Der DGB-Index Gute Arbeit - ein bewährtes Instrument

Von: Lothar Schröder (Bundesvorstand ver.di)

Lothar Schröder

Bundesvorstand ver.di

Lothar Schröder, Mitglied des Bundesvorstandes der Gewerkschaft ver.di, zuständig für Telekommunikation, Informationstechnologie, Datenverarbeitung. Mitglied des Aufsichtsrates der DGB-Index GmbH sowie Mitherausgeber des Jahrbuchs Gute Arbeit. http://www.verdi-gute-arbeit.de/


Das Ringen um Gute Arbeit ist von Beginn an eng mit der Arbeiterbewegung verwoben und hat insofern eine lange gewerkschaftliche Tradition. Gleichwohl war es wichtig, ja aus heutiger Sicht unabdingbar, dass der Leitbegriff der Guten Arbeit von den Gewerkschaften vor einigen Jahren reaktiviert und seitdem mehr und mehr zum Impulsgeber für praktisches Handeln wurde. Mittlerweile kann das Projekt Gute Arbeit als erstes Kapitel einer Erfolgsgeschichte gelten, ist es doch „zum Kristallisationspunkt von Debatten und politischen Forderungen geworden, und das nicht nur in den Gewerkschaften“.(1) Wenn heute mehr ArbeitnehmerInnen wieder ihre elementaren Ansprüche auf gute – und nicht nur irgendeine – Arbeit als eigenständigen Wert reklamieren, dann ist dies nicht zuletzt ein Ergebnis gewerkschaftlicher Anstrengungen – trotz Krise und Bedrohung von Arbeitsplätzen.

Auch in der gewerkschaftlichen Programmatik hat das Thema zu Recht erhebliche Aufwertung erfahren. Die derzeit diskutierte „Grundsatzerklärung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft“ – nach ihrer Verabschiedung wichtigstes programmatisches Dokument von ver.di – nennt Gute Arbeit an erster Stelle der gewerkschaftlichen Leitbilder: „Alle arbeitenden Menschen haben das Recht auf gute Arbeit. Gute Arbeit ist eine Arbeit, die Menschen ausfüllt, die sie fordert, die ihrer Tätigkeit einen Sinn gibt. Menschen brauchen Anerkennung und Respekt. Sie wollen ernst genommen, informiert, an Planungen und Entscheidungen beteiligt werden. Diskriminierung, Mobbing, Missachtung sowie Überwachung und Kontrolle widersprechen den Prinzipien guter Arbeit. Gute Arbeit fördert die Gesundheit, entspricht dem Leistungsvermögen, den Fähigkeiten und den Fertigkeiten derer, die sie leisten. Voraussetzung einer guten Arbeit sind eine gute Ausbildung und eine beständige Weiterbildung. Gute Arbeit muss gut entgolten werden, umfassende Teilhabe ermöglichen und planbar sein.“(2)

Gute Arbeit – gerade in der Krise

So erfreulich die bisherige Bilanz des Projekts Gute Arbeit auch ausfällt, so wenig Anlass haben wir doch, uns zurückzulehnen und zu hoffen, dass das Momentum dieser Initiative nun bis auf Weiteres ausreichen könnte, um Arbeit tatsächlich besser werden zu lassen. Im Gegenteil: Wir werden unsere Anstrengungen verstärken müssen. In der Wirtschaftskrise sind die Zeiten für Gute Arbeit wieder rauer geworden. Dabei nimmt der objektive Bedarf an wirksamen Strategien für gute und gegen schlechte Arbeit gerade in Krisenzeiten zu, aber gleichzeitig werden deren Erfolgsbedingungen in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen keineswegs einfacher.(3)

Es mehren sich die Anzeichen, dass genau diejenigen Rezepte, die uns in die Krise hineingeführt haben, nun wieder zunehmend en vogue sind: Arbeitszeitverlängerungen, Einkommenssenkungen, Verlagerungs-, Ausgliederungs- und Entlassungsdrohungen – kurzum: das ganze Repertoire eines rigiden und perspektivlosen Kostensenkungsdenkens, welches im Ergebnis auf das exakte Gegenteil von guter Arbeit hinausläuft. Ganz unverhohlen machen sich manche Unternehmensvorstände daran, die Krise als günstige Gelegenheit für weitere Einschnitte in die Arbeits- und Sozialstandards zu missbrauchen.

