Stéphane Hessel als politischer Mensch - Ein engagierter Ästhet

Von: Manfred Flügge (Autor)

Manfred Flügge

Autor

Manfred Flügge, Jahrgang 1946, entstammt einer ostpreußischen Flüchtlingsfamilie, verbrachte Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet. Er studierte Romanistik und Geschichte an den Universitäten Münster und Lille. Anschließend war er Referendar in Hagen. Später dann Dozent und Assistenzprofessor an der Freien Universität Berlin, wo 1981 seine Habilitation erfolgte. Seit 1990 ist Flügge freier Schriftsteller. Flügge lebt heute in Paris und Berlin. Er ist seit 1999 Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Manfred Flügge ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Biografien, ...
[weitere Informationen]


Er war ein Ästhet, ein Liebhaber der Sprache und der Sprachen, ein begnadeter Rezitator, ein Mensch, der Sinn für Schönheit hatte, in der Poesie wie in der Malerei. Erst die historischen Umstände seines Jahrhunderts haben ihn in die Sphäre der Politik geschleudert.

Im engeren Sinn ist Politik legitimierte Wahrnehmung von Verantwortung, ist sie Handeln in einem Amt und in Bezug auf eine gegebene Situation. Und doch kann das institutionelle Handeln den Begriff von Politik nicht allein definieren. Es gibt eine Form der Wahrnehmung von Verantwortung ohne politische Ämter, ja sogar ohne vorgegebene Legitimation. Im Fall von Widerstand, Résistance, Aufbegehren gegen Unterdrückung schafft erst das Handeln die Legitimation. Maßgebend ist dann allein das Gewissen der in einer bestimmten Situation Handelnden.

Dass jemand unpolitisch sei, wird meist als Vorwurf gemeint. Es gibt aber eine Art, sich unpolitisch zu geben, die in ihrer Auswirkung hochpolitisch ist. So war es bei Franz Hessel, dem Berliner Schriftsteller, Lektor und Übersetzer. Wenn er im Jahr 1933 einen Band mit kleinen Feuilletons herausbrachte unter dem Titel Ermunterungen zum Genuss, so war das keine Blindheit oder Naivität, sondern eine Provokation. Der heroisch-tödlichen Ideologie der Nazis setzte dieser Berliner Jude, dessen literarische Laufbahn unter den neuen Herrschern abrupt beendet wurde, seine ganz andere Lebensauffassung entgegen. Sie war nicht kämpferisch, nicht aufrührerisch, aber zutiefst menschlich, und ihr Kern war: hinschauen, wahrnehmen, geltenlassen, statt aussondern, diskriminieren, verbieten und verhindern. Berufsverbot, Exil, Internierung hat er würdevoll und unbeugsam ertragen. Und doch starb der lächelnde Dichter mit 61 Jahren an gebrochenem Herzen, als freier Mensch immerhin. Im Beharren auf menschlichen und ästhetischen Werten, die man der brutalen Zwangspolitisierung aller Verhältnisse entgegenstellt, liegt eben auch Widerstand; das Beharren auf unveräußerlichen Rechten ist gerade der Kern der »résistance«.

Franz Hessels Sohn Stéphane, 1917 in Berlin geboren als Stefan, hat diesen Aspekt seines väterlichen Erbes nie verleugnet: er war ein Ästhet, ein Liebhaber der Sprache und der Sprachen, ein begnadeter Rezitator, ein Mensch, der Sinn für Schönheit hatte, in der Poesie wie in der Malerei. Erst die historischen Umstände seines Jahrhunderts haben ihn in die Sphäre der Politik geschleudert.

Den Sinn für Schönheit verdankte er auch seiner Berliner Mutter Helen Grund, einer ausgebildeten Malerin und Modekorrespondentin in Paris. Sie war es, die er beeindrucken wollte mit den Gedichten und Balladen, die er aufsagte, und noch in späten Jahren, wenn er seine Reden mit Gedichten beendete, konnte man sich vorstellen, dass er im Geiste seine Mutter vor Augen hatte und nicht nur sein (meist jugendliches) Publikum. Seine Rezitationen waren kein Ausdruck von Eitelkeit, sie waren immer auch ein Versuch, seine Zuhörer von etwas zu beeinflussen, das hinter aller Poesie lag oder mit ihr einherging. Als Politiker in einem Wahlamt konnte man sich Stéphane Hessel allerdings nicht vorstellen, und doch wäre niemand auf die Idee gekommen, ihn unpolitisch zu nennen.

