Das duale Studium - Scharnier zwischen Berufs- und Hochschulbildung

Von: Dr. Sirikit Krone (Wiss. Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Qualifikation)

Dr. Sirikit Krone

Wiss. Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Qualifikation

Dr. Sirikit Krone, Studium der Sozialwissenschaften in Wuppertal; Promotion 1994 zur Dr. rer soc. an der Bergischen Universität GH Wuppertal; Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung; Forschungstätigkeit an der Bergischen Universität Wuppertal; seit 1993 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Technik im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen; seit 2003 Mitarbeiterin in der Forschungsabteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST); zum 01.01.2007 Überleitung an das IAQ; aktuelle Forschungsthemen: Übergang Schule-Beruf, Entwicklung des Berufsbildungssystem, Entwicklung des tertiären Sektors, Durchlässigkeit und Öffnung der Bildungssysteme, ...
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Duale Studiengänge haben sich in Deutschland etabliert und sind weiterhin auf Expansionskurs. Keine ‚Abi-Messe‘, auf der dieser Weg nicht an pointierter Stelle beworben wird. Die Möglichkeit, zwei Abschlüsse, einen beruflichen und einen akademischen, gleichzeitig zu erlangen, ist für viele studienberechtigte Jugendliche sehr attraktiv.

Der hohe Praxisbezug und die guten Karrierechancen sind die vorrangigen Motive für Schulabgänger, sich für diese Studienform, die ein hohes Maß an Disziplin und Selbstorganisation von ihnen verlangt, zu entscheiden.

Der steigenden Nachfrage steht zwischenzeitlich ein relativ breit gefächertes Angebot an den Hochschulen gegenüber. Vorrangig Fachhochschulen, aber auch einige Universitäten, haben die Zeichen der Zeit erkannt und öffnen sich der Kooperation mit Betrieben, Kammern und Berufskollegs zur Implementation neuer dualer Studiengänge. Sie nutzen die Chance, ihr Profil mit diesem spezifischen Angebot zu schärfen und sich neuen Zielgruppen gegenüber zu öffnen.

Im ausbildungsintegrierenden dualen Studium treffen zwei bislang in der Regel segmentierte Bildungssysteme und die sie tragenden korporativen und kollektiven Akteure aufeinander. Im Zuge der Umsetzung der Bologna- und Kopenhagenprozesse ist eine Öffnung der Hochschulen sowie der Abbau dieser starren Abschottung erklärtes politisches Ziel deutscher Bildungspolitik.

Gegenseitige Öffnung der Institutionen der beruflichen auf der einen sowie der akademischen Ausbildung auf der anderen Seite verfolgt unter anderem das Ziel der Anerkennung von beruflich erworbenen Qualifikationen auf ein Studium und damit verbunden die Möglichkeit, neue Zielgruppen für die Aufnahme eines Studiums zu gewinnen. Die langen Debatten um die nationale Umsetzung des EQR in den DQR haben gezeigt, dass diese Anerkennung der Gleichwertigkeit von Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten unabhängig vom Lernort hierfür zwingende Voraussetzung ist.

Zahlen und Fakten

In diese Debatten um Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen, Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Ausbildung sowie Outputorientierung der Lernprozesse ist die Entwicklung dualer Studiengänge der letzten Jahre eingebettet. Politisch in vielen Bundesländern stark forciert und teilweise gezielt mit Fördermitteln unterstützt, können wir bundesweit eine deutliche Expansion verzeichnen. Von 2005 bis 2011 ist ein Zuwachs von ca. 70 % zu verzeichnen. Parallel dazu ist die Zahl der Studierenden sowie der beteiligten Betriebe ebenfalls gewachsen, woran das zunehmende Interesse auf beiden Seiten deutlich wird.

