Die Rückkehr des Marktfundamentalismus

Von: Michael Wendl (Soziologe, Gewerkschaften ÖTV und ver.di)

Michael Wendl

Soziologe, Gewerkschaften ÖTV und ver.di

Soziologe, hat von 1980 bis 2016 für die Gewerkschaften ÖTV und ver.di gearbeitet. Mitherausgeber der in Hamburg erscheinenden Monatszeitschrift „Sozialismus“.


Die Bedeutung von F.A. von Hayek für die Neue Rechte

Wenn wir nur das Wahlprogramm der AfD betrachten, so sehen wir eine in den wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen eindeutig wirtschaftsliberale Partei. Die Akzeptanz des gesetzlichen Mindestlohns ändert daran nichts. Einmal ist auch in neoliberalen Modellen ein Mindestlohn oder eine minimale Grundsicherung wie eine negative Einkommenssteuer, die auf einen Vorschlag von Milton Friedman zurückgeht, vorgesehen. Dieser Eindruck einer strikt wirtschaftsliberalen Sichtweise ändert sich, wenn wir das wirtschaftliche Denken der völkisch-nationalistischen Strömung am rechten Rande dieser rechten Partei betrachten. Hier wird eine Sicht propagiert, die auf soziale Sicherung setzt, diese aber auf Deutsche begrenzen will und damit offen nationalistisch und rassistisch argumentiert.

In einem der Traktate des rechtsradikalen Antaios-Verlags (Manfred Kleine-Hartlage, Neue Weltordnung. Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie? 2017), lesen wir zustimmende Verweise auf Texte, die auf den ersten Blick Kapitalismuskritik versprechen.  Einmal „Das Kapitalismus Komplott“ des Compact-Autors Oliver Janich und zum zweiten die Studie des linken Soziologen Hans-Jürgen Krysmanski „Hirten & Wölfe“. Die Untertitel der Bücher umreißen die Perspektiven. „Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden“ (Janich 2009) und „Wie die Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen“ (Krysmanski 2012).  Gemeinsam ist beiden Büchern die kritische Sicht auf das aktuelle Geldsystem und die Finanzmärkte. Beide Texte unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt. Krysmanskis Geld- und Elitenkritik kann einer traditionellen personalisierenden Kapitalismuskritik zugerechnet werden, die wir auch aus der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung kennen. Personalisierend meint hier, dass die Kritik nicht auf das kapitalistische System als solches, sondern auf das Handeln der Kapitalisten und Bankiers zielt. Hier ist es dann nicht weit zu einer Vorstellung, dass die Welt von diesen Personen im Hintergrund mit Hilfe willfähriger Politiker auch regiert wird.

Janich steht in einem markanten Gegensatz zu dem Marxisten Krysmanski, da er sich als begeisterter Anhänger des österreichischen Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek, zeigt. Hayek, dem 1974 zusammen mit dem schwedischen Ökonomen Gunnar Myrdal der sog. Wirtschaftsnobelpreis (der eigentlich ein Preis der schwedischen Reichsbank ist) verliehen wurde, war der bekannteste Philosoph der sog. Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hayek spielt in der AfD eine Rolle, weil Mitglieder der deutschen Hayek-Gesellschaft in der AfD wichtige Rollen spielen, wie Alice Weidel, Beatrix von Storch, Peter Boehringer u.a. Das hat 2015 zum Rücktritt und Austritt der Vorsitzenden Karen Horn und anderer Mitglieder aus dieser Gesellschaft geführt. Hier zeigt sich eine Verbindung zwischen einem radikalen Wirtschaftsliberalismus einerseits und der Vereinnahmung dieses Denkens für eine nationalistische Wirtschaftspolitik.

