Potenziale entdecken, statt Defizite feststellen

Von: Rüdiger Iwan (Geschäftsführer Perpetuum Novile GmbH)

Rüdiger Iwan

Geschäftsführer Perpetuum Novile GmbH

Rüdiger Iwan, ehemals Hauptschullehrer, jetzt Geschäftsführer der Perpetuum Novile GmbH, als Berater von Schulentwicklungen und Schulprojekten tätig; Mitbegründer des „Internationalen Netzwerkes Portfolioarbeit“.


Was erwartet die Wirtschaft von den Schulabgängern?

Sicher haben Sie schon mal nachgeschaut. Eine Eingabe bei Google, ein Klick genügt und Sie können wählen unter einem reichhaltigen Angebot aus verschiedenen Bundesländern. Sie unterscheiden sich nur im Ton. Die einen kommen freundlicher, die anderen fordernder rüber. Im Prinzip listen sie, in die Bereiche Fach-, Sozial- und Personalkompetenz untergliedert, das auf, was der Schulabgänger/die Schulabgängerin – aus Sicht der Wirtschaft im Gepäck haben sollte, wenn er seine Reise in die Ausbildung startet.

Anforderungskataloge gibt es jede Menge. Aber wie werden Jugendliche damit fertig? Letzthin sagte ein Jugendlicher im Rückblick auf unseren Vormittag „Kompetenzerkundung“:

Ich habe vor kurzem bei einer Bewerbung einen Bogen auszufüllen versucht, auf dem nach meinen Kompetenzen gefragt wurde. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich dachte, das kann ich doch alles gar nicht. Heute fiel es mir leicht. Ich bin überrascht, weil ich gemerkt habe, dass ich vieles von dem, was gefordert wird, schon mitbringe.

Was hatten wir gemacht?

Zunächst hatte ich die sämtlichen Kompetenzen, farblich differenziert, an die Tafel geschrieben. Daneben an der Pinnwand hatte jede Kompetenz ein eigenes Blatt. Auf seiner linken Hälfte war genauer aufgelistet, was unter der jeweiligen Kompetenz zu verstehen war. Daneben aber hatte ich etwas hinzugefügt. Hinweise auf Erfahrungsfelder. Ein Hinweis, wo die Jugendlichen auf die Suche gehen konnten, um zu entdecken, dass sie die geforderte Kompetenz möglicherweise bereits entwickelt hatten.

Als Beispiel eine solche, ohne die man in Deutschland schwerlich vorankommen wird:   Deutsche Sprache in Wort und Schrift
Der Anforderungskatalog dazu lautet:

Jugendliche sollen
* Sachverhalte aufnehmen und mündlich wie schriftlich verständlich formulieren können.
* situationsgerecht sprechen können.
* Sprachebenen unterscheiden können wie z.B. Jugendjargon,  Fachsprache).
* Texte fehlerfrei schreiben können.

Und wie können sie bemerken, dass sie schon wollen, was sie sollen? Indem ich ihnen einige Richtungen aufzeige, in denen sie suchen können. Als Hinweis an der Pinnwand findet sich:

Ich interessiere mich für Formen mündlicher Kommunikation. Ich habe Erfahrungen gesammelt

* im Unterrichtsgespräch.
* durch den Austausch mit Lernpartnern.
* durch die Teilnahme an Diskussionen oder Debatten.
* beim Referieren und Präsentieren.
* bei öffentlichen Auftritten (z.B. beim Theaterspielen).

Ich interessiere mich für Formen schriftlicher Kommunikation. Ich habe Erfahrungen gesammelt

* beim Schreiben von Aufsätzen.
* beim Verfassen von Artikeln (z.B. für die Schülerzeitung).
* beim Tagebuch, Briefe- oder Emailschreiben.
* durch die Produktion und Überarbeitung eigenständiger Texte.
* durch die Teilnahme an Schreibwettbewerben.

Und so lief es ab: Zunächst hatte jeder für sich 15 Minuten Zeit, an der Tafel zu schauen, an der Pinnwand die Erläuterungen zu lesen und den Hinweisen auf mögliche eigene Erfahrungen nachzugehen. Einige Notizen entstanden bei jedem. Anschließend gingen sie zu zweit in den Austausch. Du erzählst mir und formulierst deine Selbsteinschätzung. Ich spiegel dir, was ich gehört habe und gebe meine eigene zu deiner Einschätzung dazu. 10 Minuten Zeit, dann ist der andere an der Reihe. Und tatsächlich: man stellte fest wie auch frau, dass doch einiges schon vorhanden war.

