Ueber das Erlernen des aufrechten Gangs als Bildungsauftrag

Von: Prof. Dr. Oskar Negt (Sozialphilosoph)

Prof. Dr. Oskar Negt

Sozialphilosoph

Prof. Dr. Oskar Reinhard Negt (geboren am 1. August 1934 auf Kapkeim in Ostpreußen) ist ein deutscher Sozialphilosoph. Er gilt als einer der führenden Denker der Kritischen Theorie. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit wandte sich Negt auch immer wieder tagespolitischen Themen zu. Nach dem Besuch der Oberrealschule in Oldenburg begann Negt zunächst ein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen, wechselte dann aber nach Frankfurt am Main, wo er bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Soziologie und ...
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Es ist der beschwerliche Weg, den der Empörte beschreiten muss, um als Citoyen Anerkennung zu finden.

Was müssen Menschen wissen, damit sie Krisensituationen wie die gegenwärtige begreifen und bewältigen können? Welche Möglichkeiten gibt es, die Lebensbedingungen in solidarischer Kooperation mit anderen zu verbessern? Was benötigt ein Mensch, der heute geboren wird und jene Ausbildungsgänge wahrzunehmen imstande und bereit ist, die ihm die gegenwärtigen Bildungseinrichtungen anbieten, an Kompetenzen, um mit den Problemen des 21. Jahrhunderts im Interesse einer befriedigenden eigenen Lebensgestaltung zurecht-kommen? Was sollen also unsere Kinder, was sollen junge Menschen, was Erwachsene lernen? Wie und wofür sollen sie etwas lernen? Was ist, wenn der Bildungsökonomie die ökonomischen Grundlagen abhanden kommen?

KopfwandLernen ist nicht nur eine Frage der Aneignung und der schnellen Addition von Informationen, sondern unabdingbar eine Frage der Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten. Dieser Arbeitsprozess hat seine handwerklich-gegenständliche Struktur behalten. Zugleich ist Bildung auch im Sinne heute notwendiger Schlüsselqualifikationen wesentlich verknüpft mit der Entwicklung innerer Reserven und geistiger Vorratshaltung. Zweifellos scheint dem entgegenzustehen, was gegenwärtig in der Öffentlichkeit und im Bildungssystem geschieht. Dass dieselben betriebswirtschaftlichen Normen, die für den Einzelbetrieb gelten – immer schneller, effektiver, flexibler sein zu müssen –, auch den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und Lebensbereiche sichern sollen, die sich den schlichten Marktkriterien der Warenproduktion und des Warentauschs offensichtlich nicht fügen, das ist Resultat der Vernebelung öffentlicher Vernunft.

Gemeinwohl ist mehr Kosten-Nutzen-Rechnungen

Denn es wird, an den Bruchstellen des gesellschaftlichen Zusammenhangs, immer deutlicher, dass das Gemeinwohl aus mehr und anderem besteht als aus der bloßen Summe betriebswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Rechnungen. Wer im Bildungsressort heute stolze Einsparungen vorzuweisen hat, wird in wenigen Jahren merken, dass im Innenressort mehr Mittel für Polizei und Gefängnisse, im Gesundheitswesen mehr Geld für psychosoziale Betreuung und Suchtbehandlung bewilligt werden müssen; der Grund dafür wird dann allerdings vergessen sein. Diese Unterschlagung von Wirklichkeit verläuft nach System.

So kann es nicht weitergehen. Je rationeller und kostengünstiger die gesellschaftlichen Einzelbereiche werden, desto verschwenderischer und irrationaler wird das gesellschaftliche Ganze. Viele Milliarden kostet jährlich die Arbeitslosigkeit in diesem Lande, Unsummen verschlingt die Rettung von Banken, die Stützung der Finanzwirtschaft. Wer kann da noch behaupten, dass für Reformen kein Geld vorhanden sei? Nichts ist teurer und verschwenderischer als die Nicht-Reform. Notwendig ist deshalb ein kulturelles Umdenken, das die Ökonomie wieder in menschliche Zwecksetzungen einbezieht.

