Soziale Funktion der Genossenschaften bedenken

Prof. Dr. Nicole Göler von Ravensburg

Wissenschaftlerin

Prof. Göler von Ravensburg lehrt u.a. Sozialökonomik, Finanzierung und Organisation Sozialer Arbeit, Social Entrepreneurship und Internationale Soziale Arbeit am Fachbereich 4, Fachhochschule Frankfurt am Main, University für Applied Sciences. Sie forscht und berät seit 25 Jahren zu Fragen der Förderung von Genossenschaften in Entwicklungsländern, Europa und Deutschland und hat mehrere Sozialgenossenschaften in der Gründungsphase betreut. Gegenwärtig leitet sie das Transferprojekt geno@school (www.genoatschool.de).


Wiederentdeckung des Sozialen im Genossenschaftssektor

Jede Gesellschaft muss zu bestimmten Zeiten spezifische soziale Fragen lösen. Dazu gehören Fragen, die den gemeinschaftlichen Zusammenhalt betreffen, wie Chancengleichheit und Verteilungsgerechtigkeit, aber auch solche, die die Integration und Inklusion bestimmter benachteiligte Gruppen betreffen. Wir scheinen uns gegenwärtig in Deutschland in einer Phase zu befinden, in der die Volatilität der Finanz- und Aktienmärkte das Vertrauen der Bürger in die soziale Marktwirtschaft angreift. Viele Menschen fragen sich gleichzeitig, ob das bisherige, staatlich vorgegebene Niveau sozialer Absicherung nicht einen (zu) hohen Preis hat ( Institut für Demoskopie Allensbach, 2003: 1), aber auch wie lange wichtige Versorgungsstrukturen beim herrschenden Stand öffentlicher Verschuldung noch aufrecht erhalten werden können. Dieser Wandel im Problembewusstsein ist nicht länger ein Phänomen am Rande der Gesellschaft, er hat in der Mitte der Gesellschaft Platz gegriffen. Wo er auf entsprechende Problemlösungskompetenzen trifft, entfaltet er nun aktives Handeln, das u.a. auch zur Gründung neuartiger Genossenschaften führt.

Soziale Beweggründe für genossenschaftliche Kooperationen waren allerdings lange weder für die Genossenschaftspolitik noch in der Genossenschaftswissenschaft ein Thema. Als Genossenschaft wirtschaftlich wettbewerbsfähig mit anderen branchengleichen Unternehmen in anderer Rechtsform zu sein, das stand im Vordergrund. Hin und wieder stritt man sich zwar gerne über den Gemeinwohl-Beitrag von eingetragenen Genossenschaften (eG), also deren Beitrag auf gesellschaftlicher Ebene. Oder die geeignete Stellung von Genossenschaften im Organisationsmix der sozialen Marktwirtschaft wurde diskutiert. Aber dann ging es eher um Strategiefragen für das gesamte Genossenschaftswesen oder das Image dieser Rechtsform. Um ihre „Alleinstellungsmerkmale“ (Identitätsprinzip, Doppelnatur und Förderauftrag) ging es meist nur in Diskursen bei denen Genossenschaftswissenschaftler unter sich blieben. Welchen Bedeutungsgehalt Genossenschaften selbst oder gar deren Mitglieder diesen zentralen Merkmalen der Organisationsform heutzutage beimessen wurde höchstens im Hinblick auf Corporate Governance Probleme diskutiert und selten empirisch untersucht.

Selbst die deutsche Entwicklungszusammenarbeit, die im Zusammenhang mit der Partizipationsdiskussion der 1980er und frühen 1990er Jahre noch gezielt kooperative Selbsthilfe gefördert hatte, gab ungefähr gleichzeitig mit dem Ende des kalten Krieges ihr Interesse an Genossenschaften weitgehend auf. Dies ist umso merkwürdiger, als gerade in den Entwicklungs-, Schwellen- und Transformationsländern jenes Denken im Dreieck von wirtschaftlicher Selbsthilfe, demokratischer Mitbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung entstand, das seit ca. 20 Jahren in Europa und seit kurzem auch in Deutschland unter den Begriffen Sozialwirtschaft und Soziale Unternehmen diskutiert wird. Man denke nur daran, wie rasant sich das Grameen Bank Modell, ein klassisch genossenschaftliches Organisationsmodell weit über Indien hinaus verbreitete.

