Screening erfolgreich bestehen

Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt

Von: Prof- Lutz Bellmann (Arbeitsmarktforscher)

Prof- Lutz Bellmann

Arbeitsmarktforscher

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Lutz Bellmann (Jahr­gang 1956) ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Arbeitsöko­nomie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Be­rufsforschung (IAB) der Bundes­agentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Zudem leitet er das IAB-Betriebspanel, die größte Betriebsbefragung in Deutschland. Er führte gemeinsame Forschungsprojekte u.a. mit den amerikanischen National Bureau of Econo­mic Rese­arch, der London School of Economics and Political Science und der Europäischen Kom­mission durch. Die Hans-Böckler-Stiftung finanzierte ...
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Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehmann Brothers und damit dem Beginn der größten Rezession der Nachkriegszeit im Herbst 2008 zeigt sich immer deutlicher, dass die Hauptlast der Krise die bereits vorher benachteiligten Gruppen – wie die Jugendlichen, Personen ohne abgeschlossene (Berufs-)Ausbildung und Migranten – tragen.

Die Entwicklung in Deutschland ist dabei wesentlich günstiger verlaufen als in fast allen anderen europäischen Ländern. Dies gilt vor allem für die Volkswirtschaften Südeuropas, in geringerem Ausmaß für die skandinavischen und angelsächsischen Länder. Besonders stark fiel zumindest der anfängliche Anstieg der Arbeitslosigkeit in den mittel- und osteuropäischen Transformationsländern aus.

Zwar war der Produktionseinbruch in Deutschland vergleichsweise groß, aber die Arbeitslosenquote veränderte sich kaum. Die Zahl der Arbeitslosen erhöhte sich von März 2008 bis Februar 2010 um 4,8 %, ging dann aber wieder zurück. Die Anzahl der Arbeitslosen im Alter von 15 bis 24 Jahren erhöhte sich von März 2008 bis März 2009 sogar um 9,3 % und fiel danach von März 2009 bis März 2010 wieder um 6,7%.

Dies zeigt, dass auch in Deutschland die Jugendlichen stärker von der großen Rezession betroffen waren, es aber relativ schnell gelang, ihnen neue Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Beigetragen dazu hat auch der Rückgang der Zahl der Schulabgänger ab 2008. Weniger beachtet wurde die Zunahme der befristeten Neueinstellungen und der dramatische Rückgang bei den Übernahmen von befristet Beschäftigten in ein Dauerarbeitsverhältnis. Daraus ergeben sich auch längerfristige Effekte der großen Rezession 2008/2009.

Duales Ausbildungssystem

Das relativ im Vergleich zu fast allen Ländern erfolgreiche Abschneiden des deutschen Arbeitsmarktes ist zu einem guten Teil auf das duale Ausbildungssystem zurückzuführen.

Häufig wird es zwar wegen seiner angeblichen Inflexibilität bei der Anpassung an neue technologische Entwicklungen und veränderte Marktstrukturen kritisiert, aber gerade in jüngster Zeit als sehr wichtiges Instrument zur Sicherung des Fachkräftebedarfs auf der mittleren Qualifikationsebene betrachtet.

IMG_6442Aktuelle Arbeitsmarktprojektionen bis zum Jahr 2030 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommen zu dem Ergebnis, dass der relativ konstant bleibende Bedarf an Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung aufgrund des schrumpfenden Erwerbspersonenpotentials und der Bildungsexpansion zukünftig nicht mehr gedeckt werden können und sich somit Engpässe im Bereich der mittleren Qualifikationen andeuten. Dies liegt auch daran, dass immer mehr Akademiker auf dem Arbeitsmarkt drängen und deshalb das Neuangebot an Erwerbspersonen mit einem beruflichen Abschluss zurückgeht (Maier et al. 2014).

Übernahme von Ausbildungsabsolventen

Das duale Ausbildungssystem kann jedoch nur dann als erfolgreiche Fachkräftesicherungsstrategie betrachtet werden, wenn der Übergang an der so genannten zweiten Schwelle, d.h. nach Ausbildungsabschluss die Übernahme in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis gelingt. Dabei hat die Übernahme eigener Ausbildungsabsolventen für die Ausbildungsbetriebe u.a. den Vorteil, dass sie über das im jeweiligen Betrieb erforderliche Fachwissen verfügen und mit den betrieblichen Abläufen vertraut sind. Die aufwändige Suche nach geeigneten Fachkräften und eine notwendige Einarbeitung entfallen somit für den Betrieb. Gleichwohl besteht das „Risiko“, dass erfolgreiche Ausbildungsabsolventen von anderen Betrieben, die sich weniger bei der Berufsausbildung engagiert haben, abgeworben werden. Oftmals verlassen die Ausbildungsabsolventen auch aus persönlichen Gründen ihren Ausbildungsbetrieb: Analysen des BIBB zeigen, dass etwa jeder vierte Ausbildungsabsolvent seinen Ausbildungsbetrieb auf eigenem Wunsch verlässt (BIBB-Kurzinformation Nr. 6; Oktober 2013).

