Ein Beitrag von DENK-doch-MAL.de Redakteur Klaus Heimann

Die Rezension - Marco Maurer: Du bleibst was du bist

Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
[weitere Informationen]


REZENSION Es geht Marco Maurer, dem Jungen aus Bayern, um Gerechtigkeit in Deutschland, genauer gesagt um Bildungsgerechtigkeit. Es geht ihm um ein „chancengerechteres Bildungssystem“, das er in seiner Zeit nicht fand. Auch jetzt, Jahre später, hat er es bei seiner ausgiebigen Recherche in Deutschland nicht gefunden. Stattdessen fand er ein Land, in dem die Herkunft eines Menschen über seine Bildungsbiographie, seine Berufskarriere, seine soziale Stellung und damit über sein ganzes Leben entscheidet. Es gefällt ihm ganz und gar nicht, dass „Du bleibst was Du bist“. Hier die Rezension seines wunderbaren Buchs.

Marco Maurer, Jahrgang 1980, Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers, wuchs in einem kleinen Dorf in Bayerisch-Schwaben auf, wo seine Mutter vergeblich versuchte, ihren Sohn auf eine weiterführende Schule zu schicken. Nach einer Lehre als Molkereifachmann holte er sein Abitur auf einem Kolleg nach, studierte und startete auf der Deutschen Journalistenschule in seinen Traumberuf. Heute ist er unter anderem Autor für DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und den Bayerischen Rundfunk. Seine Reportagen wurden mehrfach prämiert.

Für den schnellen Leser: Auf einen Blick

Von 100 Akademikerkindern schaffen 71 den Sprung auf die Universität, von 100 Nichtakademikerkindern nur 23. Diese Zahlen sind Ergebnis einer strikten sozialen Auslese. Denn immer noch hält sich das Vorurteil, die Intelligenz von Kindern habe etwas mit ihrer sozialen Herkunft zu tun. Marco Maurer zeichnet in seinem Buch das Bild eines ungerechten Lands, was Bildungschancen angeht. Er hat mit dem deutschen Ex-Außenminister und jetzigem Bundespräsidenten, dem Ex-Chef der Deutschen Bahn, einem Vorstandsmitglied eines Dax-Unternehmens, einem Tatort-Kommissar und vielen anderen gesprochen, um die Gründe für Bildungsungerechtigkeit zu erfahren. Maurer beschreibt die Hindernisse, die sich Kindern aus bildungsfernen Schichten entgegenstellen. Und er erzählt von einem Land, in dem das alles als unveränderbar erscheint. Die interviewten Bildungsforscher, Neurowissenschaftler und Psychologen machen deutlich, um was es geht: Wir setzen unsere Zukunft aufs Spiel.

Und hier die Inhalte, etwas genauer

maurer

Marco Maurer ist Arbeiterkind, Mutter Friseurin, Vater Kaminkehrer. Damit gehört er zu der Gruppe, die noch immer selten ein Gymnasium besuchen und deshalb auch weniger studieren.

In diesem Buch dreht sich alles und immer wieder um den Autor, den Journalisten Marco Maurer. Er erzählt seine Bildungsgeschichte, von seinen Erfahrungen mit lernen. Und die sind ausgesprochen vielfältig: Er war Grundschüler, Hauptschüler, Realschüler, Berufsschüler, Schüler am Bayernkolleg, Hochschüler an vier Universitäten im In- und Ausland. Zuletzt Schüler einer Journalistenschule. Einmal ist er sitzenglieben.

Als er dieses Buch schreibt ist er 34 Jahre alt, wovon er in Summe 24 Jahre in Bildungseinrichtungen verbrachte. „Mehr Schule geht kaum“, so sein Fazit. Es geht ihm, dem Jungen aus Bayern, um Gerechtigkeit in Deutschland, genauer gesagt um Bildungsgerechtigkeit. Es geht ihm um ein „chancengerechteres Bildungssystem“, das er in seiner Zeit nicht fand. Auch jetzt, Jahre später, hat er es bei seiner ausgiebigen Recherche in Deutschland nicht gefunden. Stattdessen fand er ein Land, in dem die Herkunft eines Menschen über seine Bildungsbiographie, seine Berufskarriere, seine soziale Stellung und damit über sein ganzes Leben entscheidet. Es gefällt ihm ganz und gar nicht, dass „Du bleibst was Du bist“.