Eine mindestens teilweise Erklärung liegt im Wachstumsmodell, das sich in Deutschland – wie in weiten Teilen Europas – in der Wirtschaftswunderzeit etablierte. In diesem Modell gibt es einen privat kapitalisierten, erwerbswirtschaftlichen Unternehmenssektor einerseits und einen starken öffentlichen Sektor plus einen weitgehend auf drittnütziges Wohlfahrtshandeln ausgerichteten Vereinssektor andererseits. Der erwerbswirtschaftliche Unternehmenssektor ist für die Erbringung wirtschaftlichen Wohlstandes zuständig.

Der Staat gleicht Marktversagen mit Einkommensumverteilung, Ressourcenlenkung, und antizyklischen Maßnahmen aus und stellt gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden und ihren Mitgliederorganisationen meritorische Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. In diesem Modell zählt sich der überwiegende Teil deutscher Genossenschaften und ihrer Zusammenschlüsse und Interessenvertretungen eindeutig zum erwerbswirtschaftlichen, uneingeschränkt produktiv gesehenen Wirtschaftsbereich.

Angesichts der eingangs erwähnten Krisen, aber auch wegen der wachsenden staatlichen Verschuldung wird nun allerdings auch im politischen Mainstream wieder intensiver über Möglichkeiten der Verschränkung wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung nachgedacht. Da Verantwortung aber nicht von anonymen Entitäten übernommen werden kann, sondern soziale Systeme voraussetzt, in denen die dazugehörigen Werte geteilt werden, richtet sich der Blick wieder stärker auf die Motivlagen der handelnden Akteure, so auch der Unternehmen (vgl. Hengsbach 2012).

Zudem verlangen verschiedene gesellschaftliche Dynamiken wie der Demographische Wandel und die Diversifizierung von Familienstrukturen und Arbeitsbiografien vielfältige Innovationen auf der Angebotsseite des Wohlfahrtsstaates. Es werden vielfach nutzeradäquatere Angebote gebraucht, wie z. B. eine zeitlich flexiblere Kinderbetreuung. Die Formen der Erbringung müssten zum Teil effektiver sein, damit staatliche Angebote für die Zielgruppen überhaupt attraktiv werden (z. B. Bildungsgutscheine) und vorzeitige Abbrüche in der Betreuung vermieden werden können. Schließlich braucht es Innovationen in den Erbringerstrukturen, wenn bürgerschaftliches Engagement in signifikantem Umfang auch im Sozialsektor stattfinden soll.

Die genossenschaftliche Organisationsform weist einige hierfür günstige Eigenschaften auf, die empirisch belegt und (wirtschafts-)theoretisch nachvollziehbar sind. Dazu zählt nicht zuletzt ihre Fähigkeit, soziale und wirtschaftliche Mitgliederinteressen strukturell miteinander zu verbinden. Dieses Potential wird zur Zeit „wiederentdeckt“ und zwar primär von Menschen, die sich zusammenschließen, um ihre speziellen sozialen und wirtschaftlichen Interessen durch gemeinschaftliche Selbsthilfe zu verwirklichen, aber auch von politischen Akteuren quer durch das Parteienspektrum.