Klar, die Jugendlichen, von denen hier die Rede ist, sind es gewohnt, voneinander zu lernen. Sie haben sogar gelernt, über ihr eigenes Lernen Auskunft zu geben. Aber auch hier musste ich als Verantwortlicher erst lernen, in den Wald so hineinzurufen, dass ein positives Echo als Antwort erfolgen kann. Es genügt eben nicht, vor dem Wald einen Anforderungskatalog aufzustellen.

Persönlichkeiten statt Tyrannen

Aktuell ist die Diskussion um die fehlende Ausbildungsreife Jugendlicher durch die Veröffentlichungen des Humanmediziners Michael Winterhoff bestimmt. Sein jüngstes Buch „Persönlichkeiten statt Tyrannen“, das er zusammen mit Frau Isabel Thielen, Personalleiterin in einem großen Medienunternehmen herausgegeben hat, nimmt sich explizit im Untertitel der Frage an: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen.

Schlecht, stellen die Autoren fest. Viele eigentlich gar nicht. Sie sind so mit sich und der frühkindlichen Entwicklungsphase, in der sie stecken geblieben sind, beschäftigt, dass sie noch gar nicht beim Mitmenschen, geschweige denn den Ausbildungsanforderungen angekommen sind.

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Es sind Jugendliche, die sich antriebslos von der Mama auf einen Praktikumsplatz manövrieren lassen, die in der Ausbildung die Berufsschule schwänzen, in der Mittagspause fehlenden Nachtschlaf nachholen, ihren Müll überall rumliegen lassen, 4,25 : 5 auf dem Handy nachrechnen (und die Frage, was selber ausrechnen heißt, gar nicht mehr begreifen, da sie seit der 5 Klasse mit dem Taschenrechner rechnen). Wenn der Chef ihnen ins Gewissen redet, melden sie sich krank beim Arzt wegen fortgesetzten Mobbings am Arbeitsplatz. Auf der Baustelle schauen sie lieber zu statt zu arbeiten. Kurzum, sie gehören je nach Schätzung zu den 25-50 % der Schüler, die nicht ausbildungsfähig sind. Physisch 17, psychisch 5. Junge Erwachsene, die sich wie Kleinkinder verhalten!

Es gibt sie. Keine Frage. Und ihre Zahl ist im Steigen begriffen. Eine neue Form des Analphabetismus macht sich breit. „Angesichts der ständig steigenden Anforderungen ist das ein ganz bedenklicher Trend.“ (S.56)

Offensichtlich glaubten wir Zeugen des Aufbruchs ins Informationszeitalter zu sein, doch brechen uns derweil die Fundamente der Bildung weg. Struktureller Analphabetismus, da er nicht durch das Fehlen von Bildungsangeboten bedingt ist, sondern durch die offensichtliche Unfähigkeit der Betroffenen, sich dieser mit nachhaltiger Wirkung zu bedienen.

So ist das. Erlauben Sie mir jetzt aber bitte, diesen Umstand einmal nicht zu beklagen, sondern zu begrüßen. Traditionelle Bildung verfällt? Gut so! Ich weiß, jetzt bin ich, falls Sie mich bisher ernst genommen haben sollten, in Gefahr, meinen Kredit zu verspielen. Trotzdem, ich riskier‘ s und blase gleich nochmal in mein eigenes und nicht das übliche Horn.

Mit Blick auf das, was in der Berufsschule im Argen liegt, lässt Winterhoff nämlich einen Berufsschullehrer zu Wort kommen und der stellt fest, dass mehr Zeit im Unterricht für Disziplinierung verstreicht als sie für Wissensvermittlung genutzt wird, dass da keiner mehr ist, der sich normal und unterrichtsgemäß verhalten kann. Und der Lehrer vor der Klasse eine Frage stellt in der nie endenden Hoffnung, dass sich einer der Schüler aufraffen möge, sich zu melden und einen Antwortversuch zu wagen. Doch nichts passiert!

Also gut: ich klage auch, aber nicht darüber, dass sich keiner meldet, sondern über die Tatsache, dass den Lehrerinnen und Lehrern die Hoffnung noch nicht geschwunden ist.

