Berufsbildenden Schulen und Religionsunterricht

Von: Dr. Markus Seibt (Religionspädagoge)

Dr. Markus Seibt

Religionspädagoge

Dr. Markus Seibt ist Dipl.- Theologe und Dipl.- Religionspädagoge. Derzeit ist der Religionslehrer i. K. und Beauftragter für Schulpastoral an der Berufsschule II Passau. Zugleich ist er tätig als Referent für berufsbildende Schulen der Diözese Passau, Lehrbeauftragter an der Hochschule Regensburg und an der Stiftungsfachhochschule München.


Die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ („Liebe in Wahrheit“) im Kontext der Berufsbildenden Schulen bzw. des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen

In der Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ setzt sich Papst Benedikt XVI. mit der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise auseinander und fordert ethische Standards in allen Bereichen, vor allem auch eine menschenfreundliche Ethik in der Wirtschafts- und Arbeitswelt. Das Lehrschreiben ist an die katholische Welt und an alle Menschen guten Willens gerichtet. Welche Relevanz hat nun die Enzyklika für den Alltag der Menschen bzw. den Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen? Der vorliegende Artikel versucht den Fokus auf die Berufsbildenden Schulen zu richten und Antworten auf diese Fragen zu finden.

Der Papst ruft dazu auf, dass sich der Mensch nicht nur von Profitmaximierung, sondern auch vom Wunsch nach Solidarität und Gemeinwohl antreiben lassen soll.

Die Krise, die sowohl die Industrieländer als auch die Entwicklungsländer stark betroffen habe, führe vor Augen, dass bestimmte wirtschaftliche Paradigmen, die in den letzten Jahren dominiert hätten, überdacht werden müssten. Benedikt XVI. plädiert für ein Wirtschaftssystem, das den Menschen, seine Würde und Rechte in den Mittelpunkt stellt, das das Gemeinwohl unterstreicht, vor allem hinsichtlich der Chancengleichheit und das Werte definiert, die naturrechtlich begründet und mit der Vernunft akzeptiert sein sollen, wie das Recht auf Leben, auf Familie und auch auf Arbeit. In seiner dritten Enzyklika nimmt Papst Benedikt XVI. soziale Themen auf, die in der Enzyklika Paul VI. mit dem Titel „Populorum progressio“, beschrieben wurden.  Es geht ihm vor allem um ethische Normen und um die Entwicklung der Menschen im Zeitalter der Globalisierung. Als Grund für die aktuelle Weltwirtschaftkrise sieht der Papst vor allem einen Mangel an Ethik. Er spricht die Situation der Beschäftigungskrise und den  Schutz der Familie an. Der Papst äußert sich zu neuer Armut und zu einer Schwächung der sozialen Netze. Er beklagt die Auslagerung von Arbeitsplätzen und den Kapitaltransfer ins Ausland, der der jeweiligen Bevölkerung Schaden zufüge (vgl. CV 35f., Benedikt XVI. 2009, S. 74f.).

Habermas (vgl. 2008, S. 53f.) beunruhigt bezüglich der aktuellen Wirtschaftskrise vor allem die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass „die sozialisierten Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen am härtesten treffen“. Er gibt zu bedenken: „In Krisenzeiten braucht man vielleicht eher eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams“. Eine solche weitergehende Perspektive bietet die neue Sozialenzyklika an. Es gehört zur Verkündigung (martyria) als eine der drei Grundvollzüge der Kirche (diakonia, martyria, liturgia) dazu, dass sie Fragen, die das Leben der Menschen betreffen, aufnimmt. Ottmar Fuchs (vgl. 1990, S. 209f.) misst zwei Grunddimensionen, die sich für die an der Evangelisierung orientierte Identität der Kirche ergeben eine besonders herausragende Bedeutung zu: die Martyria und die Diakonia, die Verkündigung in Wort und Sakrament und der heilende und befreiende Dienst an allen Menschen. Auch Benedikt XVI. (vgl. CV 2, 2009, S. 17f.) sagt in seinem neuen Lehrschreiben, dass  die katholische Soziallehre ein Teil der Glaubensverkündigung ist. Die Liebe – „caritas“ – ist dabei der Hauptweg der Soziallehre der Kirche (vgl.). Er fordert eine soziale Nächstenliebe, um die Zusammenarbeit zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu fördern und um gemeinsam für die Gerechtigkeit der Menschheit einzutreten (vgl. CV 57, Benedikt XVI. 2009, S. 118f.).