Soziales „Startkapital“ neuer Genossenschaften

Unbestreitbar haben Genossenschaftsverbände Anteil an dieser Entwicklung, weil sie seit etwa 2005 deutlich mehr Öffentlichkeitsarbeit für die Rechtsform der eG betreiben. Auch die bestehenden Genossenschaften, die noch zu Anfang des Jahrtausends ihre Andersartigkeit gegenüber Mitwettbewerbern ihrer Branche eher zu verbergen suchten, treten seit der Finanzkrise wieder selbstbewusster mit der „Marke“ Genossenschaft auf. Nichts desto trotz ist in den Selbstdarstellungen von Genossenschaften unverkennbar, dass – mit Ausnahme der Wohnungsgenossenschaften, die hiervon immer eine Ausnahme bildeten, soziale Motivlagen für die Gründung neuer Genossenschaften bedeutsamer sind, als für Genossenschaften, die schon lange bestehen.

Hinsichtlich der Geschäftszwecke konzentriert sich die genossenschaftliche Gründungsaktivität in den letzten 10 Jahren „…vorwiegend auf Funktionsbereiche außerhalb der klassischen genossenschaftlichen Wirtschaftsbetätigung“ (Ringle 2010: 14), findet also überwiegend nicht in den klassischen Banken-, Handels- und Wohnbausektoren statt, sondern in gewerblich produzierenden und – ganz überwiegend – in den unterschiedlichsten Dienstleistungssektoren. Vielfach scheinen diese neuen Genossenschaften im Vergleich zu Raiffeisens und Schulzes Zeiten keine echten „Kinder der Not“ zu sein, aber ob sie das damals wirklich waren ist ohnehin umstritten (vgl. Kluge 2007: 12). Bei den genossenschaftlichen. Neugründungen der letzten 10 Jahre lassen sich die folgenden Gründungsmotivationen vermuten:

  • Verbrauchergenossenschaften im Bereich Energie, Wasser, Infrastruktur, Strom u. a. entstehen in Reaktion auf mono- bzw. oligopolistische Zuliefermärkte. Im Energiesektor kommt häufig noch dazu, dass sich die Rechtsform im landwirtschaftlichen Sektor, der Flächen und Rohstoffe zur Energiegewinnung zur Verfügung stellt, bewährt hat.
  • Dorfladengenossenschaften sind eine Reaktion auf gänzlich fehlende Zulieferangebote und können nur mit viel ehrenamtlichem Engagement funktionieren.
  • Genossenschaftliche Werkstätten der Behinderten, aber auch ein Teil der Ärztegenossenschaften sehen sich oligopolistischen Abnehmermärkten gegenüber.
  • Zahnärzte, die dentale Implantationstechnologien nutzen, versuchen durch genossenschaftliche Kooperation geistiges Eigentum zu schützen und Qualitätsstandards zu bewahren.
  • Freiberuflich tätige Historiker, Restauratoren, Steuerberater aber auch Musikproduzenten trachten danach, sich in sehr fluiden Marktsituationen zu stärken.
  • Landwirte und private Kleinanleger kooperieren, um sich trotz Kapitalschwäche an der Erzeugung, Nutzung und Verteilung regenerativer Energien zu beteiligen.
  • Assistenzgenossenschaften und Familiengenossenschaften werden gegründet, um Betreuungs- und Pflegeleistungen zu erhalten, die am Markt sonst (noch) nicht angeboten werden.
  • Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien gründen Genossenschaften, um den sogenannten Technological Gap möglichst gerecht zu gestalten, so z. B. die Denic eG.
  • Mit Genossenschaften zur Erbringung haushaltsnaher Dienstleistungen, mit Stadtteil- und Beschäftigungsgenossenschaften soll der Arbeitslosigkeit am Arbeitsmarkt besonders benachteiligter Personen begegnet werden.
  • Genossenschaften zum Erhalt von Kulturdenkmälern oder Betreiben unrentabel gewordener Freizeitangebote (Schwimmbäder, Gasthöfe, alte Bahnhöfe etc.)

Was sagt uns das über das Verhältnis sozialer und wirtschaftlicher Motivationslagen in den neuen Genossenschaften?