Sicher: auch ich wäre sauer auf Jens, wenn er seine Mittagspause überzieht, um in einer Markendecke aus der Ausstellung den fehlenden Nachtschlaf nachzuholen. Aber wenn er sagt, der Schulstoff wäre ihm zu profan, er könne sich das alles besser beibringen…. könnte ich ihn verstehen. (S.23)

Nachreifen, fordert Winterhoff zu Recht. Wir müssen, da die Freiheit der Jugendlichen keine Grenzen kennt, solche setzen. Sehr eng führen, damit die Jugendlichen anstoßen, denen als Kinder durch eine partnerschaftlich geprägte Beziehungsstörung, wie Winterhoff sie nennt, die Chance zur Entwicklung geraubt wurde.

Aber Nachreifen, damit sie nachher wieder dankbar für Wissensvermittlung sind? Für Fragen des Lehrers, die dieser sich alle selbst beantworten könnte? Für das System aus Klau- und Zensuren, Abschlüssen statt Aufschlüssen, das maßgeblichen Anteil an der Nivellierung hat, die wir den Potenzialen junger Menschen antun, statt sie mit ihnen zu entdecken. Nachreifen? Auch wir Pädagogen und Ausbildungsverantwortliche sollten das!

Ich will Ihnen etwas vorstellen, dass es erlaubt, die Lösung der Probleme, die wir heute haben und die in Zukunft weiter zunehmen werden, nicht mit demselben Denken anzugehen, das sie geschaffen hat.

Freilich setze ich in meinem Beispiel bei den 50 % an, die aktuell landläufig gerne als „ausbildungsreif“ bezeichnet werden (mit Schülern aus der anderen Hälfte habe ich übrigens auch schon erfolgreich gearbeitet). Aber, will man den negativen Prognosen glauben, werden die Schüler, die ich vorstelle, in einigen Jahren ja ohnehin auch zu dem stetig wachsenden Heer der „Leistungsschwachen“ gehören, da sollte es erlaubt sein, sich rechtzeitig um sie zu kümmern. Und die Spirale, die sich scheinbar nur nach unten dreht, in eine Bewegung nach oben zu überführen. Diese alternative Aufwärtsbewegung scheint es übrigens nicht oft zu geben. Offenbar wissen wir nicht so recht, wie das funktionieren könnte. Deshalb sind die Aussichten so düster. Aber ich will versuchen, sie etwas aufzuhellen. Dazu will ich insbesondere eine Vorgehensweise vorstellen, die sowohl in der Schule wie in verschiedenen Berufsbereichen sehr erfolgreich angewendet wird und mit der ich persönlich sehr gute Erfahrungen gemacht habe.

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Die Portfoliomethode – eine Alternative zu herkömmlichen Leistungsmessungen und Bewerbertests

Eine Vorbemerkung noch: Vor zehn Jahren habe ich die Zusammenarbeit mit Dr. Felix Winter begonnen. Seinerzeit hat er am Oberstufenkolleg Bielefeld gearbeitet, der renommierten Reformschule Hartmut von Hentigs. Zwischen 2002-2005 haben wir das Internationale Netzwerk Portfolio aufgebaut (www.portfolio-schule.de), ein Zusammenschluss von Experten der Portfolioarbeit aus Schule und Hochschule, die sich ein bis zweimal im Jahr zum Austausch treffen und durch ihre Veröffentlichungen dazu beitragen wollen, die Portfolioarbeit von dem Wildwuchs, der sie wie jede echte Neuerung bedroht, in eine geklärte Vielfalt zu überführen.
Im Unterschied zu punktuellen Leistungsmessungen oder Bewerbertests ist ein Portfolio im (berufs-)pädagogischen Zusammenhang eine zielgerichtete und systematische Sammlung von Arbeiten, welche die individuellen Bemühungen, Fortschritte und Leistungen der / des Lernenden in einem oder mehreren Lernbereichen darstellt und reflektiert. Im Portfolioprozess wird die / der Lernende an der Auswahl der Inhalte, der Festlegung der Beurteilungskriterien sowie an der Beurteilung der Qualität der eigenen Arbeit beteiligt (Paulson et al., 1991, 60; Übers. Thomas Häcker)

Es enthält im Wesentlichen zwei Arten von Elementen: konkrete Schüler- bzw. Bewerberarbeiten (mündliche und schriftliche; Auszüge aus Filmdokumenten; Fotos; Transkriptionen; …) und Reflexionen der Schüler über diese Arbeiten und ihre Arbeitsvorgänge.
Der Einsatz des Portfolios bietet eine große Flexibilität. Sein Einsatz soll jedoch immer die Reflexion der Schüler über ihre Lernprozesse fördern. Das Portfolio erfüllt darüber hinaus eine Funktion in der Regulierung der Lernprozesse, da die Lehrer und Lehrerinnen ihre Handlungen an die Lernprozesse anpassen können.

