Wo und wie muss die Jugend in Europa zupacken?

Jugendarbeitslosigkeit in Europa - Folgen und Zukunftsperspektiven

Von: Prof. Dr. Rolf Kreibich (Zukunftsforscher)

Prof. Dr. Rolf Kreibich

Zukunftsforscher

Professor Dr. Rolf Kreibich war nach Verabschiedung des neuen Universitätsgesetzes erster Präsident der Freien Universität Berlin. Dort stand er von 1969 bis 1976 mit an der Spitze der ersten großen reformierten Hochschule in der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1989 bekleidete er die Professur für Soziologie der Technik, Technikfolgenabschätzung und Zukunftsforschung an der Beuth Hochschule für Technik (ehemals TFH) Berlin. Er gründete 1981 – unterstützt von weiteren Pionieren der deutschen Zukunftsforschung – in Berlin das unabhängige und ...
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Was muss eigentlich noch passieren, um die Dramatik der Jugendarbeitslosigkeit in Europa in die Köpfe der Politiker, Wirtschaftslenker, Wirtschaftswissenschaftler, Personalverantwortlichen, Lehrer und Ausbilder so zu implantieren, dass endlich etwas Greifbares geschieht? An aufrüttelnden Aufschreien in der Öffentlichkeit mangelt es jedenfalls nicht.

Die Ausgangslage

Die großen Demonstrationen von Millionen von Menschen in Madrid, Lissabon, Athen, Paris und Rom verpuffen im Gestrüpp von Bildungsgipfeln, neoliberalen Beschwichtigungsgeschwafel, untauglichen wirtschaftswissenschaftlichen Analysen und einer unfähigen Politik und Bürokratie in Europa und den am stärksten betroffenen Ländern. So ist es kein Wunder, dass selbst konservativere Medien zu deftigen Worten greifen: „Europas Jugendarbeitslosigkeit ist eine Zeitbombe“ (Die Welt vom 2.07.2012), „Jugendarbeitslosigkeit hinterlässt lebenslange Narben“ (FAZ vom 3.07.2013), „Für die Gesellschaft ein Tod auf Raten“ (Spiegel vom 2.07. 2013), „Europas Tragödie“ (Süddeutsche Zeitung 4.07.2013). Selbst die UN-Studie zur Jugendarbeitslosigkeit (UN 2012) spart nicht mit harschen Worten: „verlorene Generation“, „Gefährdung der Demokratie“ und warnt, dass der Frust enorme politische Konsequenzen haben wird.

Die Dramatik in Zahlen

Noch vor einem Jahrzehnt konnten wir uns nicht vorstellen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in europäischen Ländern Dimensionen annehmen könnte, dass es mehr arbeitslose Jugendliche als Jugendliche mit Arbeit geben würde. Tatsächlich sind die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit verschiedener seriöser Institutionen weitgehend gleich und sie zeichnen übereinstimmend das gleiche Horrorgemälde: So zeigen die Arbeitslosenquoten etwa von Eurostat (2014) und der OECD (2012) für die einzelnen europäischen Ländern das gleich Bild: Eurostat gibt für Dezember 2013 (Eurostat 2014) saisonbereinigt folgende Zahlen für alle Jugendlichen von 16 bis 24 Jahren an: Griechenland (59,2 %), Spanien (54,3 %), Kroatien (49,2 %), Italien (41,6 %), Portugal (36,3 %), Bulgarien (29,4 %), Frankreich (25,6 %), Großbritannien (20,1 %), Dänemark (12,9 %), Deutschland (7,4 %). Bei diesen Werten hilft kein Kleinreden, etwa, dass sich einige Jugendliche in Qualifikationskursen befänden oder andere einer billigen Schwarzarbeit nachgingen usw.

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Auffallend ist ein weiterer Befund: Schon vor 2008 gab es eine überaus hohe Jugendarbeitslosigkeit in einigen EU-Ländern. So lagen die Quoten etwa in Spanien, Griechenland, Portugal und einigen anderen Staaten der EU schon viele Jahre bei den 16 bis 24 jährigen Jugendlichen bei 20 bis 30 %. Es ist bezeichnend, dass diese Zahlen noch keinen Sturm ausgelöst hatten, sondern lediglich ein leises Säuseln im Bildungs- und Ausbildungsbereich und in der Wirtschaft. Mit der Finanz- und Spekulationskrise 2007/2008 schnellte nun noch einmal die Kurve innerhalb von vier Jahren in die Höhe zu den bis dahin unvorstellbaren Quoten weit über 50 %.