Das gilt zentral für jene gesellschaftlichen Bereiche, in denen es nicht in erster Linie darum geht, Waren zu produzieren, Geld und Güter umzuschlagen, freundlich Serviceleistungen anzubieten, sondern um Grundausstattungen der Persönlichkeitsbildung, um Erziehung, Lernen, Entwicklung von Unterscheidungsvermögen und kritischer Urteilskraft. Die betriebswirtschaftlichen Rationalisierer sind auch hier am Werk, die Just-in-time-Ideologen sind entschlossen, Lagerbestände, die doch für jede Persönlichkeitsbildung zentrale Bedeutung haben, zu „entrümpeln“ und die Menschen an die schnellen Wege der Kommunikationstechnologien anzuschließen, um Lern- und Anwendungszeiten des Wissens komplett zu ökonomisieren.

Der betriebswirtschaftliche Imperialismus, der jetzt die Schulen, Universitäten, Forschungslabors und Einrichtungen der Erwachsenenbildung zu erobern entschlossen ist, trifft auf eine harte Grenze, die in der Sache begründet ist: Die in diesen Einrichtungen ablaufenden Arbeitsprozesse folgen Zeitverhältnissen, die sich grundlegend von denjenigen der industriellen Produktion und der Dienstleistungen unterscheiden. Kreative Prozesse der Persönlichkeitsbildung sind unabdingbar an die Möglichkeit und die Erlaubnis geknüpft, Nebenwege, ja Abwege beschreiten zu können. Völlig durchrationalisierte Lernschritte würden sich deshalb letzten Endes als unökonomisch und ineffizient erweisen.

Bildung ist von eigensinnigen Abläufen geprägt

Einem Kellner, der zunächst drei Runden um andere Tische macht, um seine Balancierkünste zu zeigen, bevor er dem Gast das bestellte Bier bringt, wird man auf die Dauer seine berufliche Qualifikation absprechen. Eine Fabrikationsanlage, die nicht in jedem ihrer Schritte zweckrational funktioniert, wird mit Recht Opfer von Kostenerwägungen. Aber Bildung und Lernen, die den sachlich informierten und gesellschaftlich orientierten Menschen, letztlich den urteilsfähigen, mündigen Bürger zum Zweck haben, sind eben von eigensinnigen Abläufen geprägt.

Wer jedoch eine Schule oder eine Universität nach Regeln der Betriebswirtschaft gestalten will, die sich auch auf die darin stattfindenden Arbeitsprozesse – auf emotionales, kognitives, soziales Lernen – richten, hat einen bestimmten Menschentypus im Auge, den David Riesman treffend als außengeleitet kennzeichnete: den flexiblen, allseitig verfügbaren Menschen, anpassungsfähig, als Trabant um die Sonne des Kapitals kreisend. Erinnerungs- und Utopiefähigkeit wären für ihn ebenso überflüssiger Ballast wie innere Reserven und Menschen, die eigensinnige Wege beschreiten. Ein Staat, der sich zum Handlanger betriebswirtschaftlicher Interessen macht und Institutionen fördert, die den Menschen auf Außensteuerung programmieren, riskiert seine demokratische Legitimation.


Gerade uns Deutschen obliegt es, Misstrauen zu entwickeln gegenüber Lern- und Erziehungszielen,die den allseitig verfügbaren Menschen zum Resultat haben, unter welchen Rationalisierungsvorwänden sie auch auftreten mögen.


Der innengeleitete, kritikfähige Mensch bedarf der Reserven, der inneren Lagerhaltung, die ihm situationsunabhängige Selbstdeutungen im gesellschaftlichen Zusammenhang ermöglichen. Bildung ist wesentlich auch Entwicklung von Eigensinn, von Wissens- und Urteilsvorräten, die nicht immer unmittelbar anwendungsfähig sind. Lernen und Bildung können heute nur noch in einer Doppelbedeutung begriffen werden: als sachlicher Kompetenzerwerb (ob es sich nun um Kulturtechniken, um ökonomisches oder technisches Wissen handelt) und als Orientierung, als Suche nach Antworten auf Fragen wie:„Wo stehe ich?“ “Wo komme ich her?“ „Was sind meine Lebensziele?“ oder: „Was ist der gesellschaftliche Boden, auf dem ich mich bewege?“ Kompetenzerwerb und Orientierung gehören unabdingbar zusammen – das gilt für schulisches Lernen genauso wie für berufliche Bildung und das Lernen von Erwachsenen.