Ein Leben ohne Beispiel

Das Leben von Stéphane Hessel ist ohne Beispiel, er verkörperte eine Kategorie für sich. Es war ein Glück, ihn beinahe 30 Jahre lang zu begleiten, eigentlich die Zeit nach seiner Pensionierung, die alles andere war als ein Ruhestand. Er hatte so viel erlebt, er hätte mit seinen Erlebnissen prahlen und sich bewundern lassen können, aber für ihn ging das Abenteuer immer weiter, er verwandelte sich immer wieder neu, wurde zuletzt gar zum Rebellen, zum Anreger von Protestbewegungen in aller Welt. Und er, der nie schreiben wollte, weil es zu viele Schreibende in seinem Umfeld gegeben hatte, wurde mit 93 Jahren eine Art Bestsellerautor.

Sein Leben war ein biographisches Puzzle; die Einheit seines Lebens lag allein in seiner Persönlichkeit. Berlin, Paris, London und New York lauten die wichtigsten Stationen; daneben spielen Algiers, Ouagadougou und Genf eine wichtige Rolle. Zu seinem Leben gehören aber auch die Schreckensorte Buchenwald und Dora. Poesie, Liebe und Widerstand prägten seine Persönlichkeit, in einer glaubhaften Synthese, die ihresgleichen sucht.

empoert-stephane-hesselGeboren in Berlin 1917 im vorletzten Jahr des Ersten Weltkriegs, in dem sein Vater Soldat sein musste, was so gar nicht zu diesem sanften Autor und Liebhaber der griechischen Mythen zu passen schien. Geprägt wurde er durch das unstete Privatleben seiner Eltern, mit einem legendären Liebesdreieck mitsamt ihrem französischen Freund, Henri-Pierre Roché, der dies im Roman Jules und Jim verewigte, der 1953 erschien und 1962 von François Truffaut verfilmt wurde. Geprägt wurde er aber auch vom französischen Schulwesen, denn ab 1925 lebten er und sein Bruder Ulrich (Jahrgang 1914) mit der Mutter in Paris. Bis 1938 schrieb Helen Hessel von dort aus Modekorrespondenzen für die deutsche Presse und lebte ziemlich gut davon. Helens Liebschaft mit Roché zerbrach 1933, da war an eine Rückkehr nach Deutschland nicht zu denken. Helen blieb in Paris, Franz, der nie den Kontakt mit der Familie verloren und sich als Romancier, Herausgeber und Übersetzer im Rowohlt-Verlag einen Namen gemacht hatte, konnte erst 1938 überredet werden, Berlin zu verlassen.

Zu dem Zeitpunkt war Stéphane, wie er sich nun nannte, schon französischer Staatsbürger geworden, war auf dem Weg, ein Absolvent der Eliteschulen zu werden. Doch dann kam der Krieg von 1939 und er wurde Offizier der französischen Armee. Nach dem Debakel vom Juni 1940 konnte er der deutschen Gefangenschaft entgehen und in die unbesetzte Südzone flüchten. Kurz nach Kriegsbeginn hatte er die russische Jüdin Vitia (eigentlich: Victoria) Mirkine Guetzévitch geheiratet, deren Vater ein bekannter Staatsrechtler war. Franz, Helen und Ulrich Hessel hatten Schutz gesucht am Mittelmeer, in dem kleinen Ort Sanary-sur-Mer, der seit 1933 zum wichtigsten Treffpunkt der deutschen Künstler im Exil geworden war. Franz und Ulrich, formal noch deutsche Staatsbürger, wurden – wie so viele Emigranten – von der französischen Republik als feindliche Ausländer interniert, im berüchtigten Lager Les Milles bei Aix-en-Provence. Im Oktober 1940 durften sie wieder nach Sanary, wo Franz Anfang Januar 1941 starb und begraben wurde. Stéphane konnte mit seiner Frau Vitia aus Marseille zur Beisetzung herüberkommen.

