Neue Lebens- und Arbeitsformen und die Bedeutsamkeit des Lernens

Von: Prof. Dr. Peter Faulstich (Professor an der Universität Hamburg)

Prof. Dr. Peter Faulstich

Professor an der Universität Hamburg

Prof. Dr. Peter Faulstich hatte den Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung Universität Hamburg Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft Sektion Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen. Faulstich wurde geboren  am 12.6.46 in Frankfurt/M.; Dipl.-Ing., Dr. phil. habil., Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung an der Universität Hamburg seit 1995. Ab 1977 war er Leiter der Kontaktstelle für wissenschaftliche Weiterbildung und ab 1992 des Zentrums für Wissenschaftstransfer an der Gesamthochschule Kassel-Universität. Sprecher der Kommission Erwachsenenbildung der DGfE 1995 – 1999, ...
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Was kann man über Neues sagen, ohne in lamentierenden Fatalismus oder abstrakten Utopismus zu verfallen? Wenn wir – vorab gleich die zentrale Relevanz der Arbeit für menschliche Entfaltung – selbst in ihrer dominanten Form als Erwerbsarbeit – unterstellend – fragen, was denn tatsächlich als Neu aufleuchtet, so ist es zunächst das Zerbrechen des Alten.

Die dramatischste Tendenz, die wir gegenwärtig beobachten, ist die Erosion des „Normalarbeitsverhältnisses“ – womit vollzeitliche, sozialversicherte und tariflich geregelte Erwerbsverhältnisse gemeint sind. Gleichzeitig beschleunigt sich die Zunahme „atypischer“ Erwerbsformen – Scheinselbständigkeit, Teilzeitarbeit und Leiharbeit. Mit der, wenn auch noch begrenzten und nur langsam steigenden Einsatzform gesellschaftlicher Arbeit als Leiharbeit wird ein neuer Horizont der abhängigen Beschäftigung aufgebrochen. Die Leiharbeiter sind moderne Sklaven des Arbeitsmarktes: sie verfügen über kein oder nur geringes Eigentum, sie sind gezwungen ihre Arbeitskraft zu verkaufen, und – das ist das neue – ihre Arbeitszeit ist schon an die Zeitarbeitsunternehmen verkauft, die sie dann nochmals verkaufen.

Gerade in dieser Überspitzung zeigt sich umgekehrt die Bedeutung der Arbeit für menschliche Entwicklung. Sie begründet die Teilhabe an der gesellschaftlichen Gebrauchswerterzeugung und deren Verteilung als Einkommen und die darauf beruhenden Konsumchancen; sie bestimmt das Maß an Sicherheit bezogen auf Gesundheit, Unfall und Altern; und sie ist gerahmt durch konkrete Arbeitsbedingungen welche Entfaltung ermöglichen oder aber begrenzen.

Eine Verlängerung gegenwärtiger Verhältnisse würde zwangläufig in Resignation treiben. Wir leben in Paradoxien:

  • Nie verfügte eine Gesellschaft über so viel Reichtum wie die unsere, trotzdem lebten nie so viele Menschen am gesellschaftlichen Vergleich gemessen in Armut.
  • Nie war der Zeitgewinn durch neue Technik so immens, nie war der Zeitdruck so gravierend.
  • Laut gefordert wurde Arbeitszeitverkürzung, heimlich setzte sich Kurzarbeit durch.

Bei aller Bedeutung der Erwerbsarbeit als Strukturprinzip gesellschaftlicher Verhältnis, ist gleichzeitig klar, dass „Abhängige Beschäftigung“ nicht das Ideal menschlicher Arbeitstätigkeit ist und sein kann. „Abhängigkeit“ ist gemessen an Entfaltung ein Kennzeichen von Verhältnissen, in denen der Mensch ein ausgebeutetes, geknechtetes und verlassenes Wesen ist. Deshalb ist es notwendig, sich vor Augen zu halten, dass alternative Realitäten möglich sind. Das „Neue“ kommt nicht von selbst, sondern wir tragen dafür Verantwortung.

Ich versuche also ein kurzes Plädoyer für das Gegen-den-Strich-Denken. Es tut not, meine ich, daran zu erinnern, dass die einfache Verlängerung des Immer-schon-Dagewesenen an Grenzen stößt – an die Grenzen eben, die unserem Denken in der alltäglichen Lebensbewältigung gesetzt werden.

