Kompetenzen für die Arbeitswelt

Ein Modulangebot für Hochschulen und Lehrende (KofA)

Von: Renate Singvogel (Leitete bis Ende 2017 in der ver.di Bundesverwaltung den Bereich Bildungspolitik mit Schwerpunkt Hochschulpolitik), Jannis Kompsopoulos (Freiberuflicher Dozent Sozial- und Wirtschaftswissenschaften), Gerd Denzel (Diplom-Politologe, Rechtsanwalt und ver.di Bundesfachgruppenleiter Touristik)

Renate Singvogel

Leitete bis Ende 2017 in der ver.di Bundesverwaltung den Bereich Bildungspolitik mit Schwerpunkt Hochschulpolitik

Renate Singvogel leitete bis Ende 2017 in der ver.di Bundesverwaltung den Bereich Bildungspolitik mit Schwerpunkt Hochschulpolitik. Sie entwickelte mit ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen aus Fachhochschulen und Universitäten das Modul „Kompetenzen für die Arbeitswelt – KofA“, das Hochschulen sowohl in ihr fachliches als auch überfachliches Lehrangebot integrieren können


Jannis Kompsopoulos

Freiberuflicher Dozent Sozial- und Wirtschaftswissenschaften

Jannis Kompsopoulos, geb. 23.09.1977, in Bonn. Er betrieb viele Jahre als Bildungsjugendreferent im Auftrag der Griechischen Gemeinden Deutschlands Organizing in der berufstätigen Jugend der griechischen Community und war von 2013 bis 2016 Mitglied der GEW-/Verdi-Hochschulgruppe an der Uni Tübingen. Er lehrt heute als freiberuflicher Dozent Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und ist Lehrbeauftragter für das KofA-Modul.


Gerd Denzel

Diplom-Politologe, Rechtsanwalt und ver.di Bundesfachgruppenleiter Touristik

Gerd Denzel ist Diplom-Politologe, Rechtsanwalt und ver.di Bundesfachgruppenleiter Touristik.


Schon seit den 1970er Jahren haben Hochschulen den gesetzlichen Auftrag, ihre Studierenden auf berufliche Tätigkeiten unter Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden vorzubereiten. Ob und wie sie diese Aufgabe erfüllen, wird jedoch erst seit der Bologna-Reform für die Akkreditierung von Studiengängen genauer in den Blick genommen. Dabei wird geprüft, ob sich die Studiengangskonzepte auch an dem Qualifikationsziel orientieren, Studierende zu befähigen, eine qualifizierte Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Damit rückten in der Hochschullehre sowohl die Arbeitsmarktrelevanz von Studiengängen als auch die den Lebensunterhalt sichernde Erwerbsarbeit und deren Rahmenbedingungen verstärkt in den Fokus.

Es geht dabei um fachliche und fachübergreifende Anforderungen, die Wirtschaft, Staat und Gesellschaft an Hochschulabsolvent*innen bzw. Berufsanfänger*innen stellen. Darauf haben die Hochschulen zwar längst reagiert, indem sie Pflichtpraktika in ihren Studien- und Prüfungsordnungen verankern oder – teils in Kooperation mit Career Service Centern – Veranstaltungen zur Berufsfeldorientierung, zum Erwerb von Schlüsselkompetenzen oder Bewerbungstrainings anbieten. Was den Absolventen*innen bislang jedoch fehlt, ist ein Verständnis von Arbeitsbeziehungen und den Bedingungen der Arbeitswelt, das auf systematischer Lehre beruht.

Denn schon vor Verlassen der Hochschule stellt sich die Frage: Welche Kenntnisse und Fertigkeiten sollen Absolvent*innen im Rahmen des Studiums erwerben, damit sie als abhängig Beschäftigte, Freiberufler*innen und Gewerbetreibende in der Arbeitswelt mitwirken und diese auch mitgestalten können? Die Arbeitswelt muss deshalb in zweifacher Hinsicht Gegenstand der Lehre sein: In Form von Arbeitsbeziehungen als Forschungsgegenstand der Soziologie (Theorie) und in Form handelnder Akteure, die die Arbeitsbeziehungen und die Arbeitsbedingungen maßgeblich gestalten (Praxis).