Helen und Ulrich blieben noch zwei Jahre in Sanary, versuchten 1942, als auch der französischen Süden besetzt wurde, vergeblich in die Schweiz auszuweichen; sie wurden von den Schweizer Behörden zurückgeschickt und lebten bis Kriegsende versteckt in der Nähe von Évian. Vitia hatte 1941 mit ihren Eltern nach New York entkommen können, Stéphane folgte dem Aufruf von General Charles de Gaulle und fand den Weg über Oran und Lissabon nach London.

Eigentlich wollte er Bomberpilot werden, auch unter dem Eindruck der Luftschlacht um England, aber seine technischen Fähigkeiten reichten dafür nicht aus, und ohnehin war der sprachbegabte junge Mann anderswo nützlicher. Für die Freien Franzosen, wie sich de Gaulles vorerst sehr kleine Truppe nannte, arbeitete er im militärischen Aufklärungsdienst.

Für die Freien Franzosen im Einsatz

Bis dahin hatte Stéphane das Leben genossen, war viel gereist, hatte einige Naturerfahrungen bei den Pfadfindern machen können, hatte einige Liebschaften erlebt, hatte schließlich (gegen den Willen seiner Mutter) geheiratet. Jetzt, wo die Weltlage es erforderte, wurde er zum Kämpfer, zum Soldaten. Es hatte ihn gegrämt, dass die Schlacht um Frankreich zu Ende gegangen war, ohne dass er auch nur einen Schuss abgegeben hatte. Seine ästhetischen Fähigkeiten waren in der neuen Funktion durchaus gefragt: die langen Gedichte, die er auswendig wusste, dienten auch als Basis für die Codes der geheimen Botschaften, die nun per Funk mit Frankreich ausgetauscht wurden. 1942 kam seine Frau Vitia aus New York nach London herüber und arbeitete ebenfalls für die Dienste der Freien Franzosen.

Durch die schnelle Besetzung Frankreichs im Juni 1940 war die Nachrichten-Infrastruktur zusammengebrochen. Die einzigen aktiven Geheimdienstler in den nächsten Monaten waren polnische Offiziere, die sich 1939 aus ihrem besetzten Land hatten absetzen können. Neue französische Dienste mussten erst wieder geschaffen werden, oft genug unter Mithelfer der Engländer, denn London brauchte während der Septemberschlacht, aber auch danach militärische Informationen aus Frankreich, um die fortbestehende Bedrohung durch die Deutschen einschätzen zu können.

De Gaulle und die Seinen waren eine Weile auf englische Hilfe angewiesen; sie hatten aber den Ehrgeiz, einen eigenen Nachrichtendienst zu schaffen. Das war die Aufgabe von Stéphane Hessel und seinen Kameraden. Man schuf Funkverbindungen mit Widerstandsgruppen in der besetzten Heimat, man schickte immer wieder Emissäre aufs Festland, ausgestattet mit Geld, Geräten und Waffen. Kleine Flugzeuge landeten auf notdürftig ausgeleuchteten Wiesen oder Lichtungen. Oft genug gab es Opfer, durch Verrat oder Gegenaufklärung.

Nachdem er lange genug die Missionen der anderen betreut hatte, die nicht immer gut ausgingen, ließ sich Stéphane Hessel selber auf eine Mission nach Frankreich schicken. Kameraden hatten ihn gewarnt, er solle nicht den Helden spielen; de Gaulle hatte sein Hauptquartier nach der Landung der Alliierten in Nordafrika bereits nach Algiers verlegt. Er aber wollte nach Paris.

Nachdem ihn ein Flugzeug abgesetzt hatte, lebte er unter falschem Namen ein paar Monate in der Hauptstadt, betreute dort einzelne Widerstandsgruppen. Er überbrachte Material für Funkgeräte und Instruktionen, leitete gesammelte Informationen weiter, aber gerade die Funkquellen wurden allzu oft von der Gestapo entdeckt, viele verhaftete Funker durch Folter zum Verrat gezwungen. Im April 1944 – er hätte längst nach London zurückkehren sollen – fiel Stéphane Hessel durch einen solchen Verrat in die Hände der Deutschen. Er wurde gefoltert und schließlich mit einer Gruppe von 37 englischen und kanadischen Offizieren nach Buchenwald verschleppt. Dort wurden sie in kleinen Gruppen nach und nach zum Tode verurteilt und gehenkt.