Es kann nicht nur darum gehen, das Gegenwärtige zu verlängern, sondern darum, das Mögliche zu denken. Ich frage also nach den Quellen des Zukunftsdenkens und alternativen Zukunftsentwürfen.

Alternative Realitäten

Erich Fried hat ein Gedicht zu diesem Problem geschrieben. Er nennt es

„Realitätsprinzip“:
Die Menschen lieben 
das heißt die Wirklichkeit hassen. 
Wer lieben kann  
der kann alles lieben   
nur sie nicht

Die Wahrheit lieben? 
Vielleicht.
Erkennen kann Lieben sein.
Aber nicht die Wirklichkeit:
Die Wirklichkeit ist nicht die Wahrheit

Was wäre das 
für eine Welt 
wenn die Wirklichkeit 
diese Wirklichkeit rund um uns
auch die Wahrheit wäre?

Die Welt vor dieser  
Wirklichkeit retten wollen.
Die Welt wie sie sein könnte lieben:
Die Wirklichkeit
aberkennen.

Es genügt – wenn wir uns der Kritik der Realität anschließen – auch wissenschaftlich also nicht, das Wirkliche wiederholend darzustellen, sondern die Wahrheit des Möglichen mitzudenken.

Fünf Quellen des Zukunftsdenkens

Im utopischen Denken haben die Möglichkeiten anderer Wirklichkeiten eine reiche und alte Quelle. In Rückblicken auf die Vergangenheit oder in Entwürfen der Zukunft werden Hoffnungen auf erfülltes Leben geweckt. Allerdings reicht es nicht aus, der defizitären Realität die abstrakte Potentialität eines „Goldenen Zeitalters“ entgegenzusetzen. Alle Entwürfe setzten auf zwei Strategien: die radikale Verkürzung der Arbeitszeit und die humane Gestaltung der Arbeitstätigkeiten. Zentral für fast alle Utopien sind alternative Möglichkeiten der Zeitverwendung und die Wirklichkeit von Lernzeiten.

Älteste Quelle des Zukunftsdenkens ist die religiös-mythische Weltsicht. Diese blickt entweder zurück auf ein wiederherzustellendes Goldenes Zeitalter, oder der Glaube auf ein zu gewinnendes Paradies wird in die Zukunft verlegt.

Cranach

Lucas Cranach d. Ä. 1536

Eine zweite Tradition, literarisch-ästhetische Fiktionen, zieht sich durch die Geschichte des Zukunftsdenkens. Der Lordkanzler Thomas Morus stellt in seinem Reisebericht von der Insel „Utopia“ (1516) den Ort Nirgendwo vor, welcher gekennzeichnet ist durch die Abschaffung des Privateigentums und der Geldwirtschaft, durch Begrenzung der Arbeitszeit, durch Gleichwertigkeit von Kopf- und Handarbeit sowie durch die gleiche Ausbildung und Anerkennung von Frauen und Männern.

Der Tagesablauf der Utopier beinhaltet sechs Stunden Arbeit: „drei vor Mittag, nach denen sie zum Essen gehen; nach der Mahlzeit ruhen sie zwei Nachmittagstunden, widmen sich dann wiederum drei Stunden der Arbeit und beschließen das Tagwerk mit dem Abendessen“ 55). Die meisten nutzen die gewonnene Zeit „zu geistiger Weiterbildung. Es ist nämlich üblich, täglich in den frühen Morgenstunden öffentliche Vorlesungen zu halten, die anzuhören nur diejenigen verpflichtet sind, die ausdrücklich für ein wissenschaftliches Studium ausersehen wurden; indessen strömt aus jedem Stande eine sehr große Menge von Männern wie auch Frauen herbei, um ihrem jeweiligen Interesse entsprechend, diese oder jene Vorlesung zu hören“. Nicht genug damit: „Jedes Mittags- und Abendessen eröffnen sie mit der Vorlesung einer moralischen Abhandlung, jedoch einer kurzen, damit kein Überdruss entsteht“ (62).

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Den Umschlag solcher Zukunftshoffnungen in Ängste kennzeichnen die großen Anti-Utopien des 20. Jahrhunderts, zunächst Jewgenij Samjatins Kritik am Sowjetkommunismus in „Wir“ (1924); Aldous Huxley´s „Schöne neue Welt“ (1932) in einer durch Genmanipulation erzeugten Kastengesellschaft; George Orwell´s Überwachungsstaat „1984“ (1949); nur selten gibt es noch positiv gemeinte Utopien wie zum Beispiel Ernest Callenbachs „Ökotopia“ (1975) gekennzeichnet durch umweltschonendes Energiemanagement, nachhaltiges Bauwesen und reparaturfreundliche Technik. In der massenhaft vermarkteten Science-fiction-Literatur gibt es dann Zukünfte wie Sand am Meer in jedem Bahnhofskiosk.

