Autistenfreundliche Schulen sind gute Schulen

Wie ich als Autist die Schulzeit (üb)erlebt habe

Von: Dr. Peter Schmidt (Koordinator IT-Projekte)

Dr. Peter Schmidt

Koordinator IT-Projekte

Dr. Peter Schmidt ist Diplom-Geophysiker, IT-Experte, Projektleiter, Autor und Referent. Er startete sein Berufsleben als Wissenschaftler. Vor etwa 20 Jahren wechselte er in die IT-Abteilung eines großen Pharma-Konzerns. Seither ist er dort in verschiedenen Funktionen tätig, zunächst als Programmierer, dann als Projekt- und Systemmanager und zurzeit als internationaler Koordinator für IT-Projekte mit Schwerpunkt SAP-Software. Schmidt ist heute 52 Jahre alt. Er heiratete 1993 und hat zwei Kinder. Erst mit 41 Jahren fand er, ohne danach ...
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AUTISMUS Alles, was autistische Kinder brauchen, um an einer normalen Schule zu „überleben“, hilft übrigens auch allen anderen Schülern. Insofern ist eine autistenfreundliche Schule eine Institution, an der Menschen sind, die die Vielfalt respektieren.

Wie so oft im Leben war auch zu Beginn meiner Schulzeit der erste Eindruck entscheidend, den ich hinterließ. Unser Lehrer stellte uns am ersten Schultag die Aufgabe, aus den bunten Stäben unseres Rechenkastens „etwas Schönes“ zu bauen. Während alle anderen Kinder laut und wild drauflos bauten, brauchte ich einen Plan und das Wissen, wie viele Stäbe ich von welcher Sorte überhaupt im Kasten habe! So machte ich eine Inventur, indem ich die Stäbe stapelte. Der Lehrer bewunderte meine Struktur. Und ich begriff, dass meine dreidimensionale Inventur schon ein Ergebnis ist! 35 Jahre später konnte sich dieser Lehrer noch immer an dieses Bauwerk und mein Sein erinnern. Als ich wissen wollte, wie er mich damals wahrgenommen hatte, sagte er, vom ersten Moment an sei ihm klar gewesen, „dieses Kind ist was Besonderes“. Sein unwiederholbar erster Eindruck , den ich bei ihm hinterließ, der war positiv! Sein zweiter Eindruck, „der Junge ist irgendwie komisch“, der kam erst danach, und das sei mein Glück gewesen.

„In einer Abweichung sollte man nicht gleich eine Störung, sondern einfach das Besondere sehen.“

Weiterhin sagte er mir, dass ich bei einem anderen Klassenlehrer möglicherweise nicht lange an der Schule gewesen wäre, weil andere Lehrer nicht bereit gewesen wären, einige Ausnahmen zu gewähren, die ich einforderte, um die Schulzeit möglichst gut überleben zu können. Heute heißt dies für mich, weiterzugeben, dass man in einer Abweichung nicht gleich die Störung, sondern einfach das Besondere sehen muss!

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Dr. Peter Schmidt: Autisten haben vor allem große Schwierigkeiten mit der nonverbalen Kommunikation.

Autismus zu verstehen, ist daher eine wichtige Voraussetzung, um das Verhalten und die Wahrnehmung autistischer Menschen für Außenstehende nachvollziehbar zu machen. Daraus ergeben sich die Merkmale einer autistenfreundlichen Schule. Daher beginne ich mit einer Einleitung über das Phänomen Autismus. Autisten sind zwar individuell verschieden, es gibt aber dennoch verbindende Muster. Autisten haben vor allem große Schwierigkeiten mit der nonverbalen Kommunikation. Sie können die Beziehungsebene in einer Kommunikation nicht oder nur rudimentär erkennen. Das hat zur Folge, dass subtile, soziale Erwartungshaltungen anderer oft unerfüllt bleiben.

Es kann vorkommen, dass zum Beispiel in bester Absicht gesendete Informationen oder gutgemeinte Verhaltensweisen von Autisten von außen als Provokation aufgefasst werden, ohne dass das so gewollt war. Haltgebende Rituale und Strukturen, die sich Autisten entweder selbst geschaffen haben oder die von außen vorgegeben werden, spielen für das Wohlbefinden von Autisten eine große Rolle. Bei unkalkulierbaren Abweichungen von diesen Strukturen kommt es zu Krisen, die sich zum Beispiel in Panik oder Schweigen äußern können.

