Parteien, Gewerkschaften und Verbände sollten ihr gewohntes Kommunikationsverhalten überprüfen

Von: Dr. Rudolf Speth (Privatdozent)

Dr. Rudolf Speth

Privatdozent

Rudolf Speth, geb. 1957, Dr. phil., ist Privatdozent am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU Berlin  und hat eine Vertretung der Professur „Politisches System der BRD/Staatlichkeit im Wandel“ an der Universität Kassel. Davor war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seine Forschungsschwerpunkte: Verbändeforschung, Interessenpolitik, Lobbying, politische Kommunikation, Dritte Sektor-Forschung, Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement. Email: rudolf.speth@web.de. www.rudolfspeth.de


Alle größeren mitgliederbasierten Organisationen haben in den letzten Jahren Mitgliederverluste erlitten. Kaum eine Organisation ist in der Lage, den Schwund an Mitgliedern aufzuhalten oder gar umzukehren. 

Die politische Beteiligung (Partizipation) der Bürgerinnen und Bürger ist für demokratische politische Ordnungen ein wichtiges Gut. Demokratie basiert auf breiter politischer Beteiligung. Die Veränderungen in der politischen Beteiligung ‒ die Erhöhung, der Rückgang und die Verschiebung in den Formen und Bereichen ‒ sind daher wichtige Gegenstände der wissenschaftlichen und politischen Diskussion. Da politische Beteiligung in Demokratien meist über Organisationen erfolgt und diese in ihren inneren Abläufen auch den Grundprinzipien der Demokratie entsprechen müssen, richtet sich der Blick auch auf die Organisationen.

In der theoretischen Diskussion zu Partizipation wird zwischen sozialer und politischer Partizipation unterschieden. Empirische Erhebungen haben gezeigt, dass sich die Formen der politischen Partizipation enorm erweitert haben. Dies hat Auswirkungen auf die Organisationen und ihre Mitglieder.t

Mitgliedschaft in einer Organisation allein ist im Hinblick auf Beteiligung nicht aussagekräftig genug. Nur ein geringer Teil der Mitglieder beteiligt sich auch an den Willensbildungsprozessen der Organisationen. Allerdings hat diese Gruppe der Mitglieder auch einen erhöhten Bedarf an Beteiligung. Organisationen stehen also vor der Herausforderung, den Grat zwischen dem Zuwenig und dem Zuviel an Beteiligung ihrer Mitglieder zu finden, denn „zu viel“ an Beteiligung bedroht die Handlungsfähigkeit der Organisation.

Die Mitgliedschaft in Organisationen ist ganz unterschiedlich motiviert. Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft hat eine andere existenzielle Dimension als die Mitgliedschaft in einer Partei oder einer Umweltorganisation, da bei Gewerkschaftsmitgliedern die Gestaltung der eigenen Arbeitsbedingungen im Mittelpunkt steht. Dies muss bei einer Betrachtung berücksichtigt werden.


 Organisationen stehen also vor der Herausforderung, den Grat zwischen dem Zuwenig und dem Zuviel an Beteiligung ihrer Mitglieder zu finden, denn „zu viel“ an Beteiligung bedroht die Handlungsfähigkeit.


Politische Beteiligung ist kein Massenphänomen. Sie ist eingebettet in sozialer Beteiligung, die sehr viel breiter und umfassender ist. Politische Beteiligung gründet auf diese Basis. Dies bedeutet konkret: Für politische Beteiligung ist eine lebendige Zivilgesellschaft notwendig.

Organisationen und ihre Mitglieder

Alle größeren mitgliederbasierten Organisationen haben in den letzten Jahren Mitgliederverluste erlitten. Bei fast allen Organisationen sind die Mitgliederzahlen rückläufig. Dieser Rückgang hat mehrere Gründe: die Bindung der Organisationen an ihre Mitglieder lässt nach; das Angebot an alternativen Möglichkeiten der politischen Beteiligung ist reichhaltiger geworden und viele Mitglieder machen die Erfahrung, dass sie auch außerhalb von Organisationen etwas bewegen können, um nur einige zu nennen. Die Mitgliederverlust haben Auswirkungen auf Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften und Verbände, für die die Beteiligung der Mitglieder eine unersetzliche Ressource ist.

Daraus ergibt sich eine Reihe von Fragen, die von den Auswirkungen der Mitgliederverluste auf die einzelnen Organisationen bis hin zu den möglichen Veränderungen des Beteiligungsverhaltens und den Konsequenzen für die Grundstrukturen des demokratischen politischen Systems reichen.

