Fachkräftemangel - Weiterbildung in der Krise

Von: Peter Dunkel (Leiter Zentralbereich Produkte, bfw)

Peter Dunkel

Leiter Zentralbereich Produkte, bfw

Beim Berufsfortbildungswerk des DGB (bfw) ist er Leiter des Zentralbereichs für Produkte und Absatz. Bevor er in die Zentrale nach Erkrath (Düsseldorf) kam war er Leiter der Niederlassung Hamburg/Nordniedersachsen. Vier Jahre war auch Leiter der Präsidialabteilung der Behörde für Arbeit in Hamburg. Davor war er zuständig für Regional- und Beschäftigungspolitik beim DGB Nordmark. Gelernt hat Peter Dunkel bei der Deutschen Bundesbahn, er absolvierte die Beamtenlaufbahn im mittleren technischen Dienst. Sein Studium der Volkswirtschaft und Sozialökonomie ...
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Von Peter Dunkel / Ulrike Langer

Zahlreiche Studien zeigen, dass in Deutschland in spätestens fünf Jahren mit einem Arbeitskräftemangel gerechnet wird – in einigen Regionen ist er längst da. Diese Einschätzungen machen sehr deutlich, dass dem Lebenslangen Lernen und der beruflichen Weiterbildung eine entscheidende Rolle zukommt. Nur so können die Wettbewerbsvorteile des Wirtschaftsstandortes Deutschland gesichert werden.

Die Beschäftigungsentwicklung für 413 deutsche Kreise und Städte wird in Abhängigkeit von den regional verfügbaren hochqualifizierten Arbeitskräften sowie der verbundenen Bruttowertschöpfung und Produktivitätsentwicklung prognostiziert:

„Der demografische Wandel und der sich abzeichnende Fachkräftemangel werden bis 2020 in fast vier von zehn deutschen Kreisen zu Beschäftigungsverlusten führen. Vor allem in Ostdeutschland sowie in strukturschwachen westdeutschen Regionen drohen massive Einbußen, wenn die Investitionen in Bildung und Qualifizierung vor Ort nicht deutlich steigen.“

Das geht aus einer Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) im Auftrag der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PrincewaterhouseCoopers (PwC) hervor.

„Technologieunternehmen, Forschungseinrichtungen oder innovative Dienstleister schaffen nicht nur Jobs für Hochqualifizierte, sondern auch für durchschnittlich und gering qualifizierte Erwerbstätige. Unternehmen wissensorientierter Branchen werden sich aber nur in Regionen ansiedeln, in denen entweder ausreichend hochqualifizierte Arbeitskräfte vorhanden sind oder die zumindest mit so attraktiven Lebens- und Arbeitsbedingungen aufwarten können, dass Hochqualifizierte aus anderen Regionen zuwandern“, kommentiert PwC-Vorstand Wolfgang Wagner. (PricewaterhouseCoopersi)

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Auch in einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey wird auf die Bedeutung hoch qualifizierter Fachkräfte für die deutsche Wirtschaft hingewiesen. Im Zuge der Wirtschaftskrise schien der drohende Fachkräftemangel in Vergessenheit geraten zu sein – ein gefährlicher Irrtum. Die Zahlen sprechen für sich: Bis 2020, so das Ergebnis der Studie, werden in Deutschland rund 2,4 Millionen Fachkräfte fehlen. In den kommenden Jahren werden aufgrund des demografischen Wandels immer weniger junge Fachkräfte nachrücken – ein Problem, mit dem sich viele Unternehmen bereits heute beschäftigen.

Auch die Veranstalter des Deutschen Weiterbildungstages 2010 forderten deshalb in ihrer politischen Stellungsnahme: „Das neue Jahrzehnt muss ein Jahrzehnt der Weiterbildung werden.“ Das bfw, aktiver und engagierter Mitveranstalter beim Weiterbildungstag 2010, zeigte damit deutlich: Das bfw versteht sich als ein Bildungsdienstleister, der Bildung auch als eine gesellschaftspolitische Aufgabe definiert.