DIE DEFINITION DES PORTFOLIOS IN 7 SÄTZEN

> Ein Portfolio ist eine Sammlung von Dokumenten, die unter aktiver Beteiligung der Lernenden zustande gekommen ist und etwas über ihre Lernergebnisse und Lernprozesse aussagt.
> Den Kern eines Portfolios bilden jeweils ausgewählte Originalarbeiten.
> Zu ihren Arbeiten erstellen die Lernenden Reflexionen, die auch Teil des Portfolios werden.
> Für das Anlegen eines Portfolios werden in der Regel gemeinsam Ziele und Kriterien formuliert, an denen sich die Lernenden orientieren können, wenn sie für ihr Portfolio arbeiten und eine Auswahl von Dokumenten zusammenstellen.
> Portfolios werden in einem geeigneten Rahmen präsentiert und von anderen Personen wahrgenommen (z. B. Mitschülerinnen und Mitschüler, beauftragte Beurteiler).
> Anhand von Portfolios finden Gespräche über Lernen und Leistung statt.
> Die in Portfolios dokumentierten Leistungen werden von der Lehrperson bewertet und kommentiert – in ähnlicher Weise machen das auch die Lernenden selbst.

©Definition des Portfolio in 7 Sätzen nach Felix Winter, Internationales  Netzwerk Portfolioarbeit

Im Rahmen dieser Arbeit habe ich das Modell Kompetenzportfolio entwickelt und es in den letzten Jahren mit verschiedenen Bildungsträgern erprobt. Im Folgenden greife ich ein Projekt aus dem Schuljahr 2009/2010 heraus und schildere genauer, wie sich aus der Bewusstwerdung von Lernerfahrungen die Fähigkeit ableiten lässt, die eigenen Kompetenzen wahrzunehmen und zu beschreiben.
Ich habe mit einer Projektgruppe der Mädchenrealschule St. Elisabeth in Friedrichshafen (aus dem Verbund der Sießener Schulen) gearbeitet: 30 junge Damen im Alter von 13-15 Jahren. Wir gehen gemeinsam auf die Suche nach ihrem Lernen und ihren Kompetenzen.

Kaum eine Schulstunde war es her, dass wir damit begonnen haben, schon haben wir spürbar einen Grad an Intensität erreicht, der sich nur noch erfolgsfördernd auf unsere gemeinsame Unternehmung auswirken konnte. Bienenkorbstimmung um mich herum! Die Schülerinnen sitzen in Dreiergruppen beieinander. Jede hat – nach einer kurzen Einführung –  für sich nach Lernerfahrungen gesucht. Der erste Austausch dient der Suche nach einer Antwort auf die Frage, für welche sie sich entscheiden.

Unsere Suche hat im Leben begonnen. Denn der Mensch, auch wenn er – wie in unseren Breitengraden – ein reichlich verschultes Dasein führt, lernt nachweislich doch nur etwa 20 % von dem, was er lernt, in den eigens diesem Zweck vorbehaltenen Institutionen. Den Rest im Leben. Also fangen wir an diesem Ende an, am offenen.

Bereits die erste Abfrage im Plenum fördert Vielversprechendes zu Tage:

„Ich habe acht Jahre im Kindertheater gespielt, das würde ich gerne näher untersuchen.“ „Ich betreibe Klettern als Wettkampfsportart. Das  Problem, mit dem ich kämpfe: die Nervosität.“ „Bei mir ist es dasselbe. Nur eben beim Rudern.“ „Ich war in den Osterferien in Paris. Was ich gelernt habe: Orientierung im U-Bahn-Netz der Großstadt. Mit Oma!“

Die Reflexion erfolgt in drei Schritten. Eine Frage jeweils initiiert die  Arbeitseinheit. Sie wird kurz im Plenum erläutert, dann wird geschrieben. Anschließend in Dreiergruppen hat jede Schülerin reihum fünf Minuten Zeit, ihre Notizen vorzulesen und zu ergänzen. Wem die Zuhörerrolle zufällt, der ist angehalten, der Mitschülerin durch Fragen zu mehr Klarheit ihrer Gedanken resp. Textfassung zu verhelfen. Beispiele im Plenum runden diesen Teil ab.

