Das Menschenrecht auf Bildung braucht eine nationale Bildungsallianz

Gesellschaftliche Spaltung: was kann Bildungspolitik leisten?

Von: Roman Lutz (Leiter der Abteilung Bildungs- und Wissenschaftspolitik der Arbeitskammer des Saarlandes)

Roman Lutz

Leiter der Abteilung Bildungs- und Wissenschaftspolitik der Arbeitskammer des Saarlandes

Roman Lutz (Jahrgang 1956) leitet seit März 2018 die Abteilung Bildungs- und Wissenschaftspolitik bei der Arbeitskammer des Saarlandes. Der gebürtige Schwabe absolvierte nach dem Hauptschulabschluss zunächst eine Ausbildung als Industriekaufmann in einem metallverarbeitenden Betrieb, woran sich ein Studium zum Diplom-Ökonom an der Gesamthochschule Essen anschloss. Der heute 61-Jährige leitete dann eine Zweigstelle des Berufsfortbildungswerkes (bfw) des Deutschen Gewerkschaftsbundes. 1994 wechselte Lutz zur Arbeitskammer des Saarlandes und wurde dort in der Abteilung Bildungs- und Wissenschaftspolitik mit ...
[weitere Informationen]


BILDUNGSUNGLEICHHEIT Es stellt sich die Frage, ob mit Bildungspolitik überhaupt ein Beitrag zur Überwindung von Armut und gesellschaftlicher Spaltung geleistet werden kann? Elternarmut bedeutet meist auch Bildungsarmut und in der Folge chancenlose Erwachsene. Aber: Bildung ist die Grundlage für eine gesellschaftliche Teilhabe der Menschen. Kann sie doch dazu beitragen, dass Menschen ihre soziale, kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation verbessern können.

Deutschland ist ein reiches Land. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die gesellschaftliche Spaltung durch soziale Ungleichheit, Unsicherheit und Ungerechtigkeit seit Jahren enorm zugenommen hat. Immer mehr Menschen sind ökonomisch von der Wirtschaftsentwicklung abgehängt oder fühlen sich wirtschaftlich durch Globalisierung und Technologie gefährdet.

Die Einkommen und Vermögen sind in den letzten Jahren zunehmend auseinandergedriftet und am Arbeitsmarkt ist der Anteil atypischer und häufig prekär Beschäftigter stark gewachsen. Letzteres hat zur Folge, dass viele Menschen nicht mehr von ihrem Lohn allein leben können oder keine ausreichenden Ansprüche auf Leistungen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung erwerben. Die wachsende Perspektivlosigkeit und die Angst vor dem sozialen Abstieg greift um sich und bestimmt mittlerweile das Denken vieler Menschen.

Hinzu kommt, dass nicht wenige Menschen kulturell durch plurale und multikulturelle Lebensstile sowie durch Einwanderung verunsichert sind. Mit der ungleichen Vermögensverteilung gehen aber auch ungleiche Machtverhältnisse einher, welche eine ernstzunehmende Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt darstellen. All dies spielt den erstarkenden populistischen Bewegungen in die Hände und gefährdet die Zukunft der Gesellschaft und der Demokratie.

Gesellschaftliche Spaltung ist kein Schicksal

Dabei ist gesellschaftliche Spaltung kein Schicksal, sondern sehr wohl politisch gewollt. Sie ist das Ergebnis einer seit Jahrzehnten betriebenen neoliberalen Politik der Steuersenkungen, des Sozialabbaus, der Privatisierung, der Deregulierung und der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. All dies hat zu einer Umverteilung von „unten“ nach „oben“ geführt und damit die Gesellschaft gespalten. Diese Entwicklung bedroht nicht nur Wachstum und Wohlstand, sondern ruft auch Krisen hervor.

Dabei spielen auch unzureichende Bildungsinvestitionen eine zentrale Rolle. Wollte man die gesellschaftliche Spaltung ernsthaft bekämpfen, so gebe es hierzu vielfältige Möglichkeiten: Neben der Beste

riss4

DAS HILFT: Neben der Besteuerung des Reichtums, insbesondere von Kapitalgewinnen und Erbschaften, müssten die sozialen Sicherungssysteme wieder gestärkt, prekäre Beschäftigung zurückgedrängt, der Mindestlohn erhöht und die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen ausgeweitet werden.

uerung des Reichtums, insbesondere von Kapitalgewinnen und Erbschaften, müssten die sozialen Sicherungssysteme wieder gestärkt, prekäre Beschäftigung zurückgedrängt, der Mindestlohn erhöht und die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen ausgeweitet werden. Nicht zuletzt aber gehören auch eine andere Bildungspolitik sowie die ausreichende Finanzierung der selbigen dazu.

Elternarmut bedeutet Bildungsarmut

Angesichts all dessen stellt sich die Frage, ob mit Bildungspolitik überhaupt ein Beitrag zur Überwindung von Armut und gesellschaftlicher Spaltung geleistet werden kann – und wenn ja, welchen bzw. was muss hierfür getan werden. Dass es einen Zusammenhang von ungleichen Bildungschancen und Armut gibt, dürfte unstrittig sein. Elternarmut bedeutet meist auch Bildungsarmut und in der Folge chancenlose Erwachsene. Denn Bildung ist die Grundlage für eine gesellschaftliche Teilhabe der Menschen. Kann sie doch dazu beitragen, dass Menschen ihre soziale, kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation verbessern können.

