe und Branchen in Zukunft ausweiten wird. Inwiefern sich dadurch perspektivisch das Ausbildungsverhalten der studienberechtigten SchulabgängerInnen verändert und die Zahl derjenigen, die eine schulische oder betriebliche Ausbildung beginnen, wieder ansteigt, bleibt abzuwarten. Begleitet wird die oben skizzierte Entwicklung durch eine Bildungspolitik in Deutschland, die eine Anpassung des Anteils der Studierenden an OECD- Niveau zu einem zentralen politischen Ziel erklärt hat. Der Ausbau des tertiären Sektors gilt als eine Voraussetzung zur Konkurrenzfähigkeit im europäischen Bildungsraum.

Neben einer Akademisierung vieler Berufe, um dem veränderten Bildungsverhalten der qualifizierten SchulabgängerInnen sowie den gestiegenen Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten Rechnung zu tragen, ist ein weiterer Weg in der Bildungspolitik der vergangenen Jahre in den Fokus gerückt. Diskutiert werden hybride Bildungsformate, deren Kernelement in der Verknüpfung der beiden Bildungssegmente ‚Hochschulbildung‘ und ‚berufliche Bildung‘ liegt. Durchlässigkeit der Bildungssysteme sowie Gleichwertigkeit der Ausbildungswege und -abschlüsse sind hier die entscheidenden Stichworte. Neben einem konsekutiven Weg der Verknüpfung z.B. über Weitertbildungen haben sich Bildungswege entwickelt, welche berufliche und akademische Bildung direkt miteinander verknüpfen.

Das duale Studium ist das bekannteste und am weitesten verbreitete Ausbildungsformat dieser Bildungsform und erfährt kontinuierlich eine zunehmende Nachfrage. Die Zahl der dual Studierenden ist in den vergangenen 10 Jahren bundesweit um einen Faktor 2,5 gewachsen und hat aktuell die 100.000 überschritten (vgl. BIBB 2017). Damit ist der Anteil dual Studierender unter allen Studierenden im vergangenen Jahr auf 13 % an den Fachhochschulen (vgl. Middendorff et al. 2017), wo die überwiegende Mehrzahl dualer Studiengänge angeboten wird, gestiegen. Diese Entwicklung geht einher -und ist sicher ein Stück weit darin begründet- mit einem quantitativ wachsenden Angebot und einer weiteren Ausdifferenzierung der Studienangebote. Den Schwerpunkt bilden hier nach wie vor wirtschafts- und ingenieurwissenschaftliche Fächer, aber auch neue Fachrichtungen, insbesondere im Bereich ‚Sozialwesen/Erziehung/Gesundheit und Pflege‘ sind vermehrt hinzugekommen. Auch auf Seiten der Betriebe ist ein deutlicher Zuwachs zu verzeichnen, die Anzahl der Betriebe, die sich an einem dualen Studium beteiligen, hat sich in den vergangenen 10 Jahren mehr als verdoppelt.

Zu unterscheiden ist in der Erstausbildung das ausbildungsintegrierende und das praxisintegrierende Modell, deren zentrale Merkmale in folgender Tabelle aufgeführt sind:

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Tabelle 1: Formen des dualen Studiums in der Erstausbildung

Funktionen der betrieblich-beruflichen Bildung im dualen Studium

Sowohl das ausbildungsintegrierende als auch das praxisintegrierende Modell verbindet als hybride Ausbildungsform mindestens zwei Lernorte und setzt damit eine Verknüpfung von zwei bisher in Deutschland starr voneinander getrennten Bildungssegmenten um. Dabei kommen den Ausbildungs- bzw. Praxisanteilen im Betrieb verschiedene Funktionen zu, von denen hier drei wesentliche vorgestellt werden sollen.

  • Rekrutierungsfunktion

Das Hauptmotiv zur Beteiligung an dualen Studiengängen stellt für Betriebe als einem der Hauptakteure bei dieser Bildungsform die Rekrutierung akademisch gebildeten Personals dar. Die Ansprüche in vielen Jobs sind gestiegen und das Bildungsverhalten hat sich, wie oben skizziert, verändert. Insofern bietet die Form des dualen Studiums eine hervorragende Möglichkeit, (sehr) gut qualifizierte SchulabgängerInnen erfolgreich anzusprechen und für eine Ausbildung im Unternehmen zu gewinnen. Gerade kleine und mittlere Betriebe und solche in unattraktiven Regionen haben vermehrt Probleme, sich in der Konkurrenz um den Nachwuchs zu behaupten. Gleiches gilt für Unternehmen aus Branchen mit akutem oder sich abzeichnendem Fachkräftemangel, die neue Strategien zur Nachwuchsgewinnung und auch längerfristigen Bindung entwickeln müssen.

