Integration ist hip: Was jugendliche MigrantInnen von der Politik erwarten können

Von: Prof. Dr. Karen Schönwälder (Professorin Max Planck Institut, Göttingen), Janina Söhn (Diplom-Soziologin, Gastwissenschaftlerin am Wissenschaftszentrum, Berlin)

Prof. Dr. Karen Schönwälder

Professorin Max Planck Institut, Göttingen

Prof. Dr. Karen Schönwälder ist seit Juni 2008 Professorin am Max Planck Institut zur Erforschung multi-religiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. Geboren wurde sie 1959 Berlin .Nach dem 1983 Staatsexamen an der Philipps-Universität Marburg (Politik-, Geschichts- und Erziehungswissenschaften) war sie von 1984 – 1991 wissenschaftliche Angestellte am Institut für Politikwissenschaft des Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Philipps-Universität Marburg. 1990 absolvierte sie ihre Promotion am Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und Philosophie der Philipps-Universität Marburg. Von 1992 – 1997 ...
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Janina Söhn

Diplom-Soziologin, Gastwissenschaftlerin am Wissenschaftszentrum, Berlin

Janina Söhn, Diplom-Soziologin, ist Gastwissenschaftlerin in der Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“ am Wissenschaftszengtrum in Berlin und Promotionsstipendiatin bei der Hans-Böckler-Stiftung. Thema der Dissertation: „Der Einfluss staatlicher Interventionen auf die schulische Integration von MigrantInnen: Aussiedler und ausländische Zuwanderer im Vergleich“. Zuvor war sie Referentin für Grundsatzfragen der Migrationsarbeit im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes. Sie absolvierte ein Praktikum in der deutschen Vertretung des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR). Danach erstellte sie eine Studie zum ...
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Integration ist hip. Die Bundesregierung hat die verbesserte Integration von MigrantInnen zu einem zentralen politischen Anliegen erklärt; so gut wie alle politischen und wichtigen gesellschaftlichen Kräfte scheinen sich einig, dass neue Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Chancen der in Deutschland lebenden Einwanderer zu verbessern. Was also können jugendliche MigrantInnen in den nächsten Jahren von der Politik erwarten?

Wer sind zunächst einmal die jugendlichen MigrantInnen in Deutschland? An erster Stelle wird man hier an die in Deutschland aufgewachsenen Kinder und Kindeskinder der ArbeitsmigrantInnen aus der „Gastarbeiter“-Ära denken, an zweiter Stelle an AussiedlerInnen sowie Flüchtlinge und deren Kinder. Wird der Blick auf junge Erwachsene erweitert, so kommen z. B. auch ArbeitnehmerInnen aus der EU und nachziehende EhegattInnen aus Drittstaaten und natürlich StudentInnen in den Blick. Denn auch unter MigrantInnen, die als Erwachsene in die Bundesrepublik gekommen sind, waren gut die Hälfte bei ihrer Einreise nicht älter als 30 Jahre, ein gutes Viertel unter 25. Zum Teil leben diese jugendlichen MigrantInnen einige Jahre in Deutschland; vielfach werden sie, soweit sie es wollen und dürfen, in Deutschland ihr Leben verbringen. Die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ist überaus heterogen hinsichtlich der Gründe, aus denen sie nach Deutschland kamen und – damit verknüpft – ihres Rechtsstatus, hinsichtlich ihrer Herkunftsländer und ihres kulturellen Backgrounds, ihrer ökonomischen Ressourcen und hiesigen sozialen Stellung.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAHauptprobleme sind für die Einen ein sicherer Rechtsstatus, der Zukunftsplanung, Ausbildung etc. ermöglicht, für die Anderen eine vernünftige Bildung und Ausbildung, gesellschaftliche Anerkennung, Mitbestimmung, für wieder Andere die gleichberechtigte Chance, Führungspositionen im Beruf oder der Politik zu erreichen. Nicht alle Teilgruppen sind in eine staatliche Integrationspolitik einbezogen; einigen – vor allem Flüchtlingen und ohne Erlaubnis in Deutschland lebenden MigrantInnen – soll Integration gezielt verwehrt werden. Diese Zweiteilung gehört zum System einer Integrationspolitik, die vergangene Einwanderungsprozesse i. w. akzeptiert und Konsequenzen zieht, in Gegenwart und Zukunft aber nur noch leicht integrierbare, gebildete Einwanderer auswählen möchte.

Neuzuwanderern bieten die Integrationskurse jetzt bessere Gelegenheiten, Deutsch zu lernen und einige Grundkenntnisse über die Bundesrepublik zu erwerben. Trotz des verpflichtenden Charakters sind die Integrationskurse ein „Renner“, die Nachfrage übersteigt immer noch das Angebot. Dass die Zahl der möglichen Unterrichtsstunden von 600 auf 900 erhöht wurde, zeigt, dass die Bundesregierung einen Erfolg der Kurse will – allerdings lässt die Bezahlung der Kursträger, die Dumpinglöhne oder die Beschäftigung schlecht qualifizierter Lehrkräfte nahe legt, dann wieder Zweifel aufkommen. Zudem sind MigrantInnen mit prekärem Aufenthaltsstatus von der Teilnahme ausgeschlossen – obwohl viele von ihnen langfristig hier leben werden.

