Arbeitsbasiertes Lernen kann helfen

Duale Berufsbildung und Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Von: Dr. Phillipp Grollmann (Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIBB)

Dr. Phillipp Grollmann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIBB

Philipp Grollmann hat sein Studium der Erziehungswissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Johannes- Gutenberg-Universität in Mainz und der Universität Regensburg absolviert. Danach arbeitete er am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main und am Institut Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen, wo er seine Promotion abschloss. Während dieser Zeit führte er auch Forschungsaufenthalte in den USA und in Kanada durch. Seit 2008 ist er am Bundesinstitut für Berufsbildung im Arbeitsbereich “Grundsatzfragen ...
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In den letzten Jahren hat sich in Europa das Interesse für die (duale) Berufsbildung erheblich verstärkt. Mit der weltweiten Wirtschaftskrise sind in zahlreichen europäischen Ländern die Arbeitslosenzahlen insbesondere bei den Jugendlichen sprunghaft angestiegen.

Im Januar 2015 betrug die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien 53, 5 %, in Griechenland 49,8  und in Italien 43, 9 % (siehe auch Schmid in dieser Online-Ausgabe von DENK-doch-MAL). Angesichts des erheblichen Handlungsdrucks, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, haben die Mitgliedsstaaten im Sommer 2013 die sogenannte Jugendgarantie beschlossen. Hiermit haben sich die Mitgliedsstaaten verpflichtet, arbeitslosen jungen Frauen und Männern innerhalb eines Zeitraums von vier Monaten Arbeitsstelle, einen Praktikums- oder einen Weiterbildungsplatz zu beschaffen. Hierfür wurden seitens der EU ein Budget von 6 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Mit der sogenannten „Youth Employment Initiative“ , die kurz danach ausgerufen wurde, ist dieser Betrag noch erheblich ergänzt und entsprechende Maßnahmen in den Mitgliedsstaaten ausgebaut worden.

IMG_3236Aus- und Weiterbildung wird hierbei als ein wesentlicher Politikbereich betrachtet, durch den das Jugendarbeitslosigkeitsrisiko abgefedert werden kann. Damit ist die beschäftigungspolitische Bedeutung der Berufsbildung noch stärker akzentuiert als jemals zuvor. Während es in den Jahren vor der großen Krise im Zusammenhang mit der Lissabon Strategie in der europäischen Berufsbildungspolitik insbesondere um die Beförderung eines europäischen Arbeitsmarktes und die Ermöglichung von Mobilität zwischen den nationalen Arbeitsmärkten ging, wird die Berufsbildung nunmehr auch als ein politisches Instrument zur Verminderung von Jugendarbeitslosigkeit auf der Ebene der Mitgliedsstaaten betrachtet.

Neben diesen Maßnahmen einer aktiven Arbeitsmarktpolitik für junge Erwachsene ist außerdem eine “European Alliance für Apprenticeships“ (http://ec.europa.eu/education/policy/vocational-policy/alliance_en.htm) ausgerufen worden, die als Rahmen für ein politisches Engagement verschiedener Akteure beim Ausbau dualer Strukturen dienen soll. Insgesamt kommt der betriebsintegrierten Ausbildung im Dualen System in Europa eine erhebliche Aufmerksamkeit zu, da es insbesondere die Ländern mit dualen Berufsbildungssystemen sind, in denen die Jugendarbeitslosigkeit sehr niedrig ist.

Europäischer Politikkontext

Schon seit geraumer Zeit gewinnt die europäische Berufsbildungspolitik an Verbindlichkeit für die Mitgliedsstaaten (Grollmann u.a. 2005, Grollmann u.a. 2006). Seit der Lissabon Strategie – in deren Rahmen auch die Europäischen Berufsbildungs- und Mobilitätsinstrumente EQF, ECVET, EQAVET einzuordnen sind, sind auch eine wachsende Anzahl von Kennzahlen – sogenannte Benchmarks – eingeführt worden, mit deren Hilfe die Leistungsfähigkeit der Mitgliedsstaaten bei der Erreichung von gemeinsam vereinbarten und gesetzten Politikziele abgebildet werden soll.

Diese Politik der „offenen Koordinierung“, die einstmals aus der Beschäftigungs- und Währungspolitik auf die Berufsbildung übertragen wurde, ist in der Zwischenzeit in ein sogenanntes „Europäisches Semester“ eingebettet, in dem die Mitgliedsstaaten halbjährlich Bericht erstatten und eine Rückmeldung, –„Nationale Empfehlungen“ ­–, ­seitens der Brüsseler Verwaltung bekommen . Die Ziele aus der Lissabon Strategie werden in der Zwischenzeit in der Strategie „Europe 2020“ fortgeschrieben. Wenngleich dieser sogenannte Politikzyklus v.a. auf die Währungs- und Wirtschaftspolitik zielt, ist der die Berichterstattung für die allgemeine und Berufliche Bildung mittlerweile damit synchronisiert worden.

