Arbeit als Lebensbedürfnis

Von: Prof. Dr. Oskar Negt (Sozialphilosoph)

Prof. Dr. Oskar Negt

Sozialphilosoph

Prof. Dr. Oskar Reinhard Negt (geboren am 1. August 1934 auf Kapkeim in Ostpreußen) ist ein deutscher Sozialphilosoph. Er gilt als einer der führenden Denker der Kritischen Theorie. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit wandte sich Negt auch immer wieder tagespolitischen Themen zu. Nach dem Besuch der Oberrealschule in Oldenburg begann Negt zunächst ein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen, wechselte dann aber nach Frankfurt am Main, wo er bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Soziologie und ...
[weitere Informationen]


Das Problem der Arbeit in längerfristiger Entwicklungsperspektive wird gegenwärtig unter dem Titel: Krise der Arbeitsgesellschaft abgehandelt. Allerdings werden die Probleme der Arbeitsgesellschaft derart verzerrt, dass man von einer „unterschlagenen Wirklichkeit“ sprechen kann. Die Systemfrage wird dabei ausgeklammert, sieht man von jener postmodernen Debatte ab, in der die Legitimation der industriellen Zivilisation als Ganze in Frage gestellt wird.

Das hat verschiedene Gründe: einer besteht darin, dass zwar die Differenzierungen und funktional aufeinander bezogenen Arbeitsformen einer Neubewertung ebenso unterzogen werden wie die Arbeitsinhalte und die sozialpsychologischen Prägungen des Arbeitsverhaltens. Obwohl die Diskussionen darüber sehr modern erscheinen, halte ich nichts von der Konzeption einer postindustriellen Gesellschaft; auch die Gesellschaft der Zukunft wird, soll der erreichte Stand der sozialen Produktivkräfte nicht gewaltsam stillgestellt und in die asketische Lebensweise gepresst werden, eine Industriegesellschaft sein. Es gibt allerdings genügend Zeichen dafür, dass sie ihr bürgerlich-kapitalistisches Erbe wird aufgeben müssen, wenn sie sich eines Tages nicht selber in die Luft sprengen will. Die zerstörerische Gewalt, die sich in ihr zusammenbraut, hat inzwischen die Produktions- und Lebensgrundlagen erfasst. Gesellschaftliche Produktivkräfte, wie sie heute verfügbar sind und wie sie geschichtlich durch die Raubbaulogik des Kapitals mit entfaltet worden sind, gehen längst nicht mehr durch das Nadelöhr des Privatkapitals.

Die Widersprüche zwischen der durchgehenden gesellschaftlichen Produktion, den erweiterten Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten der Menschen auf der einen und der privaten Verfügungs- und Aneignungsmacht des gesellschaftlichen Reichtums auf der anderen Seite haben sich in einer Weise zugespitzt, dass die immer wieder in Gang gesetzte manipulative Verschiebung der Krisenfolgen zu einer Plage für die Menschen und zu einer Gefährdung ihrer Überlebensbedingungen geworden sind.

Die sogenannten Realisten unter den Krisenbewältigern, die am überkommenden System der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit umso nachdrücklicher festhalten, je deutlicher deren Risse spürbar werden, experimentieren mit der Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft oder mit Totenbeschwörungen der Vergangenheit. Es ist noch nicht voll ins Bewusstsein gedrungen, dass es bei der gegenwärtigen Krise nicht nur darum geht, dass die vorhandene Arbeitsmenge knapper wird, sondern viele Formen der Erwerbstätigkeit werden schon in naher Zukunft ganz von der Bildfläche verschwunden sein, andere ihre Qualifikationsanforderungen so grundlegend verändern, dass sie mit dem, was aus ihnen wird, nur noch den Namen gemeinsam haben. Es ist kein Geheimnis mehr, das es eine große Zahl von Berufen, für die heute noch ausgebildet wird, in zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr geben wird.

werft1

Die bloße Tatsache, dass heute ein junger Mensch eine Ausbildung für irgendeinen Arbeitsplatz bekommt, mag zu einer kurzfristigen Beruhigung des Lehrstellenmarktes führen. Eine wirkliche gesellschaftliche Zukunftsinvestition kann das nicht sein.