Kaum eine Organisation ist in der Lage, den Schwund an Mitgliedern aufzuhalten oder gar umzukehren. Die Erosion der etablierten sozialen Milieus bleibt für die Mitgliederorganisationen daher eine große Herausforderung.

wahlkampfnettDie Organisationen reagieren aber auch auf die neuen Herausforderungen. Die Parteien haben bislang keinen Weg gefunden, den Mitgliederschwund zu stoppen. Sie versuchen aber Mitglieder stärker bei Entscheidungen mit einzubeziehen. Die Diskussionen um Parteiprogramme, Parteitagsanträge und die Wahlkämpfe werden offener gestaltet. Gleichzeitig wird in der Parteienforschung festgestellt, dass Mitglieder an Einfluss verlieren, weil die Parteiorganisationen ihre Kommunikation mit den Wählern stärker an den Medien ausrichten und sich der Parteiapparat professionalisiert hat. Die Parteienforschung geht davon aus, dass Parteien auch in Zukunft weniger Mitglieder haben werden. Zudem sind die Mitglieder immer weniger ein Abbild der eigenen Wählerschaft.

Auch bei den Gewerkschaften ist ein Rückgang bei den Mitgliedern festzustellen, auch wenn dieser in den letzten Jahren abgebremst oder teilweise zum Stillstand gebracht werden konnte. Allerdings sind Mitglieder für Gewerkschaften notwendiger, weil ihre Macht unmittelbar mit der Zahl der Mitglieder verbunden ist. Die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um wieder mehr Mitglieder zu bekommen und haben dies in Einzelfällen (IG Metall) auch geschafft. Allerdings gibt es auch bei Ihnen Besonderheiten zu beachten: politische Beteiligung ist kein Wert an sich, wichtig ist nach wie vor die Handlungsfähigkeit der Organisation. Hinzu kommen die Veränderungen in der Arbeitswelt. Gewerkschaften müssen Mitglieder in neuen Bereichen (höherwertige Dienstleistungen, Ingenieure, Frauen etc.) gewinnen, um zukunftsfähig zu werden.

Auch Verbände und andere Organisationen mit individuellen Mitgliedschaften – viele NGOs haben keine individuelle Mitgliedschaften – tun sich schwer, Mitglieder zu gewinnen, zu halten und aktiv an den Willensbildungsprozessen zu beteiligen. Es werden mehr Möglichkeiten der Diskussion und der Mitwirkung geschaffen. Hierfür werden auch webbasierte Techniken genutzt, doch die Organisationen bleiben insgesamt hierbei sehr zurückhaltend.

Kontexte und Trends

Politische Beteiligung kann nicht losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden. Sie ist Teil der politischen Kultur und eingebettet in soziale Beteiligung. Der Blick auf das bürgerschaftliche Engagement und die Zivilgesellschaft zeigt, dass die soziale Beteiligung in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat und facettenreicher geworden ist. Er zeigt auch, dass die Raten der politischen Beteiligung nicht zurückgegangen sind. Sie haben sich vielmehr in ihren Anteilen verschoben, weil das Angebot an neuen, unkonventionellen Formen der Beteiligung größer geworden ist. In den letzten Jahrzehnten haben sich zahlreiche Organisationen in den Bereichen Umwelt, Natur, Menschenrechte und Tierschutz gegründet. Ihre Mitgliederzahlen sind deutlich angestiegen. Dies kann mit dem gesellschaftlichen Wertewandel erklärt werden. Es wird aber auch eine Verschiebung zwischen politischer und sozialer Partizipation deutlich, wobei die politische Partizipation z.B. in den Bereichen Menschenrechte und Umwelt auch politischen Charakter hat.

Das Demokratieverständnis hat sich im Laufe der Zeit verändert. Während die Kritik an den repräsentativen Formen der Demokratie zunimmt, steigt die Wertschätzung von Deliberation (öffentlicher Beratschlagung). Der Austausch von Argumenten wird wichtiger als die Beeinflussung von Entscheidungen. Das Verständnis für die Zwänge des politischen Prozesses (Kompromiss, Mehrheitsregel) schwindet.

Der kleinen Gruppe der politisch Aktiven stehen inzwischen mehr Beteiligungsmöglichkeiten offen. Durch neue Beteiligungsformen sowie durch informelle Gruppen und Protestereignisse ist die Konkurrenz unter den Organisationen um diese aktive Gruppe größer geworden. Sie stellt insbesondere große mitgliederbasierte Organisationen vor neue Herausforderungen. Mit den lose organisierten sozialen politischen Protesten ist den etablierten Organisationen Konkurrenz erwachsen. Der politische Protest wird konfrontativer. Damit sind alternative Handlungsmöglichkeiten für die politische Partizipation entstanden, die in Konkurrenz zu einer Mitgliedschaft in Organisation stehen können.

Mit den Social-Media-Kanälen haben sich neue Möglichkeiten der politischen Kommunikation herausgebildet. Diese werden allerdings von den mitgliederbasierten Organisationen in der Kommunikation mit ihren Mitgliedern bisher nur sehr zurückhaltend genutzt.