Kernthemen der Sozialenzyklika im Kontext der Berufsbildenden Schulen

In sechs Kapiteln geht die neue Sozialenzyklika auf sehr viele Aspekte aktueller, alltäglicher Herausforderungen ein und deutet sie im Licht der Katholischen Soziallehre. Folgende Kernthemen des päpstlichen Lehrschreibens sind vor allem für die Berufsbildenden Schulen relevant und kommen im aktuellen Lehrplan für berufsbildende Schulen zum tragen: Familie, Werte- und Sinnorientierung, Moderne Arbeitswelt, Arbeitslosigkeit (JoA), Menschenfreundliche Ethik, Menschenrechte, Mensch und Umwelt.

Der Titel „Caritas in veritate“, macht deutlich, dass die sozialen Probleme nur menschlicher und gerechter von einem Grundansatz der Liebe her gelöst werden können. Dabei ist Liebe bzw. Nächstenliebe die grundsätzliche Bereitschaft, dem anderen zu begegnen, bis hin zur Erkenntnis, dass wir zu einer Menschheitsfamilie gehören. Diese Überzeugung kann nur tragfähig und nachhaltig sein, wenn sie vom Menschenbild der Gottebenbildlichkeit aller Menschen ausgeht. Es geht nicht nur um eine materielle Entwicklung oder Wohlstandsmehrung.

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Es geht um das Leben des Menschen insgesamt. Nur wo eine positiv annehmende Haltung dem Leben gegenüber da ist, kann das Leben gelingen. Wenn wir die aktuellen Herausforderungen nicht als einen wirklichen Lernort, als Chance begreifen, haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Die Soziallehre der Kirche und der Glaube können der Vernunft aufhelfen und deutlich erkennen lassen, wie wir die Zeichen der Zeit zu verstehen haben (vgl. Marx 2009).

Der Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen leistet einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Lebens.Er ist kein isolierter Lernort innerhalb des Gefüges berufsbildender Schulen, sondern Teil des größeren Bildungszusammenhanges. Neue religionspädagogische Überlegungen versuchen deshalb allgemein bildendes, individuelles und berufsbezogenes Lernen zu verknüpfen. Arbeits- und Lebenswelt bilden dabei die theologisch und religionspädagogisch relevanten Arbeitsfelder. Der Religionsunterricht regt an, das eigene Handeln in übergreifenden und beziehungsreichen Zusammenhängen wahrzunehmen. Die eigenverantwortliche Gestaltung des Lebens angesichts privater und beruflicher Herausforderungen bedarf kritisch-stärkender Begleitung. Der Beruf gehört zur Lebenswirklichkeit jugendlicher Auszubildender. Im Religionsunterricht findet eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Berufsgestaltung, im Erwerbsleben und in der Lebensgestaltung statt. Deshalb ist der Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen deutlich auf das Lebensfeld „Arbeit“ auszurichten. Außerdem hilft der Religionsunterricht in beruflichen und außerberuflichen Lebenssituationen authentisch, kritisch, zukunftsoffen und vor allem solidarisch zu handeln (vgl. Rau 2004, S. 48f.).