„Autisten wirken oft wie ‚Gefangen im Ich.“

Weiterhin kämpfen auch viele Autisten mit Prosopagnosie[1], was sich zum Beispiel im Nichtgrüßen manifestieren kann, sowie mit der Reizverarbeitung, so dass sie nicht hinterherkommen, eine hohe Anzahl von gleichzeitig auf sie einstürzenden Informationen zu verarbeiten. Das alles und noch mehr hat zur Folge, dass die Stärken autistischer Menschen, z. B. ihr besonderer Blick für Details oder sonstige vom Autismus völlig unabhängige Fähigkeiten, oft nicht mehr gewürdigt werden. Zusammengefasst wirken Autisten auf Außenstehende nicht selten wie „Gefangene im Ich“.

„… als würde man von einem Rollstuhlfahrer verlangen, die Treppe raufzufahren.“

Schon immer fühlte ich um mich eine Art „Mauer“, von der ich heute weiß, dass sie nur ein anderes Wort für die Wirkung von Autismus ist. Autismus ist eine unsichtbare Behinderung, die erst durch die Wirkung als Undeutbarkeit von Abweichungen im Verhalten wahrnehmbar ist. Die Unsichtbarkeit der Behinderung hat im Gegensatz zum Rollstuhlfahrer, dem unmittelbar anzusehen ist, was man von ihm nicht verlangen kann, bei Autisten zur Folge, dass man von ihnen oft vergebens Dinge verlangt, die „andere schließlich auch ertragen müssen“. So als würde man vom Rollstuhlfahrer verlangen, die Treppe raufzufahren!

Um das Kernproblem, das alle Autisten miteinander verbindet, die abweichende Kommunikation auf der Beziehungsebene, für Außenstehende nachfühlbar zu machen, habe ich ein Farbspektrummodell entwickelt. Wenn Emotionen die Farben der Kommunikation wären, dann hätte ich sozusagen bei der Emotionserkennung eine Schwarz-Weiß-Darstellung der emotionalen Farben mit vielen Grautönen dazwischen. Das bedeutet, dass ich beispielsweise nicht erkennen kann, ob die rote oder die grüne Emotion im Raum ist, wenn beide in meiner Wahrnehmung den gleichen Grauton darstellen.

Die Folgen illustriert folgendes Beispiel: „Peter, damit hast du uns einen großen Bärendienst erwiesen!“. Was für ein großes Lob! Die Eins mit Sternchen. Wer immer mir das sagte, muss hoch erfreut über das gewesen sein, was ich tat. Und so tat ich genau das was er mit diesen Worten lobte, erst recht! Denn vor meinem geistigen Auge sah ich den Bären in Alaska, dem ein großer Fischfang gelungen ist! Die Wut, die andere im Gesicht des Senders der Bärendienstbotschaft wahrnehmen, ist für mich ohne weitere Hinweise nicht erkennbar! Die rote Emotion (Wut) zeigte in meiner Wahrnehmung die gleiche Farbe (Grau) wie die grüne Emotion (Freude). Also blieben soziale Erwartungshaltungen, die mit dem Senden dieser Wut-Botschaft verknüpft waren, stets unerfüllt. Stattdessen wurde mir Provokation unterstellt, obwohl nur ein simples Missverständnis vorlag! Man hätte sich bei mir vergewissern müssen, dass ich die Botschaft so verstanden habe, wie der Sender es verstanden wissen wollte!

Je jünger ein Autist ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass derartige Dinge passieren. Je mehr Lebenserfahrung vorliegt, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, dass Redewendungen fehlinterpretiert werden. Doch es wird nie aufhören! Ein Autist lernt durch Erfahrung , das was er nicht kann, in dem Sinne zu kompensieren, dass er mit den Ohren sieht. So wie ein Blinder, der sich seine Umgebung mit allen anderen Sinnen ersieht, aber nicht mit den Augen.