Ein Procedere, das wir dreimal durchlaufen. Im ersten geht es darum, zukünftigen Lesern die Umstände der ausgewählten Lernerfahrung zu erläutern. Die klassischen W-Fragen kommen zum Zuge. Im zweiten ist es die Lernerfahrung selbst, die in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Zoomen heißt das Zauberwort. So nah wie möglich, so genau wie möglich herankommen an die für das Lernen bedeutsame Situation.  Im dritten wird noch einmal das Gespräch gesucht mit der zuvor bereits beschriebenen Erfahrung. Schwierigkeiten, gab es die? Erfolge, haben die sich eingestellt? Vor allem aber: Wie bist du mit den Schwierigkeiten umgegangen? Und Erfolge – was eigentlich hat sie ermöglicht? Und abschließend der Versuch, die Kompetenzstufe zu erklimmen. Beschreibe, welche Fähigkeit sich hier gezeigt hat beziehungsweise welche zu erwerben du dich bemühtest.

Kein einfaches Unterfangen! Ungewohnt überdies! Doch die jungen Damen begegnen jeder neuen Anforderung souverän aus der Zone des für sie möglichen nächsten Schrittes. Lernen auch dies. Am Ende des ersten Tages sind Notizen und erste Textentwürfe entstanden, die sich zu reflexiven Texten ausgearbeitet werden.

Ein Beispiel von vielen, das mit Oma:

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Reflexion: Orientierung in der U-Bahn

In den Herbstferien 2009 bin ich mit meiner Oma nach Paris, der Hauptstadt Frankreichs, gereist.
Wir wohnten in dieser Woche bei einer Bekannten in Noisy-Le-Grand, einer Vorstadt von Paris. Da wir jeden Tag etwas in Paris unternahmen, mussten wir mit der Schnellbahn fahren und im Zentrum war es dann am praktischsten, die Metro (U-Bahn) zu nutzen, weil der Verkehr sehr dicht war.
Ich habe die Routen ausgewählt und meine Oma sozusagen geführt. Das war eine große Aufgabe, da das U-Bahn-Netz riesig ist.
In dieser Woche konnte ich aus verschiedenen Situationen viel lernen. Zum Beispiel einen klaren Kopf zu bewahren. Einmal war es so, dass ich keine Anschlussstation finden konnte. Ich hatte die Schwierigkeit, eine neue Route zu suchen und gleichzeitig musste ich meine Oma von dieser neuen Route überzeugen.

Hinzu kam die andere Sprache. Also ich musste mich in einer fremden unbekannten Stadt orientieren, insbesondere im U-Bahn-Netz. Und wenn es nötig wurde, eine Fahrkarte zu kaufen, nach einer Anschlussstation zu fragen, musste ich mir Sätze auf Französisch zu Recht legen.

Allerdings hatte ich bereits vor meinem Paris-Aufenthalt Erfahrungen gesammelt, die hilfreich waren, um die oben geschilderten Anforderungen zu bestehen. Bei einem Ferienlager bestand die Aufgabe für mich darin, eine Gruppe während eines Geländespiels durch einen Wald zu führen.

Es war nicht Paris, aber Orientierungs- und Durchhaltevermögen spielten hier wie dort eine entscheidende Rolle. Und auch den Teamgeist zu wahren, also Rücksicht auf alle Beteiligten zu nehmen, ohne dabei das Ziel aus dem Auge zu verlieren.
Und auch meine Oma und ich waren ein Team, rücksichtsvoll und zielbewusst!