Damit nicht nur das Machbare, sondern das Beste auf dem Bildungsmarkt angeboten wird, erwarten wir, dass die Politik aber auch die Bildungsforschung stetig überprüfen, welche organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen notwendig sind, um innovative Bildungsarbeit zu fördern, die Antworten auf die Veränderungen der Arbeitswelt geben sollen. Dem bfw ist es ein Anliegen, mit innovativen Weiterbildungsangeboten Unternehmen und Einzelne zu unterstützen, damit diese ihre Qualifizierungsziele erreichen.

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Aus Gegenwart Zukunft machen

Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise haben im Jahr 2010 nicht nur die Schlagzeilen der Medien, sondern auch die Arbeit des bfw beherrscht. Die Maßnahmen und Angebote der Bundesregierung zur Bewältigung der Krisensituation wurden von vielen, insgesamt aber noch zu wenigen Unternehmen aufgegriffen. Hier muss es zu einer Diskussion kommen, wie diese Instrumente verbessert werden können, um sie intelligent gegen die Folgen der Krise einzusetzen.

Die bfw-Unternehmensgruppe konnte mit ihren unternehmensspezifischen Angeboten ihren Teil dazu beitragen, mit den beteiligten Unternehmen die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland zu erhalten, auszubauen und zu fördern. Viele dieser Anstrengungen haben dazu beigetragen, dass der deutsche Arbeitsmarkt weniger stark als befürchtet unter den Auswirkungen der Krise litt und leidet.

Präventive Arbeitsmarktpolitik

Bereits 2006 haben die Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat der Bundesagentur das Sonderprogramm WeGebAU gestaltet, um präventiv vor allem durch das Nachholen von Berufsabschlüssen Beschäftigungssicherung zu betreiben.

Der Ansatz ist dabei bewusst nicht die kurzfristige Qualifizierung, sondern die nachhaltige, langfristige Weiterbildung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die besonders von Arbeitslosigkeit bedroht sind, wie zum Beispiel ältere Beschäftigte, Un- oder Angelernte oder Quereinsteiger, die keinen Berufsabschluss in ihrer aktuellen Tätigkeit haben. Auch für Arbeitnehmer/innen mit Migrationshintergrund haben wir spezifische Programme entwickelt, welche die Förderung beruflicher Kompetenzen mit der Förderung von Sprachkompetenz vereinen. So verhilft präventive Arbeitsmarktpolitik, dass Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

Qualifizierung sichert Beschäftigung

Im Jahr 2009 mussten viele Unternehmen auf Kurzarbeit zurückgreifen, um Entlassungen zu vermeiden. Zum Jahresende 2009 schien sich die Situation etwas zu entspannen: Waren im Mai 2009 etwa 1,5 Millionen Menschen in Kurzarbeit, waren es im Dezember 2009 etwa 890.000. Zahlreiche Betriebe nutzten die Zeit der Kurzarbeit, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu qualifizieren – unter anderem durch das Programm WeGebAU, dass sich vorwiegend um die Qualifizierung gering qualifizierter Beschäftigter in Unternehmen kümmert. Die Kurzarbeit hat dafür gesorgt, dass Hunderttausende von Arbeitsplätzen gerettet wurden.

Weniger erfreulich ist, dass zu wenig Betriebe die vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten genutzt haben, die über das Bundesprogramm WeGebAU oder die Kurzarbeiterregelungen der Bundesagentur möglich waren. Viel mehr Un- und Angelernte oder auch ältere Beschäftigte hätten mit Hilfe von Anpassungsqualifizierungen als auch mit dem Nachholen von Berufsabschlüssen ihre Beschäftigung sichern können. Viele Unternehmen nutzten die Krise verantwortlich und zukunftssichernd, indem sie notwendige Qualifizierungen umsetzten, aber es hätten wesentlich mehr sein können.