Foto: Gerhard Endres

Die Ideologie der Österreichische Schule

Diese österreichische Schule geht zurück auf Debatten um den quasi naturgesetzlichen Charakter von Marktprozessen, in die deshalb nicht durch menschliche Handlungen eingegriffen werden kann. Diese Sicht wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch einige österreichische Ökonomen, insbesondere Carl Menger und Eugen von Böhm-Bawerk begründet. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielte der Aufsatz „Macht oder ökonomisches Gesetz?“ von Böhm-Bawerk. Dieser Beitrag greift die Frage auf, ob die Entwicklung der Löhne durch ökonomische Gesetze oder durch die Macht der Gewerkschaften bestimmt wird. Böhm-Bawerk, betont den Vorrang der ökonomischen Gesetze und erläutert das an der Rolle der drei Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit. Jeder dieser Faktoren werde nach seiner Grenzproduktivität entlohnt und erhalte daher den ihm zustehenden Ertrag als Rente, Profit oder Lohn. Mit Grenzproduktivität sind die Kosten der jeweils letzten Einheit dieser Produktionsfaktoren, die im kapitalistischen Prozess angewandt werden, gemeint. Die Vertreter dieser Produktionsfaktoren werden also entsprechend ihrem Beitrag zur gesamten Wertschöpfung angemessen bezahlt und eine zusätzliche Umverteilung dieser Markteinkommen ist nicht nötig, es sei denn für Arme und Alte. [1] Wenn sich der Lohn bei Arbeitslosigkeit nach unten flexibel erweist, wird auch wieder ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt erreicht. Die Wirkung dieser ökonomischen Gesetze führe daher aus sich heraus zu einer gerechten Einkommensverteilung. Wenn die Macht der Gewerkschaften diesen Kreislauf stört, führt das nur zur Arbeitslosigkeit.  Der Böhm-Bawerk-Schüler Ludwig von Mises hat die Kritik an diesen, dem Gesetzescharakter der ökonomischen Zusammenhänge widersprechenden menschlichen Handlungen nicht wie Böhm-Bawerk auf die Bestimmung des Lohnniveaus, sondern auf die mit der Kreditschöpfung durch die Banken verbundene künstliche Ausweitung und aus seiner Sicht künstliche Manipulation der Geldmenge gerichtet.

Nach dem Mises-Schüler und zugleich Weggefährten Hayek ist die Voraussetzung für die Freiheit des Einzelnen, die Bereitschaft, sich den Kräften und den diesen Kräften innewohnenden Gesetzen des Marktes bedingungslos zu unterwerfen. Wenn das geschieht, winken nicht nur dem Einzelnen, sondern der Gesellschaft insgesamt Wohlstand und Glück. Hayeks zentrale These ist in sich widersprüchlich, weil die Voraussetzung der persönlichen Freiheit die Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes ist

Gegen diese Voraussetzung der unbedingten Anpassung an die Gesetze des Marktes wird verstoßen, wenn der Staat versucht, in diese Kräfte und Gesetze des Marktes steuernd und regulierend einzugreifen. Dabei setzt die Todsünde oder das größte Verbrechen mit der Etablierung eines staatlichen Geldsystems ein. Unter diesem staatlichen Geldsystem wird die Zentral- oder Notenbank des Staates verstanden. Durch diese kann vom Goldstandard als der quasi natürlichen Geldreserve abgewichen und Geld selbst hergestellt werden. Diese Geldschöpfung aus dem „Nichts“ durch das Zusammenwirken von Zentralbanken und Geschäftsbanken steht im Zentrum der Kritik von Mises und Hayek. Hayek hat anschließend an diese Kritik der Geldschöpfung durch das zweistufige Bankensystem (Geschäftsbanken und Zentralbank) seine monetäre Konjunkturtheorie entwickelt. Konjunkturkrisen entstehen nach dieser Sicht aus einem durch die Geldschöpfung entstandenen Übermaß an Krediten, die zu überflüssigen Investitionen anregen und damit den Zustand einer Überinvestition erzeugen, der dann zu einer Wirtschaftskrise führt.