Allerdings zeigt sich auch im Bildungswesen die gesellschaftliche Spaltung. Denn die Chancen zur Teilhabe an Bildung sind in Deutschland höchst ungleich verteilt. Spätestens seit den international vergleichenden Schülerleistungstests PISA und IGLU wissen wir, dass Kinder aus einem sozial eher schwachen Umfeld erheblich schlechtere Bildungschancen haben wie Kinder von Akademikern. In keinem anderen vergleichbaren Industrieland ist der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungschancen damit so groß wie in Deutschland. Dabei prägt der soziale Status nicht nur den Bildungserfolg, sondern auch die späteren Berufsaussichten und die soziale Integration. In einem der reichsten Länder der Welt nimmt allerdings Bildungsarmut nicht nur zu, sondern sie vererbt sich auch.

Kinder, die in Armut oder in prekären Verhältnissen aufwachsen, haben kaum eine Chance, durch das bestehende Bildungssystem in ihrer Entwicklung gefördert zu werden. Bei vielen Kindern betragen bereits bei Schuleintritt die Entwicklungsunterschiede mehrere Jahre. Zu den von Einkommensarmut am stärksten Betroffenen gehören vor allem Alleinerziehende. Etwa 40 % von ihnen beziehen Hartz IV. Hinzu kommt, dass Deutschland mit seinem gegliederten Schulwesen über ein Bildungssystem verfügt, das soziale Auslese noch verschärft und damit den sozialen Zusammenhalt nicht nur nicht fördert, sondern Lebenswelten systematisch trennt.

Die PISA-Vergleichsdaten führen hier zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Diskriminierung der Leistungsschwächeren und erst recht die der sozial und ethnisch Benachteiligen korrelieren sehr hoch mit dem Zeitpunkt der ersten Auslese und der Anzahl an unterschiedlichen Schulformen. Je früher ausgelesen wird und je mehr Schulformen existieren, umso schärfer ist die Benachteiligung. Es ist die hierarchische Schulstruktur, die benachteiligt. Sie ist in Deutschland so ausgeprägt wie sonst nirgendwo. Eine Verfestigung und Undurchlässigkeit zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten aber ist die gesellschaftliche Spaltung von morgen.

Verfestigt wird die soziale Segregation der Schülerschaft noch durch die in den letzten Jahren zunehmend beliebter gewordenen Privatschulen. Es sind vor allem höher gebildete und wohlhabende Eltern die ihre Kinder immer öfter auf Privatschulen schicken. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der desolaten Lage an den öffentlichen Schulen. Damit verstärken sich die ohnehin vorhandenen Ungleichheiten der Bildungschancen und -leistungen. Die soziale Heterogenität der Schulen nimmt ab, was insbesondere die Aufstiegschancen der Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern weiter verringert.

jobs

Beschäftigung: Es gibt zu viele, die  prekäre Jobs machen müssen.

Diese im deutschen Bildungssystem bestehende Selektion findet in der Weiterbildung ihre nahtlose Fortsetzung. Auch hier sind Teilnahme und Teilhabe nicht nur ungleich verteilt, sie hängen vor allem vom erreichten Qualifikationsniveau sowie vom sozialen, familiären und betrieblichen Status ab.

Die Bildungsrepublik ist noch eine Fata Morgana

Hoffnungen auf Besserung wurden vor 10 Jahren mit dem „Dresdner Bildungsgipfel“ geweckt. Bund und Länder proklamierten die Bildungsrepublik und einigten sich auf ehrgeizige Ziele. Mit der Ausrufung der Bildungsrepublik sollte auch eine Steigerung der Bildungsausgaben auf sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) einhergehen. Wie dringend diese Stärkung der Bildungsfinanzierung ist, wird u.a. durch einen internationalen Vergleich deutlich. Die öffentlichen Bildungsausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind in Deutschland rund 20 % geringer als in den meisten anderen Industrieländern. Im Vergleich zu Skandinavien beträgt der Abstand sogar teilweise mehr als 50 %. Umso erschreckender ist daher, dass seitdem nur wenig geschehen ist und auch das wichtige Ziel einer Steigerung der Bildungsausgaben auf sieben Prozent bis dato nicht erreicht wurde.

Dabei sagen uns seit Jahren nahezu alle Studien, was getan werden muss. Zwar wurden vielfältige Anstrengungen unternommen und durchaus auch Fortschritte verzeichnet. So ist die Zahl der Krippenplätze gestiegen, die Zahl der Ganztagsschulen wurde ausgebaut, mehr Menschen beginnen ein Studium oder bilden sich weiter. Doch die Ergebnisse sind angesichts des Notwendigen mehr als mager und die soziale Schieflage bleibt noch immer die Achillesferse unseres Bildungssystems. Denn nach wie vor hat das Kind eines Akademikers gegenüber einem „Arbeiterkind“ eine drei Mal so große Chance, das Gymnasium zu besuchen.