Wenn Erwartungen, die an eine nonverbal kommunizierte Botschaft geknüpft sind, nicht erfüllt werden, dann kann es sein, dass ein Verhalten als bösartige Provokation oder Ignoranz fehlgedeutet wird, obwohl der Autist aus seiner Wahrnehmung heraus in gutartiger und bester Absicht handelte. Jede Form der Sanktion wäre dann kontraproduktiv – für alle an einer Situation Beteiligten!

„Ich lernte, dass ich mich nur daneben benehmen muss, um für mich ungeeignete Dinge nicht mehr mitmachen zu müssen.“

Kontraproduktiv sind auch alle Strafen, die ein Autist ungerecht findet oder die er gar als Belohnung wünscht! In all diesen Fällen erreichen Außenstehende nicht, dass sich das Verhalten des Autisten ändert, ganz im Gegenteil! Wenn ein Autist eine Strafe ungerecht findet, fühlt er sich mit seiner Wahrnehmung nicht verstanden! Und manchmal gibt es gar Dinge, die alle anderen als peinlich oder als Strafe bewerten, die ein Autist schön und erstrebenswert findet. So wollte ich als Kind zum Beispiel bei der „Reise nach Jerusalem“ nicht mitmachen, weil es erstens gar keine Reise nach Jerusalem war und zweitens die Spielregeln wirr waren. Es war unklar, wie viel Körpereinsatz ich beim Kampf um die verbliebenen Stühle einsetzen darf. Und ich wollte nicht berührt werden. Als ich einmal zu viel schubste, um einen Stuhl zu ergattern, kam vom Erzieher ein „In die Ecke, Peter!“ Wow, was Besseres konnte mir ja gar nicht passieren! Ich war fortan von dem blöden Spiel befreit! Ich lernte, dass ich mich nur daneben benehmen muss, um für mich ungeeignete Dinge nicht mehr mitmachen zu müssen.

Außenstehende sehen nicht selten stereotype Bewegungen bei autistischen Menschen. Dies sind emotionale Signale, die zum Beispiel große Freude ausdrücken können. Ich bin dann völlig in mir selbst versunken und genieße das, worüber ich mich freue. Andere Stereotypien helfen wie ein Blitzableiter, mich zu erden und akuten Stress abzubauen. Solange Stereotypien niemanden stören oder gefährden, sollten sie nicht verboten werden, weil sie das Wohlbefinden des Autisten sichern. Ohne diese auszuleben, könnte er ins Chaos abgleiten. Sie zu verbieten, wäre ungefähr so, als würden sich Menschen untereinander verbieten, über Witze zu lachen oder bei Schmerzen schreien zu dürfen!

„Autistenfreundliche Schulen haben hingegen Platz für haltgebende Rituale.“

Ich fand schon immer Halt und Freude in meinen stereotypen Beschäftigungen. Ich sah mich selbst als Auto, ging mit ausgestreckten Armen zur Schule und über den Schulhof, das imaginäre Lenkrad haltend, Geräusche machend, so kannte mich jeder. Im Unterricht hatte ich mein Autochen, ein kleines Ford Capri Modell, unter dem Pult stehen, das mich beglückte. Andere Kinder brachten fortan auch Autos mit und lärmten und alberten damit herum. Daraufhin verbot unser Lehrer allen Schülern Autos in die Schule mitzubringen, obwohl ich mit meinem Autochen niemanden gestört hatte. Der Entzug meines Autos hatte einen kompletten Blackout zur Folge. Ich konnte nicht mehr mitmachen, kaum noch reden. Das schockte mich sehr. . Autistenfreundliche Schulen haben hingegen Platz für Halt gebende Rituale, zumal, wenn sie nicht stören.

„Geschichten von Autisten sind nicht mit dem üblichen Schema bewertbar.“

Die abweichende Wahrnehmung wirkte sich natürlich auch auf Klassenarbeiten aus, vor allem in Aufsätzen. Ich war nicht fähig, aus einer Bildergeschichte eine „richtige“ Geschichte zu schreiben, stattdessen beschrieb ich nur, was auf den Bildern dargestellt war. Bei einer Nacherzählung erzählte ich gleich eine ganz andere Geschichte, weil ich einfach nicht herausfinden konnte, was man sich von all dem, was der Onkel Lehrer da vorgelesen hatte, denn überhaupt merken sollte. Auf einen Französisch-Aufsatz am Gymnasium über unsere Klassenfahrt bekam ich von der Lehrerin das Feedback: „Peter, du beschreibst die ganze Zeit, welche Straßen wir gefahren sind, aber der Leser erfährt nicht, mit wem du da warst und was du da gemacht hast und wie du dich gefühlt hast. Inhaltlich weiß ich nicht was ich davon halten soll!“ Der Inhalt ist dann nicht mit dem üblichen Schema bewertbar.