Es gibt immer mehr konkurrierende Angebote für politische Beteiligung. Bürgerinnen und Bürger mit einen Bedürfnis nach politischer Beteiligung sind nicht mehr so sehr auf etablierte Organisationen angewiesen. Trotz vielfältiger Bemühungen wird politische Beteiligung in und mit Großorganisationen also langfristig zurückgehen.

Strategien

Die Mitgliederorganisationen haben in den letzten Jahren verschiedene Strategien entwickelt, um die neuen Herausforderungen in der Mitgliederkommunikation und -einbindung zu bearbeiten. Teilweise bauen die Organisationen ihre Strukturen um, damit für die Mitglieder mehr Möglichkeiten der Diskussion und Mitwirkung geschaffen werden. Es kann festgestellt werden, dass (als mitgliederbasierte Organisationen) die Verbandsführungen versuchen, die Mitglieder stärker in die Prozesse der Organisation mit einzubeziehen. In der sozialwissenschaftlichen Beobachtung wird festgestellt, dass die Kommunikation mit den Mitgliedern nicht allen Verbänden gut gelingt. Insbesondere bei der Nutzung von Social Media-Kanälen sind viele zurückhaltend.

Mitgliederbasierte Organisationen ‒ Parteien, Gewerkschaften, Verbände und Vereine ‒ können etwas tun, um wieder mehr Mitglieder zu gewinnen. Wichtig ist dabei die Beobachtung, dass nicht alle Organisationen Mitglieder verlieren. Bei Organisationen in den Bereichen Freizeit, Sport und Soziales ist ein Anstieg festzustellen. Im engeren Bereich des politischen Engagements sind allerdings Verluste zu verzeichnen.

Gewerkschaften reagieren mit verschiedenen Strategien auf die dargestellten Herausforderungen und Trends. Das wichtigste Ziel dabei ist es, Mitglieder zu gewinnen, denn die Stärke der Gewerkschaften ist unmittelbar verknüpft mit der Zahl der Mitglieder. Beteiligung ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Bestandteil der Reform der Gewerkschaftsstrukturen.

bildungwahlkampf

Von zivilgesellschaftlichen Organisationen ist bekannt, dass sich das Engagement vor allem im lokalen Raum und im sozialen Nahbereich konzentriert. Für politisches Engagement gilt Ähnliches. Dies bedeutet, die Beteiligungsmöglichkeiten im lokalen Raum und im sozialen Nahbereich zu stärken. Hinzu kommt, dass Organisationen auch transparenter und zugänglicher werden müssen. Zudem sollten sich die Organisationen nicht von einem Auf und Ab des Engagements beeindrucken lassen. Dies ist aus vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen ein bekanntes Problem: dem euphorischen Beginn folgt eine Enttäuschung, doch nach einer Pause entwickeln viele wieder neues Engagement.

In der sozialwissenschaftlichen Bewertung wird die strategische Handlungsfähigkeit von NGOs, Initiativen und politischen Gruppen allgemein also zurückhaltend beurteilt. Dieser Bereich ist aber für viele politisch Engagierte von besonderem Interesse, weil sie hier politische Inhalte selbst gestalten und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Weiterhin ist dieser Bereich für die etablierten Organisationen mit Blick auf politische Beteiligung die größte Konkurrenz, aber auch eine Chance, weil sich damit neue Bündnisse ergeben können.

Die Organisationen müssen auf diejenigen Gruppen zugehen die aus der politischen Partizipation ausgestiegen sind. Dies sind vor allem die unteren Schichten der Gesellschaft. Notwendig ist dazu, ihre Interessen, Lebenslagen und Bedürfnisse ernst zu nehmen und Personen aus diesen Schichten wieder an wichtigen Stellen in die Organisationen zu integrieren.

Für viele Organisationen ist es unerlässlich mehr Jüngere zu gewinnen – gerade in einer älter werdenden Gesellschaft. Hier zeigt sich, dass Jüngere viel stärker den eigenen Nutzen als Engagement- und Beteiligungsmotiv angeben. Dabei haben die Bedürfnisse, die aus den eigenen Lebenslagen erwachsen, eine orientierende Funktion. Organisationen sollten diesen Erwartungen auch entsprechen. Hinzu kommt, dass Jüngere anders über Politik kommunizieren. Sie nutzen stärker das Internet und dort die Social Media-Kanäle. Parteien, Gewerkschaften und Verbände können in diesem Bereich aktiver sein und sollten ihr gewohntes Kommunikationsverhalten überprüfen.

Studie unter:
https://www.otto-brenner-shop.de/publikationen/obs-arbeitspapiere/shop/obs-arbeitspapier-nr-16-politische-beteiligung-lage-und-trends.html