Hier anklicken: Schaubild 1

Fachlich liegen die Schwerpunkte mit einem Anteil von gut 2/3 beim Angebot dualer Studiengänge in den Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften, wobei das Fächerspektrum in den vergangenen Jahren deutlich vielfältiger geworden ist, wie z.B. in gesundheits- und pflegewissenschaftlichen oder frühpädagogischen Studiengängen. Das duale Studium findet vorwiegend an Fachhochschulen statt, ca. 60 % der Studiengänge werden dort angeboten, Universitäten beteiligen sich nur in Einzelfällen an dieser Form der Ausbildung.

Vermehrt haben auch private Hochschulen diesen Markt für sich entdeckt und platzieren sich bundesweit mit einem umfangreichen Angebot. Ihre höhere Flexibilität und Bereitschaft, sich auf die jeweiligen Bedarfe der kooperierenden Betriebe einzustellen, macht sie als Kooperationspartner attraktiv. Auch dann, wenn damit keine Einbußen der Qualität des Studiums verbunden ist, was nicht immer der Fall ist, sollte der damit verbundene Einfluss der Unternehmen auf die Lehre kritisch hinterfragt werden. Kontrollorgane und -gremien wie sie an staatlichen Hochschulen existieren, sind an privaten nicht installiert.

Adorno

Definitionen und Modelle

Es existieren eine Vielzahl verschiedener Konzepte dualer Studiengänge, die in vier Formen systematisiert werden können, zwei angelegt als Erstausbildung und zwei als Weiterbildung, wobei die deutliche Mehrzahl als ausbildungsintegrierende Studiengänge organisiert sind.

Hier anklicken Schaubild 2: Systematisierung der Modelle dualer Studiengänge

Ein ausbildungsintegrierendes duales Studium bedeutet als Erstausbildung für junge Menschen nach dem Schulabschluss, eine Ausbildung mit zwei Abschlüssen zu durchlaufen. Sie erwerben parallel einen beruflichen Abschluss im dualen Ausbildungssystem und einen akademischen an der Hochschule. In Abhängigkeit der unterschiedlichen rechtlichen Vorschriften in den einzelnen Bundesländern ist häufig, neben den Lernorten Betrieb und Hochschule, auch die Berufsschule als dritter Lernort involviert.

Als Zugangsvoraussetzung zu einem dualen Studium benötigen die Bewerber, neben einer Hochschulzugangsberechtigung zunächst einen Ausbildungs- bzw. Praktikantenvertrag mit einem kooperierenden Unternehmen, der die betriebliche Ausbildung übernimmt. Damit kommt den Unternehmen eine besondere ‚gatekeeper-Funktion‘ an der Schnittstelle zwischen Abitur und Studium zu, die einmalig im deutschen Hochschulsystem ist. Nicht mehr das Bildungssystem regelt den Zugang sondern dieser ist abhängig von dezentralen Entscheidungen privater Unternehmen. Den betrieblichen Mitbestimmungsgremien kommt dabei eine wichtige Funktion bei der Entwicklung der Auswahlkriterien sowie den Einstellungsverfahren zu.

In der Praxis haben sich drei Modellformen der Organisation ausbildungsintegrierender dualer Studiengänge etabliert, die sich in der Verzahnung von Theorie und Praxis unterscheiden:

Im Blockmodell werden die Lernorte in größeren Zeitabständen gewechselt, die vorlesungsfreie Zeit verbringen die Studierenden im Betrieb. Im integrierten Modell findet ein permanenter Wechsel zwischen den Lernorten innerhalb einer Woche statt, auch hier wird die vorlesungsfreie Zeit für längere Betriebseinsatzzeiten genutzt. Das teilseparierte Modell ist dadurch gekennzeichnet, dass der Studien- und Ausbildungsverlauf in größeren zeitlichen Blöcken organisiert ist, das erste Studien- und Ausbildungsjahr findet hier zunächst komplett im Betrieb statt.