Während die literarisch-ästhetischen Utopien ein breites Spektrum positiver wie negativer Modelle entfalten, welche gerade durch die teilweise Ablösung von Realität ihre Potentiale und Anregungsmöglichkeiten erhalten, versuchen die großen evolutionstheoretischen Entwürfe der Philosophie und Gesellschaftswissenschaften – als dritte Quelle des Zukunftsdenkens – Gesetzmäßigkeiten zu ergründen, aus deren Wirken die weitere Zukunft entstehen kann. Versuche, Ablaufgesetzlichkeiten in der Veränderung der Gesellschaft theoretisch zu fassen, finden sich in philosophischen und soziologischen Geschichtsbildern. Mittlerweile aber wurde das Ende der „großen Erzählungen“ ausgerufen.

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Verbindungen sind zu einem vierten Strang utopischen Denkens vorzufinden, nämlich in der politischen Programmatik von Bewegungen, Parteien und Gruppen. Schon die Erklärung der Menschenrechte in der „Bill of Rights“ 1776, die Französische Revolution 1779, das Kommunistische Manifest 1848 enthalten Potentiale, welche angeben, wie die bestehende Wirklichkeit verändert werden soll. Sogar in heutigen Parteiprogrammen sind noch Reste für Veränderungsansätze und insofern auch für Zukunftsentwürfe – wenn auch mit kurzen Horizonten angefüllt mit Leerformeln – zu finden.

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Während das gesellschaftswissenschaftliche Denken in seiner entfalteten Form versucht, über Erscheinungsformen hinaus die wesentlichen Grundzüge historischer Dynamik zu erfassen, finden sich in vielen prognostischen Studien – als der fünften Quelle des Zukunftsdenkens – eher vereinfachte Vorstellungen, welche auffällige Erscheinungsformen in die Zukunft verlängert. Zahlreiche Arbeiten, welche der Futurologie zuzuordnen sind, operieren mit einer Extrapolation der Phänomene. Die spektakulärsten Versuche sind die seit Beginn der 1970er Jahre entwickelten Weltmodelle über die „Grenzen des Wachstums“. Gleichzeitig stehen damit solche Problemszenarien in der Gefahr, Handlungsmöglichkeiten eher zu verdecken und zu Resignation und Lethargie zu führen. Es muss notwendig auf Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten verwiesen werden. Dies ist der Ansatz der „Delphi-Studien“. Sie untersuchen, was „Experten“ für wahrscheinlich und wünschbar halten. Bei genauerem Hinsehen allerdings, bemerkt man, dass auch die „Experten“ – vielleicht sogar noch stärker als die „Laien“ – in Scheuklappen denken. Es fällt ihnen noch schwerer, eingefahrene Denkmuster der „scientific community“ zu verlassen.

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Meadows: Weltmodell

Dabei zeichnen sich Konturen des Kommenden ab. Aussagen über die Zukunft können sich auf zwei Typen von Ausschließungen stützen: Erstens ist es nahezu ausgeschlossen, dass die uns gegenwärtig beunruhigenden Probleme (Erwerbslosigkeit, Bevölkerungsexplosion, Umweltkatastrophen) plötzlich von heute auf morgen gelöst werden. Zweitens ist es fast ausgeschlossen, dass kurzfristig gesellschaftliche Institutionen oder Konstellationen entstehen, welche über eine angemessene Problemlösungskapazität verfügen. Im Resultat stehen die nächsten 20 Jahre – globale Katastrophen wie atomare Weltkriege oder Super-Gaus oder Meteoreinschlage aus dem Weltraum ausgeschlossen – weitgehend fest.

Alternative Zukünfte und vier Verlaufsmuster

Seitdem die alten Ortsutopien, wo man nach einer Schifffahrt anlangte oder mit einem Mondschiff, durch Zeitutopien, der wiedererstehenden besseren Vergangenheit oder der leuchtenden Zukunft, ersetzt worden sind, gibt es mindestens vier unterschiedliche Verlaufsmuster:

Kurs auf den Eisberg: In negativen Utopien, Dystopien, oder wie auch immer sie genannt werden, werden durchaus gegensätzliche Interessen verfolgt. Zum einen geht es darum zu warnen und zum Umdenken und Umschwenken aufzurütteln. Es wird die Buße vor dem Jüngsten Gericht gepredigt. Zum anderen liefert die Sicherheit des Untergangs aber auch bequeme Sessel für Resignation. Es fällt leicht, Düsteres auszumalen, wo dann aus einem undeutlich grauslichen Farbschwall Bedrohliches hervorbricht. Dies hat ähnliche psychische Qualität wie das aufregende Prickeln in einer Geisterbahn.