Die politischen Bemühungen, verstärkt in Kindergärten das Deutschlernen von Migrantenkindern zu fördern, waren überfällig. Aber wie sieht es mit einer systematischen Deutschförderung in Schulen aus? Der Bund zeigt sich nach der Föderalismusreform im Bildungsbereich so gut wie handlungsunfähig. Die Versprechen der Länder im Nationalen Integrationsplan sind wenig verbindlich und wenig ehrgeizig. Es wird darauf ankommen, ob erklärte Absichten, wie die die Abbrecher- und Wiederholerquoten deutlich zu senken und Schulen mit hohen Anteilen benachteiligter SchülerInnen spezifische Mittel und besonders qualifiziertes Personal zur Verfügung zu stellen, auch umfassend umgesetzt werden. Zudem sollte man sich nicht der Illusion hingeben, eine bessere Deutschförderung könne alles richten. Auch Migrantenkinder, die als Erstsprache Deutsch sprechen, aber aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, werden weiterhin unter der sozialen Benachteilung leiden, die durch das dreigliedrige deutsche Schulsystem mit seinen bislang noch vorherrschenden „Teilzeit“-Schulen verursacht ist. Hier sind strukturelle Reformen nötig, nicht nur spezifische Maßnahmen für MigrantInnen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERADies gilt auch für den Bereich der beruflichen Ausbildung. Selbstverständlich sind Kampagnen zu begrüßen, die für die Potenziale von Migrantenjugendlichen werben oder MigrantInnen als AusbilderInnen mit ins Boot holen. Ohne eine substanzielle Erhöhung des Angebots von Lehrstellen seitens der Wirtschaft, werden aller Wahrscheinlichkeit nach aber Migrantenjugendliche – und zwar mit und ohne gute Schulleistungen – weiter benachteiligt werden.

Jungen Flüchtlingen nutzt unter Umständen ein guter Abschluss an einer Realschule oder am Gymnasium schon deshalb wenig, weil er oder sie im Anschluss aufgrund arbeitsrechtlicher Beschränkungen keine Chance hat, einen Ausbildungsvertrag zu ergattern. Immerhin können seit Anfang 2008 einige hiervon bislang ausgeschlossene Flüchtlinge oder Kinder von Flüchtlingen BAföG oder Berufsausbildungsbeihilfe erhalten. Insgesamt aber gehören Flüchtlinge und MigrantInnen mit prekärem Aufenthaltsstatus zu den Gruppen, denen gegenüber der Staat eher eine Desintegrations- als eine Integrationspolitik betreibt; sie sollen nicht dauerhaft ansässig werden.

Gerade das Beispiel der Flüchtlinge zeigt, dass Migrationspolitik immer eine integrationspolitische Komponente hat. Wenn Politik vor allem darauf zielt, die dauerhafte Niederlassung von Flüchtlingen zu verhindern, so wird das Damoklesschwert der jederzeit möglichen Abschiebung nicht gerade die Motivation bei Eltern und Kindern fördern, Deutsch zu lernen und den deutschen Anforderungen entsprechende Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse zu erreichen. Und wenn soziale Konflikte und Gewalt unter jahrelang lediglich geduldeten Migrantengruppen auftreten, hat das wohl nicht wenig mit ihrer unsicheren Lebenslage zu tun.

Extr_Ausgabe_24Gelegentlich wird heute der Eindruck vermittelt, Integrationspolitik könne durch eine energische, selektive Migrationspolitik gewissermaßen überflüssig gemacht werden. Tatsächlich aber lässt sich feststellen, dass die Wunschmigranten der Zukunft, die hochqualifizierten, anpassungsfähigen und -willigen jungen Zuwanderer, schon da sind. An deutschen Hochschulen studieren ca. 190.000 AusländerInnen. Mehr von ihnen zu halten, wäre durchaus eine Option, wenn hochqualifizierte Arbeitskräfte rar sind; die USA gewinnen so einen großen Teil ihrer Ingenieure, Ärztinnen etc. Momentan nehmen nur vereinzelte AbsolventInnen deutscher Hochschulen die Möglichkeit wahr, sich ein Jahr lang um Arbeit in Deutschland zu bemühen – 2005 und 2006 waren es zusammen etwa 2000 von etwa 14.500 Antragsberechtigten. Offensichtlich ist Deutschland nicht attraktiv genug oder die Wirtschaft zeigt sich nicht wirklich offen für diese ausländischen Hochqualifizierten.