Da sich die Nazis an eine formale Prozedur hielten, mit Dienstweg von Buchenwald nach Berlin und zurück, ergab sich genügend Zeit, um wenigstens drei von ihnen mit einer neuen Identität auszustatten: indem sie im Typhusblock unterkamen und mit falschem Namen weiterlebten, während Typhusopfer unter ihren Namen verbrannt wurden. Möglich war dies, weil es unter den Häftlingen eine gut funktionierende Widerstandszelle gab, und auch weil ein Kapo und ein Lagerarzt mitspielten. Bei Stéphane Hessel erfolgte der Identitätswechsel genau an seinem 27. Geburtstag.


Mit dem falschem Namen kam Hessel in das furchtbare Lager Dora, zwar nicht in den Tunnel, in dem die V-2-Raketen montiert wurden, aber auch so war das Leben dort hart genug.


Dieses glückliche Überleben hatte seinen Preis. Mit dem falschem Namen kam Hessel in das furchtbare Lager Dora, zwar nicht in den Tunnel, in dem die V-2-Raketen montiert wurden, aber auch so war das Leben doFllugge Hessel 1rt hart genug. Als das Lager Anfang April 1945 geräumt wurde, steckte man die Häftlinge in Züge, die nach Norden rollten; es ging ins Lager Neuengamme bei Hamburg, aber auch auf das Schiff Kap Arkona. Unterwegs gelang es Stéphane Hessel, der ahnte, dass die Endstation nichts Gutes bedeuten konnte, in der Dunkelheit aus dem Viehwaggon zu entkommen. Er marschierte gen Westen und traf zum Glück auf die vorrückenden Amerikaner.

Nach Paris kam Hessel genau am 8. Mai, als das Kriegsende gefeiert wurde. Seine Frau hatte nie geglaubt, dass er tot sei, obwohl man in den Dokumenten des inzwischen befreiten Lagers Buchenwald seinen Totenschein gefunden hatte. Nach nur kurzer Erholungsphase, legte er eine Prüfung in Philosophie ab, obwohl er nie zu Ende studiert hatte, und ließ sich überzeugen, in den diplomatischen Dienst einzutreten, denn viele Diplomaten hatten sich im Dienste des Vichy-Regimes kompromittiert, und der Quai d’Orsay brauchte Nachwuchs. Seine erste Station hätte China sein sollen, doch ließ er sich auf der Durchreise über New York, wo noch seine Schwiegereltern lebten, überzeugen, in der französischen Vertretung bei der neu gegründeten UNO mitzuarbeiten.

Seine erste Begegnung mit der Politik war also die dramatische Zeit im Kampf gegen die Nazis gefallen, und hatte zur Begegnung mit dem absolut Bösen geführt, in der elementarsten körperlichen Weise. Aber den Kern seiner Persönlichkeit hatte dies nicht verändert, und nicht seine Grundwerte: Poesie, Liebe, Menschenrechte. Oft genug hatte er im Lager erlebt, dass Poesie auch ein Mittel war, die eigene Widerstandskraft zu stärken, bei ihm selbst wie bei den Kameraden.

Die Arbeit für die UNO

Zwischen 1946 und 1986 stand Stéphane Hessel im diplomatischen Dienst Frankreichs, aber nie als klassischer Diplomat. Die Arbeit für die UNO, das Eintreten für die Menschenrechte und später für die Entwicklungspolitik war immer auch ein Aspekt eines politischen Engagements, das sich mit seiner Leidenszeit im Krieg erklärte. Sein glückhaftes Überleben hat er als moralische Verpflichtung, als Ansporn zum Engagement empfunden. Dabei hat er es vermocht, trotz Verrat, Folter, Demütigungen im KZ, immer Optimist zu bleiben, immer nach vorne zu schauen, immer auf die Jugend zu setzen. Diese Haltung, die seine Zuhörer stets erstaunte, war kein naiver Optimismus. Was das Schlimmste war, musste man ihm nicht sagen: er hatte es erlebt. Seine Zuversicht erstaunte und steckte an. Dass die Monate im KZ bei ihm lebenslange körperliche Folgen hatte, wussten nur wenige Menschen. Seine beiden Söhne wie seine einzige Tochter wurden übrigens alle Ärzte.