Der besondere Zynismus liegt ja vor allem darin, dass dieser Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit mit einer geradezu unverschämten Vermehrung des Reichtums der Reichen und vor allem der Spekulanten verbunden ist. So war ja längst bekannt, dass die Spekulationen mit faulen Krediten schon seit Jahren zunahmen und diese Zunahme einer Exponentialkurve folgte. Im Frühjahr 2007 führte diese Entwicklung zu der unvorstellbaren Zahl von 4.300 Milliarden Dollar, die täglich virtuell spekulativ weltweit transferiert wurden. Während also für Bildung, Ausbildung und Qualifizierung von Jugendlichen und Erwachsenen kein Geld vorhanden war, häuften die Investmentbanken und die Spekulanten an den Börsen mit faulen Krediten („Luftprodukten“) einen ungeahnten Reichtum an. Denn selbst wenn die Renditen bei den spekulativen „Geschäften“ relativ klein erschienen, warfen sie enorme reale Gewinne ab, denn es wurde ja mit riesigen Geldmengen gehandelt. Bei diesen Betrachtungen stellt sich ja zusätzlich eine grundsätzliche Frage: Wieso werden Finanz“produkte“ eigentlich nicht besteuert?

Es gibt nicht eine einzige andere Wirtschaftsbranche deren Produkte nicht besteuert werden! Wie sollen gerade junge Menschen begreifen, dass für ihre Ausbildung und Bildung kein Geld vorhanden ist, während hunderte von Milliarden in Windeseile aufgebracht werden, um Banken und Spekulanten zu füttern?

Die Folgen

Es ist nicht übertrieben, wenn die Süddeutsche Zeitung von Europas Tragödie spricht. Da die Arbeit neben der Familie und den Freunden das wichtigste Bezugsfeld für Menschen ist, werden große Teile einer ganzen Generation in ihrem Selbstwert und Selbstvertrauen erschüttert und einem Gefühl der Nutzlosigkeit, des Wertverlustes und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt. Die Empirie ist eindeutig: Wer in jungen Jahren in seinem Selbstvertrauen und Selbstwert stark geschädigt wird, behält die Narben in der Regel bis ins Alter und findet lebenslang schwerer wieder Zugang ins Arbeitsleben und zu gesellschaftlicher Anerkennung. Das ist nach den Erkenntnissen der UN-Studie (UN 2012) dann „die verlorene Generation“.

Wer nimmt eigentlich die Millionen von Einzelschicksalen wahr, solange keine offensichtlichen Krankheits- oder Aussteigersymptome diagnostiziert werden? Wieso erkennen die meisten nicht, dass Nutzlosigkeits-, Ausgrenzungs-, und Perspektivlosigkeitsgefühle einen Nährboden für Drogen, Alkohol, Gewalt und Anfälligkeit für Rechtsradikalismus bilden? Es kann doch nicht hingenommen werden, dass das etablierte Bürgertum einfach wegschaut und wo es brenzlig wird, die eigenen Kinder auf Privatschulen schickt. Sehen denn diese Leute nicht, dass auch Ihnen mittel- und langfristig diese dramatische Ungerechtigkeit auf die Füße fällt?

Denn für unsere Gesellschaft bzw. Gemeinschaft sind die Folgen insgesamt ja höchst fatal. Welcher Jugendliche bzw. junge Erwachsene ohne Arbeit kann denn in unserem demokratischen Gemeinwesen noch seine Heimat sehen und was nützt die Freiheit, wenn soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit auf der Strecke bleiben und sogar die Würde des Menschen angetastet wird. Wir wissen doch, dass die Demokratie und die erworbenen Freiheitsrechte täglich verteidigt werden müssen. Aber diese Forderung an uns alle wirkt fast schon lächerlich, wenn wir den Jugendlichen nicht das elementare Recht verschaffen, arbeiten zu dürfen.

