Das Konzept der Forschungskooperation

Von: Prof. Dr. Manfred Wannöffel (Geschäftsführender Leiter der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM)

Prof. Dr. Manfred Wannöffel

Geschäftsführender Leiter der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM

Geschäftsführender Leiter der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM. Lehrt an der Fakultäten Maschinenbau und Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.


Einleitung

Absicht dieses Beitrages ist es, das Konzept der Forschungskooperation der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM vorzustellen und mit seinen unterschiedlichen, inter- und transdisziplinären Ausrichtungen zu diskutieren. Die Entwicklung dieses Konzeptes ist einerseits das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den neuen, manageriellen Steuerungsinstrumenten von Hochschulen und Universitäten sowie andererseits der zunehmenden Akademisierung der Gewerkschaftsorganisationen (Bogumil et. al 2013; Pries et al. 2015).

Die Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM steht als zentrale Einrichtung der Ruhr-Universität Bochum seit den 1970er Jahren in der Tradition der gewerkschaftlichen Kooperationsstellen an Hochschulen, die in dieser Hochphase arbeitsorientierter Forschung eine bedeutsame Brückenfunktion zwischen Gewerkschaften und Universitäten einnahmen. Die ersten Dekaden der Kooperationsarbeit waren durch die punktuelle Vermittlung wissenschaftlicher Expertise für betriebliche Interessenvertretungen und Gewerkschafter*innen durch vielfache Veranstaltungsformate, Ringvorlesungen und Workshops gekennzeichnet. Die Zielsetzung war nicht die Durchführung eigener, arbeitnehmerorientierter Forschungsprojekte, die den Lehrstühlen und wissenschaftlichen Instituten überlassen blieben, sondern vielmehr der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Arbeitswelt.

Unter den aktuellen Rahmenbedingungen einer manageriellen Hochschulsteuerung und einer zunehmenden Akademisierung der Gewerkschaften, war das Kooperationskonzept aufgefordert, die traditionelle Ausrichtung zu überarbeiten. Die Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM unternahm diese Reorganisation und richtete seit 2007 die Zusammenarbeit zwischen der Universität und der IG Metall auf einen wechselseitigen Wissens- und Erfahrungsdialog zum beiderseitigen Nutzen von Experten- als auch Interessenorganisationen aus. Unter diesen doppelt veränderten Rahmenbedingungen wurde das ehemalige Konzept des einfachen Wissenstransfers von der Experten- in die Interessenorganisation zu einem Dialogmodell der strukturierten Zusammenarbeit in inter- und transdisziplinären Forschungskooperationen weiterentwickelt. Die Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM übernahm dabei die Aufgabe arbeits-, bildungs- und sozialpolitische Fragestellungen gezielt in Forschungskooperationen mit ausgewählten Lehrstühlen und wissenschaftlichen Einrichtungen nicht nur einzubringen, sondern auch mit durchzuführen.

Konzept der Forschungskooperation

Auf der Basis dieses Konzeptes entwickelte sich die Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM zu einem transdisziplinären Forschungsinstitut mit dem Schwerpunkt einer praxisorientierten Arbeits- und Industriesoziologie, die durch vier aufeinander bezogene Aktivitätsfelder gekennzeichnet ist: Transdisziplinäre Forschungskooperationen, Transformation der Forschungsergebnisse in die soziale Praxis, Entwicklung wissenschaftlicher Weiterbildungsstudiengänge und die Durchführung interdisziplinärer Lehrveranstaltungen in der Lernfabrik der RUB. Die vier Aktivitätsfelder der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM folgen einem zyklischen Prozess:

Das Kooperationsmodell der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM basiert auf den langjährigen Erfahrungen arbeitsorientierter Forschung, deren Ergebnisse nach Michael Schumann nicht immer erfolgversprechend in den Betrieben umgesetzt werden konnten, da die Forschungsprozesse selbst von der sozialen Praxis der Akteure entkoppelt waren und es an einer verantwortlichen Mitgestaltung durch Beschäftigte, Betriebsräte und Unternehmensvertreter mangelte (Schumann 2014, S. 24). Vor diesem Erfahrungshintergrund reklamierte die damalige NRW-Wissenschaftsministerin Anke Brunn bereits im Jahr 1985:

„Die Forschungsprojekte berechtigen von ihrer Fragestellung und ihrer Durchführung her zu der Hoffnung, dass hier nicht nur gemeinsam interessierende Fragen erforscht werden, sondern dass der Forschungsprozess selbst von der Fragestellung bis zum Ergebnis ein gemeinsamer ist. Dies wiederum lässt auch erwarten, dass die Verwertung der Forschungsergebnisse nicht losgelöst erfolgt, sondern Wissenschaft und Praxis zusammenführt.“ (Brunn 1985, S. 20)

Diese bereits vor 35 Jahren reklamierte Abkehr vom Modell des einfachen Wissenstransfers hin zu einem wechselseitigen Dialog zwischen wissenschaftlichen Experten- und Interessenorganisationen auf Augenhöhe beinhaltet drei Merkmale:

  1. Inter- und Transdisziplinarität: Forschungskooperationen werden über die engen Fachgrenzen hinaus interdisziplinär und als partizipative Forschungsprozesse unter Einbezug der Akteure entwickelt und durchgeführt.
  2. Forschung im Anwendungskontext: Die Forschungsprojekte werden mit Partnerorganisationen, Unternehmen und Gewerkschaften umsetzungsorientiert gestaltet, damit sich die ermittelten wissenschaftlichen Ergebnisse nicht von der sozialen Praxis der Akteure entkoppeln und im jeweiligen Handlungskontext transferierbar bleiben.
  3. Strukturbildung: Forschung, Weiterbildung und Lehre wirken über die Durchführung einzelner Projekte hinaus für die Kooperation zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Arbeitswelt strukturbildend, sowohl in der Expertenorganisation Universität als auch in den Interessenorganisationen von Wirtschaft und Arbeit.

Ausgewählte Projekte der Forschungskooperation

Das Kooperationsmodell der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM konnte sich in der letzten Dekade sowohl in der Universität als auch in den Gewerkschaften erfolgreich etablieren und kommt aktuell in zahlreichen inter- und transdisziplinären Forschungsprojekten zur Digitalisierung der Arbeitswelten zur Anwendung[1]. Auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse startete im Februar 2016  eines der größten gemeinsamen Kooperationsprojekte in der annähernd 50-jährigen Zusammenarbeit der Ruhr-Universität Bochum und der IG Metall. Der Europäische Sozialfonds für Deutschland (ESF) und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) förderten mit einer Gesamtfördersumme von etwa fünf Millionen Euro bis Februar 2019 insgesamt fünf Einzelprojekte, in denen Betriebsrät*innen, Vertrauensleute sowie betriebliche Expert*innen in der beteiligungsorientierten Gestaltung von Industrie 4.0 qualifiziert werden. Ziel des beim IG Metall Vorstand (Fachbereich Betriebspolitik) angesiedelten Projektes war es, den Teilnehmer*innen Kompetenzen zu vermitteln, die sie dazu befähigen, die Digitalisierung von Arbeit proaktiv zu gestalten. In den von der IG Metall zudem kofinanzierten Projekten wurden in drei Jahren bundesweit insgesamt 315 Beschäftigte aus über 150 Unternehmen weitergebildet. Kernelemente der Projekte waren zum einen die Konzipierung und Durchführung von Qualifizierungsreihen und zum anderen die wissenschaftliche Begleitung von betrieblichen Umsetzungsprojekten. Vor diesem Hintergrund hatten neben den betrieblichen Interessenvertreter*innen auch Arbeitgebervertreter*innen die Möglichkeit an den Qualifizierungsreihen teilzunehmen. Hinzukommend bot das Projektteam für die teilnehmenden Unternehmen Transfercoachings und organisierte Praxis-Wissenschaftsdialoge.

Auf der Grundlage der Forschungskooperationen konnte die Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Produktionssysteme der RUB (LPS) und in enger Zusammenarbeit mit der IG Metall eine Lernfabrik weiterentwickeln, die nicht nur das Lernen und den Umgang mit neuen, digitalen Technologien in den Vordergrund stellt, sondern  auch die Dimensionen Arbeit, Organisation und Mitbestimmung betrachtet . Ein 3-tägiges Lernfabrikmodul wurde von der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM und dem Lehrstuhl für Produktionssysteme der RUB in der Lernfabrik gemeinsam durchgeführt. In der „arbeitspolitischen Lernfabrik“ hatten die Teilnehmer*innen bis zum Februar 2019 die Möglichkeit in einem „Technologierundgang“ einen Einblick in aktuelle Forschungsprojekte des LPS und der Gemeinsamen Arbeitsstelle zur Digitalisierung der Arbeitswelten zu erhalten.

