Warum starb Jesus mit 33 Jahren einen gewaltsamen Tod und nicht mit 80 friedlich in seinem Bett?

Von: Dr. Manfred Böhm (Leiter der katholischen Betriebsseelsorge Erzbistum Bamberg)

Dr. Manfred Böhm

Leiter der katholischen Betriebsseelsorge Erzbistum Bamberg

Manfred Böhm wurde 1958 geboren. Studium der kath. Theologie in Bamberg und Tübingen. Promotion bei Ottmar Fuchs zum Religiösen Sozialismus 10 Jahre in der kath. Bildungsarbeit tätig. Seit 1998 Leiter der kath. Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg. Er ist verheiratet und hat drei Söhne


Ich möchte einen steilen Einstieg wählen und stelle die Frage:
Warum starb Jesus mit 33 Jahren einen gewaltsamen Tod und nicht mit 80 friedlich in seinem Bett? Die Beantwortung dieser Frage hängt mit der Frage nach den Wurzeln der Betriebsseelsorge unmittelbar zusammen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Jesus starb, weil er den damaligen Machthabern lästig geworden war, ja mehr noch: Sie stuften ihn als gefährlich ein, also musste er beseitigt werden.

Das beißt sich möglicherweise mit dem Bild, das in der Öffentlichkeit von Jesus vorherrscht: War er denn nicht der Sanfte, der die Sünden verzeiht? War er denn nicht der Friedliche, der auch die andere Wange hinhält? War er denn nicht der Gütige, der von einem gnädigen Gott erzählte?

Ja, das war er durchaus, aber er war auch der Anstößige, der Kantige und der Konsequente.

Nehmen wir z. B. die sog. Tempelreinigung. Jesus warf die Tische der Geldwechsler im Tempel um und vertrieb sie. Das hört sich zunächst nicht sehr spektakulär an. Aber es ist zu bedenken: Der Tempel war in Jerusalem die Wirtschaftsmacht schlechthin, er war der größte Arbeitgeber, er hatte die Funktion einer Zentralbank für das ganze Land und er warf für die Priesterhierarchie eine hohe Rendite ab.
Jesus vertrieb nicht nur ein paar Händler, sondern offizielle Tempelbeamte.

Sein Handeln war damit ein Angriff auf das ganze Tempelsystem, auf den Wirtschaftsstandort Tempel und auf die bestehenden und künftigen Renditen.
Es ist also nur konsequent, wenn die Hohenpriester und Schriftgelehrten, als sie davon hörten, nach einer Möglichkeit suchten, ihn umzubringen (Mk 11,18).

Von Anfang an also hat der Glaube der Christen auch eine politische Dimension. Man würde das Christentum mutwillig verkürzen, wenn man es festlegen würde auf eine harmlose Liebes- und Barmherzigkeitsreligion, die zu allem Ja und Amen sagt und zum Trost auf das ewige Leben im Jenseits verweist.

Jesus selbst steht in einer älteren Tradition, die im Alten Testament überliefert wird. Er steht in der Reihe der alttestamentlichen Propheten. Denen ging es immer darum, im Namen Gottes Recht und Gerechtigkeit einzufordern in einer Welt des Unrechts, der Ausbeutung und Demütigung. Der Gott, den sie vertreten, ist ein Gott der kleinen Leute, ein Gott, der sich auf die Seite der Machtlosen und der Stummgemachten stellt.

Nur ein paar kurze Zitate zur Illustration:

* Jes 5,8: „Weh euch, die ihr Haus an Haus reiht, und Feld an Feld fügt, bis kein Platz mehr da ist und ihr allein im Land ansässig seid“.
* Am 8,4/7: „Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Er hat geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen!“
* Micha 7,3: „Sie trachten nach bösem Gewinn und lassen sichs gut gehen: Die hohen Beamten fordern Geschenke, die Richter sind für Geld zu haben, und die Großen entscheiden nach ihrer Habgier – so verdrehen sie das Recht“.

Das sind Texte, die 2.500 Jahre alt sind und älter. Und doch sind sie auch heute noch aktuell.

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Den Kirchen wird heute oft gesagt, sie sollten sich um den Glauben, die Verkündigung und die Barmherzigkeit kümmern, aber politisch sollten sie sich nicht einmischen.
Dom Helder Camara, ein ehemaliger Bischof aus dem armen Nordosten Brasiliens hat das folgendermaßen ausgedrückt:
„Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich aber frage, warum denn die Armen nichts zu essen haben, schimpfen sie mich einen Kommunisten“.

Ich denke als Betriebsseelsorge kommen wir nicht umhin, bisweilen mit solchen Beschimpfungen und Anschuldigungen konfrontiert zu werden. Und zwar nicht weil wir Spaß daran haben, sondern weil der christliche Glaube auch die konkreten Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, nach Solidarität und Menschenwürde einschließt. Und da alles auf dieser Welt schon immer irgendwie verteilt ist, tritt man immer wem auf die Füße, wenn man sich für eine andere Verteilung einsetzt. Wer sich einsetzt, setzt sich eben auch aus..

Und noch ein weiterer wichtiger Wurzelstrang muss genannt werden:
Wir haben die Kath. Soziallehre im Rücken, die ihrerseits wieder die biblisch-prophetischen Traditionen aufgreift.
Um aber an diesem Punkt der Wahrheit die Ehre zu geben, muss ohne Beschönigung zugegeben werden , dass die Gründung der katholischen Arbeitervereine und die Entwicklung der Kath. Soziallehre im 19. Jahrhundert zunächst gegen die damalige Sozialdemokratie gerichtet war. Man wollte verhindern, dass sich die Arbeiterschaft von der Kirche abwendet und sozialistisch wird (Die Sozialdemokratie war damals tatsächlich noch sozialistisch!).

Diese Zeiten der Konfrontation sind heute Gott sei Dank vorbei. Kirchen, Arbeitnehmer und Gewerkschaften haben keine Angst mehr vor gegenseitiger Kontamination. Ganz im Gegenteil: Beide Seiten merken, dass sie bereichert werden von den Erfahrungen, Vorstellungen und Visionen der jeweils anderen Seite und dass wir uns ergänzen in unserem Kampf für mehr Menschlichkeit und Würde.
Der Umgang heute ist geprägt von Achtung und Respekt vor der Arbeit des anderen. Denn es eint uns das Ziel, welches Karl Marx so trefflich formuliert hat: Alle Verhältnisse umzustoßen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes , ein verächtliches Wesen ist.

Drei zentrale und gerade auch die Betriebsseelsorge prägende Aussagen aus der Kath. Soziallehre möchte ich dem an die Seite stellen:

* „Der Mensch muss der Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein“ (Mater et magistra). D.h. Gewinne, Renditen, ja die gesamte Wirtschaft haben sich diesem Ziel unterzuordnen. Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft.
* „Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen“ (Populorum progressio). Es gibt kein absolutes Recht des Einzelnen auf den rücksichtslosen Gebrauch seines Privateigentums. Gemeineigentum geht im Konfliktfall also vor Privateigentum.
* Arbeit geht vor Kapital. Man darf Kapital und Produktionsmittel „nicht gegen die Arbeit besitzen, man darf sie auch nicht um des Besitzes willen besitzen, denn der einzige Grund, der ihren Besitz rechtfertigt…ist dieser, der Arbeit zu dienen.“ (Laborem exercens)