Werte- und Sinnorientierung in Zeiten der Globalisierung
Gerade in der Phase der Ausbildung brauchen junge Erwachsene Werte- und Sinnorientierung. Junge Menschen „sind religiöse Wesen von innen heraus. Sie dürfen mit ihren religiösen Fragen nicht im Regen stehen gelassen werden. Wenn man schon sehr hohe Ansprüche an die Bildung und Ausbildung von Jugendlichen stellt, dann ist der Bedarf an Sinnorientierung und an religiöser Verortung unerlässlich“ (Biesinger 2005, S. 5). Berufliche Bildung funktioniert nicht ohne (christliche) Werte. Auszubildende brauchen „Leitplanken“ an denen sie sich orientieren können.

Der christliche Glaube bietet ihnen eine solche Orientierung, die von elementarer Bedeutung für das private und berufliche Leben ist. In den Umbrüchen und Lebenskrisen, die der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt mit sich bringt, brauchen die Auszubildenden Unterstützung und Hilfe. Diese finden sie, wie zahlreiche Interviews mit Berufsschülerinnen und –schülern belegen, im Religionsunterricht und in der Schulpastoral an berufsbildenden Schulen. Die beiden religionspädagogischen Dienste leisten damit einen wichtigen Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen. Dieser Beitrag ist nicht nur wesentlich für diese selbst, sondern auch für die Unternehmen und Betriebe. Auch sie haben einen Nutzen davon, wenn junge Menschen – neben der zentralen Ausbildung in ihrer Fachrichtung – auch eine werte- und sinnorientierte Bildung erhalten (vgl. Schmidt, 2005, S. 6).

Die Kompetenzen sollten zumindest teilweise lernfeldbezogen sein und zur beruflichen Handlungsfähigkeit beitragen (vgl. Schröder 2007, S. 5-7).

Neben der fachlichen Qualifikation ist jedoch auch eine Art Herzensbildung wichtig, die zu einem Hinwenden in Liebe und Güte befähigt. Das ist sicherlich im Sinne von „Caritas in veritate“, deren Anliegen die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit ist.

Außerdem sollte „Religion“ nicht auf nur auf Ethik oder das Trainieren sozialer Kommunikation reduziert werden. Unbeschadet dessen kann und soll der Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen dadurch zum Erwerb übergreifender, etwa sozialer oder methodischer Kompetenzen beitragen (vgl. Schröder 2007, S. 5-7). Es braucht eine Anleitung zu christlich-ethischen Lernprozessen im Rahmen des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen. Allerdings trägt Ethik nur wenig dazu bei, bessere Menschen aus uns zu machen. Ethik kann auch nicht die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit vollständig beheben. Ethik wird nur helfen, sich bezüglich der moralischen Probleme unserer Zeit reflektierter und bewusster zu orientieren“ (Huppenbauer & De Bernardi 2003, S. 10). Diese Art von Bildung stärkt jedoch den eigenen Selbstwert der Schülerinnen und Schüler, sie hilft bei der Orientierung im „Dschungel“ der Sinnangebote, sie trägt dazu bei, Konflikte aushalten und gestalten zu lernen und fördert den Respekt vor Menschen anderer Kultur, Rasse und Hautfarbe (vgl. Schmidt 2005, S. 6).

Interkulturelle Sensibilisierung und Einhaltung der Menschenrechte in Zeiten der Globalisierung

In einem zunehmend gesellschaftlich, kulturell und religiös vielfältiger werdenden Europa werden Dialog und Pluralitätsfähigkeit immer wichtiger (vgl. Schweitzer & Biesinger 2006, S. 10). Auch christliche Berufsschülerinnen und –schüler müssen wieder eine religiöse Vorstellung und ein Grundwissen haben, das sie auch weitergeben können. Um sich religiös verständigen zu können und um auf gleiche Augenhöhe zu kommen, ist es notwendig, den Religionsunterricht und die Schulpastoral auch an den berufsbildenden Schulen zu verstärken (vgl. Seibt 2008, S. 232). Interkulturelles und interreligiöses Lernen ist deshalb ein wichtiges Ziel der Religionsdidaktik (vgl. Herget 2000, S. 272).