Neugründungen im gewerblichen Mittelstand setzen auf Kooperationskultur

Die Gründungsmotive liegen also vielfach darin, eine Mitgliedergruppe in ihren Marktbeziehungen zu stärken. In anderen Worten: Viele der neuen Genossenschaften entstehen in Reaktion auf (subjektiv empfundene) Marktschwäche (a,c,d,e,f,i) oder Marktferne (b) oder in Reaktion auf ein qualitativ unzureichendes Angebot an Dienstleistungen (g,h,j), also aus ganz ähnlichen Motiven, wie zu Raiffeisens und Schulzes Zeiten. Die wirtschaftlich ausgerichtete Motivation überrascht aus zwei Gründen nicht: Erstens werden alle eingetragenen Genossenschaften vor ihrer Eintragung einer Vorgründungsprüfung unterzogen, in der die Nachhaltigkeit der Geschäftsidee eine Grundvoraussetzung darstellt. Zweitens ist steht die materielle Förderung der Mitglieder mittels Geschäftsbetrieb im Kern der genossenschaftlichen Grundidee. Die soll bestimmter Güter und Dienstleistungen in möglichst mitgliederfreundlicher Qualität und zu einem für sie verträglichen Preis bereitstellen. Für eine reine Interessenvertretung oder immaterielle Förderung wird in Deutschland zum eingetragenen Verein gegriffen. Die Erbringung sozialrechtlich geregelter Sozialleistungen findet in Quasi-Märkten statt, die für neue Anbieter nur schwer zugänglich sind (Göler von Ravensburg, 2013).

Bemerkenswert ist hingegen, dass die genossenschaftliche Rechtsform in jüngster Zeit vor allem für innovative Vorhaben genutzt wird. Kleine Unternehmen, Handwerker, Selbstständige und Verbraucher schließen sich genossenschaftlich zusammen, weniger, um völlig neue Produkte auf den Markt zu bringen, als vielmehr um auf innovative Weise in Angebotslücken vorzustoßen. Dabei ist die eG eine Rechtsform, in der sich durchaus auch unterschiedlich große Unternehmen zusammenschließen (Göler von Ravensburg/ Pinkwart/ Schmidt 2003: 29). Die Erklärung für dieses Phänomen liegt m.E. darin, dass die mitgliedschaftliche Struktur zum einen das Potential birgt, erhebliche Planungs- und Investitionsrisiken durch den Aufbau von Sozialkapital beherrschbar zu machen (auch Kluge 2007: 12) und zum anderen einen gleichmäßigen Zugang zu den Kooperationsressourcen absichert. (Göler von Ravensburg/ Pinkwart/ Schmidt 2003: 76). Die in der Nutzung der genossenschaftlichen Rechtsform enthaltene Möglichkeit, über Beteiligung an Regelsetzungs- und Entscheidungsprozessen das Gruppeninteresse selbst mit zu prägen, ist bei der Gründung wissensbasierten Unternehmen ebenfalls häufig ausschlaggebend für die Rechtsformwahl (vgl. Fürstenberg 1985: 105).

Sucht man neben dem wirtschaftlichen Interesse und unabhängig vom (innovativen) Geschäftszweck nach den Gemeinsamkeiten dieser Gründungen im Hinblick auf das Zusammenspiel von sozialen und wirtschaftlichen Elementen, so stellt man zum einen fest, dass es sich in Engelhardts Widmungstypologie überwiegend nicht um erwerbswirtschaftliche, sondern zumeist gruppenwirtschaftliche Genossenschaften handelt (vgl. Zerche/ Schmale/ Blome-Drees 1998: 78). Zwar weisen ihre Satzungen oft keine ausdrücklichen sozial- oder gemeinwirtschaftlichen Ziele auf, wohl aber eine Ausrichtung auf eine Berufsgruppe (bspw. Historiker oder Restauratoren), die Bevölkerung einer Region (einer Kommune oder eines Stadtteils) oder eine bestimmte Lebenslage (Elternschaft, Arbeitslosigkeit). Es werden ganz häufig Förderinteressen erkennbar, die nur durch sozial stabile Gruppenaktivität zu befriedigen sind und die manchmal deutlich über den individuellen Eigennutz hinausgehen. Beispiele hierfür sind insbesondere die Dorfläden und die genossenschaftlich betriebenen Kultur- und Freizeiteinrichtungen wie Kinos, Schwimmbäder, Gasthöfe.

