Der Verband begleitet die Weiterentwicklung

Von: Nico Storz (Berater Bürgerprojekte)

Nico Storz

Berater Bürgerprojekte

Nico Storz ist beim Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband Berater für Bürgerenergieprojekte und Energiemanagement.  


Fertig – die Mitglieder von Bürgersolar Hochrhein können zufrieden sein. Die 22. Solaranlage der Genossenschaft ist gerade in Betrieb gegangen – und das nur ein Jahr nach der Gründung. Die nächsten beiden Projekte auf Feuerwache und Gymnasium sind schon in Arbeit. „Klassische Photovoltaikprojekte spielen für unsere Energiegenossenschaften nach wie vor eine ganz zentrale Rolle“, weiß Dr. Ansgar Horsthemke. Er ist beim Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband (BWGV) Bereichsleiter Beratung Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften, zu denen auch die Energiegenossenschaften gezählt werden. Mehr als 130 sind es inzwischen im Südwesten, die überwiegende Anzahl davon wurde nach dem Jahr 2009 gegründet. „Doch die Erfolge dürfen nicht verschleiern, dass die Genossenschaften mit dem Hin und Her bei der EEG-Gestaltung vor große Herausforderungen gestellt werden“, so Horsthemke weiter.

Energiebranche im Umbruch

Das vergangene Jahr stellte für die Energiebranche ein turbulentes Jahr dar. Die wohl bekannteste und offensichtlichste Neuerung ist die mehrfache Anpassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die insbesondere bei Betreibern von Photovoltaik-Projekten für viel Kopfzerbrechen sorgt. Seit Monaten sind weitere drastische Änderungen angekündigt, welche auch den Wind- und Biomasse-Bereich treffen können. Unter den Energiegenossenschaften führt dies verständlicherweise zu einer Verunsicherung bezüglich ihrer Geschäftsmodelle, bei den finanzierenden Banken zu Unklarheiten ob der Wirtschaftlichkeit einzelner Projekte.

Hier ist ein umfassendes und flexibles Beratungs- und Informationsangebot gefragt, das den Genossenschaften schnell und unkompliziert Antworten auf die sich ändernden Rahmenbedingungen bietet. Das Netz der Genossenschaften liefert dabei hervorragende Chancen, erfolgreich erprobte Modelle überregional auszutauschen und zu verbreiten. Dieser Prozess ließ sich bereits im vergangenen Jahr beobachten, als sich unter vielen betroffenen Genossenschaften eine erfolgreiche, meist regionale Vernetzung entwickelte, die eine schnelle Anpassung an die geänderten Rahmenbedingungen ermöglicht. Die Genossenschaften beginnen in einem unsicheren Markt ihren größten Wettbewerbsvorteil auszuspielen: Die gemeinschaftliche Zusammenarbeit an dem großen Projekt Energiewende. In Anlehnung an Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Was der einzelnen Genossenschaft nicht möglich ist, das schaffen viele.“

Bei der Photovoltaik lässt sich dieser Prozess deutlich beobachten. Die drastische Absenkung der Einspeisevergütung für Photovoltaik-Strom drohte zunächst, die erprobten Geschäftsmodelle der Bürgersolaranlagen auf den Kopf zu stellen. Doch findige Energiegenossenschaften begannen schnell, zwischen Eigenstrommodellen und Direktvermarktung des Stroms zu experimentieren und neue Vermarktungsmodelle aus der Taufe zu heben. Sie haben sich damit schnell als zentraler und gestaltender Akteur der Energiewende etabliert.

Immer mehr Genossenschaften beginnen zudem, sich nach neuen Geschäftsfeldern umzusehen. Im schwäbischen Bittelbronn entschieden sich die Bewohner, die alten Heizkessel aus dem Keller zu schmeißen und gemeinsam in eine genossenschaftliche Biogasanlage mit Nahwärmenetz zu investieren. „Wir versorgen unsere Anlage mit den Rohstoffen der lokalen Bauern, achten dabei auf die Fruchtfolge und tragen viel zur lokalen Wertschöpfung bei“, berichtet Dagmar Eisenbach von der Bioenergie Bittelbronn eG stolz im Rahmen einer Führung. „Wir sind begeistert von der Resonanz, fast das ganze Dorf macht mit“, so Eisenbach weiter. Immer mehr Gemeinden in Baden-Württemberg kommen auf den Geschmack. Ein gutes Dutzend sogenannter „Öldörfer“ hat sich in den vergangenen Monaten schon zu genossenschaftlichen Bioenergievorreitern entwickelt.