IMG_2027Eine eigentlich politische Funktion hatte er nur zweimal in seinem Leben; beide Male betraf sie Probleme der Entkolonialisierung. In der Zeit nach der französischen Niederlage im Vietnam-Krieg und des Rückzugs aus der Kolonie Indochina, diente Stéphane Hessel dem sozialistischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès-France als Medienberater, wie man das heute nennen würde. Er ist zeitlebens ein Verehrer dieses Politikers gewesen, der nur wenige Monate im Amt war, aber entscheidende Weichenstellungen nach Innen wie nach Außen herbeigeführt hat.

Zwischen 1962 und 1965 hat Stéphane Hessel in Algerien eine besondere Aufgabe wahrgenommen: die Neuorganisation des Schul- und Universitätswesens im gerade unabhängig gewordenen Staates. Das geschah schon in der Fünften Republik, und sein Staatspräsident hieß nun Charles de Gaulle. Stéphane Hessel hat sich immer als politisch links verstanden, aber stets ohne Dogma und Absolutheitsanspruch. Ideologie war nie seine Sache. Obwohl er 1941 in London als Gaullist angefangen hatte, hat er sich mit den Gaullisten der Nachkriegszeit nie verstanden. Das hat wohl mit dazu beigetragen, dass ihm bedeutende Botschafterposten versagt blieben, mit Ausnahme einiger Jahre als französischer Vertreter bei der UNO in Genf. Funktionen bei der UNESCO in Paris und beim Europarat in Straßburg kamen hinzu. Nur wenige Jahre verblieb er im Medien-Aufsichtsrat, in den ihn Präsident Mitterrand delegiert hatte. Als der Gaullist Jacques Chirac ins Amt kam, musste er seinen Posten wieder räumen.

Immer wieder ist er nach Afrika gereist, hat bei den Verhandlungen über Ruanda mitgewirkt, hat vielfältige Verbindungen in den Maghreb, nach Burkina Faso oder auch nach Südafrika behalten. Er hatte Begegnungen mit Nelson Mandela und dem Dalai Lama. Seine letzte Funktion war die Leitung der französischen Delegation bei der Wiener Menschenrechtskonferenz 1994. Einen Ruhestand hat er nie gekannt. Immerzu war er unterwegs, hat sich überall gern eingemischt. Die höchste Auszeichnung erfuhr der gebürtige Berliner durch die Ernennung zum »Ambassadeur de France«, zum Vertreter Frankreichs ehrenhalber könnte man übersetzen, denn es ist ein Ehrentitel, kein Amt.

Mit Deutschland kam er erst in seinem dritten Leben wieder in Berührung, denn ab Mitte der 1980er Jahre wurde er immer wieder als Zeitzeuge eingeladen. Nun entstanden Filme über ihn, Bücher, Auswahlbände. Auch unter seinem Namen wurden Bücher veröffentlicht, für die er aber durch Mitarbeiter unterstützt wurde. Seine Form der Kreativität war der Vortrag, gern vor jungen Leuten, und nie ging es ohne Gedichtrezitation ab. Dem auch mit über 90 Jahren noch rüstigen Mann nahm man dieses doppelte Engagement ab, er verkörperte die Synthese von Poesie und Engagement.

Zwar nahm er diesen oder jenen Preis entgegen, aber sich feiern zu lassen, war nicht seine Art. Ihm lag die Aufforderung zum Einmischen näher. Pessimismus, Resignation oder gar Zynismus war seine Sache nicht. Er glaubte an die Politik, und er glaubte an die klassische Diplomatie. Es gab keinen Konflikt, der nicht durch Verhandlungen gelöst werden könnte, das war seine Überzeugung, die allerdings auf eine harte Probe gestellt wurde, als er sich in den Nahostkonflikt einmischte. Er versuchte, zwischen Israel und den Palästinensern zu vermitteln, machte sich dadurch bei den Regierungen in Israel äußerst unbeliebt, auch weil er immer wieder auf die materiell katastrophalen Lebensbedingungen der Palästinenser aufmerksam machte. Wiederholt ist er in die Krisenregion gereist; er kannte die Probleme der Welt aus eigener Anschauung. Aber er kam auch spontan nach Berlin, als er vom Fall der Mauer erfuhr. Politik war keineswegs abstrakt für ihn.