Der Autor fahndet nach den Start- und Aufstiegschancen von jungen Menschen. Am Ende kommt er zu der Überzeugung, dass es nicht nur eine kleine „Schieflage“ gibt, sondern das „kräftig was falsch läuft“ in der Bildung. Immer noch sind Lebenschancen vor allem davon abhängig, in welcher Familie jemand geboren ist, in welchem Milieu er oder sie aufwächst.

Das deutsche Bildungs-Schisma: 100 – 77 – 23

Marco Maurer ist Arbeiterkind, Mutter Friseurin, Vater Kaminkehrer. Damit gehört er zu der Gruppe, die noch immer selten ein Gymnasium besuchen und deshalb auch weniger studieren. 100 – 77 – 23, diese drei Zahlen aus der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) bringen seine individuellen Erfahrungen statistisch auf den Punkt: Von 100 Kindern aus einem Akademikerhaushalt studieren 77, von 100 Kindern aus einem Nichtakademikerhaushalt sind es gerade mal 23. „Auf einmal las ich nicht mehr das Ergebnis irgendeiner Studie, ich las etwas über mich selbst. Meine Biographie in zwei Zeilen gepresst.“ Maurer begriff erstmals, dass er genau das ist, was Soziologen „als einen Menschen aus einem bildungsfernen Milieu“ nennen.

Maurer‘s Berufstraum war Profifußballer oder Sportreporter. „Geplappert habe ich immer gern, Sport liebe ich immer noch und ich wusste, dafür bin ich geschaffen.“ Träume zählen aber nicht besonders viel, das brachten dem Schüler Maurer sein Klassenlehrer und ein Mitarbeiter vom Arbeitsamt bei.

Klassenlehrer Schoch eröffnete Marcos Mutter am Ende der Grundschule „Marco sollte auf der Hauptschule bleiben.“ Der Pädagoge: „Die Realschule ist nichts für ihn.“ Als sie nach einem Aufnahmetest fragt, antwortete er: „Das hat doch keinen Wert bei ihm.“ Lehrer Schoch musste so handeln, eine Empfehlung aussprechen, ob er wollte oder nicht. Das ist übrigens heute immer noch so in Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen und Thüringen.

Lehrerempfehlungen werden von bildungsfernen Schichten selten hinterfragt, meist akzeptiert. Bei bildungsnahen Familien sieht das anders aus. Sie kämpfen für andere Voten.

Ins gleiche Horn wie Klassenlehrer Schoch trompetete der „nette Herr im grauen Anzug“ vom Arbeitsamt, als Maurer ihm erzählte er möchte den Beruf des Journalisten erlernen. „Herr Maurer, fangen Sie nicht an zu träumen.“ Entmutigt vom Klassenlehrer und dem Herren vom Arbeitsamt kapitulierte Maurer: er wählte einen Lehr-Beruf: Molkereifachmann. Sein Glück fand er in dieser Arbeit nicht. Deshalb zog es ihn, nach der erfolgreichen Ausbildung, auf das Bayernkolleg nach Augsburg.

Hier traf er im Deutsch-Leistungskurs auf seine Lehrerin Galli. Sie offenbarte am Abend der Abschlussfeier: „Herr Maurer sie würden einen ausgezeichneten Journalisten abgeben“. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sein Traum vielleicht doch erreichbar ist. Mit Frau Galli trat eine Lehrerin in das Leben von Maurer, die ihm die Freude am Lernen vermittelte. Mit Hilfe ihres Arsenals gelber Reclam-Hefte lernten die Schüler Weltliteratur kennen.

Natürlich hat jedes Kind Träume, Wünsche, Vorbilder, wie Maurer schreibt. „Wem aber mit zehn, zwölf Jahren gesagt wird, es komme für ihn nur die Hauptschule in Frage, weil er für alles andere zu dumm sei, der hat nur eine Möglichkeit, seine Selbstachtung nicht zu verlieren: Er muss sich einreden, Bildung sei Blödsinn, und sich andere Aufstiegsmodelle und Vorbilder suchen.“

Aber Bildung ist nicht blöd, Maurer sagt sogar: „Bildung macht glücklich“. Es sind guten Lehrer, die Bücher, die Zeitungen die dabei helfen, die Nachteile des Elternhauses auszugleichen. Im Bayernkolleg traf er auf eine solche Lernumgebung, die Begabungen weckt und fördert. „Schulen können soziale Unterschiede nivellieren. Aber tun sie das auch?“