Analysen auf der Basis des IAB-Betriebspanels, einer jährlichen Befragung von nahezu 16.000 Betrieben aller Wirtschaftszweige und Größenklassen haben einen deutlichen Anstieg der so genannten Übernahmequote, d.h. des Anteils der übernommenen Ausbildungsabsolventen an allen Ausbildungsabsolventen seit der Großen Rezession 2008/2009 nachgewiesen (Bellmann et al. 2014). Zuletzt wurde jeder dritte Ausbildungsabsolvent im Anschluss an seine Ausbildung vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Übrigens lässt sich ein vergleichbarer Anstieg, aber auf niedrigem Niveau auch schon für die Jahre 2004 bis 2008 feststellen. Natürlich bleiben konjunkturelle Schwächephasen nicht ohne Einfluss auf das betriebliche Übernahmeverhalten die früher bestehenden Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sind mittlerweile weitgehend verschwunden.

Interessant ist auch ein Vergleich der deutschen Situation mit der in der Schweiz. Dort gibt es – wie in Österreich – ein System der dualen Berufsausbildung, das große Ähnlichkeiten mit dem deutschen System aufweist. Und obwohl in der Schweiz die Betriebe seit längerem vor großen Herausforderungen bei der Besetzung von Ausbildungsstellen stehen, ist die Übernahmequote mit knapp 40 % wesentlich niedriger als in Deutschland (Blatter et al. 2009). Dieses Ergebnis spricht dafür, dass die Betriebe in der Schweiz stärker als in Deutschland darauf achten, dass sich die Berufsausbildung bereits während der Ausbildung für die Betriebe „lohnt“. Dies erreichen sie auch durch eine längere Ausbildungszeit. Verglichen mit Deutschland dauern in der Schweiz wesentlich mehr Ausbildungsgänge vier Jahre.

In Deutschland scheint das Investitionsmotiv bei den Betrieben eine größere Rolle zu spielen, d.h. die Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs und nicht nur der produktive Beitrag des Auszubildenden während der Ausbildungszeit sind wichtig. In den deutschen Betrieben existieren zumeist bereits zu Beginn der Ausbildungsphase Pläne für die Übernahme der Ausbildungsabsolventen. Die Ausbildung wird als „Screeningphase“ betrachtet und es wird angestrebt, die Auszubildenden nach ihrer Ausbildungszeit zu übernehmen. Wie Beicht und Berger (2006) festgestellt haben, existiert eine Vielzahl von tarifvertraglichen Vereinbarungen zur Förderung der Übernahme.

Qualifikationsspezifische Arbeitslosigkeit

Die Bedeutung der dualen Berufsausbildung zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit zeigt sich auch bei der Betrachtung der qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquote. Wie die Tabelle 1 zeigt, ist die Arbeitslosenquote in Deutschland seit 1995 kontinuierlich gesunken. Einen Anstieg während der großen Rezession 2008/2009 gab es nur bei den Erwerbspersonen mit beruflicher Ausbildung in Westdeutschland und bei solchen mit Hochschulausbildung in Ostdeutschland.

 

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Besonders betroffen von Arbeitslosigkeit ist die Gruppe der Personen ohne Ausbildung: Ihre Arbeitslosenquote war 2012 mit 30,8 % in Ostdeutschland und 17,3 % in Westdeutschland (insgesamt 19,0 %) zwar deutlich niedriger als in den Vorjahren, aber auch wesentlich höher als bei den Personen mit Hochschulabschluss (insgesamt 2,5 %) und mit beruflicher Ausbildung (insgesamt 5,0 %).

Der Ost-West-Unterschied ist (immer noch) bemerkenswert: In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote am aktuellen Rand bei den Personen mit beruflicher Ausbildung mit 8,7 % mehr als doppelt so hoch wie in Westdeutschland. Ein ähnliches Ergebnis erhält man – wenngleich auf niedrigerem Niveau – bei den Personen mit Hochschulausbildung: Ihre Arbeitslosenquote ist in Ostdeutschland mit 4,1 % ebenfalls doppelt so hoch wie in Westdeutschland.

Ausbildungsadäquate Beschäftigung

Allerdings übt nicht jeder Arbeitnehmer eine Tätigkeit aus, die seiner formalen Qualifikation entspricht. Beispielsweise können Personen mit beruflicher Ausbildung als Helfer oder in Anlerntätigkeiten – dann wären sie überqualifiziert – beschäftigt oder sie arbeiten – dann wären sie unterqualifiziert – als Spezialisten (in komplexen Spezialistentätigkeiten mit Spezialkenntnissen und –fertigkeiten) oder als Experten in hoch komplexen Tätigkeiten mit Kenntnissen und Fertigkeiten auf Extremniveau (Bogai et al. 2014).