Es wäre also notwendig, dass neben der engeren Berufsausbildung eine fortlaufende, die Berufstätigkeit begleitende Fortbildung institutionalisiert wird, die an künftigen und nicht an vergangenen Arbeitsplätzen orientiert.

Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft

Die Struktur der Arbeitsplätze, ja die Arbeit selbst, ist in einem Strudel gesellschaftlicher Dynamik hineingezogen, die eine jener Umbruchsphase kapitalistischer Produktionsprozesse um die Mitte des 19. Jahrhunderts vergleichbare Offenheit der Situation erzeugt, als die extensive Lohnausbeutung durch die wirksamere intensive ersetzt wurde.

Die Definition des Menschen am Leitfaden von Zeiteinteilungsbegriffen ist überholt; zwar ist der Arbeiter nicht mehr ein bloßes Körpergefäß von industriellen Zeitmaßen, also personifizierte Arbeitszeit. Aber solange entfremdete Arbeit die Lebensverhältnisse beherrscht, verbleibt alle freie Zeit  im Bannkreis der Regeln von Arbeitszeit.

Noch die abstrakte Distanzierung vom Arbeitsalltag, indem demonstrative Freizeit betrieben wird, ist mit den Muttermalen der Arbeitsqual behaftet. Privateigentum an Produktionsmitteln als Grundlage des Profits, als Aneignungszeit fremder Arbeit, mag einmal Regulator der Gesamtökonomie gewesen sein. Dass dieser Mechanismus Freiheit und Wohlstand aller verbürge, war die große Hoffnung der aufbrechenden bürgerlichen Periode. Als Selbstregulierungskräfte des Marktes ökonomisch begründet, setzte dieser Mechanismus sich bis in die Begründungslogik der bürgerlichen Ideologie hinein fest. Aber das scheint endgültig der Vergangenheit anzugehören. Eine kapitalistische Ökonomie, die auf die fortwährenden Stützungseingriffe des Staates verzichten müsste, hätte ihre Funktionsunfähigkeit, Produktion und Wachstum zu steuern, längst unter Beweis gestellt.

Der Arbeitstag, das organisatorische Zeitzentrum dieser Ökonomie, war über Jahrhunderte hinweg Ausgangsbasis für den Lebenstag. Objektiv deuten alle Zeichen der entwickelten Industriegesellschaft darauf hin, dass es zukünftig umgekehrt sein wird, der Lebenstag als Ausgangsbasis für die Beurteilungsmaßstäbe, wie lange und welcher Art der Arbeitstag zu sein hat.

In der work-life-balance werden künftig die Lebensansprüche ganz oben rangieren – wenn es gegenwärtig auch ganz anders aussieht. Die Unsicherheit in der individuellen Werte Balancierung ist selbst Ausdruck einer die ganze Gesellschaft erfassenden kulturellen Erosionskrise.

werft2

Zwiespältigkeit im Arbeitsbegriff

Die bürgerliche Gesellschaft entwickelt einen Begriff von Arbeit, der von Anbeginn zwiespältig ist. Er bezeichnet Ausbeutung, Unterdrückung, Entwürdigung, gleichzeitig aber auch das Gegenteil: ein Medium der Selbstbefreiung; sie hat auch objektive Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Hunger, Krankheit und Angst aufhebbar sind. Dass Arbeit als das die Objektwelt konstitutuionierende Element für Entfremdung steht, ist ebenso unstrittig, wie die Erfahrung, dass die in diesem Entfremdungsprozess Hilfsmittel für die Aufhebung der Entfremdung notwendig sind.