Zum anderen kann man klar erkennen, dass für die Gründer in der Rechtsformwahl bestimmte Merkmale der Kooperationskultur sehr ausschlaggebend waren. Zum einen sind es überwiegend Gründer für die das Image der Rechtsform positiv besetzt ist (Landwirte, kleine Gewerbetreibende, Genossenschaftsbanker). Zum anderen sieht man in gegenseitigem Vertrauen, gemeinsamer Interessenvertretung und dauerhaftem Engagement wichtige Gelingensbedingungen für die Geschäftsidee (Göler von Ravensburg/ Pinkwart/ Schmidt 2003: 76).

Nexus von Fördererwartungen und Sozialem Kapital bei Selbstständigen und zivilgesellschaftlich motivierten Gründungen

Neben den Vorteilen einer mitgliedschaftlichen Organisationsstruktur im Hinblick auf Planungs- und Investitionsrisiken und den Aufbau von Sozialkapital gibt es die These, dass die Neigung der Mitglieder die Rechtsform der eG zu wählen einen gewissen Nexus zur Art und Intensität der Mitgliederaktivität einerseits und zur Akzeptanz bestimmter Vereinigungsnormen bzw. –muster andererseits aufweisen. Viele Gründungen sind davon motiviert, dass die Mitglieder die Marktergebnisse in ihrer Lokalität oder Branche nicht mehr (länger) akzeptieren, weil es zu regionaler Unterversorgung oder zu gravierender Verschlechterung der Auftrags- oder Arbeitsbedingungen kam. Oder sie treten für die eigenen sozialen oder ökologischen Wertvorstellungen ein. Oder die Gründer sind motiviert durch Missfallen an den in ihrer Arbeits- und Lebenswelt vorherrschenden Allokations- und Distributionsstrukturen. Oder sie zweifeln gar am gesamten Wirtschaftssystem. Kurz, diese Gründungen zeigen mehrheitlich zum einen ein hohes Niveau an (lokalem) zivilgesellschaftlichem Engagement an. Zum anderen zeichnen sie sich durch eine Grundhaltung aus, die an sich für Firmengründungen untypisch ist und die Brazda et al so umschreiben (Brazda et al 2006: 268):
„Hier wird ein erneutes Verständnis von Selbsthilfe durch solidarisches Handeln sichtbar: Selbsthilfe ist nicht nur das, was mir selbst direkt nützt, sondern auch das, was meine Lebensumwelt in meinem Interesse verbessert“.

Mit diesen Worten hätte man auch die Gründungsbewegungen zu Raiffeisens und Schulzes Zeiten beschreiben können. Warum aber glauben Kooperationswillige in der heutigen Zeit, bei so vielen verfügbaren gesellschaftsrechtlichen Alternativen, dass ausgerechnet die genossenschaftliche Rechtsform für ihre Gruppenselbsthilfe adäquat sein könnte?

Wie auch in anderen Beiträgen angesprochen wäre da – jüngst verstärkt durch die Wirtschaftskrise – zunächst eine wachsende Skepsis gegenüber kapitalwirtschaftlich ausgerichteten Formen (Kretschmann 2011: 6). Insbesondere das im Bildungsbürgertum scheint das förderwirtschaftliche Grundkonzept mit seinen Mitbestimmungsmöglichkeiten und den speziellen Genossenschaftswerten und –prinzipien (z.B. ICA 1995: 7-18) ja dem, was der Internationale Genossenschaftsbund (IGB) als genossenschaftsspezifische „Geisteshaltung“ ausdrückt (Münkner 1995: 17), als gute Alternative für berufliche und zivilgesellschaftliche Kooperationen wahr zu nehmen (z. B. Genossenschaften von Freiberuflern, aber auch Sozial- und Kulturgenossenschaften).