Investitionen in Qualifizierung dienen der Beschäftigungssicherung und dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und müssen noch viel stärker erfolgen. Das bfw hat mit vielfältigen und differenzierten Angeboten für Unternehmen und Beschäftigte aufgezeigt, was möglich ist, um in der Krise zu bestehen. Das bfw unterstützt den Leitsatz der Bundesregierung, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, damit Deutschland gestärkt aus der Krise hervorgehen kann. Dank Maßnahmen wie Kurzarbeit und Qualifizierung und dem Sonderprogramm WeGebAU konnten viele Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bislang halten.

Eine Branche, die besonders hart von der Krise getroffen wurde, ist die Metall- und Elektroindustrie. Das bfw hat in dieser Branche mit zahlreichen Unternehmen intensiv zusammengearbeitet und Qualifizierungsbedarfe ermittelt und unternehmensspezifische Weiterbildung angeboten.

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Qualifizierung sichert Integration

Inzwischen kann niemand mehr daran vorbei: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Viele Jahre wurde diese Tatsache ignoriert, mit gravierenden Folgen für die Eingliederung in Bildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Es ist eine Herausforderung, die Chancengleichheit von Migrantinnen und Migranten zu stärken und deren gesellschaftliche Teilhabe zu forcieren.

Wer also Teilhabe statt Ausgrenzung sagt, muss in Integrationsmaßnahmen investieren. Dabei spielen Bildung und Weiterbildung eine entscheidende Rolle. Eine erfolgreiche Integrationspolitik setzt bei den Kompetenzen der Menschen an, erweitert diese, lehrt Neues und bildet aus; dies geht nur mit erweiterten Konzepten zur beruflichen Integration, die Sprachtrainings, schulische und berufliche Ausbildung sowie soziale und politische Bildung je nach Erfordernis kombinieren. Die nachhaltigen Integrationsbemühungen werden umso wichtiger, je stärker der demographische Wandel unserer Gesellschaft voranschreitet. Wir werden alle Kräfte brauchen und die Kompetenzen jedes Einzelnen.

Qualifizierung bietet Chancen

Eine erschreckende Erkenntnis der letzten Zeit ist: Vor allem benachteiligte Jugendliche sind die Verlierer der Wirtschafts- und Finanzkrise. Ihre Arbeitslosigkeit ist im Vorjahresvergleich mehr als dreimal so stark gestiegen wie die allgemeine Arbeitslosigkeit. 20 Prozent aller Schüler / innen gelten als Risiko-Schüler.

Eine weitere erschreckende Erkenntnis: Für Alleinerziehende bedeutet ein Kind häufig lang anhaltende Arbeitslosigkeit, bis zu 40 Prozent aller Alleinerziehenden sind Langzeitarbeitslose.

Die Politik muss sich die Frage stellen: Wo können wir besser werden? In den Fokus kommen mehrere Aufgabenfelder, in denen Besserungsbedarf besteht, darunter insbesondere die Alleinerziehenden und die Jugendlichen.

Das bfw kann Anstrengungen in diesen Feldern nur befürworten. Wie wichtig hier gute Angebote sind, zeigen zahlreiche Angebote, die das bfw für diese Zielgruppen umgesetzt hat.

(Weiter)Bildung und berufliche Bildung brauchen eine starke Lobby

Aus der Initiative „Deutscher Weiterbildungstag“ des Bundesverbandes der Träger beruflicher Bildung (BBB) und des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV) ist eine gemeinsame Initiative verschiedener Verbände, Institutionen und Unternehmen der Weiterbildungsbranche geworden, an der sich das bfw als Veranstalter aktiv beteiligt. Besonders erfreulich ist, dass nach nur zwei Weiterbildungstagen die Veranstalter es geschafft haben, die Marke Weiterbildungstag so zu positionieren, dass die Ehrenpreisverleihung des Deutschen Weiterbildungstages an die Vorbilder der Weiterbildung 2010 das erste Mal im Deutschen Bundestag stattgefunden hat.