Für die Didaktik des Religionsunterrichts sollte das „Überwältigungsverbot“ gelten. Der Fremde, der Andere darf nicht von oben herab bevormundet oder zu etwas überredet werden. Statt einer moralisierenden Werteaneignung muss der moderne philosophische Geist in der Tradition Kants wegweisend sein (vgl. Nipkow 2005, S. 336). Junge Menschen spüren genauso wie Erwachsene, dass unsere Welt immer mehr zusammenrückt. Die Medien liefern uns tagtäglich Bilder und Nachrichten aus aller Welt und die westeuropäischen Länder erleben sich selbst zunehmend als multikulturell. Diese Tatsache stellt die Weltreligionen und unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen, denen wir uns, gerade auch in der (Berufs-) Schule, stellen müssen (vgl. Ziebertz & Leimgruber 2007, S. 433). Der Dialog zwischen Gott und Mensch ist kulturell geprägt. Damit Kirche glaubwürdig und verständlich ist, muss sie die jeweilige Kultur aufsuchen und von dort aus Gott und Kirche sichtbar machen. In diesem Zusammenhang sollten im Rahmen eines zeitgemäßen Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen auch die Menschenrechte reflektiert und diskutiert werden.

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Am 10. Dezember 2008 jährte sich zum 60. Mal die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Mit ihr verpflichteten sich 1948 alle UN-Mitgliedstaaten, die Menschenrechte nicht mehr als ausschließliche Angelegenheit nationaler Staaten zu betrachten sondern als Aufgabe der Völkergemeinschaft. Der Begriff Menschenrechte ist sehr komplex: Er beinhaltet den Schutz des Individuums vor staatlicher Willkür (z.B. auch Schutz vor Wucher und Ausbeutung), aber auch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Kollektive Rechte wie die auf Frieden und eine saubere Umwelt gehören ebenfalls zum modernen Menschrechtskatalog (vgl. Hesse 2007, S. 3).

Beschäftigungskrise betrifft Familien, Auszubildende und JoA
Erwerbslosigkeit ist 2009 bedrückender denn je. Die angespannte Finanzlage macht öffentlichen Haushalten und Kassen schwer zu schaffen. Menschen, die mittelbar oder unmittelbar in ihrem Leben mit Erwerbslosigkeit konfrontiert werden, spüren, wie ihr bisheriges Leben aus den Fugen gerät. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit trifft aber nicht nur die materielle Existenz. Sie trifft den ganzen Menschen und sein soziales Umfeld. Ehepartner und Kinder sind ebenso betroffen. Somit werden auch die Schülerinnen und Schüler an berufsbildenden Schulen in ihren Familien mit der harten Realität konfrontiert und haben selbst Mühe nach der Ausbildungszeit eine feste Anstellung zu bekommen  (vgl. Schneider 1998, S. 17).

Die Arbeitsbedingungen haben sich stark verändert, neue Arbeitsformen wurden eingeführt. Der internationale Wettbewerbsdruck und die Globalisierung forderten ihren Preis. Günstigere und schnellere Entwicklungs- und Produktionskosten wurden eingeführt. Neue Arbeitsformen, wie Gruppenarbeit“, „Total Quality Management“ sollten die Lohnkosten nachhaltig verringern. Durch Rationalisierungsmaßnahmen und den sukzessiven Abbau von großen Teilen der Belegschaft nahm und nimmt die Leistungsanforderung am Arbeitsplatz ständig zu (vgl. Schneider 1998, S. 102f.). Davon sind natürlich auch die Berufsschülerinnen und Berufsschüler in ihrem Berufs- und Arbeitsleben betroffen. Eine Gruppe wird besonders benachteiligt: die Abgänger von Förder- und Hauptschulen bzw. Jugendliche ohne Ausbildungsplatz (JoA-Schülerinnen und Schüler). Das Übergangsfeld Schule-Beruf erscheint als Labyrinth, insbesondere für diejenigen jungen Menschen, die durch soziale Herkunft oder Leistungsschwäche benachteiligt sind. Durch die Lehrstellenknappheit und oft fehlender Abschlüsse haben sie kaum Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Häufig fallen diese Schülerinnen und Schüler „durch alle Netze“. Nicht selten werden sie als hoffnungslos abgestempelt, bereiten sich an den berufsbildenden Schulen auf ein Berufsleben vor, das ihnen vielfach keine Perspektive mehr bietet. Trotzdem oder gerade deshalb besteht eine gesellschaftliche Aufgabe darin, auch solchen jungen Menschen im beruflichen Umfeld zu begleiten und ihnen Perspektiven anzubieten, um die drohende Sinnlosigkeit zu überwinden. „Dabei ist zu beachten, dass Maßnahmen, die nur dem „Parken“ dienen und nicht dem Bedarf in Wirtschaft und Gesellschaft entsprechen, wenig sinnvoll sind und demotivierend wirken“ (Mayer 2002, S. 76).