Das Feedback am Ende des ersten Projekttages ist in seiner Vielstimmigkeit eindeutig: „Heute ging es ja um uns! Im Unterricht fragt danach keiner.“

Eine neue Sicht auf vermeintliche Defizite der Jugend
Was fehlt nach Winterhoff den Jugendlichen? Das Gefühl, das Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten. Für die Kompetenzen, die heute konsensfähig sind, da „ohne sie ein konstruktives Miteinander in größeren Gruppen – also auch in Betrieben – schlicht nicht möglich ist.“ Als da wären: „Zuverlässigkeit, die Bereitschaft zu lernen, die Bereitschaft Leistung zu zeigen, Verantwortungsbewusstsein, Konzentrationsfähigkeit, Durchhaltevermögen (…).“ (S. 52) Ich muss die Studie des Bundesinstitutes für Berufsbildung, die Winterhoff zitiert, nicht vollständig auflisten. Es sind die bekannten Kompetenzen, von denen wir Erwachsene meinen, dass sie den  heutigen Jugendlichen in immer größerem Maße fehlen.
Es fehlt aber noch was ganz anderes: nämlich unsere Fähigkeit in der rechten Weise gemeinsam mit den Jugendlichen danach zu suchen. In dem Maße aber, wie wir es lernen nach dem Lernen zu fragen, beginnen wir dort etwas ganz Neues zu Tage zu fördern, wo wir zuvor glaubten, nur Verfall konstatieren zu können.

Ein Beispiel von vielen. Am zweiten Projekttag gehen wir auf die Suche nach besonderen schulischen Lernerfahrungen. Eine Schülerin wird fündig im Bereich SE: Soziales Engagement. Im Verlaufe des Projekttages, der ganz auf Austausch und Kommunikation abgestellt ist entsteht ihr Reflexionstext:

Reflexion: Soziales Engagement im Kindergarten

In den Osterferien konnte ich bei meinem Sozialen Engagement (SE) im Montessori Kinderhaus St. Agnes eine gute Lernerfahrung machen.
Jede Schülerin hatte die Aufgabe, von einer Projektwoche zum Thema „Soziales Engagement“ aus sich eine soziale Einrichtung auszuwählen (z.B. Kindergarten, Altersheim, Teestube …), um sich dort in einigen Stunden ein genaueres Bild über die Arbeit dort zu machen.
Ich wählte das Kinderhaus St. Agnes. Ich habe es also besucht und dort erfahren, wie die Kinder dort die meiste Zeit über mit Montessorimaterialien selbst lernen, z.B. wie man Getränke richtig in ein Glas füllt.

Zwei Tage leistete ich von 8.00 – 14.00 Uhr in der so genannten Käfergruppe unter Leitung von Frau Vogler und Frau Weigel mein soziales Engagement. Ich war sozusagen als „Erzieherin“ tätig, ich spielte mit den Kindern, half ihnen, beaufsichtigte sie, war ihre Ansprechpartnerin.

In diesen zwei Tagen konnte ich viele Erfahrungen sammeln. Ich lernte mit mehreren Kindern gleichzeitig umzugehen, Geduld zu haben, die Kinder besser zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen.

Besonders viel hat mir die Begegnung mit einem kleinen Mädchen gebracht. Sie war ungefähr drei Jahre alt und konnte kaum ein Wort Deutsch sprechen. Somit war sie nicht in der Lage zu sagen, was sie wollte, was sie brauchte, wie es ihr ging. Die Folge war: sie schrie und weinte sehr viel.

Was tun? Ich versuchte sie immer wieder zu beruhigen, doch ich merkte mit der Zeit, das reichte nicht aus. Insbesondere beim gemeinsamen Essen halfen die Ermahnungen nicht. Das Kind schrie. In diesen Situationen habe ich bemerkt, wie wichtig es ist, die Verbindung zum Kind in der Stresssituation zu wahren. Also ich habe versucht das Gefühl für das Verständnis des anderen nie aufzugeben (wie schwierig war ja auch ihre Situation und was wusste ich denn sonst darüber?).

Ich vermute, das hat mir geholfen, um mit dem Kind zu Recht kommen zu können. Mein größter Erfolg war dann der, dass ich das Kind gebeten habe, eine Perlenkette aufzuräumen und es dies dann getan hat. Ohne zu schreien!

Ganz offensichtlich: Die Schülerin gehört zu den jungen Menschen, die „ausbildungsreif“ sogar in einem ganz besonderen Maße sind. Aber wo in deutschen Schulen wird ernsthaft auf die Suche gegangen nach Kompetenzen der Art, wie sie im vorliegenden Text deutlich werden? Selbst wenn, wie in unserem Fall die Schülerin die Möglichkeit hatte, die beschriebene Erfahrung zu machen, wird sie in der Regel nicht ins Bewusstsein gehoben, nicht kultiviert. Und darauf kommt es an!

Jugendliche haben in dem Maße die Fähigkeiten, auf die es heute und in Zukunft ankommt, wie wir die Fähigkeit erwerben, danach zu fragen und mit ihnen gemeinsam auf die Suche zu gehen.