Hinter dieser Kritik an den durch Kredite finanzierten überschüssigen Investitionen steht das Ideal eines Gleichgewichts auf dem Kapitalmarkt, das dadurch erreicht wird, dass die Höhe der Zinsen den Zusammenhang von Ersparnissen und dadurch finanzierten Investitionen herstellt und so den Wirtschaftskreislauf im Gleichgewicht hält. Die übermäßige Geldschöpfung durch die Banken zerstört diesen natürlichen Zusammenhang und erzwingt dadurch Wirtschaftskrisen, die dieses Gleichgewicht wiederherstellen müssen. Die umlaufende Geldmenge sollte in diesem Modell durch Gold gedeckt sein. Das knappe Angebot und nicht einfach vermehrbare Angebot an Gold führt dazu, dass die Geldmenge nicht darüber hinaus ausgedehnt werden kann.

Dass eine solche rückwärtsgewandte Sicht auf Geld und Gold heute wieder an Einfluss gewinnt, zeigt eine Art von romantischer Verklärung einer „unverfälschten Marktwirtschaft“ und einer entsprechend als harmonisch stilisierten Vergangenheit, die es nie gegeben hat.  In den 1920er und 1930er Jahren, also zu der Zeit, als Hayek seine Konjunkturtheorie entwickelt hatte, findet eine kontroverse Debatte über den Einfluss von Geld und Kredit auf den gesamten Kreislauf von Investitionen und Beschäftigung statt. Für Deutschland spielt diese Kontroverse bei der Debatte über die Notverordnungen (die Austeritätspolitik) des Reichskanzlers Heinrich Brüning eine zentrale Rolle, weil die Gewerkschaftsökonomen um Wladimir Woytinski im sog. WTB-Plan (Woytinski-Tarnow-Baade) die Finanzierung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen per Kreditschöpfung gefordert hatten. Das wurde von anderen nonkonformistischen Ökonomen wie Wilhelm Lautenbach u.a. (später als „deutsche Keynesianer“ bezeichnet) auch gefordert. Die Konservativen und die damals in Wirtschaftsfragen noch marxistische SPD hatten diese Kreditschöpfung aus dem Nichts wegen der Befürchtung einer dadurch drohenden Inflation abgelehnt. Bereits damals waren wir in einer Situation, in der wissenschaftliche Fortschritte in der Geldtheorie und Geldpolitik von Konservativen (wie auch Hayek) und Linken gemeinsam blockiert wurden, weil diese an den tradierten Vorstellungen festhielten. Ein ähnliches Bild sehen wir heute, wenn die expansive Geldpolitik der großen Zentralbanken auf massives Misstrauen nicht nur bei rechten und wirtschaftsliberalen Ökonomen sondern auch bei der politischen Linken stößt. [2]

