Rolf Dobischat: Am Ende Bologna – Bologna am Ende? oder Studieren in Deutschland im Jahr 2020 - Eine Utopie und eine Dsytopie

Von: Professor Rolf Dobischat (Präsident des Deutschen Studentenwerks)

Professor Rolf Dobischat

Präsident des Deutschen Studentenwerks

Rolf Dobischat (58) ist Professor für Wirtschaftspädagogik mit dem Schwerpunkt Berufliche Aus- und Weiterbildung an der Universität Duisburg-Essen und seit 2006 Präsident des Deutschen Studentenwerks. Der Bildungsforscher hat über den zweiten Bildungsweg akademische Karriere gemacht. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann erwarb er parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit die Hochschulreife; von 1971 bis 1977 studierte er Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspädagogik und Sozialwissenschaften in Kassel, Marburg und Göttingen. Dobischat engagiert sich für mehr Chancengleichheit im deutschen Hochschulsystem und die ...
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„Bologna“: eine Chiffre, die fürs große Ganze steht. Dieses große Ganze muss man sich aber noch einmal vergegenwärtigen, um nicht in die Falle der Verkürzung zu tappen. Wer „Bologna“ hört, denkt an Bachelor und Master. Das ist richtig, aber es ist zu wenig. Das Ziel des Bologna-Prozesses ist ein einheitlicher europäischer Hochschulraum von derzeit 46 Staaten, mit schätzungsweise 20 hoch mobilen Millionen Studierenden, die sich ihre Studienleistungen für ihre Bachelor- oder Master-Abschlüsse von Riga bis Rom, von Tampere bis Tiflis problemlos anerkennen lassen können.

Kein Ende

Eine kühne Vision, ein großes Projekt, 1999 begonnen und in diesem Jahr, da alle Abschlüsse auf Bachelor/Master umgestellt sein sollen, noch längst nicht abgeschlossen. Allen berechtigten Protesten der Studierenden, allen Litaneien der Professorenschaft zum Trotz: Der Bologna-Prozess ist noch lange nicht zu Ende, und am Ende ist er auch nicht.

Ein Leben lang studieren

Die Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master ist in Deutschland die tief greifendste Reform des Hochschulwesens seit Humboldt. Sie verändert die akademische Kultur, die Formen des Lehrens und Lernens, sie verändert aber vor allem unseren Begriff von Hochschulbildung. Bologna macht Ernst mit dem Schlagwort des Lebenslangen Lernens. Ein Studium wird in Zukunft kein Lebensabschnitt mehr sein, der in aller Regel gleich nach dem Abitur beginnt und nach vier bis fünf Jahren endet. Ein Bachelor-Studium, dann vielleicht einige Jahre Berufstätigkeit, dann ein Master-Studium, danach eine längere Phase im Job, dann noch eine Promotion…  Ein Leben lang studieren, die Hochschule als Durchgangsstation, Hochschulbildung in Etappen, eine starke Verschmelzung von Wissenschaft und Berufsausbildung. Nicht mehr: Studierst Du noch, oder arbeitest Du schon? Sondern: Wann gehst Du wieder studieren nach der Arbeit?

Eine kühne Vision, ein großes Projekt – und die Wirklichkeit hinkt natürlich hinterher. Die Hochschulen sind auf dieses lebenslange Lernen/Studieren noch kaum eingestellt. Es gibt noch nicht einmal Ansätze, wie die Studienfinanzierung konkret aussehen soll. Ein Beispiel: Das BAföG, die zentrale staatliche Studienfinanzierung, muss im Jahr 11 nach dem Bologna-Startschuss erst einmal Bologna-kompatibel gemacht werden.

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Studierbarkeit

Viele Studierende haben die begründete Sorge, ihr Bachelor-Abschluss werde auf dem Arbeitsmarkt wenig wert oder die Zahl der Master-Studienplätze begrenzt sein. In vielen Punkten ist „Bologna“ schlecht, überhastet oder noch gar nicht umgesetzt, das zeigten auch die heftigen Studierenden-Proteste des Jahres 2009. Überreglementierte Curricula, eine absurde Fixierung auf ausschließlich sechssemestrige Bachelor, zeitlich überfrachtete Workloads, eine zu hohe Prüfungsdichte, kein nennenswerter Anstieg der studentischen Mobilität, am schlimmsten aber: eine Studienstrukturreform, die auf die wirtschaftliche, auf die soziale Lage der Studierenden überhaupt nicht eingestellt ist. Das Ganze ins Groteske getrieben dadurch, dass sich die Hochschulpolitik allen Ernstes über die „Studierbarkeit“ von Studiengängen diskutieren muss. Als müsste man sich über die Trinkbarkeit von Trinkwasser oder die Befahrbarkeit von Straßen Sorgen machen!