„Employability“, Jugendarbeitslosigkeit und relative Jugendarbeitslosigkeit

Für die allgemeine und berufliche Bildung gibt es seit 2012 es ein Berichtsinstrumentarium. In diesem sogenannten „Education and Training Monitor“ (http://ec.europa.eu/education/tools/et-monitor_en.htm) wird anhand von Kennzahlen die Entwicklung der Bildungssysteme abgebildet und verfolgt. Eine dieser Kennzahlen, die das Zusammenspiel zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem abbilden soll, ist die sogenannte „Employability“-Benchmark, die 2011 vereinbart wurde.

Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der Beschäftigten unter den 20-34-jährigen, die vor bis zu drei Jahren Bildung und Ausbildung verlassen haben, im europäischen Durchschnitt von 76,5 % auf 82 % erhöht werden. Die Grafik zeigt, dass insbesondere in den südeuropäischen Krisenländern Schwierigkeiten hinsichtlich dieses Indikators bestehen. So liegt der Wert für Italien und Spanien zwischen knapp 50 % und 60 %, während für Deutschland und Österreich der Wert bei ca. 90 % liegt. Andersherum ausgedrückt: während in Österreich und in Deutschland im Jahr 2013 lediglich 10 % der Absolventen vorhandener Ausbildungsgänge keine Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt finden und entsprechend von Arbeitslosigkeit betroffen, sind es in Spanien und Italien 40 %-50 %. Die Jugendarbeitslosigkeit ist aber auch anfällig für Konjunkturzyklen. Deutlich wird das an der Differenz der Werte zwischen den Jahren 2008 und 2013, so wie sie in der Abbildung abgetragen sind. Deutlich ist hier z.B. der im Jahr 2008 noch anhaltende wirtschaftliche Boom in Spanien zu erkennen.

Abbildung 1: Beschäftigung der 20-34-Jährigen Absolventen des Bildungssystems, die vor bis zu drei Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen haben

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(Quelle: European Commission 2014: 19)

Letztlich korrespondiert der „Employability“-Indikator stark mit anderen Kennzahlen, die etwas über das Verhältnis zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt aussagen, wie z.B. dem der Jugendarbeitslosigkeit.

Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeitszahlen ist in den vergangenen Jahren immer wieder auf Ungenauigkeiten in der Verwendung und der Lesart dieses Messkonzeptes hingewiesen worden (Grollmann und Helmrich 2014).

Wie man es aber kehrt und wendet, zeigt sich in den vorhandenen statistischen Daten immer wieder eine deutliche Tendenz, dass in dualen Berufsbildungssystemen die Übergänge von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt relativ reibungslos gelingen (Müller und Gangl 2003).

Ein besonders gut geeigneter Indikator ist die sogenannte relative Jugendarbeitslosigkeit über den Zeitverlauf, die das Verhältnis zwischen dem Anteil der jugendlichen Arbeitslosen an den jugendlichen Erwerbspersonen und der allgemeinen Arbeitslosenquote misst (Brzinsky-Fay 2007, Hanf u.a. 2012). Abgebildet wird also das Risiko für einen Jugendlichen arbeitslos zu sein im Vergleich mit einem Erwachsenen. Grundsätzlich gilt, dass in allen Ländern, dass Jugendliche stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind, als Erwachsene. Ist der Wert gleich 1, dann ist das Risiko für Jugendliche gleich wie für einen Erwachsenen. Ist der Wert höher als 1 – der Normalfall – ist das Risiko höher. Schaut man sich diese Kennzahl in ihrer längerfristigen Entwicklung im internationalen Vergleich an, ergeben sich unterschiedliche Verläufe.

Abbildung 2: Jugendarbeitslosigkeit und relative Jugendarbeitslosigkeit in ausgewählten europäischen Mitgliedsländern im Verlauf von 2005 -2012

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(Quelle: Grollmann, Helmrich „E2 Formen betriebsintegrierter Ausbildung in Europa“ in Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung 2014)

Es ist zu erkennen, dass in Deutschland das Risiko für einen Jugendlichen arbeitslos zu werden ungefähr 1,5 mal so groß ist wie für einen Erwachsenen. Die Quote unterscheidet sich nicht nur absolut, sondern auch in der Entwicklung über die Zeit zwischen den Ländern. In einigen Ländern variiert der Wert über die Zeit stärker, in anderen leibt er relativ konstant.

Duale Berufsbildung als Allheilmittel?