Je nach Modell sind die Studierenden/Auszubildenden in die normalen Studienveranstaltungen eingebunden und nehmen am normalen Berufsschulunterricht teil oder sie erhalten eigene Unterrichtseinheiten. Das teilseparierte Modell und das Blockmodell bieten den Vorteil der Vertiefung des jeweiligen Stoffes und der Lerneinheiten durch den längeren Aufenthalt am jeweiligen Lernort. Komplexere Aufgaben können so konzentrierter und umfassender bearbeitet werden. Nachteilig zeigt sich in diesen Modellen der zum Teil mangelnde inhaltliche Bezug des Lernstoffes, der in jeweils längeren Abschnitten an den verschiedenen Lernorten behandelt wird. Demgegenüber findet im integrierten Modell durch den schnellen und häufigen Wechsel zwischen den Lernorten ein kontinuierlicher Austausch auch der Lerninhalte statt.

Gerade gelerntes theoretisches Wissen findet schnell Anwendung im Betrieb und umgekehrt können auf Fragen und Problemstellungen aus der Praxis Lösungen in der Hochschule erarbeitet werden. Der Nachteil dieses Modells liegt in der teilweise mangelnden Möglichkeit zur Vertiefung der jeweiligen Lerninhalte, da der Aufenthalt in Hochschule und Betrieb durch den permanenten Wechsel i.d.R. jeweils zu kurz dazu ist.

Wer studiert dual?

Wir haben in einer bundesweit angelegten, nicht repräsentativen Befragung 485 dual Studierende mit einem teilstandardisierten online-Fragebogen befragtii. Die Ergebnisse zeigen: Der typische Dual-Student ist jung (70 % bis 22 Jahre), deutsch (95,9 % Deutsch als Erstsprache), männlich (66,6 %)  und hat (Fach)Abitur (93,5 % ).

Eines der Argumente für den Ausbau dualer Studienkonzepte ist die Annahme, dass mit diesen Ansätzen neue Gruppen der Gesellschaft den Weg in die Hochschulen finden, insbesondere solche, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft bisher eher bildungsbenachteiligt waren, da die Entscheidung für ein Studium in Deutschland stark abhängig ist vom Bildungshintergrund der Eltern (vgl. OECD 2010). Der Anteil der Studierenden mit mindestens einem akademisch gebildeten Elternteil lag in 2010 bei 58% an Universitäten und 40% an Fachhochschulen (vgl. Multrus et al. 2010: 1).

Buecher

Unsere Befragungsergebnisse zeigen hier einen deutlichen Unterschied für die dual Studierenden. Diese geben lediglich zu 31,8 % an, dass mindestens ein Elternteil über einen Hochschulabschluss verfügt. Offensichtlich holen die Angebote zum dualen Studium überwiegend junge Menschen an die Hochschule, deren familiärer Bildungshintergrund nicht akademisch geprägt ist. Gefragt nach den Gründen für die Entscheidung zum dualen Studiumiii gaben die von uns Befragten überwiegend Sicherheitsaspekte dieser Studienform an, wie Beschäftigungssicherheit nach Studienende und Bezahlung durch den Betrieb während des dualen Studiums.

Zu vermuten ist, dass es gerade diese Faktoren der höheren Absicherung im Vergleich zum normalen Studium sind, welche eine solche Studienform für Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten attraktiv macht. Die Mehrzahl mit 67,9 % der befragten Studierenden stammt aus Familien mit einem mittleren bis höheren Einkommen von mehr als 2.500 € monatlichem Familien-Nettoeinkommen, die Hälfte davon verfügt sogar über einen Betrag von mehr als 4.000 € im Monat. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl der Eltern zwar nicht über einen akademischen Abschluss verfügt, allerdings über eine beruflich höhere Qualifikation, die ihnen eine gut bezahlte Erwerbstätigkeit ermöglicht.

Auch Schulabgänger mit Migrationshintergrund finden sich in unserem Sample nur marginal und wir können davon ausgehen, dass die duale Form des Studiums junge Menschen mit Migrationshintergrund nicht explizit anspricht bzw. bei ihnen erst gar nicht bekannt ist. Gefragt nach der ersten Sprache, die sie als Kinder gelernt haben, geben 95,9 % ‚Deutsch‘ an und weitere 2,4 % ‚Deutsch gemeinsam mit einer anderen Sprache‘.