Anderen Bevölkerungskreisen und insbesondere selbstständig Tätigen scheint die eG sympathisch, weil sie eine erprobte Möglichkeit darstellt, die eigene Arbeits-, Handels- und Dienstleistungswelt autonomer und mehr im Einklang mit den eigenen Vorstellungen vom „guten Leben“ zu gestalten (Elsen 2007: 287, Klöck 1998: 15), z.B. in Ärzte-, Beratungs-, Energie- und Wassergenossenschaften.

Und letztlich findet die eG Anklang bei Menschen, die die kapitalistische Wachstumsorientierung der Gesellschaft als nicht länger tragbar empfinden, und hoffen, mit einer genossenschaftlichen Wirtschaftsweise einen eigenen Beitrag zu einer Transformation des bestehenden Wirtschaftssystems zu leisten (z. B. Fabricius, 2009). Aus ihren Reihen gründen sich z.B. genossenschaftliche Regionalwährungen (z.B. Regios eG 2013) oder man kooperiert genossenschaftlich, um lokale Arbeits- und Versorgungsstrukturen zu verändern, mit der expliziten Absicht Sozialkapital zu bilden oder politische Entscheidungen zu beeinflussen. Im weiteren Entwicklungsprozess werden insbesondere diese Gründungen auf die sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen ihres Handelns achten und vermutlich häufig vor hohen Herausforderungen hinsichtlich interner Einigungsprozesse stehen. Insbesondere wo staatlich subventionierte Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden, kommt dazu noch ein relativ hohes Politikrisiko (z. B. Kramer 2005). Andererseits ist auffällig, dass viele dieser Genossenschaften von jungen, in elektronischen Kommunikationsmedien hoch versierten Menschen gegründet werden, die bemüht sind, ihren technologischen Vorsprung gesellschaftlich nutzbringend einzusetzen  z.B. Regios eG 2013).

Soziale Anreiz-Beitrags-Kalküle sollten keine Black Box bleiben

Vorstände und Geschäftsführende von Genossenschaften haben heute wie jeher die Aufgabe, den Mitgliedern kluge Vorschläge dazu zu unterbreiten, wie viele Mitgliederressourcen anteilig in produktive und wie viele in konsumtive Verwendungen fließen sollten, um das Förderpotential der Genossenschaft zu optimieren und die Gesamtförderbilanz zu erhalten. Soziale und wirtschaftliche „Elemente“ der Genossenschaft gemeinsam zu denken, ist nicht nur eine logische Konsequenz moderner Ansprüche an Mitgestaltung. Es spart unter Umständen Kosten in signifikantem Maße und vermeidet unzufriedene Mitglieder. Die heutigen (technischen) Möglichkeiten lassen sich gut dazu nutzen, auf der Ebene der Einzelorganisation Licht in die Black Box der Mitgliedererwartungen und –kalküle zu bringen. Sie können aber unter Umständen auch dazu genutzt werden, die gewünschte immaterielle Förderung kostengünstig zu erbringen (Pommerening 2011: S.10 ff.) Ohne Berücksichtigung der sozialen Funktionen genossenschaftlicher Kooperation werden sich gerade für die neuen Genossenschaften kaum strategische Konzepte entwickeln lassen, die das einlösen, was sich die Mitglieder von dieser Organisations- und Rechtsform bei der Gründung versprochen haben.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei fast Genossenschaftsgründungen ein über die wirtschaftlichen Interessen im Sinne des materiellen Fördererfolges hinausgehendes soziales Interesse mitschwingt. Ob sich allerdings neben der „egoistischen“ Kooperation auch ein Kooperationsethos im Sinne einer dauerhaften Verantwortungsübernahme für die Belange der anderen Kooperationspartner ergibt (Hettlage 1990: 38), darüber lässt sich streiten. Die Frage, ob bzw. wie sich angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Chancen die Entstehung eines genossenschaftlichen Kooperationsethos oder gar ein moderner Genossenschaftshabitus im Sinne Bourdieus fördern lässt, ist eine sehr spannende Frage, zu der es bislang keine überzeugende Antwort gibt. Sicher dürfte allerdings sein, dass die Fähigkeit zu einer genossenschaftlichen Soziabilität, die sowohl die den sozialen als auch den wirtschaftlichen Mitgliederinteressen gerecht wird, Lernprozessen unterliegt (Draheim 1952: 44) und damit nicht zum Nulltarif zu haben ist.