Vor diesem Hintergrund ist auch ein genaues Studium der zahlreichen Jugend- und Demographiestudien in Deutschland äußerst wichtig. Sie senden nämlich deutliche Warnsignale aus hinsichtlich der Sicherung und Weiterentwicklung der freiheitlichen und demokratischen Strukturen durch die jüngeren Generationen. Es ist eben nicht so, dass die Generationen „Golf“, „Praktikum“, X“ (Null-Bock-Generation), „Y“, „Wahl-O-Mat“, „Digital Natives“, „Merkel“  usw. (14–49 Jahre) bei völlig anderer Sozialisation die gleichen Werte und Zukunftsvorstellungen verinnerlicht haben wie die Kriegsgeneration und die Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg und dem Zusammenbruch der Systeme jenseits des Eisernen Vorhangs.

Es ist auch nicht so, dass die jungen Generationen die gleichen Notwendigkeiten verspüren, in dem stabilen und wohlhabenden einheitlichen Deutschland und Europa täglich die demokratischen und freiheitlichen Grundwerte durch besonderes politisches Engagement verteidigen zu müssen. Das geringe politische Engagement trifft umso mehr auf Jugendliche zu, je weniger unser Gemeinwesen ihnen das Gefühl vermittelt, auch sie sind gleichberechtigte Bürger dieses Staates und dieser nimmt ihre Grundbedürfnisse ernst und kümmert sich nicht nur um die Befriedigung der Bedürfnisse der Reichen.

IMG_6396So ist es kein Wunder, dass die neuen Jugendstudien (z.B. Bertelsmann-Stiftung 2014; BMBF 2014; TNS Infratest 2013; Sinus 2012; ZMSB 2011; Shell 2010) eher Einstellungen und handlungsleitende Motive von Jugendlichen ermitteln, die wenig auf die großen Zukunftsorientierungen und die Bewahrung demokratisch-freiheitlicher Strukturen ausgerichtet sind. Generell führen die Ängste und Überforderungen durch die zunehmende Komplexität bei vielen Menschen aller Generationen zu einem deutlichen Rückzug in eine Gegenwartsorientierung und lokale Überschaubarkeit. Die Zukunftsorientierung, gemessen an langfristigen Erfordernissen und globalen Herausforderungen nimmt deutlich ab. So geht es den meisten Menschen in erster Linie um die Bewahrung des Status quo, um die Sicherung des persönlich Erreichten.

Für die junge Generation liegen die Dinge noch extremer. Aus den Jugendstudien lassen sich folgende Befunde zusammenfassen: „Die ältere Generation (50 und älter) hat in ihrer Mehrheit klare politische Leitbilder und Weltanschauungen und leitet aus diesem Orientierungsrahmen auch ihre politischen Präferenzen und Entscheidungen ab. Das Gegenteil gilt für die heute jüngere Generation (19 bis 32 Jahre): Sie entscheidet und handelt pragmatisch….“ „An Stelle übergreifender politischer Erklärungsansätze, aus denen sich Orientierung und Positionierung ableiten lässt, treten vor allem die individuellen und situativen Bedürfnisse der Gegenwart als Bewertungsmaßstab für einzelne Politikbereiche“. „Politische Meinungsbildung, Orientierung und Entscheidungen erfolgen eher kurzfristig und werden stärker geprägt von momentanen Eindrücken und tagesaktuellen Diskussionen im Netz, im Fernsehen, in Talkshows und anderen Angeboten der Vereinfachungen.. .. man wählt als „Nachfrager“ dann pragmatisch das, was in der Gesamtschau den eigenen Bedürfnissen am weitesten entgegenkommt – eine Art Supermarkmentalität dominiert…“ (Zitate aus Bertelsmann-Studie 2014).

In der BMBF-Studie „Studiensituation und studentische Orientierungen“ (2014) heißt es unter der Überschrift „Immer weniger Interesse am politischen Geschehen“: „Unter den Studierenden ist zwischen 2001 und 2013 das Interesse an allgemeinen politischen Themen stark zurückgegangen. Stuften 2001 noch 46 % der Studierenden ihr Interesse an Politik als sehr stark ein, ist der Anteil bis 2013 auf 32 %  gefallen. Mit knapp einem Drittel politisch stark interessierter Studierender ist in dieser Hinsicht ein Tiefstand in diesem Zeitraum eingetreten.“

Der vom Presseamt der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studentenstudie von TNS Infratest lassen sich u.a. folgende Ergebnisse entnehmen: Deutsche Studenten sind eine konservative Gruppe, der finanzielle Sicherheit wichtiger ist als politisches Engagement. „Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer stark ichbezogenen Studentengeneration. Berufliches Vorankommen sowie materielle Werte sind für sie sehr wichtig.“ Die Studenten sind unpolitischer als frühere Jahrgänge. Kaum jemand ist noch Mitglied in einer Partei (5 %), einer Jugendorganisation (4 %) oder hochschulpolitischen Vereinigung (3 %). „Berufliches Vorankommen sowie materielle Werte sind für sie sehr wichtig“ (TNS Infratest 2013).