Dabei steht nicht nur die Bindung an das Unternehmen im Vordergrund, sondern die Ausbildungs- und Personalverantwortlichen verfolgen das Ziel, Einfluss auf Studieninhalte zu nehmen und die Studierenden orientiert an ihren jeweiligen betrieblichen Inhalten zu entwickeln. Gute interne Kenntnisse über Abläufe und Themenschwerpunkte des Unternehmens begünstigen einen Übergang nach Ausbildung- bzw. Studienende in den Ausbildungsbetrieb ohne lange Traineezeiten und damit verbundener Kosten. Duale StudienabsolventInnen sind aufgrund ihrer umfassenden Betriebskenntnisse i.d.R. deutlich schneller als normale FH-AbsolventInnen einsetzbar. Damit gelingt den Unternehmen eine Sicherung ihres Fachkräftenachwuchses auf mittlerer Führungsebene, mit dem sie bereits während der Ausbildung darüber Vereinbarungen treffen.

Die folgende Tabelle zeigt, dass einzelvertragliche oder betriebliche Übernahmevereinbarungen sehr weit verbreitet sind. Lediglich ein Viertel der von uns befragten dual Studierenden geben an, dass es für sie keinerlei Übernahmeregelungen gibt.

krone-7Die häufig frühzeitig ausgesprochenen Übernahmeangebote, teilweise durch Bindungsklauseln in den Ausbildungs- bzw. Praktikumsverträgen manifestiert, garantieren den Betrieben passgenaue, hochqualifizierte Nachwuchskräfte. Betriebliche Absprachen zum späteren Verbleib werden häufiger in Großbetrieben mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden vereinbart, die dann allerdings auch häufiger an bestimmte Voraussetzungen, wie z.B. einen Notendurchschnitt, gebunden sind. Kleinere Betriebe neigen eher zu mündlichen Absprachen, dort sind zudem häufiger bereits konkrete Positionen für die Studierenden vorgesehen.

  • Sozialisationsfunktion

Die direkte Erfahrung im Betrieb und ggf. das Durchlaufen einer kompletten Ausbildung fördert die Bildung einer beruflichen Identität bereits während des dualen Studiums, ein Prozess, welcher im normalen Studium i.d.R. nur sehr rudimentär abläuft. Die Doppelqualifikation durch zwei Abschlüsse bzw. eines intensiven Praxiswissens neben dem akademischen Abschluss erhöht zudem die Arbeitsmarktchancen nach einem dualen Studium. Die dualen AbsolventInnen erwerben bereits während ihres Studiums umfangreiche Kenntnisse in Bezug auf inhaltliche Abläufe sowie auf interne Kommunikationsabläufe und Netzwerke, weshalb sie sich deutlich besser auf ihren Beruf vorbereitet fühlen als reguläre AbsolventInnen.

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Abb. 1: Bewertung der Vorbereitung auf den Beruf Quellen: IAQ-Absolventenbefragung 2017;| ISTAT-Absolventenbefragung 2017, KOAB Fachhochschulen

Hilfreich ist dabei der häufig wechselnde Einsatzbereich innerhalb der Betriebe während der Ausbildung bzw. den Praxisphasen, was zum Kennenlernen verschiedener Abteilungen und Teams beiträgt. Dabei wird die Untertsützung durch Ausbildungsleitung und direkte Vorgesetzte bei der Vorbereitung und Umsetzung des Berufseinstiegs von den Studierenden als besonders hilfreich angesehen.

Auch die Hilfestellung durch andere (ehemalige) dual Studierende wird von einer Mehrzahl der Befragten als sehr umfangreich angegeben. Wenig Unterstützung erhalten sie nach eigenen Angaben durch VertreterInnen der Kammern, der Gewerkschaften und aus den Berufsschulen. Auffällig ist, dass die Unterstützungsleistung beim Einstieg in den Beruf rückblickend bei allen Personengruppen negativer bewertet wird. Die AbsolventInnen stufen nach ihrer ersten Berufserfahrung lediglich die Hilfe ihrer direkten Vorgesetzten weiterhin als sehr hoch ein.

  • Integrationsfunktion

Konkrete Übernahmeregelungen sowie eine ausgeprägte Vorbereitung dualer StudienabsolventInnen auf ihren beruflichen Einstieg seitens verschiedener betrieblicher Akteure verschafft ihnen deutliche Vorteile gegenüber klassischen BachelorabsolventInnen bezüglich ihres Übergangs in den Beruf. Bereits bei der Stellensuche erhalten sie rückblickend in ihrer Selbsteinschätzung deutlich mehr Unterstützung als normal Studierende.