Die arbeitspolitische Lernfabrik an der RUB

Die transdisziplinäre Forschungskooperation mit der IG Metall hat schließlich mit der Etablierung einer arbeitspolitisch ausgerichteten Lernfabrik an der Ruhr-Universität Bochum eine feste Struktur für Forschung und Transfer geschaffen, die ermöglicht die Forschungsergebnisse zur Digitalisierung der Arbeit im Anwendungskontext von Unternehmen zusammen mit Betriebsrät*innen und Beschäftigten zu überprüfen sowie auf dieser Grundlage Lehr- und Bildungsangebote kontinuierlich weiter zu entwickeln. Die Lernfabrik des Lehrstuhls für Produktionssysteme fokussiert durch die Kooperation mit der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM die folgenden vier Aspekte:

Arbeits- und Geschäftsprozessorientierung

In der Lernfabrik wird für den Erwerb umfassender beruflicher Handlungs-kompetenzen berufliches Lernen an realen Aufgabenstellungen in Betrieb und Verwaltung ausgerichtet. Es geht hierbei um das Verstehen von Arbeits- und Geschäftsprozessen, die Einordnung in horizontale und vertikale Abläufe und um eine kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Machtressourcen. Arbeitsprozessorientiertes Lernen kombiniert fachlich-systematische Wissensaneignung mit praktischer Anwendung in Lernfabrikübungen.

Reflexives Verständnis von Theorie und Praxis

Theorie und Praxis stehen in der interdisziplinären Ausbildung in der Lernfabrik dicht nebeneinander. Die Lehre beinhaltet ein Wechselspiel von praktischem Handeln und theoriegeleitetem Wissen, in dem praktisches Handeln durch theoretisches Verständnis begründet wird und Praxis als veränderbar erlebt werden kann. Praxis in der Lernfabrik lässt sich gestalten. Praktisches Handeln ist umgekehrt bedeutsam für die Weiterentwicklung theoretischen Wissens. Durch die Reflexion von Praxis entstehen neue wissenschaftliche Fragestellungen. Eine besondere Herausforderung entsteht, wenn sich Theorie und Praxis nicht nur auf Fachinhalte, sondern auf soziale Anforderungen und Erfahrungen beziehen, die zudem eine inhaltliche Kooperation zwischen Hochschule und den neuen Lernorten notwendig machen.

Wechselverhältnis von Wissenschafts- und Erfahrungsorientierung

Die Erfahrungen in der Lernfabrik zeigen, dass ein ausschließlich kognitiver und/oder wissensbasierter Zugang nicht ausreicht, um arbeitspolitische Handlungskompetenz weiter zu entwickeln. Die Lernfabrik ermöglicht die Erweiterung des Lernens durch sinnliche Erfahrungen und um die im beruflichen Handeln erworbenen Erkenntnisse. Die Lernfabrik ist in der Lage, berufliches Lernen im Studium mit fachwissenschaftlichem Lernen zu einem sinnvollen Ganzen zu verknüpfen.

Berufliches Lernen in der Lernfabrik

Die Ausbildung in der RUB-Lernfabrik orientiert sich an aktuellen technologischen Entwicklungen (Digitalisierung von Arbeit) und sozialen Anforderungen des Beschäftigungssystems. Der Erwerb umfassender beruflicher Hand-lungskompetenzen soll erwerbslebenslang zu positiven beruflichen Entwick-lungsperspektiven beitragen und Erwerbstätige auch soweit stärken, dass sie den Entwicklungen des Beschäftigungssystems nicht alternativlos ausgeliefert sind. Die Ausbildung in der Lernfabrik soll in diesem Kontext auch zur Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden beitragen und soziale, ökonomische und arbeits- bzw. machtpolitische Prozesse reflektieren. Praxisorientiertes Lernen in der Lernfabrik fokussiert das soziale Spannungsverhältnis von betrieblichen und gesellschaftlichen Anforderungen, von Ökonomie und Ökologie, von subjektiven Bedürfnissen und sozialen, machtpolitischen Interessen. Dieses ganzheitliche Ver-ständnis von beruflicher Kompetenz, das in der Lernfabrik zur Anwendung kommt, basiert auf einem Wissenschaftsverständnis, das die sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen von Wissenschaft kontinuierlich reflektiert.