Allerdings ist das, was der Soziologe Hettlage als „komplexe Empirie kooperativer Wertbeziehungen, ihre Rolle in der Welt sowie die Möglichkeiten von Erziehung zu sozialen Tugenden“ beschrieb (Hettlage 2008: 55) derzeit wissenschaftlich vernachlässigtes Terrain. Aber warum sollte da, was in fast allen menschlichen Handlungsbereichen gilt, dass es nämlich einen engen Nexus zwischen Bedürfnissen, Handlungsmotiven und -ergebnissen gibt, für strukturierte Kooperationsaktivitäten nicht gelten? Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen und die jüngste Gründungsaktivität legen dringend nahe, den zeitgenössischen Gehalt dieses Nexus, seinen Geltungsbereich und seine Wirkungschancen bei neuen Genossenschaften empirisch auszuloten, an statt ihn weiterhin abwechselnd zu leugnen oder dem Verdikt der Utopie zu unterstellen. Vermutlich ließen sich insbesondere bei Energie-, Wasser- und anderen innovativen Genossenschaftsinitiativen zur Nutzung natürlicher Ressourcen Querverbindungen zu den sowohl spieltheoretisch als auch im Feld gewonnenen Forschungsergebnisse zur nachhaltigen kooperativen Nutzung von Gemeingütern herstellen, wie sie bspw. Elinor Ostrom erzielt hat. Es könnte sich zudem durchaus lohnen, die von Christian Lautermann jüngst in einer lesenswerten Dissertation für das soziale Unternehmertum vorgeschlagene kulturalistische Perspektive auf Genossenschaften anzuwenden (Lautermann 2012: 179-206).

Die Intensivierung qualitativer sozialwissenschaftlicher Feldforschung könnte einiges dazu beitragen, die Beratung für jene Genossenschaftsgründungen zu verbessern, bei denen sowohl wirtschaftliche Gruppeninteressen als auch soziale Anliegen eine Rolle spielen. Nur so ließe sich auch erkennen, ob sich in manchen Sparten der Zivilgesellschaft tatsächlich so etwas wie eine Affinität zur eG bzw. ein neuer genossenschaftlicher Habitus entwickelt. Das wiederum wäre eine wichtige  Grundlage für die Verbandspolitik auf europäischer Ebene. Denn sie wird sich irgendwann eindeutiger als bisher dazu äußern müssen, ob und gegebenenfalls. welche Genossenschaften sie zum – unter Umständen staatlich geförderten – sozialwirtschaftlichen Sektor zugehörig sieht. Auch die Frage, ob und gegebenenfalls. welche Maßnahmen Verbände zusätzlich zu der bisher stattfindenden Popularisierung der Rechtsform für die Verbesserung der Problemlösekompetenzen genossenschaftlicher Promotoren anbieten sollten, ist für den Genossenschaftssektor keine unwesentliche. Ohne Berücksichtigung der sozialen Funktionen genossenschaftlicher Kooperation werden sich gerade für die neuen Genossenschaften kaum strategische Konzepte entwickeln, die das einlösen, was sich die Mitglieder von dieser Organisations- und Rechtsform bei der Gründung versprochen haben. Und das könnte die gerade mühsam gewonnene Beliebtheit der genossenschaftlichen Rechtsform schnell wieder schwächen.

Literaturverzeichnis

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