„Wie ticken Jugendliche?“, so der Titel der Sinus-Jugendstudie zu „Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren “ (Sinus 2012). Diese Studie im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, Misereor, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend u.a. will durch Kategorisierung der Jugendlichen in spezielle Lebensstile und Lebensweisen ein differenziertes Bild über deren normative Grundorientierung nach dem Grad der Bildung und Ausbildung vermitteln. Auch diese Studie kommt zu Ergebnissen, die überwiegend eine hedonistische, pflicht- und leistungsorientierte, um Anerkennung und Teilhabe bemühte, auf Familie und Heimatnähe bezogene, konsum- und markenorientierte sowie auf Vergnügen und Spaß ausgerichtete Generation ausweisen“ (Sinus 2012).

Vor diesem Hintergrund verbreitet sich ein äußerst beunruhigender Trend des Rückzugs aus politischer und sozialer Verantwortungsübernahme. So ist das Einsteigen in „Weltflucht-Magazine“, die neuerdings in rasant steigenden Auflagen „für die Masse auf den Markt geworfen werden,“ ein ernst zu nehmendes Signal für Rückzug aus der rauen Wirklichkeit. Sie heißen: Oak, die Eiche , Cereal, das Getreide , Escape, die Flucht und Weekender.“„ In keinem der Magazine findet sich auch nur ein Spurenelement dessen, was gemeinhin für einen elementaren Teil der Gesellschaft gehalten wird: Politik und Wirtschaft.“ (ZEIT-Magazin Dez. 2014).

IMG_6399Die Auszüge aus den Jugendstudien wurden hier nicht zusammengestellt, um Panik und Beklemmungen auszulösen. Vielmehr geht es darum, die Lage nüchtern und wahrhaft im Sinne eines guten Frühwarnsystems darzustellen. Schließlich spiegelt sich ja hier auch nur die Visions- und Phantasielosigkeit der großen Politik, der Parteien und etablierten gesellschaftlichen Organisationen, der Regierenden und vieler Parlamentarier wider, zukunftsorientierte Herausforderungen und Perspektiven mutig anzugehen. Dass dazu die Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit gehört unterliegt keinem Zweifel. Gerade wenn wir Zukunft und Zukunftsfähigkeit gewinnen wollen, dann ist es wichtig, dass die jungen Leute und die nachfolgenden Generationen nicht ins Niemandsland der Arbeits- und Tätigkeitslosigkeit gestürzt werden und sich durch Weltflucht oder Rückzug in eine warme Kuschelecke bei Mama der Zukunftsgestaltung entziehen oder sich in einem Hamsterrad der kapitalistischen Leistungs- und Wettbewerbswelt verschleißen.

Zukunft gewinnen durch Visionen und Gestaltung

Es ist ja niemals wahr gewesen, dass „Menschen mit Zukunftsvisionen zum Arzt gehen sollten“ (Helmut Schmidt). Im Gegenteil, wir brauchen heute Menschen mit Visionen dringender denn je. Hier soll nur ein schönes Beispiel zeigen, wie wichtig und zukunftsträchtig Visionen sein können. Bereits 1961 hatte Willy Brandt die Vision verkündet „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ Damals wurde er als Phantast und Spinner geschmäht. Heute ist der Himmel über der Ruhr blauer als in Berlin, München oder Stuttgart. Heute können die Menschen wieder in der Ruhr baden. Die Wälder in Nordrhein-Westfalen sind gesünder als der Schwarzwald und der Odenwald. Die Menschen an der Ruhr, der Emscher und der Lippe können wieder atmen und auf den meisten Böden der ehemaligen Industriebrachen gesund wohnen, gutes Gemüse und Obst anbauen.