Dabei ist oberstes Lernziel die Herstellung von Zusammenhang. Zu dieser Metakompetenz gehören sechs Schlüsselqualifikationen oder -kompetenzen, die Realitätssinn und Möglichkeitssinn ausprägen.

Das sind die sechs Schlüsselqualifikationen

Es ist erstens die Identitätskompetenz .Es handelt sich dabei um den lernenden und wissenden Umgang mit bedrohter und gebrochener Identität, mit dem Verlust von Selbstwertgefühlen im Kampf um Anerkennung in einer Gesellschaft, in der nicht nur die Arbeitsplätze drohen fragmentiert und zerstückelt zu werden, sondern die Anforderungen an das Flexibilitätspotenzial der Menschen immer weiter zunehmen. Die Menschen werden fortwährend vertrieben und entwurzelt. Damit aus solchen Zerrissenheiten und Bedrohungen nicht der gefährliche Angstrohstoff in der Gesellschaft erwächst, bedarf es besonderer Anstrengungen auf allen Lern- und Erziehungsebenen, Identitätskompetenz zu fördern.

Und es ist zweitens die ökologische Kompetenz, im weit umfassenderen Sinne als dem der bloßen Umweltpflege. Es ist der sorgsame Umgang mit Menschen, Dingen und Natur. Es ist gleichsam ein Existenzial in unserer Welt, weil in der Wachstums- und Produktivitätsorientierung die beschützende Sorgfalt gegenüber der eigenen Lebensgrundlage zu verschwinden droht. Ökologische Kompetenz hat für alle Arbeitsbereiche Bedeutung. Der Wissensstand in diesen Bereichen ist sehr groß; es kommt darauf an, ihn in allen Stufen von Erziehungs- und Lernprozessen besonders der heranwachsenden Generation zu vermitteln, das Unterscheidungs- und Urteilsvermögen zu schärfen und die forschende Neugier zu befördern.

Ich nenne drittens die ökonomische Kompetenz. Obwohl wir manche Probleme der Mangelökonomie gelöst haben, ist unser Bewusstsein noch nie in dem Maße ökonomisiert worden wie heute. Wir könnten aufgrund der Produktivität der Arbeit kritische kulturelle Distanz zu den ökonomischen Selbstgewissheiten gewinnen. Wenn wir von ökonomischer Kompetenz sprechen, meinen wir damit die Erweiterung des Denkens in ökonomischen Kategorien auf den kulturellen Zusammenhang von Zwecken und sinnvollen Tätigkeiten.

fennsterWirtschaftliches Handeln als gesellschaftliche Tätigkeit zu begreifen und in den Horizont kultureller Zwecke zurückzubringen, kann nicht mit einem Schlage gelingen. Wenn das aber in den Sinngehalt von Bildung und Lernen aufgenommen wird, kann Stück für Stück gleichsam eine Entmachtung des Terrors der neoliberalen Ökonomie stattfinden. Auch bei dieser Schlüsselkompetenz ist anzuknüpfen an den wirklichen Assoziationshorizont der Lehrenden und der Lernenden, und die ökonomischen Überlegungen und Gesetzmäßigkeiten, ob es nun der Verweis auf Globalisierung oder auf betriebs-wirtschaftliche Rationalität ist, müssen wieder mit der Sinnfrage und menschlichen Zwecken verknüpft werden.

Das würde auch die kompakte Ideologie aufbrechen, die gegenwärtig die Gesellschaft durchdringt: Dass ökonomische Vernunft des Ganzen nichts anderes sei als die Summe der rationalisierten Einzelbetriebe.