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Die Fähigkeiten der jungen Damen steigern sich spürbar dadurch, dass wir ihnen die Möglichkeit zur Kommunikation darüber einräumen. Und das tun wir vom ersten Tag an. Und entwickeln die Formen an den insgesamt vier Projekttagen weiter, nach dem Prinzip Wiederholung und Variation. Am zweiten Tag als Rollenspiel. Je zwei Schülerinnen sitzen sich gegenüber. Eine beginnt, stellt ihr im Entstehen begriffenes Portfolio vor. Die Mitschülerin – in der Rolle des Gastes – hört zu und fragt nach. Dann werden die Rollen gewechselt, anschließend die Plätze. Die Sicherheit über das eigene Lernen beredt Auskunft zu geben, steigt spürbar. Am dritten Tag – fast schon eine Generalprobe – wird der Austausch mit älteren Mitschülerinnen aus der 10. Klasse organisiert.

Dann wird es ernst, am Tag der öffentlichen Präsentation. Im Vorfeld haben wir die Frage geklärt: Wen laden wir ein? Eltern! Lehrer! Auch externe Gäste? Ja, auch externe Gäste, war die einhellige Meinung. Also werden zusätzlich zu den Eltern der Schüler und Kolleginnen und Kollegen der Schule Personalchefs aus regionalen Firmen eingeladen.
Nach einer Begrüßung und Einführung durch die Schulleiterin verteilen sich die Schülerinnen auf zwei Klassenzimmer. Im Anschluss an eine Stöberphase nehmen die Gäste Platz an einem Tisch. Die erste Gesprächsrunde beginnt. Zeitumfang 20 Minuten.

Bienenkorbstimmung, wie am ersten Projekttag!

Nach zwanzig Minuten erfolgt das Pausenzeichen. Man verabschiedet sich, die Gäste begeben sich in den Raum der Stille und verfassen dort, wie könnte es anders sein, ihre Rückmeldung an die Gesprächspartnerin. Keine, die den Schülerinnen dazu verhelfen könnte, ihr aktuelles Portfolio zu verbessern, aber eine, die für sie zum Projektabschluss von größter Bedeutung ist.

In der Zwischenzeit dient ein Buffet dazu, die verbleibende Pausenzeit zu überbrücken. Denn der Austausch an den Tischen zwischen den Schülerinnen und Gästen erfolgt insgesamt drei Mal.
Die entscheidende Szene dann auf dem Gang. Die Schule hat für diesen Abend einen Profi engagiert. Er soll die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Ereignisse dieses Abends auf DVD gebannt werden können. Schon zu Beginn des Abends war er mir durch die Unkenntlichkeit hinter seinen Apparaturen aufgefallen. Jetzt bewegt sich das Equipment aus Mikro und Kamera von einem Drehort zum zweiten Klassenzimmer. Unvermutet hält es inne. Der Macher schält sich aus der Technik hervor und lässt sich mit spürbar emotionaler Betroffenheit verlauten (leider hat niemand die Szene gefilmt): „Ist das Klasse! Wie diese Mädchen sprechen. Sowas habe ich noch nie gehört!“ Der Film, der in den nächsten Wochen entsteht, zeigt eindrücklicher noch als es mit Worten allein möglich wäre, was geschieht, wenn „The power of Portfolio“ wirksam wird.

In der abschließenden Rückmelderunde kommt die Begeisterung beredt zum Ausdruck:

„Ich bin total begeistert von diesem Abend. Er hat mich emotional sehr berührt.“ (Gast)

„Ich habe für mich persönlich und für mein Lehrersein viel mit genommen. Den Anstoß, öfter die Perspektive wieder zu wechseln.“ (Lehrerin, die als Gast anwesend war)

„Es hat mich gewundert, dass für das Projekt so viel Begeisterung entstanden ist. Irgendwo muss da der Funke übergesprungen sein.“ (Gast)

„Die Eltern und Gäste waren einfach so höflich und interessiert, dass ich nach dem ersten Mal schon merkte: Toll, das läuft einfach nur gut. Ich hätte gerne weiter gemacht. Die Zeit war eigentlich zu kurz.“ (Schülerin)

„Was mich sehr beeindruckt hat, ist dieses Konzept. Diesen Abend so zu organisieren, die Reflexion der Schüler, das Feedback von den Gästen, sowas ist nicht selbstverständlich, da kann ich nur den Hut ziehen.“ (Gast)