Seit 1980 wurden zahlreiche kühne Menschen, Gruppen und Initiativen mit dem „Alternativen Nobelpreis“ (Righ Livelihood Award) ausgezeichnet. Die meisten hatten eine Vision und haben sie ganz oder teilweise umgesetzt, vielfach sogar aus anfangs fast aussichtlosen Situationen. Darunter sind wunderbare und anregende Aktivitäten, durch die sich sicher viele junge Menschen inspirieren und begeistern lassen. Es sind Projekte, die dazu motivieren, ebenfalls selbstbestimmt und selbst-organisiert Zukunftsvisionen zu erdenken und zu gestalten. Auch die große Politik und die Wirtschaft kann daraus lernen, wie langfristiges Zukunftsdenken und zukunftsfähiges Handeln möglich ist.

Hier drei Beispiele für Alternative Nobelpreise:

Melaku Worede (1989, Afrika): für ein Zukunftsprojekt zur dauerhaften Bekämpfung des Hungers und den Aufbau eines Saatgut-Zentrums sowie für die Erhaltung der biologischen Vielfalt und der Weisheit der afrikanischen Bauern.

Hermann Scheer (1999, Deutschland): für sein Engagement zur weltweiten Förderung der Sonnenenenergie und seinen unermüdlichen Kampf gegen die massiven Widerstände der Atom- und Kohlewirtschaft und deren Unterstützer in der Politik und zahlreichen Interessenverbände.

Asma Jahangir (2014, Pakistan): für die Verteidigung, die Bewahrung und den Schutz der Menschenrechte unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen und großem persönlichen Risiko.

Wenn die Zukunftswissenschaft eine spezifische Berechtigung für sich verlangt, einen Beitrag zur Verbesserung der Zukunftsfähigkeit und Generationengerechtigkeit zu leisten, dann muss sie im Spektrum der Wissenschaften eine besondere Rolle im Hinblick auf Zukunftsverantwortung wahrnehmen. Diese Verantwortung sollte darin bestehen, gerade in der immer komplexer werdenden Welt Perspektiven aufzuzeigen, wie sowohl die Erkenntnisse der Wissenschaften und der Menschen mit ihren Alltagserfahrungen so zusammengeführt werden, dass Strategien und Maßnahmen für eine zukunftsfähige Entwicklung und ein menschenwürdiges Leben sichtbar werden. Auf diesem Wege kann auch die Wissenschaft dazu beitragen, dass wünschbare Zukünfte für die arbeitslosen und entwurzelten Jugendlichen in Erfüllung gehen.

Zukunft gewinnen durch nachhaltige Entwicklung

Würden wir die internationalen und nationalen Vereinbarungen über die Notwendigkeit einer Nachhaltigen Entwicklung ernst nehmen, dann könnten die Behauptungen führender Wirtschaftswissenschaftler, dass unseren modernen Gesellschaften die Arbeit ausginge als reines Märchen entlarven. Für die Umsetzung der Vision einer Nachhaltigen Entwicklung wurden bereits auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro mit der Rio-Deklaration (UN 1992a) und der Agenda 21 (UN 1992b), dem Handlungsprogramm der internationalen Staatengemeinschaft für das 21. Jahrhundert, konkrete Grundlagen geschaffen. Mit der Unterzeichnung der Rio-Dokumente durch 192 Staaten hat sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, Politik, Wirtschaft, Umwelt, Sozialsysteme, Wissenschaft und Bildung an dem Zukunfts-Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung auszurichten und für alle Handlungsbereiche in Gesellschaft und Wirtschaft konkrete Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen.

IMG_3232Seit Rio wurden weltweit millionenfach Agenda 21- und Nachhaltigkeitsprojekte, -Initiativen, -Netzwerke und -Kampagnen in Gang gesetzt. Heute sind es unzählige Städte, Gemeinden, Unternehmen, Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen, Organisationen, Verbände, zivilgesellschaftliche Akteure, die an der Umsetzung arbeiten. Das liegt einmal daran, dass die Vision der Nachhaltigkeit konkrete Antworten sowohl auf die großen Krisensymptome und Herausforderungen ermöglicht, als auch plausible Wege und Maßnahmen zur Bewältigung kurz- und mittelfristiger Probleme wie Jugendarbeitslosigkeit aufzeigen kann.