Die Peruskoulu geht ihren eigenen Weg

Um zu erleben, dass Schule auch ohne frühe soziale Selektion auskommt, musste der Journalist nach Finnland reisen. In Helsinki, an einer Peruskoulu (Grundschule) im trostlosen Nordosten der Stadt, will der Journalist konkret erfahren, wie Schule funktioniert, im viel gerühmten Bildungsland. Es ist eine Basis-Schule für alle. Kinder lernen von der ersten bis zur neunten Klasse zusammen. Natürlich ist die Peruskoulu eine Ganztagsschule.

Es sind noch drei weitere Punkte, die dem Journalisten auffallen: Ein wichtiges Hilfsmittel für den finnischen Lehrer ist das Computerprogramm WILMA. Jeder Schüler hat ein WILMA-Profil, es informiert über Hausaufgaben, Examenstermine, Prüfungsergebnisse, Lob und Kritik. Lehrer, Schüler und Eltern kommunizieren über diese Plattform. In der peruskoula sind alle Unterrichtsmaterialien, Nachhilfeunterricht und Schulessen frei. Der Lehrer unterrichtet nicht allein, es ist immer eine zweite Lehrkraft vorhanden. Bei Bedarf kann diese Zahl sogar auf drei oder vier Pädagogen ansteigen. Dadurch ist es möglich, in der Klasse Leistungsgruppen zu bilden. Das System passt sich, durch die starke Präsenz des Bildungspersonals, den Bedürfnissen und dem Leistungsstand der Schüler an. In Finnland nehmen etwas mehr als die Hälfte der Schüler in der Regelschulzeit mindestens einmal Förderunterricht in Anspruch.

Beeindruckt zeigt sich der Buchautor von der traumhaften personellen Ausstattung finnischer Schulen. „Langsam verliere ich den Überblick vor lauter Extra-, Spezial- und Zusatzlehrern“, gesteht er dann auch ein. Die Botschaft einer Lehrerin geht ihm nicht aus dem Kopf: „Wir werden hier nicht mit den Problemen alleingelassen. Eure Lehrer in Deutschland leider schon.“ Fußball-Fan Maurer fasst zusammen: „ Deutschland spielt bei der personellen Unterstützung seiner Lehrer also nicht in der Champions League, sondern in der Amateurliga.“

Und dann sind da noch die Socken: Warum laufen alle Schüler in Socken durch das Schulhaus? Zu Hause, in ihren Wohnungen tragen Finnen Socken. Und weil die Kinder in der Schule ihr zweites Zuhause haben, tragen sie auch hier Socken, erklärt ihm eine Lehrerin.

Die Bildungsakteure und Betroffenen in Finnland sind sich einig, wenn sie feststellen: „Wir leben in einem gerechten Land.“ Sie alle glauben an faire, gerecht verteilte Start- und Bildungschancen. „Das Land scheint wirklich ein Vorbild zu sein“, resümiert Maurer seine Eindrücke. Die Finnen haben schon vor vierzig Jahren das Schulsystem abgeschafft, was bis heute in Deutschland existiert. Ihnen war es zu altmodisch und zu ungerecht. Es geht offensichtlich: Mit Bildung ist der sozialen Spaltung beizukommen. Die Finnen leben es vor.

Die Bildungsreise geht weiter

IMG_2799

Erfahrungen: Wenn einem seine „Herkunft dennoch anklebt wie alter Kaugummi am Schuh“.

Die Frage, wie gerecht geht es zu in unserem Bildungssystem, beschäftigt den Journalisten auch bei seiner weiteren Recherche. Er besucht Menschen, die wie er, aus einer Arbeiterfamilie kommen. Für sein Buch hat Marco Maurer Leute getroffen, die es geschafft haben. Er berichtet vom slowakischen Kind von Einwanderern und heutigen Arzt, Jacek Cerny oder von Ex-Bahn-Chef Rüdiger Grube. Arbeiterkinder, die den akademischen Aufstieg schafften. Heute allesamt Akademiker, denen „ihre Herkunft dennoch anklebt wie alter Kaugummi am Schuh“, wie einer der Rezensenten schreibt.