Fachkräftebindung – vorrangiges Interesse der Betriebe

Die Initiative zur Einrichtung dualer Studiengänge geht von verschiedenen korporativen und kollektiven Akteuren aus: von Landesregierung (z.B. Bayern, NRW), Hochschulen, Wirtschaftsförderungsorganisationen, IHK, HWK und einzelnen Unternehmen. Für die von uns untersuchten Studiengänge ist die Nachfrage der Unternehmen entscheidend, deren Leitmotiv für die Beteiligung an dualen Studiengängen das Motiv der Fachkräftebindung darstellt. Vorrangig mittlere bis größere Unternehmen nutzen duale Studiengänge bisher für ihren Führungskräftenachwuchs, wobei jedoch auch Betriebe des Handwerks mehr und mehr im Rahmen von Kammerinitiativen ein duales Studium anbieten.

So finden sich unter den Anbietern dualer Studiengänge sowohl Mittelständler als auch die Spitzenunternehmen der deutschen Wirtschaft. Unternehmen entsprechen mit ihrer Beteiligung an dualen Studiengängen dem steigenden Fachkräftebedarf sowie den gestiegenen Anforderungen in wissensbasierten Berufen und binden so qualifizierte Schulabgänger an ihren Betrieb. Sie decken mit den Absolventen der doppelqualifizierenden Ausbildungsgänge ihren Bedarf an akademisch vorgebildeten Führungskräften mit hoher Praxisorientierung ab. Diese Nachwuchssicherung akademisch ausgebildeter Fachkräfte stellt das Hauptmotiv für die Betriebe als einem der drei zentralen Akteure dualer Studienangebote dar. Die Unternehmen erhalten über diese Schiene hochqualifizierte und langfristig gebundene Mitarbeiter, die aufgrund der Dualität der Berufsbilder und der Lernorte technologische Innovationsfähigkeit in die vorhandenen betrieblichen Arbeits- und Organisationsstrukturen einbringen können.

Hinzu kommt die Möglichkeit, bereits frühzeitig junge Menschen an den eigenen Betrieb zu binden und für den eigenen Bedarf auszubilden, damit entfallen spätere Einarbeitungszeiten wie sie bei Studienabsolventen i.d.R. notwendig sind. In der Konkurrenz um die ‚klügsten Köpfe‘ bietet das duale Studium insbesondere für Kleinbetriebe und solche an unattraktiven Standorten die Möglichkeit, sich für diese Zielgruppe als interessanter Arbeitgeber bereits frühzeitig zu profilieren, so die Aussage der Mehrzahl der von uns befragten Personal- und Ausbildungsverantwortlichen aus den an dualen Studiengängen beteiligten Betrieben.

Eine frühzeitige und intensive Bindung der dual Studierenden an ihren Ausbildungsbetrieb beinhaltet für diese positive wie negative Elemente. Nachteilig wirkt sich diese Einbindung auf die inhaltlichen Vorgaben im Studium – insbesondere bei den Abschlussarbeiten – verbunden mit einer Verengung der Studienausrichtung aus. Zudem erzeugen die Erwartungen aus dem Betrieb auch bezüglich der Studienleistungen einen sehr hohen Erfolgsdruck. Positiv machen sich diese Strukturen insofern bemerkbar als sich hieraus den Absolventen des dualen Studiums häufig sichere Jobaussichten, verbunden mit höheren betrieblichen Einstiegen und schnelleren Karriereaufstiegen im Vergleich zu den nicht dualen Absolventen, ergeben.

Sichere Berufseinstiege mit schnellen Aufstiegswegen stellt für viele dual Studierende ein zentrales Motiv für die Wahl dieser Ausbildungsform dar, das zeigen auch unsere Befragungsergebnisse deutlich.