Studieren in Deutschland im Jahr 2010 – das ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Die derzeitige Studierenden-Generation ist ins Zentrum eines Reformgewitters geraten, Ausgang offen. Die Politik umarmt die protestierenden Studierenden und gelobt Besserung. Es sollen Runde Tische an den Hochschulen eingerichtet werden, es soll „Bologna-Gipfel“ und eine „Reform der Reform“ geben. Für mich ist nicht ausgemacht, dass nun alles besser wird. Ich will die Richtungen, die der Bologna-Prozess in Deutschland nehmen kann, anhand der Extreme verdeutlichen. Ich karikiere, aber ich karikiere zur Kenntlichkeit.

* Die Utopie: Der Bologna-Prozess gelingt

Stellen wir uns vor: Studieren in Deutschland im Jahr 2020. Bachelor/Master haben sich für alle Fächer und akademischen Beruf etabliert und sind auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich. Die Studierenden als Adressaten des Bologna-Prozesses werden ernst genommen; sie stehen im Mittelpunkt. Niemand käme auf die Idee, die Studierbarkeit von Bachelor-Studiengängen einfordern zu müssen.

Bund und Ländern haben sich auf ihrem fünften „Bildungsgipfel“ im Jahr 2012 darauf geeinigt, im Zuge der Föderalismusreform III die Zuständigkeit für die Bildung wieder auf Bundesebene zu verankern. Gleichzeitig startete das gemeinsame, gigantische Investitionsprogramm „Studierendenpakt 2020“, mit welchem die Hochschulen die geforderten zusätzlichen Mittel für Bachelor/Master erhalten und ihre Lehrkapazitäten massiv ausbauen können. Parallel dazu bauen die Studentenwerke mit den Mitteln ihr Beratungsangebot stark aus. Master-Studienplätze stehen allen Studierenden offen. Auf Studiengebühren können die Hochschulen getrost verzichten.

Zeit für die Studierenden

Das akademische Lehren und Lernen hat neue Formen angenommen. Vorbei die Zeit der Massen-Veranstaltungen, der überfüllten Hörsäle, der vollgepropften Seminare. Die Lerngruppen sind klein, die Betreuungsrelation von Lehrenden zu Lernenden ist im Verhältnis 1:15. Die Lehre genießt den gleichen Rang wie die Forschung und wird vom wiedererstarkten akademischen Mittelbau mitgetragen. Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler finden verlässliche und planbare Karrierewege vor und erwerben gleichzeitig didaktische Kenntnisse. Statt „publish or perish“ lautet das Motto „teach and be taught“. Die Begriffe „Forschungsfreiheit“ und „Lehrverpflichtung“ benutzt niemand mehr. Die Professorinnen und Professoren haben Zeit und nehmen sich Zeit für ihre Studierenden. Wer sehr viel in kurzer Zeit publiziert, wird vom Fakultätsrat freundlich gefragt, wie er/sie gleichzeitig die Qualität der Lehre aufrecht erhält. Schon Bachelor-Studierende werden an die Forschung herangeführt. Methoden-Kompetenz, Allgemeinwissen, soziale Kompetenzen – all dies wird forschungsgeleitet vermittelt.

Soziale Nivellierung

Ein Bachelor dauert mal sieben, mal acht, mal neuen, mal wieder nur sechs Semester. Die Studiengänge sind intelligent konzipiert und bei Studierenden wie Arbeitgebern gleichermaßen beliebt. Für ein Hochschulstudium in jeder Lebenslage gibt es attraktive staatliche Finanzierungsangebote. Das hat enorme Mobilisierungseffekte auf alle Schichten der Bevölkerung; die Studierquote innerhalb einer Alterskohorte ist auf mehr als 50% hochgeschnellt. Das gestufte Studiensystem mobilisiert in ungeahntem Maße junge Menschen aus bildungs- bzw. hochschulfernen, einkommensschwächeren Schichten, die bisher an Deutschlands Hochschulen unterrepräsentiert waren. Was 50 Jahre Bildungspolitik nicht geschafft haben, schaffen Bachelor/Master: mehr soziale Durchlässigkeit, mehr Ausgewogenheit bei der sozialen Zusammensetzung der Studierenden. Die soziale Schere bei der Bildungsbeteiligung schließt sich. Die Bildungschancen, die Chancen auf eine Hochschulstudium sind sozial breiter und gleichmäßiger verteilt. Studieren in Deutschland ist im Jahr 2020 kein Erbprivileg der Akademiker mehr.