Der Ausstieg aus der atomaren und fossilen Energienutzung und die langfristige Perspektive einer Energiewirtschaft auf der Basis konsequenter Energieeffizienzsteigerung, Einsatz Regenerativer Energien und Energiespeicher für Wärme und Strom sowie eines sparsamen und rationellen Energie-Verbraucherverhaltens ist ein überzeugendes Zukunftsfeld für Nachhaltigkeit. Alle Initiativen, Projekte, Maßnahmen und Techniken, die dieses Ziel verfolgen, tragen dazu bei, dass die Leitziele der Nachhaltigen Entwicklung erfüllt werden können:

  • Weltweite Sicherung und Verbesserung der Lebensgrundlagen für alle durch wirtschaftliche Entwicklung und Arbeit
  • Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und Schonung der Naturressourcen
  • Sicherung von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit
  • Wahrung und Förderung der kulturellen Eigenentwicklung und Vielfalt von Gruppen, Lebensgemeinschaften und Völkern
  • Förderung menschendienlicher Technologien und Verhinderung superriskanter Techniken und irreversibler Umweltzerstörungen
  • Durchsetzung eines demokratischen, auf Gleichberechtigung beruhenden Kommunikations- und Konsultationsprozess auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene sowie weltweit zwischen den Völkern und Staaten.

Die Vision der Nachhaltigen Entwicklung enthält ein großes Konsenspotential und ist auch deshalb zukunftsfähig, weil sie in allen konkreten Strategien und Maßnahmen so zu gestalten ist, dass es viele Gewinner und nur wenige Verlierer gibt. Letztlich ist das Konzept auch deshalb mit großen Umsetzungschancen verbunden, weil es allen Beteiligten, insbesondere auch der Wirtschaft, gleichzeitig ökonomische, ökologische und sozial-kulturelle Gewinne ermöglicht (Kreibich 1996).

Jugendarbeitslosigkeit überwinden durch Beteiligung an nachhaltiger Entwicklung

Vor dem hier skizzierten Hintergrund einer nachhaltigen Entwicklung sollte es gelingen, die Jugend aus den Unsicherheiten und Unübersichtlichkeiten des globalen Umfeldes herauszuholen und lohnende Perspektiven für Arbeit und demokratische Mitwirkung aufzuzeigen. Es gibt in Europa und weltweit viele Möglichkeiten, an konkreten Projekten, Initiativen und Netzwerken der Nachhaltigkeit mitzumachen oder auch selbstbestimmt und selbstorganisiert zu entwickeln und umzusetzen.

Hierfür müssen wir aber gemeinsam die wichtigste Zukunftsaufgabe des 21. Jahrhunderts im Fokus behalten: es gilt nämlich, den möglichen Fortschritt durch Wissenschaft und Technologie, der auch in Zukunft weitgehend unreflektiert von der Wissenschaft präsentiert und vom neoliberalen Kapitalismus in erster Linie zur Steigerung von Wachstum und Gewinn der Besitzenden gierig aufgegriffen wird, über die Durchsetzung der Leitziele für Nachhaltigkeit neu zu bestimmen. Anders ausgedrückt: durch millionenfache Nachhaltigkeits-Arbeit muss das noch zu formende Welt-Leitkonzept der Nachhaltigen Entwicklung und seine konsequente Umsetzung in allen gesellschaftlichen Handlungsbereichen durchgesetzt werden.

Wo und wie müssen wir zupacken?

Europa hat in wichtigen Bedürfnisbereichen eine Menge zu bieten. Wenn wir dafür unsere Wissenschafts-, Technologie- und Wirtschaftspotenziale einsetzen und neue Strukturen der internationalen Finanzarchitektur und Handelskooperation zügig im Sinne der Nachhaltigkeit ausrichten, könnte das neoliberale Diktum von der unausweichlichen Massenarbeitslosigkeit schnell überwunden werden. Denn die Welt hat große Defizite und Europa hat im Rahmen fairer Win-Win-Kooperationen aller europäischen Länder ihrer Jugend im Prinzip viel zu bieten: Die Welt braucht innovatives, energie- und materialsparendes, solares und soziales Bauen Europa hat in diesen Bereichen exportfähige Modellprojekte entwickelt, aber noch immer sind viele Architekten, Bauingenieure, Investoren, die Bauindustrie, das Ausbaugewerbe und das Handwerk weitgehend traditionalistisch geprägt. Möglich sind aber große Energie- und Ressourceneinsparpotentiale und Deutschland sowie die nordischen Länder Europas könnten weltweit Schrittmacher sein und viele zukunftsträchtige Arbeitsplätze schaffen.