Auch Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund müssen in der Schule gezielter gefördert und an das Berufsleben herangeführt werden, damit sie ihre Ausbildungschancen besser nutzen können. „Religionslehrerinnen und Religionslehrer bzw. Beauftragte für Schulpastoral sehen in der Begleitung benachteiligter JoA- Schülerinnen und Schüler ein wichtiges Feld und eine bedeutende Aufgabenstellung“ (Institut für berufsorientierte Religionspädagogik  2005, S. 27). Sie verstehen sich als Sprachrohr, um den Benachteiligten Stimme zu geben.

Somit sind sie Anwälte von Menschlichkeit in Schule und Gesellschaft und tragen dazu bei, dass der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt unserer Gesellschaft steht. Klaus Kießling (2004) stößt in seiner empirischen Studie zum religiösen Lernen an berufsbildenden Schulen auf folgende Schüleraussage: Religion ist „das einzige Fach, das nicht berufsorientiert, wirtschaftsorientiert, gewinnorientiert ist!“ In der Pastoralkonstitution Gaudium et spes (Art. Nr. 63) eines der wichtigsten Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils, heißt es: „Der Mensch ist Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft“. Betriebe und Unternehmen, die in diesem Feld eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe erkennen, haben im Religionsunterricht und in der Schulpastoral einen wichtigen Verbündeten (vgl. Institut für berufsorientierte Religionspädagogik 2005, S. 27).

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Gelungener Religionsunterricht und hilfreiche Schulpastoral können einen wichtigen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit leisten. Doch Einzelmaßnahmen können nicht die gesamtgesellschaftliche Entwicklung verändern. Deshalb ist es wichtig, im Religionsunterricht sowohl die sozialethische Sicht als auch die theologische Perspektive zu beleuchten. Damit die wenig oder nicht qualifizierten Menschen in Zukunft nicht mehr die „Verlierer“ sind, müssen die strukturellen Defizite des dualen Bildungssystems analysiert und im Sinne einer anzustrebenden größeren Gerechtigkeit verbessert werden. Ein wesentlicher Gedanke in diesem Zusammenhang ist, im Rahmen einer marktorientierten Wirtschaft nicht nur die Anbieter von Arbeitsplätzen, sondern vor allem die „Nachfrager“ nach Arbeitsplätzen zu stärken. Dies kann dadurch geschehen, dass die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen mit Subventionen ausgestattet werden, die es Unternehmen und Betrieben attraktiver erscheinen lassen, solche Menschen einzustellen (vgl. Mayer 2002, S. 77).

Neue Herausforderungen  in der Arbeitswelt prägen die Ausbildung
Neue Herausforderungen prägen die Systeme von Produktion, Handel und Dienstleistung und damit vor allem auch die Ausbildung. Junge Erwachsene müssen dabei mit ständigen Veränderungen zurechtkommen. Frühere Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten sind nicht mehr da. Die moderne Arbeitswelt bietet traditionellem Denken in den Kategorien „Berufsausbildung – sicherer Job – Verrentung“ kaum noch Räume und Möglichkeiten. Die Arbeitswelt von heute verlangt verstärkte soziale Mobilität (vgl. Institut für berufsorientierte Religionspädagogik 2005, S. 5).

