Müßiggang ist aller Liebe Anfang

Von: Fritz Reheis (Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg)

Fritz Reheis

Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg

Fritz Reheis, Jahrgang 1949, studierte Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Pädagogik. Er promovierte in Soziologie und absolvierte ein Erweiterungsstudium in Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Seit 1983 unterrichtet er als Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg. Zusätzlich ist er seit zwölf Jahren nebenamtlich als Lehrbeauftragter für Politik, Zeitgeschichte, Soziologie und Pädagogik an mehreren Hochschulen tätig. Buchveröffentlichungen u.a.: »Konkurrenz und Gleichgewicht als Fundamente der Gesellschaft« (1986), »Die Kreativität der Langsamkeit« (1996).


Diesem Satz von Christa Wolf soll ein zweiter von Robert Walser folgen: »Wären wir ruhiger, langsamer, so ginge es uns besser, ginge es schneller mit unseren Angelegenheiten voran.«. Beide Zitate markieren die Richtung einer zeitökologischen Glückskonzeption. Die Ökologie der Zeit fordert nicht den Verzicht auf Lust, sondern vielmehr das Ende des Verzichtens, genauer: den Verzicht auf jene Formen des Genießens, die man in Anlehnung an die Glücksphilosophie Epikurs als »dumme« Lust bezeichnen kann. Die kluge Lust ist dadurch gekennzeichnet, dass wir uns hinterher nicht ärgern müssen, wenn uns nach einer durchzechten Nacht der Kopf zerspringen möchte, wenn wir nach dem Schnäppchenkauf eines Autos die eigentliche Rechnung erst in der Reparaturwerkstatt präsentiert bekommen, wenn wir in unserer Gier nach Bauland die Natur zurückdrängen und uns dann plötzlich in einer Betonwüste wiederfinden.

In die Sprache der Ökologie der Zeit übersetzt: Wer in der Gegenwart seine Lust maximieren will, der muss auch an die Zukunft denken, damit er auf der schnellen Suche nach Lust nicht ebenso schnell in einer Beschleunigungsfalle landet. Um kluge Lust durch Müßiggang entdecken zu können, sollten wir zuallererst die Einfalt der dummen Lust überwinden – die Fixierung auf materiellen Konsum, Geld und auch auf Arbeit. Das Arbeitsethos ist nichts anderes als die Begleitmusik zur Ideologie von der Klugheit und Fairness des Marktes und zum Mythos der Leistungsgesellschaft.

Man muss immer wieder in Erinnerung rufen, dass zwar die Arbeit so alt wie der Mensch selbst ist, ihre ideologische Verklärung aber erst seit wenigen Jahrhunderten die Köpfe der Menschen verdreht. In der griechischen Antike war Arbeit Sache der Sklaven, eines freien Bürgers unwürdig. Dessen Aufgabe waren die Staatsgeschäfte, die Pflege von Kultur und Wissenschaft und nicht zuletzt der schlichte Genuss des Lebens, die Veredelung des Genießens.

Heraklit von Ephesos soll sich seines Vermögens, das er mit selbst erfundenen Ölmühlen erworben hatte, geschämt haben. Aber nicht deshalb, weil darin Sklaven arbeiten mussten, sondern weil er hohe mathematische Ideen durch ihre kommerzielle Anwendung quasi entweiht hatte. Auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit verboten Tradition und Recht dem Adel als der führenden Schicht der Gesellschaft jegliche gewerbliche Betätigung. Erst das Christentum begann mit der Aufwertung der Arbeit. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, heißt es schon im Neuen Testament. Die katholische Kirche setzte Gebet und Arbeit als unterschiedliche Formen des Dienstes an Gott gleich. Der Calvinismus verstieg sich sogar zu der Behauptung, dass der berufliche Erfolg eines Menschen das Zeichen Gottes für die Auserwähltheit dieses Menschen sei. Und als die Deutsche Arbeiterpartei, die spätere NSDAP, 1920 in ihr Parteiprogramm die »Adelung der deutschen Arbeit« aufnahm, konnte sie direkt an dieses christliche Arbeitsethos anschließen.

Heute jedoch, nachdem sich die menschliche Produktivkraft vor allem in den letzten 200Jahren historisch beispiellos entwickelt hat, verrichten Sklaven aus Eisen einen Großteil der Knochenarbeit und Sklaven aus Silizium einen Großteil der Denkarbeit. »Eine ungeheure Wende, eine wahrhaftige Revolution liegt hinter uns«, schreibt der Münchner Journalist Christian Schütze in seinem Essay Frieden durch Faulheit »Biblisch gesprochen, haben wir uns vom Arbeitsfluch, der seit der Vertreibung aus dem Paradies auf uns Menschen lastet, freigeschafft – nicht wir allein, sondern ungezählte Generationen vor uns haben daran mitgewirkt.

SCHNELLER

HÖHER

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aber wohin ?