 

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Abb. 3: Bewertung – Unterstützung bei der Stellensuche Quellen: IAQ-Absolventenbefragung 2017 | ISTAT-Absolventenbefragung 2017, KOAB Fachhochschule

Von denjenigen, die nach ihrem dualen Bachelorabschluss in den Job gehen möchten, ist jedoch nur eine Minderheit von einem Viertel zuvor auf Stellensuche, die Mehrzahl der dualen AbsolventInnen verbleiben in ihrem Ausbildungsbetrieb. Die vorrangigen Gründe für einen Betriebswechsel sind bessere Karrierechancen bzw. Verdienstmöglichkeiten sowie die Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung im neuen Betrieb. Unabhängig davon, wo der Berufseinstieg realisiert wird, finden die dualen Nachwuchskräfte gute Bedingungen vor.

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Tabelle 3: Beschäftigungsstatus 1,5 Jahre nach Studienabschluss

In Bezug auf die benannten Beschäftigungsmerkmale, die eine sichere Integration in den Arbeitsmarkt aufzeigen, schneiden die dualen Studienabsolventinnen also deutlich besser ab als diejenigen, die aus einem regulären Studium kommen.

Anders sieht es bei den realisierten Gehältern aus, hier zeigen sich kaum Unterschiede. Und auch ihre angestrebten Positionen im Hierarchiegefüge können die dualen AbsolvetInnen häufig nicht realisieren. So sehen sich während des Studiums lediglich 24,7 % zum Berufseinstieg in einer Position ohne Leitungsfunktion, im Job finden sich später jedoch 68,9 % auf dieser Ebene.

Demgegenüber können lediglich 15,9 % auf einer Position mit unterer bzw. mittlerer Leitungsfunktion einsteigen, geplant hatten dies im Studium noch 54,4 %. Die Ergebnisse aus den von uns durchgeführten Betriebsfallstudien weisen darauf hin, dass die Erwartungen bei den dual Studierenden vielfach zu hoch sind. Die BetriebsvertreterInnen führen dies häufig auf falsch gemachte Hoffnungen seitens der Hochschulen zurück.

Ausblick

Das duale Studium als eine hybride Bildungsform hat sich zu einer relevanten Ergänzung traditioneller Ausbildungswege und Qualifikationsprofile in Deutschland entwickelt. Vom Konzept her ist hier die Durchlässigkeit zwischen den Sektoren der hochschulischen und betrieblich-beruflichen Bildung unter Annäherung und gegenseitiger Wertschätzung der beiden Systeme gelungen. Die duale Studienform genügt zum einen dem steigenden Bedarf an Hochschulbildung bzw. Hochschulabschlüssen, zum anderen werden die zentralen arbeitsmarktpolitischen Merkmale der dualen Berufsausbildung mit einer langen, erfolgreichen Tradition in Deutschland auf ein tertiäres Niveau hin übertragen.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016: Bildung in Deutschland 2016, Berlin

Bundesinstitut für Berufsforschung BIBB (Hg.), 2017:  AusbildungPlus: Duales Studium in Zahlen – Trends und Analysen 2016, Bonn

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsbildung IAB, 2017: Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten. Aktuelle Daten und Indikatoren. 10.Oktober 2017, Bonn

Middendorff, Elke/Apolinarski, Beate/Becker, Karsten/Bornkessel, Philipp/Brandt, Tasso/Heißenberg, Sonja/Poskowsky, Jonas, 2017: Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016, 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, Berlin

OECD, 2017: Education at a Glance 2017: OECD Indicators, OECD Publishing, Paris

Internetquelle

Datenbank AusbildungPlus www.ausbildungplus.de

Fussnoten

1) Die in diesem Beitrag vorgestellten Befragungsergebnisse wurden im Rahmen des von der HBS geförderten Forschungsprojektes ‚Karrierewege dual Studierender‘ erhoben. Als bundesweit angelegtes Sample wurden 2015 zunächst dual Studierende (N = 9.285) und in 2017 duale StudienabsolventInnen (N = 2.129) befragt. Ergänzend dienen als empirische Grundlage die im selben Forschungsprojekt durchgeführten 20 Betriebsfallstudien, in deren Rahmen 57 qualitative Experteninterviews mit Personal- und Ausbildungsverantwortlichen sowie Betriebs- und PeronalrätInnen bzw. Jugend- und AusbildungsvertreterInnen durchgeführt wurden.