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Gleichzeitig kann dies aber auch umschlagen in Beharrungsvermögen, wenn alles schlechter wird, muss das Bestehende verteidigt werden.

Größer, schöner, schneller: Die Verlängerung eines ungebrochenen Fortschrittglaubens hofft auf ein unbegrenztes Wachstum menschlicher Fähigkeiten durch Technik und Wissenschaft. Die zukünftige Gesellschaft wird von ihrer sozialen Struktur her demnach die gleiche sein, nur auf unendlich höherem Niveau. Die Menschen hundert Jahre nach uns verhalten sich wie unsere heutigen Manager, Politiker und Bürokraten, aber sie verfügen über nahezu unbegrenzte technische Potenz. In der Kälte der Bilder und der Härte der Farben schwingen oft schon nicht artikulierte Zweifel mit, die Zukunft könne keineswegs so schön und wünschenswert, sondern bedrohlich sich entwickeln.

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Rückkehr ins Paradies: Eine rückwärtsgewandte Umkehrung eines ungebrochenen Progressivismus ist historisch sogar älter. Schon in der Antike setzte man Hoffnung auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. Das Goldene Zeitalter liegt demnach in der Vergangenheit. Das Paradies wurde durch den Sündenfall – die Technik – verloren. Auch die romantische Zivilisationskritik verfolgt ähnliche Grundzüge, zum Beispiel in der Tradition Rousseaus (1712-1778), der sich gegen Vernunft und Wissenschaft wendet.

Ein irgendwie gearteter „natürlicher Zustand“ soll wieder hergestellt werden, gegen die Dynamik des alles auflösenden Kapitalismus setzt man auf die Harmonie von Kreisläufen. Es geht zurück zur Natur, die wie im Schlaraffenland allseits verfügbar scheint.

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Pieter Brueghel: Das Schlaraffenland (1569)

Auch hier allerdings gibt es skeptische Hinweise: Die vollgefressenen Bauerntölpel sind von ihrer Faulheit lahmgelegt. „Gula“, Völlerei (Fresssucht, Schwelgerei, Gefräßigkeit, Maßlosigkeit und Unmäßigkeit) ist gemeinhin verdammt als die sechste der sieben Todsünden. Ausdruck des Glücks wäre sonst nur ein Rülpsen.

Phönix aus der Asche: Negative Tendenzen gegenwärtiger Verhältnisse werden aufgenommen und weitergespielt, diese aber durch eine wie auch immer geartete „Krise“ bereinigt. Nach einer großen Umweltkatastrophe oder dem globalen Atomkrieg findet dann die Umkehr statt. Die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben äußert sich nicht direkt, sondern wird erst hinter einem großen Gebirge oder nach der Flut vermutet.

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Konkrete Utopien

Angeregt durch Ernst Blochs Begriff der „Konkreten Utopie“ hat der Wiener/Kasseler Sozialphilosoph und Professor für „Abweichendes Verhalten“ Rolf Schwendter eine ironische Utopie „Produktionseinheit Föhrenwald“ im zukunftsbedeutsamen Jahr 1984 entworfen. So könnte es sein, aber man sollte das nicht alles so ernst nehmen.

Beschrieben wird – am Beispiel des Ignaz Henselmann – die Produktionseinheit als Großkommune in einer Mischung zwischen Öko-Hightech und kreativer Aktivität. Die Gesellschaft ist nach dem Räteprinzip organisiert. Vorausgesetzt wird gleichzeitige Dezentralität in Einheiten von etwa 500 Leuten, kombiniert mit globaler Vernetzung. In Brüssel steht der Europlan-Computer, der die Leistungen und Anforderungen der einzelnen Kommunen verrechnet. Die Produktionseinheiten sind spezialisiert und tauschen ihre Produkte aus. Selbstverständlich gibt es Diskussionen über die Zuweisungen und entscheidende Video-Konferenzen und Schlichtungen.