Blockheizkraftwerke und Nahwärmenetze, Stromhandel und Einsparprojekte, Windenergie, Biomasse und Wasserkraft stehen als neue Energieprojekte auf der Agenda. Auch der Betrieb lokaler Stromnetze konnte 2012 in Baden-Württemberg von zwei neuen Genossenschaften auf den Weg gebracht werden und könnte Schule machen. Nach nur wenigen Jahren stellen die Bürgergenossenschaften neben Hausbesitzern und Landwirten eine elementare Säule im dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien dar. Sie beweisen ein großes Innovationspotenzial, viel Rückhalt in der Bevölkerung, hohe Glaubwürdigkeit und eine optimale flächendeckende Aufstellung, um die Energiewende im Land umzusetzen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt zu dem Schluss: „Ich finde, der Gedanke der erneuerbaren Energien ruft geradezu nach Genossenschaften.“

Neue Geschäftsmodelle und Strukturveränderungen

Für die lokalen Genossenschaften ergeben sich jedoch spürbare Veränderungen bei ihren Energieprojekten – oftmals mit politisch bedingten hohen Unsicherheiten. Das einzelne, auf reiner Grundlage der EEG-Vergütung kalkulierte Photovoltaik-Projekt wird seltener, ergänzende Finanzierungsmodelle mit Elementen des Eigenverbrauchs und der Direktvermarktung setzen sich durch. Alternative Technologien werden an Bedeutung gewinnen, bringen jedoch auch neue Herausforderungen mit sich: Projekte im Wind- oder Wärmebereich bedeuten hohe finanzielle Verpflichtungen und nicht zu unterschätzende Risiken. Der zügige Ausbau der Windenergie in Baden-Württemberg stellt viele lokale Genossenschaften zudem vor die große Herausforderung, sich gegen erfahrene und schlagkräftige Mitbewerber zu behaupten oder zumindest auf Augenhöhe mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Bei den Energiegenossenschaften können die Jahre 2006 bis 2012 ohne Zweifel als eine starke Gründungsphase bezeichnet werden. 2013 markiert schon jetzt das Jahr, in dem die Energiegenossenschaften von der Gründungsphase in die Phase der Etablierung und Stabilisierung eintreten. Dabei werden sich viele Genossenschaften die strategischen Fragen stellen, wie sie ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln können und ob eine engere Zusammenarbeit mit anderen Genossenschaften neue Optionen bieten kann. Auch das intensive ehrenamtliche Engagement, das viele Energiegenossenschaften durch die Gründungsjahre trägt, wird zunehmend durch eine Professionalisierung und Vereinheitlichung der Verwaltung ergänzt werden, ohne jedoch auf den starken bürgerschaftlichen Einsatz der Mitglieder, Vorstände und Aufsichtsräte verzichten zu können.

Das neue Beratungsangebot „Bürgerenergieprojekte“

Der BWGV wird seine Energiegenossenschaften aktiv begleiten und unterstützen. Mit der neuen Beratungsstelle für Bürgerenergieprojekte seit April 2013 ist die Möglichkeit geschaffen worden, zuverlässige Informationsangebote und kompetente Weiterbildungen zu entwickeln und die Bedeutung der Genossenschaften bei der Energiewende ausbauen zu können.

Besonderes Augenmerk kommt dem Austausch zwischen dem Verband und seinen Mitgliedern in Energiefragen, der Vernetzung der Mitglieder untereinander, der zeitnahen Information über Änderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Interessenvertretung der Genossenschaften in Politik und Öffentlichkeit zu. Das Beratungsangebot für die Mitglieder wurde mit einem Fachberater für Bürgerenergieprojekte besetzt und der Fachausschuss Energie wurde zur Einbindung der Energiegenossenschaften in den Verband gegründet.

Im Sinne einer koordinierten und ausgewogenen Energiewende setzt sich der BWGV dafür ein, eine sichere Energieversorgung zu wirtschaftlich vertretbaren Kosten zu ermöglichen. Dr. Roman Glaser, Präsident des BWGV, formulierte in einer Rede bei den Schönauer Elektrizitätswerken die klare Forderung an die Politik: „Damit die Energiegenossenschaften ihre Aufgaben voll wahrnehmen können, ist Planungssicherheit für energiewirtschaftliche Projekte zwingend notwendig. Bürgerschaftlich getragene Energieprojekte benötigen verlässliche politische und regulatorische Vorgaben mit einem hohen Maß an Stetigkeit.“