Oft war für mich der Unterricht erholsam, in der Pause kam dann der eigentliche Stress. Denn im Gegensatz zum ruhigen, strukturierten und meist leisen Unterricht war die Pause immer laut und chaotisch. Sie war anstrengend, da sie Ort und Zeit des scheinbar sinnlosen Smalltalks war und zudem die größte Angriffsfläche für Mobbing und Bullying bot. Ich dagegen suchte und fand mein Bibliotheksasyl: In der Studienbücherei gab es leichtes Lernen und Lesen ohne lästigen Lärm.

In der Regel war ich eine Form von Musterschüler. Aber es gab immer mal wieder Situationen, die die Lehrer voreilig ungerecht bewerteten. Das illustriert zum Beispiel nachfolgende Geschichte.

Auf dem Schulhof gab es buschartige Bäume, auf denen die Schüler in den Pausen gerne kletterten. So auch ich. Und plötzlich stieß mich ein Mädchen von meinem Ast, kommentiert mit den Worten „Da habe ich gesessen!“, was gar nicht stimmte, jedenfalls nicht in der Pause. Ich landete im Dreck, sie setzte sich auf den Ast. Was die darf, darf ich auch! Also schubste ich sie genauso von diesem Ast: „Da habe ich gesessen!“ Diesmal stimmte das! Doch das Mädchen schrie los, ich flüchtete vor dem grellen Gekreische, das ich nicht ertragen konnte. Damit schien die Sache für mich erledigt.

Im Klassenraum wurde ich von Mitschülerinnen  mit den Worten erwartet: „Du spinnst ja wohl, die hat sich was gebrochen!“ Das kommentierte ich mit der Feststellung: „Sorry, das ist nicht meine Schuld! Wenn sie kranke Knochen hat oder nicht landen kann, dann darf sie nicht auf Bäume klettern und erst recht nicht vorher andere vom Baum schubsen!“ Der dann erschienene Lehrer wollte nicht wissen, was sich da genau zugetragen hat, sondern sah ganz allein das Ergebnis: „Peter, dein Arm ist heil, du hast ihr den Arm gebrochen! Deswegen gibt es für dich den Tadel!“

Das verletzte mein Gerechtigkeitsempfinden sehr, denn immerhin hatte sie mich zuerst gestoßen, und das auch noch ohne Grund, wohingegen ich sehr wohl einen Grund hatte. Und es war nicht meine Absicht, ihr mehr wehzutun als sie mir wehgetan hat. Da sie mit dem Ärgern angefangen hatte, war sie aus meiner Sicht für das Ergebnis ganz allein verantwortlich. Der dies anders sehende Lehrer hatte seine Autorität bei mir vollständig verloren, weil er nicht wissen wollte, wie es zu diesem Ergebnis kam!

„Ein Konflikt mit einem Autisten ist wie brennendes Fett in der Pfanne.“

Er konnte auf mich keinerlei Druck mehr ausüben. Um seine Autorität wiederherzustellen, hätte er sich zunächst doch noch die ganze Geschichte anhören müssen und nicht nur das Ergebnis zur Beurteilung der Lage heranziehen dürfen. Dann hätte er sich bei mir entschuldigen und den Tadel zurücknehmen müssen! Oder dem Mädchen auch einen Tadel für das Runterschubsen geben müssen! Alles andere war für mich nicht in Ordnung!

So gleicht der Umgang mit dem Konflikt einer Gratwanderung. Konflikte haben scheinbar schon öfter dazu geführt, dass Autistenleben voreilig zerstört worden sind, weil man Gutgläubigkeit und Gerechtigkeit mit einem der Situation nicht angemessenen Normenschema sanktionierte. Ich habe es immer geschafft, dass es nicht vollkommen eskaliert, weil ich immer intelligent genug war, die Situation zu „retten“, und weil ich stets fachlich das ablieferte, was die Schule verlangte, man mich also anderweitig wertschätzte.