Maurer reist nach London um Martin Roth, Direktor des renommierten Victoria and Albert Museum zu treffen. Das größte Museum für Design und Kunstgewerbe der Welt. Roths Vater war Elektriker, seine Mutter Änderungsschneiderin. Er sieht seine Bildungskarriere als Kampf, den er zwar gewonnen hat, aber einfach war es nicht. Wenn er in einem bürgerlichen Haushalt groß geworden wäre, mit all den Büchern, mit Eltern die zwei Sprachen sprechen und Debatten über Politik und Gesellschaft, dann wäre es sicherlich einfacher gewesen. Aber Aufsteiger haben auch Vorteile, wie der Chef des Museums meint. „Wir sozialen Aufsteiger haben eine höhere soziale Kompetenz als andere.“

Maurer trifft in Stuttgart auf Thomas Berger, Beamter und Leiter der Abteilung Z im baden-württembergischen Innministerium, drittwichtigster Mann der Behörde. Sein Vater war Betriebselektriker und seine Mutter Fabriknäherin. Berger hatte nach der Grundschule, so wie Maurer auch, eine Empfehlung für die Hauptschule. Über den zweiten Bildungsweg machte er sein Abitur und ging dann zur Polizei, wegen der Sicherheit. „Unser Bildungssystem ist nicht so einladend, nicht so zugewandt, wie es sein müsste. In der vierten Klasse sei es unmöglich über die Zukunft eines Menschen zu entscheiden. Das System separiert Menschen frühzeitig und oftmals falsch.“

Im Schickimicki Stadtteil München-Schwabing besucht Mauerer Thomas Sattelberger. Einst Personalchef der Lufthansa, der Deutschen Telekom und heute FDP-Parlamentarier im Deutschen Bundestag. Sattelberger, der aus einfachen, nichtakademischen, kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt, setzt auf Vielfalt. „Er will Deutschland beibringen, seine Talente nicht zu vergeuden“, fasst der Journalist seine Eindrücke nach einem dreistündigen Gespräch zusammen. Geht es nach Sattelberger, der für seine Mission brennt, dann wird Deutschland offener, vielfältiger und gerechter. Menschen mit bildungsfernen Hintergrund hätten andere Kompetenzen „einen ungeheuren Lebensoptimismus, einen Willen, etwas aus sich zu machen, eine Frustrationstoleranz und vor allem unterschiedliche Problemlösungsstile“.

Manager Rüdiger Grube stammt aus einer Bauernfamilie. Die Eltern trennten sich als klein Rüdiger fünf Jahre alt war. Er kümmerte sich zusammen mit seinem Bruder um Schweine, Pferde und die Ernte. Für die Schule hatte er wenig Zeit. Er musste dazuverdienen. Als Berufsziel nannte Grube Pilot. Seine Tante ihm erzählte allerdings „Dazu brauchst Du Abitur. Das schaffst du nie“. Das war ein Signal, sein Berufsziel gefährdet, so konnte es nicht weitergehen: Der Bauernsohn wechselte daraufhin, gegen den Willen seiner Mutter, zur Realschule. Danach begann er eine Lehre als Flugzeugbauer.

Irgendwann fragte ihn sein Chef; Werner Blohm, nach seinen Zukunftsplänen. „Ich antwortete, dass ich gerne Pilot werden wollte oder ein Flugzeugbaustudium aufnehmen würde, mir aber das Geld dazu fehle.“ Grube bekam 300-D-Mark monatlich mit Rückzahlungsverpflichtung. Grube konnte an der Fachhochschule studieren. Nach einer Station als Berufsschullehrer an der Hamburger Gewerbeschule wechselte er mit 38 Jahren in die Industrie, wo er seinen Weg bis in den Vorstand machte.

Grube hat viel gemein, mit den anderen sozialen Aufsteigern. Er mag keine Hierarchien, er ist pragmatisch, unkonventionell, favorisiert andere Lösungswege. Er ist sensibel und konkret engagiert, wenn es um Lesekompetenz, die Unterstützung von Heimkindern oder um die Förderung von Hauptschülern geht. Dazu passt, dass Grube im Bewerbungsverfahren bei der Bahn bei den angehenden Azubis auf das Auswahlkriterium Schulnoten verzichtete oder mit „Chance plus“, einer berufsvorbereitenden Maßnahme, Menschen ohne Schulabschluss eine Chance gab. „Jungen Menschen muss eine Chance gegeben werden, unabhängig davon, wo sie herkommen.“ Auch nach seinem abrupten Weggang, hat beides noch Bestand.