In der Tat werden selbst hervorragend qualifizierte MigrantInnen häufig nicht oder nicht adäquat beschäftigt. Zwei neuere Studien haben gezeigt, dass unter Einwanderern der letzten Jahre das Bildungsniveau relativ hoch ist. Etwa die Hälfte der 20 bis 39jährigen besitzt die Fachhochschul-/Hochschulreife; 23% haben schon einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss – unter deutschen Staatsangehörigen sind dies nur 12% der Altersgruppe. Trotzdem aber ist die Arbeitslosigkeit unter den in diesem Jahrzehnt Zugewanderten mit Fach/Hochschulreife mit um die 20% hoch. Und von denen, die beschäftigt sind, sind etliche dies als ArbeiterInnen. Diese Zahlen bestätigen für Neuzuwanderer, was auch schon generell für hoch qualifizierte AusländerInnen und AussiedlerInnen festgestellt wurde, nämlich dass Arbeitslosenraten höher sind als unter (anderen) Deutschen.

Können hoch qualifizierte MigrantInnen erwarten, dass die Integrationspolitik ihre Chancen auf eine ausbildungsadäquate Beschäftigung verbessern wird? Das Gleichstellungsgesetz, das Diskriminierung endlich als gesellschaftlich inakzeptabel qualifizieren und einer Rhetorik von Diversity und Chancengleichheit durch Interventionsinstrumente Nachdruck verleihen sollte, bleibt bislang ohne Biss. Die mickrige Ausstattung und das sanfte Profil der Gleichstellungsstelle des Bundes lassen nicht erwarten, dass hier eine schlagkräftige Lobby für echte Gleichberechtigung im Entstehen ist. Diskriminierung ist in Deutschland immer noch zu selten ein Skandal und zu wenig Thema politischer Bewegungen. Solange sich das nicht ändert, ist von staatlichen Initiativen wohl nicht viel zu erwarten. Die Diversity-Initiativen einiger Wirtschaftsunternehmen und der Bundesregierung könnten vielleicht das Bewusstsein für das Potenzial multikultureller Belegschaften fördern und Handlungsanstöße geben. Ohne einen verbindlichen Rahmen aber und einen anhaltenden gesellschaftlichen Druck für Gleichberechtigung könnten die Veränderungen eher bescheiden bleiben.

Extr_Ausgabe_21Zu wenig präsent in den integrationspolitischen Debatten ist schließlich die politische Partizipation von MigrantInnen, viel zu sehr erscheinen diese noch als Objekte von Maßnahmen, nicht aber als Mitgestalter dieser Gesellschaft. Mit der erneuten Verschärfung des Staatsangehörigkeitsrechts wurde gar die symbolische Politik pro Zugehörigkeit konterkariert und den MigrantInnen erneut signalisiert, dass sie eben nicht mit offenen Armen in die politische Gemeinschaft aufgenommen werden. Jüngere AusländerInnen verloren hier das Recht, ohne Berücksichtigung einer eventuellen Abhängigkeit von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe eingebürgert zu werden. Wenn Arbeitslosen die Einbürgerung und damit der Erwerb voller politischer Rechte verweigert werden, droht eine Koppelung von sozialer und politischer Ausgrenzung weiter verfestigt zu werden.

So begrüßenswert die neuen integrationspolitischen Initiativen also sind, so sehr ist doch noch offen, ob sie wirklich eine Trendwende im Hinblick auf die katastrophale Bildungs- und Beschäftigungssituation vieler MigrantInnen bringen und die Anerkennung der Einwanderer als gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft vorantreiben werden.

Die Gewerkschaften waren einmal der Vorreiter formell gleichberechtigter politischer Partizipation von AusländerInnen. Keine andere Organisation organisierte so viele MigrantInnen, die bald z. B. auch Betriebsräte werden konnten. Heute ist es auch aufgrund ihrer oft prekären Beschäftigungslage schwer, den hohen Organisationsgrad von MigrantInnen zu halten. Und deren Repräsentanz in Gewerkschaftsgremien sollte verbessert werden. Dennoch: Das enorme Potenzial von Erfahrungen, das in den Gewerkschaften vorliegt, und der Pool politisch erfahrener MigrantInnen werden zurzeit gesellschaftlich noch viel zu wenig sichtbar.

Zum Weiterlesen:

Karen Schönwälder, Reformprojekt Integration, in: Jürgen Kocka (Hg.), Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Sozialwissenschaftliche Essays, Bonn 2008, S. 315-334 (Band 693 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung).

Karen Schönwälder, Diversity und Antidiskriminierungspolitik, in: Gertraude Krell, Barbara Riedmüller, Barbara Sieben, Dagmar Vinz (Hg.), Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze, Frankfurt/M.: Campus 2007, S. 163-178.

Janina Söhn, Bildungschancen junger Aussiedler(innen) und anderer Migrant(inn)en der ersten Generation. Ergebnisse des DJI-Jugendsurveys zu den Einwandererkohorten seit Ende der 1980er-Jahre, WZB Discussion Paper SP I 2008-503, Berlin 2008