„Ich fand es auch toll, dass die Eltern und Gäste sich so interessiert haben für uns. Heute Morgen dachte ich noch: O mein Gott, schaff ich das? Ob mir die Gäste überhaupt Fragen stellen? Aber es ist super gelaufen, und ich hätte auch gerne noch weiter gemacht.“ (Schülerin) 

Nachreifen? 25 – 50 % der Jugendlichen müssen das! Aber auch wir als Verantwortliche für die Bildung junger Menschen müssen das. Damit wir die Abwärtsbewegung nicht nur stoppen, sondern in eine Aufwärtsbewegung wandeln.

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Erfolgreiche Ausbildungsbewerbung mit Portfolio

In 2003 bei Daimler (damals noch Chrysler) in Mannheim. Im Büro Gunther Weidners, des Leiters der Technischen Ausbildung. Vor uns auf dem Tisch lagen verschiedene Leitz-Ordner derselben Bauart. Alle randvoll mit Bewerbungsunterlagen für das kommende Ausbildungsjahr. „Sehen Sie“, erfuhr unser Gespräch durch meinen Gastgeber den ersten Anstoß, „hier zum Beispiel: Hauptschulabschluss mit Durchschnittsnote 3,4. Dazu ein formales Bewerbungsschreiben. Ersteres so unerfreulich wie letzteres nichtssagend ist. Und von Beispielen dieser Art quillt der Ordner über. Anfangen aber lässt sich mit keinem etwas. Das einzige, was mir zu tun übrig bleibt, ist, die Absage über das Sekretariat zu veranlassen. – Doch“, fuhr er nachdenklich geworden fort, „wenn ich etwas in die Hand bekäme, mit dem der Bewerber mir zeigt, dass er Fähigkeiten besitzt! Irgendein Potential, auf das er mich hinweist. Und das ihn für mich interessant macht. Ich würde ihn sofort einladen. So aber …“ „Was Sie da suchen, heißt Portfolio“! antwortete ich.

Das war der Ausgangspunkt eines mehrjährigen Projektes mit dem Ziel, eine Alternative zur herkömmlichen Form des Leistungsnachweises zu entwickeln. BVJ-Schüler der Justus von Liebig Schule (Mannheim) erhielten die Möglichkeit der Erkundung des Berufsbildes „Fertigungsmechaniker/in“ in der Ausbildungsabteilung der Firma Daimler(Chrysler). Das im Projektverlauf in den Schritten Dokumentation, Reflexion und Selbstreflexion entstandene Portfolio hatte die Funktion, den individuellen Zugang zum Berufsbild aufzuzeigen und die erreichte ‚Erfahrungstiefe’ zu spiegeln. Ziel war die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz zum Fertigungsmechaniker bei der Firma Daimler(Chrysler) unter Berücksichtigung des Portfolios, seiner Vorlage, Präsentation und Bewertung. Und ans Ziel sind regelmäßig jedes Jahr Schüler gekommen, die es mit ihrem Zeugnis nicht geschafft hätten, sich aber mit ihrem Portfolio erfolgreich um den Ausbildungsplatz beworben haben.

Die Portfoliomethode hat sich in diesem Projekt als Alternative zu den herkömmlichen Auswahlverfahren absolut bewährt. Die Zeit, die in die Erstellung des Portfolio gesteckt wurde, hat den Betrieb nicht mehr belastet, als er für die bisherige Auswahlpraxis auch aufwendet, da hier auch die Schule eingebunden war. Das Ergebnis war aber viel besser. Und inzwischen wissen wir, dass die ersten „Auslerner“ bereits als Facharbeiter im Werk arbeiten, ohne dass am Arbeitsplatz die Vorgeschichte weiter thematisiert oder Leistungsunterschiede noch bemerkt werden.  Die in der Öffentlichkeit immer gern geführte Diskussion über „Ausbildungsreife“ hat sich damit als recht oberflächlich erwiesen. Es gibt gute und seriöse Wege, um Zielgruppen, die bisher in der Bewerberauswahl für Ausbildungsplätze  vernachlässigt wurden, in die Berufsausbildung zu integrieren, ohne deshalb auf die erforderlichen Anforderungen zu  verzichten oder Qualitätsansprüche aufzugeben.

Weitere Informationen unter:
www.perpetuum-novile.de