Keynes schlägt Hayek

Die Gegenposition zu Hayeks monetärer Konjunkturtheorie wurde durch den englischen Ökonomen John M. Keynes entwickelt. Keynes hielt den Goldstandard für ein „barbarisches Relikt“ und machte das Festhalten am Gold und das dadurch angeregte Horten von Geld als Vorsichtsmaßnahme in unsicheren Zeiten für Krisen verantwortlich. Der Zins wird als Preis für die Ausleihe von Kapital und damit als Belohnung für den Verzicht auf Liqiditätspräferenz verstanden. Durch das Horten von Geld kommt es zu einer Nichtauslastung der vorhandenen Kapazitäten von Kapital und Arbeitskräften und damit zu Arbeitslosigkeit. Das Festhalten am Gold als Deckung der Geldmenge hatte in der Weltwirtschaftskrise 1929-32 staatliche Maßnahmen gegen die Massenarbeitslosigkeit blockiert und durch die damit verbundenen Lohnsenkungen und Kürzungen der Staatsausgaben („Austerität“) die Arbeitslosigkeit weiter erhöht. Aus der Sicht von Hayek war dieses ein natürlicher Prozess im Rahmen der Reinigungskrise, die überflüssiges Kapital entwertet und zu hohe Löhne so weit senkt, dass ein neuer Aufschwung beginnen kann. Keynes hat bekanntlich daraus den Schluss gezogen, dass der Staat mit der Finanzierung von öffentlichen Investitionen über Kredite diese Kapazitäten wieder auslastet und damit die Arbeitslosigkeit deutlich verringert. In den 1930er Jahren hat sich Keynes in dieser Kontroverse gegen Hayek eindeutig durchsetzen können. Wissenschaftlich war Hayek erledigt. Er hat dann auch dieses Feld der monetären Konjunktur- und Krisentheorie verlassen und sich der sozialphilosophischen Begründung der notwendigen Grenzen des menschlichen Handelns zugewandt. Für Hayek waren staatliche Eingriffe in den Wirtschaftskreislauf Ausdruck einer „Anmaßung von Wissen“, eines Wissens, über das Menschen nicht verfügen können.

Hayek kommt zurück

Solange sich die staatliche Wirtschaftspolitik und die Geldpolitik der Zentralbanken erfolgreich, wenn auch nur unvollständig und in einer gezähmten Fassung an die Vorschläge von Keynes und seiner Anhänger hielten und die Arbeitslosigkeit niedrig war, spielten Hayek und die österreichische Schule außerhalb ihrer Anhängerschaft keine Rolle mehr. Erst nach der schweren Wirtschaftskrise 1973-75 und der dadurch ausgelösten hohen Arbeitslosigkeit kam es zu dieser Konterrevolution in der ökonomischen Theorie, die neoliberales Denken wieder populär gemacht hat. Dieser Aufstieg verbindet sich mit den Namen von Milton Friedman und Hayek. Friedman erhielt 1973, also ein Jahr vor Hayek, diesen Wirtschaftsnobelpreis. Hayek schlug einen Wettbewerb zwischen verschiedenen privaten Währungen, die von den Geschäftsbanken ausgegeben werden, vor, weil das seiner Vorstellung von Marktgesetzen entsprach. Faktisch hielt er am Gold als Gelddeckung fest, weil die verschiedenen Währungen einen stabilen und wertbeständigen Anker benötigen, damit es nicht zu einer Expansion der Kredite und damit der Geldmenge kommt. Dagegen akzeptierte Friedman die Loslösung von Gold und plädierte für eine an feste Regeln gebundene Geldmengensteuerung durch die Zentralbanken (das wird als Monetarismus bezeichnet). Dadurch sollte die Geldmenge knappgehalten und Inflation verhindert werden. Sowohl Friedman wie Hayek waren damals wegen ihrer Sympathie mit politischen Diktaturen (Pinochet in Chile, die Militärjunta in Argentinien) berüchtigt, ihrer Reputation als neoliberalen Ökonomen hat das aber nicht geschadet. Diese Vorliebe für Diktaturen und autokratische Herrschaft ist in diesen geldpolitischen Doktrinen angelegt, weil eine handlungsfähige Mehrheitsdemokratie der Arbeiterbewegung so viel Einfluss ermöglichen kann, dass diese, unterstützt durch progressive Ökonomen, [3] eine an dem Ziel der Vollbeschäftigung orientierte Geld- und Finanzpolitik durchsetzen kann. Nichts hasste Hayek mehr als eine politische Mehrheit, die sich erdreistete, in die Marktgesetze einzugreifen, um sich vor den zerstörerischen Kräften des Marktes [4] zu schützen.