Alle wechseln täglich mehrmals die Arbeit. Arbeitsteilung wird durch Rotation überwunden. Erwerbszeit beträgt etwa 6 Stunden pro Tag. Die Menschen leben in verschiedenen Wohnformen, Standard ist die 3-Generationen Wohngemeinschaft Die Kinder haben mehrere Bezugspersonen und werden in offenen Kindergärten betreut. Auch die Hauspflege der Kranken und Alten wird gemeinschaftlich organisiert. Arbeitswechsel und Arbeitszeitverkürzung schaffen Spielräume für Lernzeiten. Die Menschen vervollkommnen sich durch lebensentfaltende Bildung in Generationen übergreifenden Lernorten nach dem Prinzip polytechnischer Bildung. Alle sind zugleich Lernende und Lehrende.

Die Beispiele der Produktionseinheit Föhrenwald sind so stark ironisch überzeichnet, dass die Gefahr, das alles als Blaupause der Zukunft zu nehmen, gar nicht erst aufkommt. Es ist keineswegs eine Rückkehr oder Ankunft im Paradies, aber es werden Vorstellungen angeregt, was und wie es anders sein könnte. Zurückgegriffen wird auf die Geschichte utopischer und programmatischer Weltenwürfe, die in reiner Umsetzung erschreckend unmenschlich wirken.

Allerdings wird damit die Selbstverständlichkeit des Bestehenden aufgebrochen und die Vielfalt des zukünftig Möglichen aufgezeigt. Angeregt werden Überlegungen, wie denn gerechte Arbeit als Kern menschenwürdiger Zukunft aussehen könnte. Wie sich das umsetzt, ist nicht verordenbar. Ein einziger, alles umfassender Zukunftsentwurf, sei er sozial oder ökologisch motiviert, hätte immer den Charakter des Totalitären.

Vielmehr ist die Frage, wie wir leben wollen, wie wir also unsere Zukunft gestalten, nur gemeinsam lösbar. Sie ist das zentrale Problem demokratischen Diskurses. Wenn Demokratie als Lebensform verstanden werden soll, dann kann keine Institution einfach die politische Erziehung des Volkes verordnen, sondern sie muss sich auf Teilhabe beziehen und begründen. Das schließt ein, die Schattenseiten bestehender Diskriminierungen, Ausgrenzungen, Stigmatisierungen auszuleuchten und offenzulegen. Die brennenden Verhältnisse feuern konkrete Utopien an.

Wenn Demokratie mit zu hoher gesellschaftlicher Ungleichheit belastet wird, gerät sie in Gefahr, weil Teilnahme an öffentlichen Geschäften nur nahe liegt, wenn die persönliche Situation dies zulässt. Der Abstand zwischen oben und unten in der Bundesrepublik Deutschland nimmt in einer Weise zu, die als ungerecht empfunden wird. Armut ist ebenso wenig demokratisch wie wachsendes Prekariat, ausgegrenzte Migranten oder zerfallende Kommunen. Kern der Demokratie-Kompetenz sind also Wahrnehmung und Bekämpfung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Zukunft bestimmt sich dann in der Abschaffung von Zuständen, die nicht sein sollen. Das Programm „Gute Arbeit“ bedeutet zunächst, schlechte Arbeit zu beseitigen. Die Idee „Guter Bildung“ heißt, bloßes Training von Fertigkeiten zu überschreiten. Die Öffnung von Lernzeiten ist dafür Voraussetzung. Die umgewidmeten Zeitspannen ermöglichen es, Lernlust zu entfalten als wichtiger Teil der Lebenslust.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Mythen über die unerschütterlich Stabilität, hohe Effizienz und resultierende Unveränderbarkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung zerbrechen.

Die Krise hat gezeigt, dass der Kapitalismus keineswegs so stabil und zugleich effizient ist, wie von der herrschenden Wirtschaftswissenschaft stets behauptet. Vielmehr hat der Zusammenbruch der Finanzmärkte die Verletzlichkeit der internationalen Geldströme deutlich gemacht. Und damit wurden auch die Gebrauchswertproduktion und der Ressourceneinsatz getroffen. Die Finanzkrise schlägt durch auf die Realökonomie.

Die Krise hat gezeigt, dass das scheinbar Illusionäre möglich ist. Es wurden unvorstellbare Summen aus den Staatskassen mobilisiert, um den privaten Reichtum zu sichern. Die Behauptung, es sei kein Geld da und die Forderungen nach Mittelerhöhung für Gesundheit, Bildung und Umwelt könnten deshalb nicht realisiert werden, ist nun endgültig unglaubwürdig.