ArbeitDie Welt braucht dringend sauberes Trinkwasser

In Europa gibt es die besten Wassergewinnungs-, Wasserreinigungs- und Wiederverwendungssysteme sowie den weltweit höchsten Standard bei Mess-, Kontroll-, Steuerungs- und Regelungstechniken. Weltweit nimmt die Verschmutzung und Verknappung von sauberem Trinkwasser in einem unerträglichen Ausmaß zu, so dass etwa 1,8 Milliarden Menschen auf der Erde keine sauberes Trinkwasser mehr haben. Wir sollten die europäische Jugend ausbilden und ermutigen, an dieser großen Zukunftsaufgabe mitzuarbeiten.

Die Welt braucht dringend saubere und klimafreundliche Energie

Europa verfügt in allen Bereichen – Industrie, Haushalte, Dienstleistungen, Infrastrukturen und Kleinverbraucher – über gute Energieeffizienztechniken und einen hohen Entwicklungsstand bei regenerativen Energiesystemen und Energiespeichertechniken für Wärme und Strom. Es gibt kaum lohnendere Aufgaben für junge Menschen als mitzuarbeiten, dass die Energiewende gelingt und die neuen dezentralen Energietechniken und -systeme mit High-Tech-Mess- und Kontrolltechniken (Smart Meter) und intelligenten Netzen (Smart grid) eine zukunftssichere Energieversorgung gewährleisten und damit auch den Klimaschutz voranzutreiben.

Die Welt braucht dringend materialsparende Produkte und Produktionsverfahren

In Europa und speziell in Deutschland wurden in den letzten Jahren große Erfahrungen in der Wieder- und Weiterverwendung von Produkten und Teilprodukten, ebenso in der Wieder- und Weiterverwertung von Wertstoffen, der ökologischen Produkt- und Verfahrensentwicklung und der Kreislaufwirtschaft gesammelt und genutzt. Hinzu kommt die Entwicklung der Mikrosystemtechnik, der Nanotechnik, Informations- und Kommunikationstechnik und Telematik, die große Potentiale für die Entmaterialisierung von Produkten und Prozessen haben. Auch die Steigerung der Ressourceneffizienz durch Logistik, Organisation und intelligente Distribution und die breite Anwendung nachwachsender Rohstoffe sind Zukunftsfelder, die junge Leute begeistern sollten.

Die Welt braucht dringend Gesundheit und Gesundheitsdienste

In Europa gibt es in einigen Ländern leistungsfähige Gesundheits-, Präventions- und qualitativ hochwertige medizinische Dienstleistungen. Deutschland und einige nordische Länder verfügen zudem über hervorragende Medizintechniken für fast alle Fachgebiete. Ebenso gibt es gute Modelle für Präventions- und Wellnessmaßnahmen. Gute Betreuungs- und Pflegedienste benötigen viele gut ausgebildete junge Menschen. Sie sind in allen europäischen Ländern stark ausbaufähig.

Die Welt braucht dringend effiziente, ökologisch und sozial verträgliche Infrastrukturen

In Europa gibt es in zahlreichen Ländern leistungsfähige Schienen-, Luft- und Wasserstraßensysteme, die durch intelligente Informations- und Telekommunikationssysteme ergänzt und hinsichtlich Energie- und Ressourceneffizienz weltweit noch wettbewerbsfähiger gemacht werden können. Hinzu kommen große Zukunftspotenziale durch den verstärkten Einsatz logistischer Techniken und Dienstleistungen. Für junge Leute gibt es hier äußerst interessante Arbeitsperspektiven. So können noch große Potenziale in der Gütertransport- und Schnittstellentechnik zwischen Straße und Schiene, Straße und Wasserwegen, Straße und Flugverkehr (besonders auch durch »Leichter als Luft-Technologien«, Containertechniken, Verladetechniken etc.) mobilisiert werden – phantastische Perspektiven für junge Leute.

Die Welt braucht Organisations-, Beratungs- und Ausbildungsdienste

In einigen Ländern Europas gibt es große Erfahrungen in der Organisation komplexer Infrastruktur-, Stadt-, Raum- und Distributionssysteme und es werden dringend gut ausgebildete junge Menschen gebraucht, die das erforderliche breite Spektrum qualifizierter Beratungs-, Aus- und Weiterbildungskapazitäten abdecken. Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Schweden und Deutschland gehören zur Spitze in der Logistik und Organisation von Verkehrs-, Infrastruktur- und Mobilitätsleistungen. Auch auf diesem Feld liegen Millionen von zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen für die europäische Jugend.