Die Konterrevolution in der herrschenden ökonomischen Theorie machte es möglich, dass Margaret Thatcher und Ronald Reagan sich in ihrer praktischen Wirtschaftspolitik an Hayek und Friedman orientieren konnten. Deren Ideologien haben den großen Vorteil, dass die den Marktkräften den absoluten Vorrang einräumen und dadurch die Politik entlasten. Es müssen nur die Marktkräfte freigesetzt und die Kapital-, Güter- und Arbeitsmärkte dereguliert werden. In geldtheoretischen Fragen wurde die Österreichische Schule dann durch den Mainstream der monetaristischen und neoklassischen Lehren [5] an den Rand gedrängt. Hayek galt als Ultraliberaler unter den Neoliberalen, aber sein entschiedenes Eintreten für die Golddeckung der Geldmenge galt als überholt, weil eine Rückkehr zum Gold allgemein für nicht realisierbar gehalten wurde. Auch die monetaristische Regelbindung der Geldschöpfung der Zentralbanken, mit der die Geldmenge knappgehalten werden sollte, wurde bald aufgegeben. Nur in Deutschland konnte sie sich im Modell der Deutschen Bundesbank noch bis in die Zeit der EZB hinein halten, Die anderen großen Zentralbanken hatten sich vom Monetarismus als geldpolitischer Doktrin frei gemacht. Durch die hohe Ersparnisbildung und die starke Exportorientierung der deutschen Industrie war eine an eine an Geldwertstabilität orientierte Geldpolitik sehr populär – was bis heute noch gilt. Auch teilte die Mehrheit der neoliberalen Ökonomen Hayeks Plädoyer für einen auf innere wie äußere Sicherheit und Rechtsprechung beschränkten Minimalstaat in dieser primitiven Variante nicht. Trotzdem hat Hayek seine Fans unter Wirtschaftspublizisten und Ökonomen, die sich in der Hayek-Gesellschaft organisiert hatten. Die Beziehungen zwischen den Ordoliberalen der sog. Freiburger Schule – der deutschen Variante des internationalen Neoliberalismus – und den Hayekianern waren eng, wurden aber nicht offen gezeigt. Dazu war der überzeugte Antidemokrat Hayek doch zu extrem. Nach der Finanzmarktkrise 2007/08 wurde die Österreichische Schule wieder populär. Dahinter steht der Glaube, dass eine Anbindung der Geld- und Kreditschöpfung an das Gold die exzessive Kreditvergabe und Geldschöpfung durch das Bankensystem und die diese Kreditschöpfung stützende expansive Geldpolitik der amerikanischen Notenbank verhindert hätte.

Foto: Gerhard Endres

Im Zentrum der Kritik: Geld und Kredit

Die dadurch ausgelösten geldpolitischen und geldtheoretischen Debatten zielten über die Kredit- und damit auch die Geldschöpfung der Geschäftsbanken. Die Kritik richtete sich aber auch auf die expansive Geldpolitik der Zentralbanken. Mit der Rückbesinnung auf Geldtheorie und Geldpolitik tauchte der Wunsch nach der auch physischen Wiederkehr des Goldes als Fundament einer Währung wieder auf.  Wir haben es aktuell mit drei verschiedenen Geldtheorien und geldpolitischen Denkweisen zu tun. Einer neokeynesianischen Sicht, die von der EZB und den anderen großen Notenbanken der USA, Englands und Japans repräsentiert wird. Hier wird die Zentralbank als Kreditgeber der letzten Instanz (Lender of last Resort) verstanden, deren Geldschöpfung einen Zusammenbruch der Geschäftsbanken verhindern muss.  Daneben hält sich hartnäckig der monetaristische Glaube an knappes Geld, dem die deutschen Ordoliberalen und die deutsche Bundesbank anhängen. Hier wird die expansive Geldpolitik der großen Zentralbanken scharf kritisiert und die Rückkehr zum überholten Modell der deutschen Bundesbank gefordert. Dieses deutsche Modell wird parteiübergreifend von nahezu allen Parteien, bis in die Teile der Linkspartei hinein gestützt. Drittens spielen die Hayekianer, die eine Rückkehr zum Goldstandard fordern, wieder eine Rolle.