Und es ist viertens die technologische Kompetenz. Technik ist kein Fremdkörper unserer Gesellschaft, sondern konstituiert die Welt, in der wir leben. Es gibt praktisch keine einzige Beziehung oder Situation, in der Technik nicht eine prägende Bedeutung hätte. Aber Technik ist kein Naturverhältnis. Die technischen Gesetze sind von Menschen produzierte, wenn Naturgesetze in der Produktproduktion angewendet werden. Technik ist also ein gesellschaftliches Projekt. Indem wir Technik als gesellschaftlich produziert begreifen, nehmen wir ihr den Schein der Unabänderlichkeit ihres Entwicklungspfades und eröffnen den Freiheitsspielraum von Entscheidungen zur humanen Gestaltung von Arbeits- und Lebenswelt.

Und fünftens nennen wir die Gerechtigkeitskompetenz. In ihr ist die Sensibilität umschrieben, die Menschen in der Wahrnehmung von Gleichheit und Ungleichheit, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit entwickeln. Gerade in einem Zeitalter alle Lebensräume ergreifender Warenproduktion, in der immer nur Markt-Äquivalente ausgetauscht werden und der Eindruck vorherrscht, alles gehe mit rechten Dingen zu, weil Gleiches mit Gleichem getauscht wird, ist die Ausbildung von Gerechtigkeitskompetenz eine existenzielle Voraussetzung für die Orientierungsfähigkeit in der Gesellschaft. Denn dort, wo dieses Wahrnehmungsvermögen unterentwickelt ist, stauen sich Gefühle und Proteste, weil nichts so instinktiv gesichert ist bei den Menschen, als der bestimmende Eindruck, übervorteilt zu werden und im Gerechtigkeitsgefühl verletzt zu sein.

Ausbildung von Gerechtigkeitskompetenz ist ein wesentliches Merkmal eines jeden gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Es ist nicht nur eine Einübung in die existierenden Rechtsverhältnisse, sondern zugleich die Entwicklung eines Vermögens, das auch den Schein der abstrakten Gleichheit im Recht durchschaubar macht. Viele Elemente der Solidarität und der Verantwortung für das Gemeinwesen entspringen dieser Quelle.

Und es ist schließlich sechstens die Erinnerungs- und Utopiekompetenz, die auszubilden ist. Wer die Träume junger Menschen und Vorstellungen wie es anders sein könnte und sollte, wer diese Bereiche in Erziehungs- und Bildungsprozessen nicht wahrnimmt und pädagogisch wendet, verschleudert viel Lebensenergie und zementiert einen Spaltungsprozess in der Gesellschaft und in den einzelnen Individuen. Die Triebenergien, die in Träumen und Phantasien enthalten sind, trennen sich dann von der kognitiven Oberfläche und sind deshalb als Energieträger für kreative Lernprozesse nicht mehr brauchbar.

Wir beobachten gegenwärtig beim Lernen und in vielen anderen Bereichen diese Abspaltungen der Utopien und der Träume vom offiziellen Zusammenhang der Gesellschaft. Wir nehmen Erinnerungs- und Utopiefähigkeit zusammen, wenn wir von einer Schlüsselkompetenz sprechen, weil Menschen, die keine Erinnerungen haben oder Vergangenes nicht aufarbeiten, auch wenig Energie zur Verfügung haben, Zukunft zu entwerfen. Man weiß, dass Triebverdrängung und Realitätsleugnung sich ergänzende Bestandteile eines gewaltigen Postens von Energieverzehr sind: Der Bildung der Menschen und ihrer lebensgeschichtlichen Grundausstattung für befriedigende und kreative Lebensstile geht dabei sehr viel verloren.

In diesem Sinne kann und muss auch die Schule – in Deutschland und in Europa – einen zentralen Beitrag leisten zum Erlernen des aufrechten Gangs, der nicht früh genug erprobt werden kann.

Eine Philosophie des „aufrechten Gangs“ ergreift Partei für ein politisches Erkenntnisinteresse, das Urteilskraft und Wissen bewusst aus den geschichtlich ungenutzten Befreiungspotenzialen der Menschen gewinnt. Diese Philosophie ist auf Orientierungssuche, ohne sich in Heilsversprechen zu verlieren. Sie kennzeichnet behutsam Schritte auf einem Weg, den die Empörten zwangsläufig gehen müssen, um am Ende den Status urteilsfähiger, also politisch mündiger Bürger zu erreichen. Es ist der beschwerliche Weg, den der Empörte beschreiten muss, um als Citoyen Anerkennung zu finden.