Fazit

Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit, dass der Schlüssel zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit im Bildungssystem liegt. Nur muss davor gewarnt werden, weiterhin eine Strukturreform nach der anderen, ein Schul- und Ausbildungssystem nach dem anderen zu erproben, wie es ständig von neuen Bildungsideologen gefordert wird. Keine Strukturreform wird die eigentlichen gravierenden Defizite der Bildung, Ausbildung und Weiterbildung von Jugendlichen beheben. Die liegen nämlich nicht in erster Linie in falschen Strukturen, sondern falschen Inhalten. Deshalb ist vielmehr zu fordern:

Erstens muss die Ausbildung der Ausbilder, Lehrer und Dozenten grundlegend verbessert und an den praktischen Anforderungen einer modernen nachhaltigen Bildung und Qualifizierung der Jugendlichen ausgerichtet werden.

Zweitens brauchen wir eine Bildung, Ausbildung und Qualifizierung der Jugend, die sich an den Er- fordernissen von Zukunftsfähigkeit durch relevante Wissensvermittlung orientieren. Das sind Vermittlung von: Fachwissen, Orientierungswissen, Selektives Wissen (Qualität und Relevanz anstatt Anhäufung von Informations(müll)bergen, Vernetztes Wissen, Praxis- und Handlungskompetenz, Schlüsselqualifikationen, Soziale Kompetenz, Kulturelle Kompetenz, Fremdsprachen, Entscheidungskompetenz.

Wenn es gelingt, den Jugendlichen über qualifizierte Arbeit Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu geben, dann werden sie sich auch wieder für unser demokratisches und freiheitliches System stark machen und zwar weitgehend selbstorganisiert. Eine selbstbewusste und zukunftsorientierte Jugend ist die beste Garantie, dass in den nächsten Jahrzehnten negative Zukunftsentwicklungen und Katastrophen verhindert und zukunftsträchtige Zukünfte durch Nachhaltige Entwicklungen verwirklicht werden können.

Literatur

Bertelsmann-Stiftung (2014): Generation Wahl-O-Mat: Fünf Befunde zur Zukunftsfähigkeit der Demokratie im demographischen Wandel, Bertelsmann-Stiftung 2014

BMBF (2014) Bundesministerium für Bildung und Forschung: Studiensituation und studentische Orientierungen, 12. Studentensurvey, Berlin 2014

Die Welt (2012) vom 2,07.2012: Europas Jugendarbeitslosigkeit ist eine Zeitbombe

Der SPIEGEL (2013), Karriere-Spiegel vom 02.07.2013: Für die Gesellschaft ein Tod auf Raten

EUROSTAT (2014), Eurostat Staista : Jugendarbeitslosigkeit ausgewählter EU-Staaten (saison-bereinigt, Stand: Dez.2013)

FAZ (2013): Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.07.2013: Jugendarbeitslosigkeit hinterlässt lebenslange Narben

Kreibich, Rolf (1986): Die Wissenschaftsgesellschaft – von Galileozur High-Tech-Revolution, Frankfurt/Main 1986

Kreibich, Rolf (1996) (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung – Leitbild für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft, ZukunftsStudien Nr. 17, Beltz-Verlag Weinheim/Basel 1996

Kreibich, Rolf (2006): Denn sie tun nicht, was sie wissen; Internationale Politik , 61.12,S 6ff Jg.Nr.

OECD (2012), Jugendarbeitslosigkeit in Europa, Arbeitslosenquoten der 15-24Jährigen in der EU und den größten Industrienationen der Welt, 4. Quartal 2102

Shell-Studie (2010): 12. Shell Jugendstudie: Jugend '97 - Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierungen, Hamburg 2010

SINUS (2012): Jugendstudie: Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Düsseldorf 2012

SZ (2013), Süddeutsche Zeitung vom 4.07.2013: Europas Tragödie

TNS Infratest (2013); World Vision Institut: Wie gerecht ist unsere Welt. Kinder in Deutschland 2013, Frankfurt

UN (1992a): Rio-Deklaration (Rio Declaration on Environment and Development, Rio-Konferenz UNCED), Rio de Janeiro, June 1992

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UN (2012): Vereinte Nationen, International Labour Office, Global employment Trends for Youth, 2012

ZEIT MAGAZIN (2014) : Julia Friedrichs: Die Welt ist mir zu viel, vom 30.12.2014, S.17ff