Die Differenziertheit dieser geldpolitischen und geldtheoretischen Sichtweisen zeigt, dass der politische Kampfbegriff des Neoliberalismus eine angemessene Wahrnehmung des aktuellen ökonomischen Denkens nicht erhellt, sondern unmöglich macht. Die rechtsextremen Hayek-Fans verstehen ihre Heilslehre gerade nicht als eine radikale Variante des Neoliberalismus. Neoliberal oder keynesianisch finden sie die Geldschöpfung durch das Bankensystem und die expansive Geldpolitik der Zentralbanken. Dadurch werden die Gesetze des Kapitalmarkts außer Kraft gesetzt hat und das Zinsniveau verliert seine Steuerungsfunktion für Investitionen.

Der harte Kern dieser Banken- und Geldkritik besteht darin, dass sie sich Marktwirtschaft als eine realwirtschaftliche Idylle mit funktionierendem Wettbewerb vorstellen. Eine solche Marktwirtschaft ist nach ihrem Glauben aus sich selbst heraus sozial und benötigt deshalb keine Sozialpolitik. Deshalb auch Hayeks entschiedene Ablehnung des Sozialstaats und der Idee von sozialer Gerechtigkeit. In diesem Aspekt trifft er sich mit Walter Eucken, dem wichtigsten Ideologen des Ordoliberalismus. Diese marktwirtschaftliche Idylle wird nicht als Kapitalismus verstanden. Kapitalismus entsteht aus dieser Sicht erst, wenn durch Monopole und Oligopole der Wettbewerb auf den Gütermärkten aufgehoben, durch die Geldschöpfung das Gleichgewicht auf dem Kapitalmarkt zerstört, und durch Gewerkschaften und staatliche Eingriffe die Gesetze des Arbeitsmarkts unterlaufen werden. Diese Sicht erklärt auch, warum im modernen Kapitalismus in Zeiten schwerer Krisen eine romantische Verklärung der Vergangenheit und eine Sehnsucht nach den vermeintlich einfachen und durchschaubaren Verhältnissen dieser Zeit populär wird. Diese Verhältnisse hat es in der historischen Wirklichkeit nie gegeben, es handelt sich dabei um eine Idealisierung von Glaubenssätzen, die zu einer positiven Utopie verdichtet werden. Wir verstehen diese Radikalität dieses ordnungspolitischen Denkens besser, wenn sie im historischen Kontext mit der sowjetischen Planwirtschaft und dem politisch gelenkten Kriegskapitalismus unter der NS-Herrschaft gesehen wird. Hayek und Mises dachten nicht im Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, sondern im Gegensatz von sog. Verkehrswirtschaft (= Marktwirtschaft) und sog. Zentralverwaltungswirtschaft (= Planwirtschaft). Eine durch Wettbewerb gelenkte Verkehrswirtschaft war aus dieser Sicht kein Kapitalismus. [6] Keynesianische und sozialdemokratische Wirtschaftspolitik waren für Hayek nur die Vorformen von Plan- oder Zentralverwaltungswirtschaft. Hayek hat einen gleichsam religiösen Glauben an die segensreichen Wirkungen des Marktes gepredigt. Sich den Märkten bedingungslos zu unterwerfen, bedeutet in dieser Perspektive nicht Unsicherheit, sondern Sicherheit. Man ist nicht mehr in der Hand Gottes, sondern in der Hand des Markts, der von sich aus für Gleichgewicht sorgt. Es handelt sich um eine radikale Reduktion von gesellschaftlicher Komplexität, die das Leben erleichtern soll. Die Sehnsucht nach dieser Einfachheit, die es vermeintlich in der Vergangenheit gegeben haben soll, wird dadurch wieder reaktiviert.