Obwohl Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften schon immer eine größere Nähe zur Berufs- und Arbeitswelt haben, ist es auch für sie nicht selbstverständlich, die berufsweltbezogene Arbeitswelt in der Lehre angemessen zu berücksichtigen. Studierende an Universitäten und Fachhochschulen haben in der Regel wenig bis keine systematischen Kenntnisse darüber, dass die grundgesetzlich verankerte Tarifautonomie sowie die Betriebsverfassung, die Unternehmensmitbestimmung und das Arbeitsrecht wichtige Grundlagen der Arbeitswelt sind und Arbeitsbeziehungen von Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und dem Staat gestaltet werden. Anders als in den (Berufs-)Ausbildungsverordnungen und Rahmenlehrplänen für die duale Berufsausbildung, wird dieses Themenfeld in den Studienordnungen und in der Hochschullehre immer noch vernachlässigt – und das, obwohl die Befähigung zur qualifizierten Erwerbstätigkeit voraussetzt, dass deren Rahmenbedingungen verstanden werden.  Damit fehlen den Studierenden Inhalte und Kompetenzen, die sie benötigen, um ihre eigene Rolle in Arbeitsbeziehungen zu reflektieren und adäquate Handlungsoptionen in der Welt der Arbeit zu entwickeln.

Diese Lücke füllte ver.di mit einem ECTS-fähigen Modulangebot für Hochschulen und leistete damit als Vertreterin der Berufspraxis seinerzeit auch einen entsprechenden Beitrag im Akkreditierungsrat. Das Modulangebot „Arbeitsbeziehungen in Deutschland – Kompetenzen für die Arbeitswelt“ wurde von einem bildungspolitischen Arbeitskreis mit ehrenamtlichen Kolleg*innen unter wissenschaftlicher Begleitung von Prof. Dr. Thomas Haipeter (Universität Duisburg – Essen) und Dr. Kerstin Budde (New York University, Berlin) entwickelt.

Vorgeschlagen wird die Vergabe von mindestens drei ECTS-Punkten, das entspricht einem Aufwand von 90 Arbeitsstunden (30 Stunden Präsenzzeit und 60 Stunden Selbststudium). In diesem zeitlichen Rahmen sollen in Kooperation mit Vertreter*innen aus der Praxis (Gewerkschaftsvertreter*innen, Arbeitgebervertreter*innen, Arbeitsrechtler*innen etc.) die Grundlagen der Arbeitsbeziehungen und des Arbeitsrechts, sowie der Wandel der Arbeitswelt thematisiert und spezielle Branchenbezüge hergestellt werden – abhängig von der Zusammensetzung der Gruppe und den künftigen Berufsfeldern der Studierenden.

Diese drei großen Themenkomplexe können inhaltlich und didaktisch an die jeweils spezifischen Gegebenheiten der Lehre angepasst werden können. Eine Vergabe von fünf ECTS-Punkten ist bei entsprechendem Umfang auch möglich.

Im Zuge der Umsetzung des Moduls erwies sich das didaktische Konzept als flexibel und an die Bedingungen der jeweiligen Hochschule anpassbar. Im Folgenden sollen zur Veranschaulichung zwei Praxisbeispiele vorgestellt werden, die die o. g. Themenkomplexe auf unterschiedliche Weise ins Lehrangebot integrieren.

Pilotierung und Verstetigung am Beispiel der Hochschulen in Eberswalde und Tübingen

Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) integrierte das didaktische Konzept bereits im Wintersemester 2015/16 in ihren Masterstudiengang „Nachhaltiges Tourismus Management“ und bietet es im Modul „Tourismus, Umwelt & Gesellschaft“ regelmäßig an. Damit wird gewährleistet, dass neben dem Nachhaltigkeitsaspekt Umwelt auch die soziale Nachhaltigkeit (Menschenrechte; Arbeitnehmerrechte; Arbeitsbeziehungen in der Tourismusbranche) ins Lehrangebot integriert wird. Praktisch veranschaulicht wird der Komplex durch eine Diskussionsrunde mit zuständigen Vertreter*innen der Gewerkschaft ver.di und des Deutschen Reiseverbandes. So wird für die Studierenden erfahrbar, wie Tarifverträge in der Branche, in der sie später höchstwahrscheinlich arbeiten werden und die für sie einschlägig sind, zustande kommen.