Auch beim Zugang zum Studium zeigt sich noch immer die soziale Spaltung. Hinzu kommt, dass Kinder aus Einwandererfamilien deutlich schlechtere Chancen in der Schule und auf dem Ausbildungsmarkt haben und Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss im Rennen um Ausbildungsplätze auf der Strecke bleiben. Es fehlt an sozialpädagogischen Fachkräften sowie qualifiziertem Lehrpersonal und angesichts eines immensen Sanierungs- und Investitionsstaus verrotten immer mehr Schulen.  Obwohl das Kooperationsverbot weiter gelockert werden soll, damit Schulen besser ausgestattet und das digitale Lernen besser verwirklicht werden kann, wird in Deutschland weiterhin bildungspolitische Kleinstaaterei betreiben.

Um zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung beizutragen und den sozialen Zusammenhalt wieder zu beleben, bedarf es nicht nur einer deutlichen Steigerung der Bildungsausgaben, sondern auch umfangreicher bildungspolitischer Maßnahmen. So muss der Staat mehr in die Qualität frühkindlicher Bildung investieren – u.a. durch mehr und gute sozialpädagogische Fachkräfte wie Erzieher/innen und Kindheitspädagogen/innen. Nötig ist aber auch der deutliche Ausbau echter Ganztagsschulen mit multiprofessionellen Teams. Zudem ist angesichts neuer Herausforderungen mehr individuelle Förderung dringend notwendig.

In Anbetracht des mittlerweile massiven Lehrermangels braucht es hier deutlich bessere Rahmenbedingungen. Auch muss die technische Ausstattung unserer Schulen dem neuesten Stand entsprechen. Die Hochschulen brauchen eine verlässliche finanzielle Grundausstattung und die Qualität der Lehre muss stärker ins Zentrum der Hochschulpolitik gerückt werden. Die BAföG-Sätze sollten spürbar steigen. Die zahllosen Warteschleifen im Übergang von der Schule in die Ausbildung müssen abgebaut und das Nachholen von Schul- und Berufsabschlüssen gefördert werden. Darüber hinaus bleiben die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg sowie die noch immer vorhandene Trennung von beruflicher und hochschulischer Bildung zentrale Herausforderungen.

keineangst

Prinzip: Eigene Anschauung und Engagement zu erfahren ist ausgesprochen wichtig.

Bildung und Lernen hört weder nach der Schule noch nach der Ausbildung oder dem Studium auf. Gerade auch angesichts der digitalen Transformation der Arbeitswelt und der demografischen Entwicklung ist  es dringend erforderlich, dass die Teilnahme an beruflicher bzw. betrieblicher Weiterbildung gesteigert wird, damit alle Beschäftigten den Wandel und die Anforderungen dauerhaft bewältigen können und auch Arbeitslose wieder einen Einstieg finden. Denn zur Erschließung von Potentialen für qualifizierte Facharbeit geht es auch darum, insbesondere gering Qualifizierte bzw. prekär Beschäftigte stärker für berufliche Weiterbildung zu motivieren und ihren Zugang zu Weiterbildungsangeboten zu verbessern. Hierzu ist es aber notwendig, dass die nach wie vor fehlenden institutionellen, finanziellen, zeitlichen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden.

Angesichts einer komplexer und komplizierter gewordenen Welt, die sich in einem raschen Wandel befindet und in der Politikverdrossenheit, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in einem erschreckenden Maße um sich greifen, gehört aber auch politische Bildung mehr denn je zu den dringenden Notwendigkeiten und zu den unerlässlichen und zu pflegenden Bestandteilen einer demokratischen politischen Kultur. Teilhabe durch Bildung bedeutet nicht nur Passivität oder soziale Aktivierung. Im Sinne einer kritisch-emanzipatorischen Bildung muss es das Ziel sein, Ungleichheitsideologien zu dekonstruieren und den Wert politischer und sozialer Beteiligungsrechte möglichst früh durch eigene Anschauung und Engagement zu erfahren. So wird Partizipation an und durch Bildung zu einem gelebten Prinzip des Politischen.

Um das Menschenrecht auf Bildung zu verwirklichen und die Bildungsrepublik zu erreichen braucht es mehr als einen Bildungsgipfel. Zur Bewältigung all der Herausforderungen ist eine nationale Bildungsallianz, in der Bund, Länder und Kommunen gemeinsam mit den Sozialpartnern eine echte gesellschaftliche Bildungsstrategie ausarbeiten, unerlässlich. Wir brauchen aber auch wesentlich mehr Finanzmittel als bislang vorgesehen. Dazu bedarf es aber nach wie vor der Umverteilung von Vermögen, Einkommen und Arbeit. Denn eine bessere (Aus)Bildung erhöht zwar die Chancen auf dem Arbeitsmarkt; Erwerbslosigkeit, Armut und gesellschaftliche Spaltung werden dadurch jedoch nicht beseitigt.