Außerdem befriedigt das ausbildungsintegrierende duale Studium das stärkste Motiv der Studierenden: mehr Praxisbezug als in einem normalen Vollzeitstudium zu erhalten. Diese Perspektiven garantieren den Unternehmen die Auswahlmöglichkeit unter den besten Schulabsolventen, die Nachfrage nach dualen Studienplätzen und den dazugehörenden Ausbildungsplätzen ist ungebrochen hoch.

Vertragsstrukturen und Status der dual Studierenden
Als problematisch erweisen sich teilweise die Verträge, die zwischen den dual Studierenden und dem Ausbildungsbetrieb abgeschlossen werden. Obwohl die jungen Menschen neben dem Bachelor an der Hochschule einen beruflichen Abschluss in einem Ausbildungsberuf anstreben, gibt es keine verpflichtende Voraussetzung, dass hierzu ein Ausbildungsvertrag abgeschlossen wird. Zwischen Unternehmen und dual Studierendem wird ein Vertrag bezüglich der Ausbildung geschlossen, entweder in Form eines Ausbildungs- oder eines Praktikantenvertrages sowie zusätzlich ein Studienvertrag, der den Teil der Ausbildung an der Hochschule regelt. Dieser Ausbildungs- bzw. Praktikantenvertrag ist Voraussetzung für die Immatrikulation in einem dualen Studiengang, mit der Hochschule und Studierende ihrerseits ein Vertragsverhältnis eingehen.

Der Status als Studierende entbindet diese ggf. von der Pflicht, eine Berufsschule zu besuchen, hierzu existieren länderspezifisch unterschiedliche Regelungen. Die Möglichkeit eines freiwilligen Besuchs der Berufsschule ist bei Vorliegen eines Ausbildungsvertrages gegeben und wird in der Praxis auch von Betrieben für ihre Auszubildenden gewählt.

Für Studierende, die in ein vertraglich geregeltes Ausbildungsverhältnis eingebunden sind, gelten das BBiG oder die HWO. Dies gilt nicht für solche, die im Unternehmen lediglich Praktikanten- bzw. Studienverträge abschließen und über eine externe Prüfung den Berufsabschluss erreichen. Hier besteht eine rechtliche Grauzone, die aus unserer Perspektive dringend geschlossen werden muss, obwohl sie häufig dieses Problem subjektiv gar nicht als solches formulieren, wie wir in unseren Interviews feststellen konnten. Dies sollte ein Thema der betrieblichen Interessenvertretung sein, obwohl diese wiederum nur für solche Studierende zuständig sind, die über einen echten Ausbildungsvertrag verfügen.

Denn hier gehören sie nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichtes betriebsverfassungsrechtlich zu den zur Berufsausbildung Beschäftigten, womit sie grundsätzlich wählbar und wahlberechtigt bei der Jugend- und Auszubildendenvertretung sind. Sozialversicherungsrechtlich sind dual Studierende seit dem 1.1.2012 ebenfalls den zur Berufsausbildung Beschäftigten gleichgestellt.

Die Ergebnisse unserer Interviews haben gezeigt, dass dual Studierende bezüglich Vergütungs- und Urlaubsregelungen in der Praxis der Betrieben häufig schlechter gestellt sind als die anderen Auszubildenden. Allerdings wird auch diese Benachteiligung durch die Mehrzahl von ihnen nicht ausdrücklich problematisiert. Auch nicht erlaubte Bindungsklauseln werden, verdeckt über Rückzahlungsverpflichtungen von Studien- bzw. Immatrikulationsgebühren, vereinbart. Hier zeigen sich eine Reihe problematischer Aspekte bei der Umsetzung in die betriebliche Praxis, deren Lösung sich die betriebliche Interessenvertretung in Zukunft verstärkt annehmen sollte.