Die anfängliche Befürchtung einiger Hochschulen, durch die Einführung des Moduls müsse die jeweilige Prüfungsordnung geändert werden, zerstreuten sich angesichts der inhaltlichen wie formalen Flexibilität dieses Lehrangebots sehr schnell. So ist es möglich, Veranstaltungen sowohl wöchentlich als auch en bloc stattfinden zu lassen, das Modul, wie an der HNEE, in bereits bestehende Studiengänge zu integrieren oder, wie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen fächerübergreifend anzubieten. Dort werden die „Arbeitsbeziehungen in Deutschland“ im Rahmen des Studiums Professionale seit zwei Jahren im Kursbereich „Vorbereitung auf den Beruf“ jedes Semester in einem Blockseminar thematisiert. Die Teilnehmenden repräsentieren das gesamte Spektrum der an der Universität angebotenen Studiengänge. Dabei legen die Lehrenden besonderen Wert auf das Zusammenwirken von Theorie und Praxis. Begegnungen mit bzw. die Einbeziehung von Menschen aus eben jener Praxis (Arbeitsrichter*in, Betriebsra(e)t*in, Gewerkschafter*in, HR-Verantwortliche*r, etc.) erweist sich hierbei als sehr hilfreich. Bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass sich die Teilnehmenden, die größtenteils einen „Nebenjob“ ausüben, um ihr Studium zu finanzieren, nicht als Akteur*innen in Arbeitsbeziehungen wahrnehmen. Begreifen sie sich nach Veranstaltungsende als solche, ist ein Ziel erreicht: Die Studierenden sind in der Lage, sich als mündige, ihrer Rechte und Einflussmöglichkeiten bewusste Arbeitnehmer*innen zu verstehen.

Mittlerweile ist das Modul an 12 Hochschulen fest etabliert. Tendenz steigend, Akzeptanz steigend. Die Evaluation durch die Studierenden fördert durchweg positive Ergebnisse zu Tage. Großes Interesse besteht an den Themen Betriebsrat, Gewerkschaft, Arbeitnehmerrechte, Gender Pay Gap und Work Life Balance. Dabei erhalten die Studierenden durch den angewandten Methodenpluralismus, der den Fokus auf die Eigenaktivierung legt, die Möglichkeit, eine Vielzahl von Prozessen der Arbeitsbeziehungen aktiv nachzuvollziehen. Neben den Inhalten des Moduls wird gerade diese Möglichkeit der aktiven Partizipation als sehr wertvolle Erfahrung hervorgehoben.

Online-Unterstützung durch die Plattform KofA

Zur Unterstützung von Hochschulen und Lehrenden stellt ver.di die Online-Plattform KofA – Kompetenzen für die Arbeitswelt (www.kofa.verdi.de) zur Verfügung, auf der die Grundstruktur und die Kernelemente des Modulangebotes ausführlich vorgestellt werden. Hier können sich Hochschulen und Lehrende über das Modul und dessen Integration ins Studienangebot informieren. Auf dieser Plattform finden sich eine Muster-Modulbeschreibung, das didaktische Konzept mit Studienphasen, Lernzielen und den zu erwerbenden Kompetenzen sowie Literaturhinweise und die mögliche Verteilung der Semesterwochenstunden.

Die Evaluationsberichte sämtlicher Hochschulen, die das Modul aufgegriffen haben, geben einen Überblick über die Variationsmöglichkeiten. Ein Mustertext für eine Seminarausschreibung, ein Werbeflyer für Seminarangebote, diverse Branchenanalysen und andere Materialien ergänzen das Angebot.

Eine nach Registrierung zugängliche Unterseite bietet Dozentinnen und Dozenten die Möglichkeit, die von ihnen entwickelten Lehrmaterialien gegenseitig zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus führt ver.di Workshops durch, die dem Erfahrungsaustauch der Lehrenden und der Weiterentwicklung der Didaktik des Moduls dienen.

Mit dem Modul zur arbeitspolitischen Grundbildung und zu den Arbeitsbeziehungen in Deutschland können Hochschulen und Lehrende in Kooperation mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ein attraktives Studienangebot für ihre Studierenden implementieren und weiterentwickeln. Dazu sind Sie herzlich eingeladen.