 

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Aus der Tabelle 2 ist ersichtlich, dass von den betrachteten Qualifikationsniveaus das der beruflichen Ausbildung (mit 72,1 %) die größte Passung von formaler Qualifikation und Anforderungsniveau der ausgeübten Tätigkeit aufweist. Bei den Personen mit (Fach-) Hochschulabschluss sind immerhin 59,3 % adäquat beschäftigt, während es bei den Personen ohne Ausbildung nur 38,6 % und bei den Personen mit Meister-/Techniker- oder Bachelorabschluss mit 36,4 % sogar noch etwas weniger sind. Hinzuweisen ist auf die besonders große Gruppe der überqualifiziert Beschäftigten in Ostdeutschland als Folge des Wandels der Produktions- und Betriebsstruktur. Davon sind aber besonders ältere Arbeitnehmer betroffen. Bei den jüngeren gibt es nur geringe Unterschiede in der Überqualifizierung; dies lässt auf eine Angleichung zwischen Ost- und Westdeutschland schließen (Reichelt/Vicari 2014).

Fazit

Obwohl in Deutschland die Arbeitsmarktentwicklung seit der größten Rezession der Nachkriegszeit 2008/2009 wesentlich moderater verlaufen ist als in fast allen andern Ländern, waren auch in Deutschland die Jugendlichen stärker als andere Gruppen betroffen. Dennoch haben sich ihre Perspektiven verbessert: Erstens kann dies darauf zurückgeführt werden, dass der Bedarf an Fachkräften mit abgeschlossener Berufsausbildung zukünftig schwieriger zu decken sein wird, weil das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft und das Angebot an Hochschulabsolventen zunehmen wird. Zweitens konnte mit den Daten des IAB-Betriebspanels ein deutlicher Anstieg des Anteils der übernommenen Ausbildungsabsolventen an Ausbildungsabsolventen nachgewiesen werden. Das bedeutet, dass die Betriebe zunehmend die betriebliche Berufsausbildung als Zukunftsinvestition betrachten. Die Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs und der produktive Beitrag des Auszubildenden während der Ausbildungszeit sind die wichtigsten Motive der Betriebe, die auf das duale System der Berufsausbildung setzen.

Obwohl die Arbeitslosenquoten für alle Qualifikationsgruppen gesunken sind, stechen besonders die niedrigen Werte der Hochschulabsolventen, aber auch die der Personen mit beruflicher Ausbildung, hervor. Hierbei ist der Ost-West-Unterschied immer noch bemerkenswert. Bei der Betrachtung der formalen Qualifikation der Beschäftigten und des Anforderungsniveaus der ausgeübten Tätigkeit zeigen sich erhebliche Diskrepanzen. Dabei wird deutlich, dass von den betrachteten Qualifikationsniveaus das der beruflichen Ausbildung die größte Passung aufweist.

Literatur

Beicht, Ursula; Berger, Klaus (2006): Tarifliche Ausbildungsförderung 2005 und Entwicklung seit 1996. Abschlussbericht im Rahmen des Vorhabens 2.0521, Bundesinstitut für Berufsbildung Bonn.

Bellmann, Lutz; Dummert, Sandra; Sabine Mohr (2014): Übernahme von Ausbildungsabsolventen im Ausbildungsbetrieb. Vortrag beim BIBB-Kongress 2014 am 18. September 2014 in Berlin.

Blatter, Martin; Mühlemann, Samuel; Schenker, Sabine (2009): Hiring Costs and the Firm’s Supply of Vocational Training. International Workshop on Labour, Markets and Inequality, Nurenberg, September 24 – 25, 2009.

Bogai, Dieter; Buch, Tanja; Seibert, Holger (2014): Arbeitsmarktchancen von Geringqualifizierten: Kaum eine Region bietet genügend einfache Jobs. IAB-Kurzbericht 11/2014.

Maier, Tobias; Zika, Gerd; Wolter, Marc Ingo; Kalinowski, Michael; Helmrich, Robert (2014): Engpässe im mittleren Qualifikationsbereich trotz erhöhter Zuwanderung. Aktuelle Ergebnisse der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen bis zum Jahr 2030 unter Berücksichtigung von Lohnentwicklungen und beruflicher Flexibilität. BIBB-Report 23/14.

Reichelt, Malte; Vicari, Basha (2014): Ausbildungsinadäquate Beschäftigung in Deutschland: Im Osten sind vor allem Ältere für ihre Tätigkeit formal überqualifiziert. IAB-Kurzbericht 25/2014.

Weber, Brigitte; Weber, Enzo (2013): Qualifikation und Arbeitsmarkt: Bildung ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. IAB-Kurzbericht, 04/2013.