Mein Fazit

Ja, „Du bleibst was du bist“ ist eine emotionale, manche sagen furiose Abrechnung, mit der Bildungsungerechtigkeit in Deutschland. Das Bildungssystem schafft es immer noch Arbeiterkinder, oder Kinder aus bildungsfernen Milieus, vom Aufstieg fernzuhalten. Deshalb ist Marco Maurers Buch auf 381 Seiten eine Anklage gegen diese für ihn falsche soziale Auslese und zugleich ein Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Es ist die traurige Chronik über ein Land, das Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern in den Siebziger und Achtzigerjahren des vorherigen Jahrhunderts, echte Aufstiegschancen bot. Inzwischen aber dieses große bildungspolitische Kapital verspielt hat.

Maurer plädiert für eine Schule, die allen Menschen eine breite Allgemeinbildung und damit maximale Chancen bietet. Für ein lernen, in dem verschiedene Lebensstile und Meinungen aufeinandertreffen. „Kurzfristig würde das die Akzeptanz für andere Milieus erhöhen, und langfristig würden die Grenzen zwischen den Milieus aufweichen.“ Für diese Idee sucht und findet er Menschen, die, wie er, ihren Aufstieg durch Bildung geschafft haben.

Der Ansatz des Autors, seine eigene Geschichte zum Anlass und als Beispiel zu nehmen, macht das Buch ausgesprochen griffig. Es sind interessante Einblicke, die sich in einer Botschaft vereinen: Unser Land braucht mehr Bildungsgerechtigkeit.

Kronzeuge für diese Botschaft ist Ole von Beust, der in seiner Zeit als erster Bürgermeister von Hamburg eine Schulreform anschob. Die Hamburger Kinder sollten länger, gemeinsam lernen, wenigstens bis zur sechsten Klasse. Die Bildungselite der Stadt schaffte es diese Reform zu diskreditieren und letztlich auch zu verhindern. Dabei müssen gerade Menschen, die sich selbst am nächsten sind, „Interesse daran haben, dass die Gesellschaft nicht auseinanderfällt.“

Von Beust erzählt Maurer von den Banlieus in Marseille, Toulouse und Paris. Dort seien die Menschen auf die Straße gegangen, nicht weil sie alle Gewalttäter seien, sondern weil sie sich ungerecht behandelt und von der etablierten Gesellschaft ausgegrenzt gefühlt hätten. Wollen wir solche Ausschreitungen auch in deutschen Großstädten, fragt der Ex-Bürgermeister. „Wir müssen uns um diese Menschen kümmern, sonst knallt bald der Laden.“

Noch ein notwendiger Nachtrag:  Ob die Schulleistung in Deutschland immer noch besonders stark an die soziale Herkunft gekoppelt ist, wollte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erneut wissen. Deshalb gab sie eine Sonderauswertung der PISA-Daten aus dem Jahr 2015 in Auftrag. Aktuelles Ergebnis: Bei der Chancengleichheit liege Deutschland immer noch unter dem OECD-Durchschnitt. Eine hohe soziale Mischung und ein positives Klima an einer Schule können den Erfolg von Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern begünstigen. Mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht mit bessergestellten Schülern und mehr frühe Bildung in den Kitas stützen den Trend.

(Hier der Link zur OECD-Studie: http://www.oecd.org/berlin/presse/pisa-sonderauswertung-resilienz-29012018.htm)

Die nordrhein-westfälische FDP-Schulministerin Yvonne Gebauer denkt ernsthaft darüber nach, ob es nicht besser sei, dass künftig nur noch die Lehrer und nicht mehr die Eltern entscheiden, ob ein Kind von der Grundschule aufs Gymnasium wechselt. Genau das hatte die Vorgängerregierung abgeschafft. Nun also sollen offenbar die Eltern erneut Zuschauern der Biografie ihrer Kinder sein.

Marco Maurer: Du bleibst, was du bist, Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet, Droemer Knaur Verlag, München 2015, ISBN 9783426276334, Paperback, 384 Seiten, 18,00 EUR