Arbeit und Innovation in der Lernfabrik

Dieses Konzept der Lernfabrik an der Ruhr-Universität Bochum hat mit seiner interdisziplinären und ganzheitlichen Ausrichtung bislang ein Alleinstellungsmerkmal in der bundesdeutschen Hochschullandschaft. Die Forschungskooperationen haben als ein wichtiges Ergebnis mit der Lernfabrik an der Ruhr-Universität Bochum eine Struktur geschaffen, die ermöglicht, die Forschungsergebnisse im Anwendungskontext mit den Betriebsräten und Gewerkschaftern zu überprüfen sowie auf dieser Grundlage weiterführende Lehr- und Weiterbildungsangebote zu entwickeln.

Fazit und Ausblick

Die Durchsetzung des Konzeptes der Forschungskooperation war in den letzten zehn Jahren kein einfacher organisationspolitischer Prozess und steht vor der kontinuierlichen Herausforderung, durch erfolgreiche Forschungskooperationen und Wissenstransfer sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gewerkschaft Anerkennung zu erlangen. In der Wissenschaft geht es unter den Rahmenbedingungen managerieller Hochschulsteuerung darum, gerade nicht in Konkurrenz zur Drittmittelorientierung von Lehrstühlen und wissenschaftlichen Einrichtungen eigenständige Projekte zu akquirieren, sondern vielmehr arbeits-, bildungs- und sozialpolitische Fragestellung kooperativ zu bearbeiten. Die Zielsetzung ist es, die Forschungskooperationen grundsätzlich zum beiderseitigen Nutzen der beteiligten Einrichtungen durchzuführen, sowohl für die universitären Einrichtungen als auch für die Gewerkschaften. Gewerkschaften verfügen seit vielen Dekaden über eigene akademische Netzwerke und kooperieren direkt mit wissenschaftlichen Instituten, dazu gehören z. B. das SOFI in Göttingen, das ISF in München oder das IAQ an der Universität Duisburg. Insbesondere mit den Ergebnissen unabhängiger Forschung agieren die Gewerkschaften im politischen Raum.

Das Konzept der interdisziplinären und transdisziplinären Forschungskooperation eröffnet für die Zukunft die Möglichkeit, dass sich auch die traditionellen Kooperationsstellen in den Universitäten und Hochschulen in den Bereichen Forschung und Lehre strukturell verankern und somit ihre Arbeit an wissenschaftlichem Profil gewinnt.

 

Literatur

  • Bogumil, Jörg/Burgi, Martin/ Heinze, Rolf G./Gerber, Sascha/ Gräf, Ilse-Dore/Jochheim, Linda/Schickedanz, Maren/Wannöffel, Manfred (2013):
    Modernisierung von Universitäten. Umsetzungsstand und Wirkungen neuer
    Steuerungsinstrumente, Berlin
  • Brunn, Anke (1985): Konsequenzen der Kooperation zwischen Hochschulen und Gewerkschaften für die Aufgaben der Hochschulen, in: Gemeinsame
    Arbeitsstelle RUB/IGM (Hg): Zwischenbilanz der Zusammenarbeit – 10 Jahre Kooperation, Bochum, S. 18-22
  • Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM, Jahresberichte 2007-2017, Bochum
  • Schumann, Michael (2014): Praxisorientierte Industriesoziologie. Eine kritische Bilanz in eigener Sache, in: Wetzel, Detlev/Hofmann, Jörg/ Urban, Hans-Jürgen (Hg): Industriearbeit und Arbeitspolitik. Kooperationsfelder von Wissenschaft und Gewerkschaften, Hamburg, S. 20-31
  • Pries, Ludger/ Urban, Hans-Jürgen Wannöffel, Manfred (Hg.) (2015): Wissenschaft und Arbeitswelt – eine Kooperation im Wandel, Baden-Baden

[1] Siehe: Jahresberichte der Gemeinsamen Arbeitsstelle RUB/IGM 2007ff.