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Bunter, vielfältiger

Das Leben an den deutschen Hochschulen ist bunter und vielfältiger geworden. Im Seminar treffen 17jährige Früh-Studierende auf 67jährige Senioren-Studierende und 41jährige Bachelor, die ihren zweiten Master machen. Kinder gehören zum Studienalltag; Mensen und Bibliotheken sind rund um die Uhr geöffnet. Besondere Förderprogramme für Studierende mit Migrationshintergrund haben dafür gesorgt, dass die Hochschulen interkulturell geworden sind. Behinderte und nicht-behinderte Menschen studieren nebeneinander, ohne dass dies weiter auffiele. Exzessives Jobben neben dem Studium gehört der Vergangenheit an. Kaum ein Prozentsatz der Studierenden muss einen Studienkredit in Anspruch nehmen, weil das BAföG nun praktisch allen Studierenden-Gruppen offen steht.

* Die Dystopie: Der Bologna-Prozess ist steckengeblieben

Stellen wir uns nun das andere Extrem vor. Studieren in Deutschland im 2020, und Bachelor/Master sind steckengeblieben. Viele Fächer, unter anderem die Ingenieurwissenschaften, Jura und Medizin, halten an ihren alten Abschlüssen fest. Die Arbeitsmarktakzeptanz von Bachelor/Master ist durchwachsen; den Beteuerungen der Politik zum Trotz setzt sich in vielen Branchen der Master zumindest informell als Regelabschluss durch.

Die Studierenden haben nach wie vor mit mangelhaft konzipierten Studiengängen zu kämpfen. Im Rahmen der „Reformstufe 5“ dreht sich die Debatte noch immer um die Studierbarkeit.

Tausende von Euro Studiengebühren

Die Hochschulen erhalten weiterhin keinerlei zusätzliche finanzielle Unterstützung  für die betreuungs- und zeitintensiveren Bachelor- und Master-Studiengänge. Die reicheren Bundesländer aus dem Süden, vor allem Baden-Württemberg und Bayern, haben zwar ihre Kapazitäten deutlich ausgebaut, fordern aber von Studierenden von außerhalb horrende Studiengebühren. Die Landeszuschüsse an die Studentenwerke sind von 12% an den Gesamteinnahmen im Jahr 2010 auf nur noch 6% zurückgefahren worden. Preisgünstiger Wohnraum für Studierende ist Mangelware, in den Beratungsstellen für Studienfinanzierung gibt es lange Wartelisten. Für Master-Studiengänge erheben die Hochschulen in fast allen 16 Bundesländern Studiengebühren von mehreren Tausend Euro im Semester.

Die Betreuungsrelation an Deutschlands Hochschulen hat sich auf 1:80 verschlechtert. Der Mittelbau ist noch stärker ausgedünnt. Viele Seminarplätze werden über Losverfahren vergeben. Der Beruf des Hochschullehrers verliert enorm an Sozialprestige.

Das deutsche Hochschulsystem bleibt auch mit Bachelor/Master sozial selektiv wie kaum ein anderes in der Welt. Die Potenziale in den bildungsfernen, einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten liegen weiterhin brach.

Der Anteil von Master-Studierenden, die nach einigen Jahren der Berufstätigkeit wieder an die Hochschulen kommen, ist verschwindend gering. Das Lebenslange Lernen bleibt ein Konstrukt. Die Studierenden-Generation der 2020er und 2030er Jahre begreifen ein Hochschulstudium nüchtern und ohne jede innere Begeisterung als notwendigen Ausbildungsabschnitt, den es pflichtgemäß zu absolvieren gilt. Die Hochschulen werden zu geist- und lustlosen Lernstätten.

Studieren in Deutschland ist schwierig, teuer, unbeliebt, aber notwendig. Es fehlt an einer gesellschafts- und bildungspolitischen Idee, einer Vision, was Hochschule, was Hochschulbildung sein soll.

Mein Fazit

Wie gesagt, das sind Extreme – und es macht entschieden keinen Spaß, die Dystopie weiter auszumalen. Mag die hier skizzierte Utopie meinetwegen auch naive Elemente enthalten: Der Bologna-Prozess selbst hat einen utopischen Kern. Er ist ein großes Versprechen, das es nun einzulösen gilt, vor allem gegenüber den Studierenden.