Verknüpfung der Lernorte und -inhalte

Dual Studierende lernen an zwei bis drei Lernorten: Hochschule, Betrieb und Berufsschule. Grundlage sind Curricula, die teilweise gemeinsam entwickelt werden und Kontrollgremien, in deren Verantwortung die Umsetzung derselben liegt. Neben organisatorischen Anpassungen insbesondere der Curricula in den  Hochschulen werden im betrieblichen und berufsschulischen Teil der Ausbildung einige inhaltliche Streichungen -in Absprache mit den Hochschulen- vorgenommen. Die inhaltliche und organisatorische Verknüpfung der Ausbildungs- und Lernprozesse führt in der Praxis immer wieder zu Problemen und erfordert umfangreiche Abstimmungsprozesse zwischen den beteiligten Akteuren.

Die erfolgreiche Umsetzung dieser Abstimmungen ist abhängig von den Kooperationsstrukturen und Netzwerken, die auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind. Klare Zuständigkeiten,  regelmäßige Treffen in explizit eingerichteten Kooperationsgremien sowie gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung sind hierbei zentrale Voraussetzungen für das Gelingen.

Perspektiven

In der Konzeption des dualen Studiums ist eine Verknüpfung zweier bisher im deutschen Bildungssystem streng voneinander getrennten Segmenten gelungen. Dabei haben sich die Regelungsmechanismen dieser beiden Segmente nicht wirklich verändert, die Annäherung zeigt sich vielmehr in der aktiven und kreativen Gestaltung der Akteure im Einzelfall jedes Studiengangs an der Schnittstelle der beruflichen und hochschulischen Bildungssysteme.

Der Einfluss der Sozialpartner ist, anders als im traditionellen dualen Ausbildungssystem, sehr ungleich verteilt. Durch ihre Aufgabe als Mitgestalter der dualen Studiengänge haben die Unternehmer und ihre Verbände einen großen Einfluss, Gewerkschaften und betriebliche Mitbestimmungsorgane spielen eine eher geringe Rolle.

Aufgrund des Experimentiercharakters dualer Studiengänge bestehen wenig allgemeinverbindliche Regelungen, diese Offenheit in der Gestaltung erzeugt eine Vielzahl von am Einzelfall orientierten Verabredungen und Standards.

In Zukunft notwendig wird allerdings die Herstellung einer Transparenz der Regulierungen dualer Studiengänge sowie eine Diskussion über verbindliche Qualitätskriterien und Mindeststandards bezüglich der Lernstrukturen sowie der vertraglichen Bedingungen für die dual Studierenden sein, an der beide Sozialpartner beteiligt sein sollten.

Literatur

Krone, Sirikit / Mill, Ulrich, 2012: Dual studieren im Blick: Das ausbildungsintegrierende Studium aus der Perspektive der Studierenden. Internet-Dokument. Duisburg: Inst. Arbeit und Qualifikation. IAQ-Report, Nr. 2012-03

Multrus, Frank, Ramm, Michael & Bargel, Tino 2010. Studiensituation und studentische Orientierungen. 11. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen. Berlin: BMBF. Online im Internet: URL: http://edudoc.ch/record/94953/files/studiensituation_studentetische_orie…. [Stand 2012-03-12]

OECD 2010: Bildung auf einen Blick – OECD-Indikatoren, Bielefeld.

i Die Darstellung basiert auf den Ergebnissen eines vom BMBF geförderten Forschungsprojektes, das am Institut Arbeit und  Qualifikation  im Zeitraum 10/2012 bis 3/2013 unter dem Titel ‚Duale Studiengänge – Entstehungsbedingungen, Interessenlagen und Umsetzungserfahrungen‘ durchgeführt wurde. http://www.iaq.uni-due.de/dual/index.php
ii Die Befragung wurde im Rahmen des oben genannten BMBF-Forschungsprojektes in zwei Wellen im Juni / Juli 2011 und April/ Mai 2012 durchgeführt, vgl. Ergebnisse der ersten Welle in: Krone / Mill 2012.
iii Es bestand die Möglichkeit zur Mehrfachnennung.