Für die Anhänger von Hayek und Mises war die Durchsetzung eines neuen Systems der Geldschöpfung und einer darauf basierenden Kreditvergabe das Resultat einer Verschwörung der Wirtschaftseliten und ihnen nahestehender Politiker. Hinter dem Rücken der Gesellschaft hatten sich Politik und Großbanken mit ihren Konzepten einer politischen Steuerung der Geldproduktion und der Kreditvergabe durchgesetzt. Dadurch wurde der Marktprozess, mit der Höhe des Zinses einen direkten Zusammenhang von Ersparnissen und Investitionen herzustellen, aufgehoben. Investitionen konnten durch eine Kreditschöpfung aus dem Nichts finanziert werden, der vorhergehende Rückgriff auf die Ersparnisse war nicht mehr nötig. Im Zentrum dieser Dämonisierung steht die Gründung der US-Federal Reserve, also der amerikanischen Zentralbank. Dadurch wurde die Geldschöpfung zum Monopol der Notenbank. Vorher hatten die Geschäftsbanken ihre Dollars ausgegeben und es bestand Wettbewerb zwischen den Banken um das stabilste Geld.

Die Wirtschaft verstehen – ein evolutionärer und umkämpfter Prozess

Dieser Paradigmenwechsel war das Resultat der aus praktischer Erfahrung der Wirtschaftsakteure stammenden neuen Erkenntnisse über die Rolle von Geld und Kredit in einer kapitalistischen Wirtschaft.  Schon 1905 erschien in Deutschland Georg Friedrich Knapps „Staatliche Theorie des Geldes“, mit der die Notwendigkeit des Geldes nicht aus Marktprozessen, sondern aus dem Schuldverhältnis von Staat und Bürgern erklärt wurde. Die Bürger müssen für die staatlichen Leistungen Steuern zahlen und der Staat produziert über seine Zentralbank das Geld, mit dem diese Steuern bezahlt werden. Damit wurde dem Staat die Zuständigkeit für die Geldschöpfung zugewiesen. Später wurden diese Erkenntnisse durch große Ökonomen wie Joseph Schumpeter und John M. Keynes theoretisch zu erklären versucht. Für die Österreichische Schule markierte das das „größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte“ (Janich), weil die staatliche Schöpfung von neuem Geld durch die Zentralbanken die Gesetze auf den Finanzmärkten aushebelt. Aus der Sicht von Hayek und Mises handelte es sich nicht um neues Wissen über die Funktionen von Geld und Kredit, sondern um eine verhängnisvolle Anmaßung und Vortäuschung von Wissen, das es nicht geben darf und kann. Damit begann der „Weg in die Knechtschaft“ (Hayek) einer durch Staat und Finanzkapital gelenkten Zentralverwaltungswirtschaft. Hier sehen wir eine oberflächliche Nähe zum damaligen Stand des Marxismus, der unter dem Eindruck des Buches „Das Finanzkapital“ des Austromarxisten Rudolf Hilferding ebenfalls von einer Herrschaft des Bankkapitals über das Industriekapital und damit über die industrielle Produktion ausgegangen war. Auch die Marxisten dieser Zeit gingen mindestens bis 1932 noch von der Notwendigkeit der Golddeckung des Geldes aus. Teilweise hat diese Ignoranz der Geldschöpfung durch das zweistufige Bankensystem bis heute unter bestimmten Marxisten noch Bestand. Nach der Finanzmarktkrise 2007/08 und an der an sie anschließenden schweren Wirtschaftskrise bis 2009, die sich danach als sog. Eurokrise fortgesetzt hat, sind solche, kritisch gegen Geld- und Kreditschöpfung gerichtete Anschauungen wieder populär geworden. Hayek hat dabei besondere Bedeutung bekommen, weil er von den Kritikern des modernen Geld- und Kreditsystems der radikalste gewesen ist und seine Sozialphilosophie der Unterwerfung der Menschen und damit auch des Staates und des staatlichen Geldsystems unter die Gesetze des Marktes von einer bestechenden Einfachheit ist und damit auf den ersten Blick hilft, komplexe und nicht verstandene Zusammenhänge und Prozesse scheinbar zu durchschauen.