Nicht berufliche Erwerbsarbeit ist das Schicksal der modernen Welt, vielleicht aber lebendige Arbeit – Arbeit in dem umfassenden Sinne eines unaufhebbaren, weil sinnlich gegenständlichen Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, in dem keine der beiden Seiten ohne die andere existieren kann. So gesehen, ist Arbeit die einzige Vermittlungstätigkeit, die dem Grundpostulat der Emanzipation gerecht zu werden vermag: nämlich der Naturalisierung des Menschen und der Humanisierung der Natur, wie der junge Marx es formuliert hat.

Alternative zum System bürgerlicher Erwerbsarbeit, das uns dumm und einseitig gemacht hat, ist nicht der illusionäre Idealismus der Aufhebung von Arbeit, sondern der Kampf um die Vervielfältigung und Erweiterung gesellschaftlich anerkannter Formen der Arbeit, die der Eigenproduktion und der Selbstverwirklichung dienen.

Ohne ein Moment gegenständlicher Tätigkeit, also gegenstandsbezogener Abarbeitung an den Bürgern, ist Identitätsbildung des Menschen ausgeschlossen. Noch so intensive Kommunikationsprozesse können diese durch Arbeit vermittelten Identitätsprägungen nicht ersetzen.

Wenn ich von der historisch-fundamentalen Kategorie der Arbeit spreche, dann genau in diesem Sinne, dass die Emanzipation des Menschen ohne gleichzeitige Befreiung der Dinge und Verhältnisse aus ihrer toten, die selbstgesetzten Zwecke der Menschen durchkreuzenden und sie bedrohenden Gegenständlichkeit schlechterdings nicht möglich ist.

werft1

Die Emanzipationskraft lebendiger Arbeit

Dass in der Maschinerie fixierte tote Arbeit in letzter Instanz auf lebendige Arbeit zurückgeht, darf nicht vergessen werden; es sind die Zwecksetzungen der lebendigen Arbeit, die sich der toten Maschinerie bedienen, um vom Arbeitszwang wegzukommen und nicht, um ihn zu verewigen und sich der toten Arbeit zu unterwerfen. Auf einer Produktionsstufe aber, wo gesellschaftlicher Reichtum nicht mehr vorwiegend auf Vergegenständlichungen unmittelbarer Arbeitskraft beruht, sondern auf Regulierung, Kontrolle vergegenständlicher Produktionsprozesse, verliert das Zeitmaß der Verausgabung lebendiger Arbeitskraft als bestimmende Grundlage der gesellschaftlichen Produktion jede geschichtliche Legitimation. Marx spitzt diesen der Kapitalistischen Produktionsweise innewohnenden Widerspruch zwischen lebendiger und toter Arbeit zu, indem er die wachsende Unverhältnismäßigkeit zwischen beiden hervorhebt.

Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neu entwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffene. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muss aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert (das Maß) des Gebrauchswertes.

Der Produktionsprozess streift die Form der Notdürftigkeit ab, weil genügend gesellschaftlicher Reichtum vorhanden ist, der für ein vernünftiges Leben aller ausreicht, wenn er gerecht verteilt ist. Und streift er die Gegensätzlichkeit ab, weil alle Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass lebendige Arbeit die tote Arbeit nach gesellschaftlichen Zwecken kontrolliert und organisiert und nicht umgekehrt. Der Mensch hört auf, bloßes Anhängsel der Warenproduktion zu sein und von den Verhältnissen als unvermeidliches Übel mitgeschleift zu werden.

Die Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige, erfahrbar in vielen sinnfälligen Verkörperungen von Maschinerie und Fabrikhallen, von wuchernden Städten und Verkehrssystemen, untrügliches Zeichen des Wachstumsprozesses der Produktivkräfte, mochte historisch einmal verknüpft gewesen sein mit dem allgemeinen menschlichen Fortschritt, jetzt aber hat der mechanische Selbstlauf der Akkumulationslawine eine Gewalt angenommen, durch die sie mit der Gesellschaft, deren Produktionsgrundlage durch Krisen und Katastrophen erschüttert wird, gleichzeitig die menschlichen Zwecke  und Entfaltungsmöglichkeiten der Individuen unter sich zu begraben droht.