Zukünftige Arbeitnehmer müssen deshalb in der Lage sein, „ihr Qualifikationsprofil in einem lebenslangen Lernprozess zu erweitern, um die Herausforderungen in den Betrieben in wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Sicht bewältigen zu können“ (Speck 2004).

Deshalb ist ohne die Entwicklung wertbezogener Grundhaltungen ein Überleben in der Vielfalt der Leistungsanforderungen und in der Komplexität einer globalisierten Arbeitswelt heute kaum noch möglich. Ethisch-religiöse Bildung in berufsbildenden Schulen bzw. die Förderung einer menschenfreundlichen Ethik, wie sie Papst Benedikt XVI. in seiner Sozialenzyklika fordert, spielt in diesem Zusammenhang eine fundamentale Rolle. Wenn junge Menschen lernen, den neuen Herausforderungen mit Verantwortung zu begegnen, sind sie in der Lage, sich diesen hohen Ansprüchen zu stellen. So können sie das Betriebsklima mit einer positiven Grundeinstellung mitgestalten.

Der Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen reflektiert und diskutiert ethische und religiöse Maßstäbe (vgl. Institut für berufsorientierte Religionspädagogik, 2005, S. 9). Dabei handelt er aus der Perspektive heraus, dass wir Menschen in der Welt Gottes leben (Reich-Gottes-Botschaft)  (vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2002, S. 24). Folgende Fragen sollten dabei nicht vernachlässigt werden: Welche Probleme begegnen jungen Menschen auf ihrem Weg in die Berufswelt? Wo fühlen sie sich gefördert und behindert? Unter welchen Voraussetzungen wächst ihr Vertrauen in den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung? Was gibt ihrem Leben Sinn? Wie kann ihr Leben in den verschiedenen Lebensbereichen (Familie, Arbeit, Gesellschaft…) gelingen?

Da Papst Benedikt XVI. (vgl. CV 57, 2009, S. 119) in seiner Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ alle Menschen guten Willens ermutigt, sich als Gestalter, nicht als Opfer derzeitiger Entwicklungen zu sehen, sollten wir als engagierte Christinnen und Christen trotz aller aktueller Krisen und Herausforderungen nicht resignieren, sondern Verantwortung übernehmen und uns an der Lebenspraxis Jesus orientieren. Jesus hat nicht nur vom Heil geredet, er hat heilende Taten vollbracht. Die Welt „braucht Christen, die die Arme zu Gott erheben in der Geste des Gebets, Christen, die von dem Bewusstsein getragen sind, dass die von Wahrheit erfüllte Liebe, caritas in veritate, von der die echte Entwicklung ausgeht, nicht unser Werk ist, sondern uns geschenkt wird“ (CV 79, Benedikt XVI. 2009, S. 153).

Die derzeitige Weltwirtschaftskrise betrachtet der Papst als eine Chance, in einer solidarischen Ethik die großen Probleme der Bildung, des Tourismus, der Migration, der menschenwürdigen Arbeit, des Finanzwesens, des Konsums und einer politischen Weltautorität anzupacken. Außerdem ist Papst Benedikt XVI. davon überzeugt, dass ohne rechtschaffende Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben, die Einwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit nicht umsetzbar ist (vgl. CV 71, Benedikt XVI. 2009, S. 141). Unser christliches Engagement, vor allem auch die Verantwortung, die wir als Laien übernehmen ist für die Verwirklichung der Sendung der Kirche in der Welt unverzichtbar: „in der Familie (christliches Leben und Gebet), am Arbeitsplatz (Glaubenszeugnis), in der Schule (Religionsunterricht), im Verein (christliche Erziehung) und in der Caritas (christliche Fürsorge)“ (Lechner 2004, S. 240).

Literatur

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