(auf einer Postkarte)

Die Früchte getaner Arbeit fallen uns jetzt überreich in den Schoß.« Wer heute noch den Sinn des Lebens und seinen eigenen Selbstwert wie selbstverständlich aus Arbeit und beruflichem Erfolg ableiten möchte und obendrein Arbeitsunwillige als Drückeberger und Schmarotzer diskriminiert, hat diesen Wandel nicht begriffen. Es ist an der Zeit, mit der dummen Lust auch die Arbeitsgesellschaft zu begraben, um mit der klugen Lust eine neue Gesellschaft der Muße zu begründen. Dass in ihr unter anderem auch gearbeitet wird, das ist und bleibt die Konsequenz des menschlichen Wesens.

Der Erziehungswissenschaftler Joseph Tewes hat in der Einleitung zu dem Buch Nichts Besseres zu tun – über Muße und Müßiggang eine treffende Charakterisierung des müßigen Verhaltens gegeben, die auch auf die kluge Lust übertragbar ist: Müßiges Verhalten ist erstens eine uralte Vorstellung von Vollkommenheit, davon also, wie Menschen ihr Leben leben wollen. »Wer ruhig und still ist, wird zum Führer des Alls« schreibt Lao Tse im 6.Jahrhundert v.Chr. Gemeint ist vermutlich, dass müßige Ruhe und Stille die beste Gewähr dafür bieten, zu erkennen, wie tief wir in unserem Leben in die kosmische Ordnung eingebunden sind.

Durch diese Erkenntnis lernen wir, uns selbst und unsere Bedürfnisse nicht ganz so wichtig zu nehmen. Ruhe und Stille einerseits und Selbstreflexion und Spiritualität andererseits befruchten sich gegenseitig – eine fundamentale Synergie zur Bereicherung des Lebens. Müßiges Verhalten dient zweitens nicht einem äußeren Ziel, sondern trägt seinen Sinn in sich. Während wir im Allgemeinen gewöhnt sind, die Mittel unseres Verhaltens auf einen Zweck hin zu beziehen, den es zu erreichen gilt, gehen im müßigen Verhalten Mittel und Zweck ineinander über. So wie der Sinn dieses Verhaltens in sich selbst ruht, ist dieses Verhalten drittens auch aus sich selbst heraus erstrebenswert und lustvoll.

Jugend

Der Müßige fühlt sich in seiner Muße wohl und geborgen. Müßiges Verhalten ist viertens aktiv und passiv zugleich. Müßiges Verhalten ist »tätiges Nichts-Tun«, bei dem es genauso viel auf das Tun wie auf das Geschehenlassen ankommt. Und dies führt uns fünftens zu jenem Charakteristikum, das für eine Ökologie der Zeit besonders wichtig ist: Müßiges Verhalten ist nicht einseitig linear ausgerichtet, sondern es kreist auch um sich selbst. Wichtig ist deshalb nicht primär, wie lange etwas dauert, also der Chronos-Aspekt der Zeit, sondern der richtige Augenblick, also der Kairos.

Zum fünften Merkmal der Muße, dem Geschehenlassen, gehört das Warten. Von den müßigen alten Griechen heißt es, sie hätten auf das »Geschenk der Götter« gewartet. Wenn wir heute die Kunst des Müßiggangs als tätiges Nichtstun pflegen, können wir auf etwas anderes warten: auf einen schöpferischen Moment, an dem etwas wie von selbst geschieht – dass sich plötzlich ein bestimmtes Gefühl einstellt, eine Entdeckung gemacht wird, eine Fügung ergibt. Warten, bis etwas innerlich gereift ist und dann wie von selbst herausbricht. Ein Freund hat mir zum Beispiel erzählt, dass er vor kurzem innerhalb von zwei Tagen ein komplettes Schlafzimmer gebaut habe, mit allem Drum und Dran, nachdem er dieses Projekt zwei Jahre lang vor sich hergeschoben habe. Hätte er nicht gewartet, bis es reif war, sondern es pflichtgemäß rechtzeitig erledigt, hätte er, so seine Einschätzung, bestimmt acht Wochen gebraucht – und es wäre dennoch nichts Rechtes geworden.

Beim Warten auf den richtigen Augenblick kommt es auf die wache Aufmerksamkeit an. Dies ist der aktive Teil des tätigen Nichtstuns. Der Wartende sollte sich deshalb vor zerstreuenden Aktivitäten hüten, sollte seine Sinne wach halten und verfeinern, eine »vernehmende Vernunft« entwickeln. Gemeint ist die Fähigkeit, »schauen zu können, ein Schauen, das das Allgemeine, die Ordnung der Dinge, ihr Wesen, ihren Grund unmittelbar erkennt. Muße schaut die Welt an, den Himmel, ein Stück Gartenland – lassend, staunend, vernehmend, erkennt sie mit Leichtigkeit und wie von selbst das Zusammengehören von Mensch und Natur, sie bemerkt die Ordnung des Ganzen und die Wahrheit als Offenheit des Seins.« Jeder hat dieses Glück des Müßigseins schon an sich selbst erlebt, aber jeder auf andere Weise – im Kontakt mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit der Natur.