Ein Konflikt mit einem Autisten ist wie brennendes Fett in der Pfanne. Dieses ist nicht mit der Standardmethode „Wasser“ lös(ch)bar. Man muss aufpassen, dass Mobber ihr Ziel nicht methodisch erreichen, indem sie so lange mobben, bis das Opfer als Täter hingestellt wird. Ein klassenüblicher Spaß kann vom Autisten als Angriff gewertet werden, weil Autisten große Schwierigkeiten haben, Späße und Ironie zu erkennen. Durch das wörtliche Verstehen kann es zu üblen Missverständnissen kommen. Redewendungen nahm ich oft wörtlich. Da ich oft geärgert wurde, sagte zum Beispiel auch meine Mutter zu mir: „Du musst dich einfach mehr durchbeißen!“ Den nächsten Schüler, der mich ärgerte, indem er mir meine Ordnung auf dem Tisch zerstörte, biss ich so stark, dass er sofort zum Arzt musste. Da merkte ich auch, dass das wohl so nicht gemeint gewesen sein konnte, aber es war zu spät. Sanktionen gab es dennoch keine, sie wären auch kontraproduktiv gewesen, denn ich habe ja nur ausgeführt, was andere von mir wollten.

Daher ist es sehr wichtig, bei Konflikten immer nach dem Warum zu fragen, um die Wahrnehmung des Autisten zu verstehen. Genauso wichtig ist es aber auch, das Warum zu erklären, wenn ein Verhalten vom Autisten nicht hinnehmbar ist. Ein „Das gehört sich nicht!“ reicht bei Weitem nicht! Denn was sich gehört oder nicht, ist oft historisch bedingt oder gar reine Willkür!

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Lehrer: Ein Lehrer behält seine Autorität, wenn er in der Lage ist, Fehler einzugestehen. Er verliert sie, wenn die Faktenlage gegen ihn spricht! Autorität kraft Amtes geht gar nicht, nur kraft Kompetenz!

Eine weitere Form von Schwierigkeiten erwartet vor allem Lehrer, wenn sie versuchen, das Erreichen des Lernziels nach Schema F zu überprüfen. So gab es in der Schule einen Englisch-Test, bei dem als Aufgabenstellung „Blue or Black?“ zu
lesen war. Darunter mehrere Bilder, auf denen verschiedene Gegenstände in Blau oder Schwarz abgebildet waren. Neben den Bildern standen Wörter wie „David, Susan, You, They“ und so weiter, gefolgt von Punkten. Ok, das ist also ein Vokabeltest, bei dem man Sätze bilden soll, in denen der jeweilige Gegenstand auf dem Bild vorkommt und dabei schreibt, ob der blau oder schwarz ist. Als Musterlösung gab es: „I have a pen, my pen is black.“

„Autistenfreundliche Schulen geben zu, wenn sie eine unklare Aufgabenstellung formuliert haben.“

Ich vervollständigte alle Sätze nach demselben Schema: “…. has/have a blablabla, my blablabla is blue/black“. Ich bekam den Test zurück mit „4 mistakes“, ich hätte bei David „his“, bei Susan „her“ und so weiter schreiben müssen. Ich hätte die Personalpronomina nicht erkannt! Was für ein Schwachsinn! Daran bestand die Aufgabe nicht! Nur darin, blau oder schwarz zu erkennen! Natürlich kann ich die Personalpronomina, ich bot dem Lehrer an, spontan einen mündlichen Test zu machen, aber er blieb bei seiner Feststellung, dass ich das ja offenkundig nicht könne, sonst hätte ich es ja wohl geschrieben, den mündlichen Test könne er sich sparen. Da die Eins im Englischen dadurch futsch war, machte ich fortan bei Englisch nicht mehr mit, der Lehrer hatte seine Autorität für den Rest des Schuljahres verloren!