Es ist eine Art von Maschinenstürmerei, die nicht auf Maschinen, sondern auf Geldschöpfung aus dem Nichts, auf eine Geldschöpfung ohne direkte, im Geldsystem selbst liegende Grenzen zielt. Das Knapphalten des Geldes wird dann einmal zu einer geldpolitischen Aufgabe der Zentralbank und zur Aufgabe der staatlichen Wirtschaftspolitik. In der Konsequenz wird das auf eine Finanzierung der Staaten durch ihre Zentralbanken hinauslaufen, was in den USA und Japan bereits der Fall ist, weil hier die beiden Zentralbanken bereits Anleihen ihrer Staaten direkt und nicht mehr auf den Sekundärmärkten kaufen. Gegen diesen Übergang auf eine direkte Staatsfinanzierung wird es in Deutschland enormen Widerstand geben. Geld können sich viele Menschen nur als etwas Dingliches, als Warensumme oder als Gold vorstellen. Das führt dann zu dieser romantischen Verklärung einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat.

[1] Die Grenzproduktivitätstheorie ist eine ideologische Konstruktion, weil die Größen von Lohn und Profit durch Verteilungs- und damit Machtkämpfe bestimmt werden. Auch ist die Grenzproduktivität eine nicht messbare Größe, weil in einer arbeitsteiligen Wirtschaft die Produktivität einzelner Arbeitskräfte nicht festgestellt werden kann. So ist die in der Debatte um den Mindestlohn vertretene These, dieser übersteige die Grenzproduktivität niedrig qualifizierter Arbeitskräfte, ökonomischer Unsinn. Arbeitskräfte leisten in der Regel mehr als sie an Lohn erhalten.

[2] Wir sehen das an der aktuellen Diskussion, in der wirtschaftsliberale Ökonomen, wie H.W. Sinn eine Inflation als Folge der expansiven Geldpolitik der EZB prognostiziert und dabei große Unterstützung erhalten hatten. Auch innerhalb der politischen Linken wurde diese Geldpolitik kritisiert, z.B. durch Sahra Wagenknecht. Heute wird allgemein anerkannt, dass die EZB damit 2012 den Zusammenhalt der Europäischen Währungsunion gesichert hat.

[3] Das waren damals Ökonomen wie Keynes, die deutschen „Keynesianer vor Keynes“, wie Wilhelm Lautenbach, Gerhard Kolm u.a., die auch die amerikanische Diskussion beeinflusst haben und damit zu den Vorbereitern des New Deal durch Roosevelt wurden. Deutsche Ökonomen emigrierten bei der Flucht vor den Nazis in die USA und spielten dort einflussreiche Rollen.

[4] Karl Polanyi, ein in die USA emigrierter österreichischer Wirtschaftshistoriker hat diese politische Begrenzung der „Satansmühle“ der Märkte in seinem Buch „The Great Transformation“ nachgezeichnet und theoretisch begründet.

[5] Unter neoklassisch wird eine der Denkschule innerhalb des neoliberalen Dogmengebäudes verstanden, die ein rationales Verhalten der Wirtschaftsakteure als nutzenkalkulierende und -maximierende Individuen (homo oeconomicus) unterstellen. Der Monetarismus, die österreichische Schule und der deutsche Ordoliberalismus sind eigenständige Varianten in diesem Dogmengebäude

[6] Sahra Wagenknechts Plädoyer für „Reichtum ohne Gier“ basiert auf dieser Unterscheidung zwischen einer „guten Marktwirtschaft“, die reaktiviert werden soll und einem “schlechten Kapitalismus“, der überwunden werden muss. Siehe Sahra Wagenknecht, Reichtum ohne Gier, 2017.