Und dann war da noch sein viertes Leben, eine Überraschung und doch wiederum keine: Er wurde zum »Rebellen«. Mehrfach hat er sich für die Interessen der illegalen Einwanderer aus Afrika eingesetzt, die »sans papiers«, wie man sie in Paris nannte. Er hat öffentliche Appelle lanciert oder unterstützt, er hat für sie mit dem Innenministerium verhandelt, durchaus mit Erfolg. Doch das war erst ein Vorspiel zu letzten politischen Episode in seinem Leben.

Und dann der Autor

Ein befreundeter Kleinverlag hatte aus einer Rede von Stéphane Hessel zu Ehren des französischen Widerstands ein kurzes Pamphlet gebastelt, das im Herbst 2010 in die Pariser Buchhandlungen kam. Ein kurzer Fernsehauftritt, zufällig an seinem Geburtstag, machte seine 3-Euro-Broschüre über Nacht zum Bestseller. Das Heft mit dem Titel Indignez-vous! (Empört Euch!) hat sich über zwei Millionen Mal verkauft in Frankreich, er erschien in Dutzenden Übersetzungen; besonderen Anklang fand es in Spanien, wo sich die Bewegung Los Indignados bildete, aber auch in Italien und in Deutschland, sowie in Tunesien, wo es zum Arabischen Frühling beitrug. Sein Erfolg war eine Art Parallelaktion zur weltweiten Occupy-Bewegung.


Stéphane Hessel war kein Politiker, aber ein politischer Mensch durch und durch, der nie aufgehört hatte zu glauben, dass ein Leben in Würde und Schönheit zu den Menschenrechten gehört.


In der Folge entstand auf dem Buchmarkt fast eine Hessel-Industrie, allzu viele wollten an dem Überraschungserfolg teilhaben, und Stéphane Hessel, der keinen Cent daran verdient hat, hat nur selten Nein gesagt. In alle Welt wurde er eingeladen und ist unermüdlich gereist. Seine Rezitationen (auf Deutsch, Französisch oder Englisch; Rilke, Apollinaire oder Keats, Hölderlin, Shakespeare oder Baudelaire) wurden dabei eher als Kuriosität wahrgenommen, nicht als Kern seiner Persönlichkeit, aus dem auch sein Engagement stammte. Er hätte ganze Abende mit seinem Gedächtnisschatz bestreiten können, und lernte jeden Tag ein neues Gedicht hinzu. Das war das persönliche Trainingsprogramm dieses bescheidenen, beinahe asketischen Menschen, dem Sport so fremd war wie das Rauchen, der aber einen schlanken Körper und tänzerische Eleganz behalten hatte. Tanz mit dem Jahrhundert hat er seine Memoiren genannt.

Die Botschaft seines Pamphlets und seiner vielen Auftritte in Studios, in Schulen, auf Foren war: Das Programm der Résistance ist noch aktuell; nicht alle Hoffnungen von 1945 wurden eingelöst. Es gibt immer noch Gründe, sich zu engagieren, zu rebellieren, Veränderungen einzufordern und das Leben schöner zu machen, auf der ganzen Welt. Widerstehen, seine Würde bewahren, auf den unveräußerlichen Rechten beharren – auch und gerade für die anderen Menschen, das meint das Wort »s’indigner«, das nunmehr mit seinem Namen verbunden ist, auch in den neuen französischen Wörterbüchern.

Sein Aufstieg zum Weltstar war kometenhaft und kurios. Doch in all dem Trubel blieb er, was er immer gewesen war. Seinen Vater, den angeblich unpolitischen Dichter Franz Hessel, hätte das bestimmt gewundert. Seine Mutter, die nicht uneitle, energische Mutter Helen, die übrigens 96 Jahre alt wurde, hätte es gewiss gefreut. Noch mit 94 Jahren reiste er allein durch die Welt, bewundert und bestaunt. Im Februar 2013 ist er gestorben. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof von Montparnasse, nur wenige Schritte vom Grab seiner Mutter entfernt.

Stéphane Hessel war kein Politiker, aber ein politischer Mensch durch und durch, der nie aufgehört hatte zu glauben, dass ein Leben in Würde und Schönheit zu den Menschenrechten gehört.