Ein Lehrer behält seine Autorität, wenn er in der Lage ist, Fehler einzugestehen. Er verliert sie, wenn die Faktenlage gegen ihn spricht! Autorität kraft Amtes geht gar nicht, nur kraft Kompetenz! Autistenfreundliche Schulen geben zu, wenn sie eine unklare Aufgabenstellung formuliert haben. Das Überprüfen des Lernziels darf nicht zwingend nach Schema F erfolgen!

An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Autisten oft auch anders lernen als die meisten anderen Schüler. Man darf ihnen gerne Wege des Lernens vorschlagen, aber niemals vorschreiben, wenn sie für sich eine besser funktionierende Alternative gefunden haben. Dann machen die das eben anders! Viele Autisten lernen übrigens weniger durch Nachahmen als viel besser durch Experimentieren!

Lehrerinnen und Lehrer sowie weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an autistenfreundlichen Schulen leben eine Schulkultur, die Vielfalt als Normalität begreift. Sie erkennen die Bedürfnisse aller Beteiligten, respektieren dabei besonders die oft ungewöhnlichen Bedürfnisse des autistischen Menschen. Sie äußern bei gelegentlichen Schwierigkeiten nicht gleich Killerphrasen wie „Dann gehört dieses Kind eben nicht auf diese Schule!“, „Stell’ dich nicht so an!“, „Es gibt keine Extrawürste. Basta!“ und andere.

Insbesondere bestehen sie nicht auf die Einhaltung von Regeln, die offenbar für einen gegebenen Kontext nicht gemacht sind und deren Anwendung in der momentanen Situation kontraproduktiv wäre. Sie sorgen für Ruhe und Reizarmut besonders im Unterricht, fördern die Stärken autistischer Schüler und üben konstruktiv Kritik an deren Schwächen.

Autistenfreundliche Schulen wissen, dass die Kommunikation zu Missverständnissen führen kann, dass das Sozialverhalten von Autisten anders ausgeprägt ist, dass Autisten Strukturen brauchen. Sie streben daher eine nachhaltige Lös(ch)ung aufkommender Konflikte an, was erfordert, dass auch die Sicht des Autisten verstanden und angenommen wird, weil dieser grundsätzlich in anderen Normen lebt und oft ein anderes, „logisches“ Gerechtigkeitsempfinden hat.

„Eine autistenfreundliche Schule ist eine Institution, an der Menschen sind, die die Vielfalt respektieren.“

Anhand meiner persönlichen Geschichten aus der Schulzeit wird deutlich, dass es vor allem autistenfreundliche Lehrer und ihnen folgende Mitschüler sind, die mit ihrem Verhalten eine Schule autistenfreundlich machen können. Die Inklusion andersartiger Menschen in eine Normenwelt ist immer eine Gratwanderung zwischen Sonderbehandlung und Integration. Die Sonderbehandlung sollte nur soweit gehen wie nötig. Die Integration sollte, wann immer möglich, erfolgen, um das Miteinander zu fördern.

Alles, was autistische Kinder brauchen, um an einer normalen Schule zu „überleben“, hilft übrigens auch allen anderen Schülern. Insofern ist eine autistenfreundliche Schule eine Institution, an der Menschen sind, die die Vielfalt respektieren. Zugang zu einem autistischen Schüler erhalten Sie nur dann, wenn Sie ihn wohlwollend dort abholen, wo er steht, also in seine Weltsicht unvoreingenommen eintauchen und gegebenenfalls vorhandene Wertesysteme um Abweichungen ergänzen. Vor allem dürfen Sie niemals versuchen, aus ihm etwas zu machen, was er nicht ist und nie sein können wird, sondern ihn mit dem was er aus seinem Innersten heraus anbieten kann, aufblühen lassen.

Literatur

Schmidt, Peter: Der Junge vom Saturn, erschienen 2013 im Patmos-Verlag als Hardcover, 2015 im Goldmann-Verlag als Taschenbuch.

Schmidt, Peter: Was eine autistenfreundliche Schule braucht, In: Hartmut Sautter u. a. (Hrsg.): Kinder und Jugendliche mit ASS – Neue Wege durch die Schule, erschienen 2012 bei Kohlhammer.

 

Fussnoten

[1] „Gesichtsblindheit“; Menschen mit Prosopagnosie haben Schwierigkeiten, sich Gesichter zu merken bzw. Gesichter zu unterscheiden.