Das bfw kann die Forderungen der vielen Veranstalter nur unterstützen:
– Unabhängige Weiterbildungsberatung,
– eine zweite Chance für Menschen ohne Abschluss,
– mehr Weiterbildungsangebote für Migrantinnen und Migranten,
– verstärkte Weiterbildungsbemühungen für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer,
– mehr Investitionen in Bildung
– und vor allem verlässliche und nachhaltige Weiterbildungsstrukturen für alle Weiterbildungsbereiche.

Allein für die Weiterbildung müsste die öffentliche Hand laut der Hans-Böckler Stiftung 7,8 Milliarden investieren. Unternehmen, Alleinerziehende mit Kind, Jugendliche, Migrantinnen und Migranten, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, jeder Einzelne; sie alle brauchen (Weiter-)Bildung für ihre Zukunft.

Qualifizierung sichert Innovation

Die Bildungsausgaben in Deutschland liegen weltweit unter dem OECD-Schnitt auf dem 24. Platz von insgesamt 28 Ländern. Dies muss alle politischen Akteure nachdenklich stimmen. Viele Expertinnen und Experten sehen in dieser Tatsache ein hohes Risiko für die Zukunftsentwicklung unseres Landes.

Egal, ob das Leistungsvermögen von Schülern oder die Angebote an Weiterbildungskursen untersucht werden: Bei internationalen Vergleichen schneidet das deutsche Bildungswesen allerhöchstens mittelmäßig ab. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung reicht die bestehende öffentliche Finanzierung nicht aus, um eine optimale Bildung zu garantieren. 37 Milliarden Euro zusätzlich für das Bildungssystem wären nötig.

Unsere Gesellschaft muss sich zudem gegen beschleunigte Globalisierungsprozesse und den demographischen Wandel stemmen, der uns alle vor neue Herausforderungen stellt. Bildung erhält eine Schlüsselposition, um diese vielfältigen Anforderungen zu meistern. Deshalb ist es mehr als notwendig, in Bildung und berufliche Bildung zu investieren. Deshalb gehören auch die Rahmenbedingungen für innovative Bildungsdienstleistungen erneut auf den Prüfstand.

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Wir müssen diskutieren:
– über eine Verstetigung der Weiterbildung durch die Einführung von Lernzeitkonten
– darüber, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken durch die Verstärkung der Erstausbildung mit anschließender Übernahme ins Unternehmen und geeigneten Karriereprogrammen für junge Menschen
– über die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung aller Beschäftigten
– über die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit von gering Qualifizierten
– über Gesundheitsprävention und Verstärkung der Weiterbildungsbeteiligung bei älter werdenden Belegschaften unter Berücksichtigung von formell und informell erworbenen Kompetenzen

Soziale Partnerschaft für mehr Bildung

Resultierend aus der Lissabon-Strategie der EU haben das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände die Initiative „weiter bilden“ begründet. Ziel des mit 140 Millionen Euro geförderten Programms, das 2009 startete und bis 2013 läuft, ist die gezielte Förderung der Weiterbildungsbeteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Das bfw beteiligt sich aktiv an dieser Initiative.

Gemeinsam mit den Sozialpartnern und einem Konsortium verschiedener weiterer Partner unterstützt das bfw zurzeit Beschäftigte, Betriebsräte und Unternehmen in unterschiedlichen Branchen und Regionen. Wir unterstützen die beteiligten Partnerunternehmen, Qualifizierungsbedarfe ihrer Beschäftigten zu ermitteln und darauf aufbauend Handlungskonzepte für die Weiterbildung und eine gezielte Personalentwicklung zu entwickeln. Insbesondere mittelständische Unternehmen verfügen häufig nur über geringe Kapazitäten in der Personalentwicklung und für die systematische Weiterbildungsplanung.

Wichtig ist es, von einer Weiterbildung „von der Stange“ wegzukommen und sich stattdessen am unternehmensspezifischen Fachkräfte- und Weiterbildungsbedarf zu orientieren. Immer im Blick: die Schaffung einer größeren Nachhaltigkeit in der beruflichen Qualifizierung und die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung bei allen Beschäftigten.

Literatur