Die duale Berufsbildung ist im Zusammenhang mit der Krise und der extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit ein Referenzmodell geworden. In Fortschrittsberichten, nationalen Aktionsplänen und in Empfehlungen durch die Brüssel spielt die duale Berufsbildung eine ganz wesentliche Rolle. Häufig werden dabei die Länder mit dualen Berufsbildungssystemen als Vorbild genannt. Die vorgeschlagenen Lösungen umfassen ein Kontinuum von einzelnen berufsorientierenden Praktika über den Ausbau dualer Berufsbildung im vollzeitschulischen Kontext (Alternanz) bis hin zur Etablierung umfassender betriebsintegrierter Ausbildungsstrukturen in der Sekundarstufe II. Hinzu kommen zahlreiche Varianten von Dualität im Hochschulsektor und in der aktiven Arbeitsmarktpolitik.

Im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014 (http://www.bibb.de/datenreport/de/2014/19601.php ) haben wir uns exemplarisch mit verschiedenen Formen betriebsintegrierter Ausbildung in anderen Ländern beschäftigt und erhebliche Unterschiede zwischen den „dualen Systemen“ aufzeigen können (Grollmann und Helmrich 2014). Überdies existieren funktionierende duale, betriebsintegrierte Ausbildungsstrukturen auch in den Ländern, die gemeinhin nicht als duale Berufsbildungssysteme kategorisiert werden (z.B. Frankreich) aber auch Australien, das weltweit über die dritthöchste betriebliche Ausbildungsquote verfügt.

IMG_3238Auf der anderen Seite wird das arbeitsbasierte Lernen in vollzeitschulischen Berufsbildungssystemen ausgebaut. Ein Beispiel ist die zunehmende Integration betrieblicher Arbeitsaufenthalte in der tschechischen Berufsbildung.

Dem „Erfolgsmodell“ duales System nach BBiG in Deutschland stehen also eine ganze Reihe von Formen von Dualität gegenüber, die in der Berufsbildungszusammenarbeit in Europa ebenfalls auf ihre Transferpotentiale zu überprüfen sind. Dass ein Transfer des Dualen Systems der Berufsbildung nicht möglich ist, ist schon lange bekannt (Diehl 1993, Stockmann 1998, Wallenborn 1993). Viel zu voraussetzungsreich ist dieses Modell hinsichtlich der institutionellen Strukturen und der Bildungspräferenzen von Familien und Lernenden, als dass es eins-zu-eins von einem nationalen Kontext in den anderen übertragen werden könnte.

Es wird in also in Zukunft darauf ankommen, neben kurzfristigen Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik in den europäischen Mitgliedsstaaten auch die Etablierung von nachhaltigen Strukturen der Passung zwischen Arbeitsmarkt und Bildungssystem zu befördern. Die Dualität von Bildungsgängen ist dabei ein wesentlicher Schlüssel. Hinsichtlich der Gestaltung von Dualität von Bildungsgängen und der Steuerung der Berufsbildung ist die deutsche Berufsbildung ein wichtiges Referenzmodell neben anderen.

Die Vertretung der Jugend Europas hat sich mit ihren Vorstellungen zur Qualität von „Internships“ und „Apprenticeships“ bereits eingebracht (http://www.youthforum.org/claims/quality-internships/ ).

Literatur

Brzinsky-Fay, Christian: Lost in Transition? Labour Market Entry Sequences of School Leavers in Europe. In: European Sociological Review, 23 (2007) 4, S. 409-422

Diehl, Manfred: Das deutsche duale System der Berufsausbildung und die Moeglichkeiten des Transfers in die Laender der Dritten Welt. In: Wirtschaft und Berufserziehung, 45 (1993) 1, S. 9-17

European Commission: Education and Training Monitor 2014. Education and Training Monitor. Brussels 2014.

Grollmann, Philipp; Helmrich, Robert: E2 Formen betriebsintegrierter Ausbildung in Europa. In: Berufsbildung, Bundesinstitut für (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014. Bonn 2014

Grollmann, Philipp; Kruse, Wilfried; Rauner, Felix: Europäisierung beruflicher Bildung. Münster 2005

Grollmann, Philipp; Rauner, Felix; Spöttl , Georg: Europäisierung Beruflicher Bildung - Eine Gestaltungsaufgabe. Münster 2006

Hanf, Georg u.a.: E1 Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf im internationalen Vergleich. In: Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2012 : Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Bonn 2012

Müller, Walter; Gangl, Markus (Hrsg.): Transitions from Education to Work in Europe. The Integration of Youth into EU Labour Markets. Oxford 2003

Stockmann, Reinhard: Transferierbarkeit dualer Systemelemente in Länder der Dritten Welt. Eine Querschnittsanalyse von GTZ-geförderten "Dualprojekten". In: Schütte, Friedhelm; Uhe, Ernst (Hrsg.): Die Modernität des Unmodernen. Berlin; Bonn 1998, S. 83-104

Wallenborn, Manfred: Das duale Modell der beruflichen Erstausbildung - Erosionen eines deutschen Exportschlagers? In: Zeitschrift für internationale erziehungs- und sozialwissenschaftliche Forschung, 10 (1993) 2, S. 325-341