Die gewerkschaftliche Leitlinie gegen einen erneut drohenden arbeitspolitischen Rollback kann nur lauten: Gute Arbeit ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung – deshalb gilt es, auch und gerade in der Krise weiterhin Kurs auf Gute Arbeit zu halten. Mehr noch: Das Beharren auf Guter Arbeit muss auf Unternehmens- und Betriebsebene zur Richtschnur für die Bewältigung der Krise werden. Gute Arbeit steht für ein anderes, besseres und nachhaltigeres Konzept von Wirtschaften als die Ökonomie der Maßlosigkeit und die rücksichtslose Kurzfristerei, die uns in die Krise geführt hat. Gute Arbeit ist mittel- und langfristig allemal wirtschaftlicher als bloße Kostensenkungsstrategien, die häufig mit einer massiven Verletzung der Interessen von Beschäftigten einhergehen und deren Arbeitsqualität systematisch vernachlässigen.

eilig

Obwohl dieser Wirtschaftlichkeitsvorteil völlig unstrittig ist, sind Gewerkschaften gut beraten, ihn nicht zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation zu machen. Denn Gute Arbeit bedarf keiner Begründungsumwege, sie steht für ein Recht der arbeitenden Menschen und hat insofern ihre ganz eigenständige – manche sagen auch: eigensinnige – Legitimation, unabhängig von unternehmerischen Rentabilitätskalkülen. Win-Win-Konstellationen für Gute Arbeit sind auch in der Krise möglich und anzustreben, aber auch und gerade dann, wenn wir es mit bornierten Arbeitgebern zu tun haben, welche die Vorzüge dieses Ansatzes nicht sehen oder gar systematisch verbauen, gilt es mit allem Nachdruck für Arbeitsqualität einzustehen. Gute Arbeit lässt sich nicht auf wirtschaftlich bessere Zeiten vertagen.

Der DGB-Index Gute Arbeit – ein bewährtes Instrument

Die überwiegend positive Resonanz des Projekts Gute Arbeit beruht nicht zuletzt darauf, dass es gelungen ist, mit dem DGB-Index Gute Arbeit ein wissenschaftlich fundiertes Instrument der regelmäßigen Sozialberichterstattung über die Arbeitswelt zu etablieren. Damit konnte ein offenkundiges Defizit zumindest verringert werden, ist es doch in der Tat „angesichts der zentralen Bedeutung, die die Arbeit für die und den Einzelnen, für Wirtschaft und Gesellschaft hat, … verwunderlich, wie wenig Indikatoren und Informationen wir in bestehenden Systemen gesellschaftlicher Berichterstattung auf repräsentativer Ebene über die Arbeitsqualität und Arbeitsbedingungen haben.“(4)

Ein Alleinstellungsmerkmal des DGB-Index ist dessen bewusste Subjektivität im Sinne des Leitsatzes: „Gut ist eine Arbeit, die den Ansprüchen der Beschäftigten gerecht wird.“ Niemand kann die Qualität der Arbeit kompetenter beurteilen als die Arbeitenden selbst – niemand hat aber auch mehr Berechtigung dazu. Die ArbeitnehmerInnen sind nicht nur ExpertInnen in eigener Sache, sondern eben auch Hauptbetroffene der Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Der Index macht diesen Zusammenhang praktisch nutzbar, indem er die Einstufung der Arbeitsqualität allein vom Urteil der Beschäftigten abhängig macht.

Mit der regelmäßigen Berichterstattung zum DGB-Index Gute Arbeit ist aber nicht nur mehr Öffentlichkeit und Transparenz über die Zustände in der Arbeitswelt und deren Bewertung durch die Betroffenen entstanden. Zunehmend werden die Erhebungsergebnisse darüber hinaus auch als Potenzialanalysen für notwendige Initiativen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen interpretiert – etwa dort, wo sie „Anspruchslücken“ zwischen den Erwartungen der Beschäftigten an ihre Arbeit und der erfahrbaren Realität deutlich machen. Der Index stellt so nicht nur analytisch-beschreibende Information bereit, sondern liefert darüber hinaus „handlungsinstruktive Aussagen“.(5)

Differenzierungen, Ergänzungen, Präzisierungen

Eine Stärke des DGB-Index liegt in der Generalisierung und Komprimierung einer komplexen sozialen Realität, indem er vielfältige Informationen über die Sicht der Beschäftigten auf ihre Arbeitsbedingungen in relativ wenigen Daten verdichtet. Gleichzeitig wird dabei aber auch die ausgeprägte Heterogenität der bundesdeutschen Arbeitswirklichkeit erkennbar. So liegt der Anteil schlechter Arbeit zum Beispiel bei prekär Beschäftigte mit 48 Prozent – im Vergleich zu einem 33-Prozent-Anteil bei allen Befragten – auf einem extrem hohen Level, ebenso werden signifikante Bewertungsunterschiede zwischen ost- und westdeutschen ArbeitnehmerInnen deutlich: Während der Indexwert im Westen 59 Punkte erreicht, liegt er im Osten bei nur 55 Punkten.(6) Augenfällige Differenzen weisen auch die Daten für die verschiedenen Berufsgruppen auf. Während sich der Anteil Guter Arbeit in der Gruppe der Rechnungskaufleute auf 19 Prozent beläuft, rangiert er bei Berufen aus den Bereichen Post und Telekommunikation bei indiskutablen 4 Prozent.

An solche Befunde gilt es anzuknüpfen – sie sind zum einen in Sonderauswertungen und Zusatzerhebungen zum DGB-Index zu unterfüttern und zum anderen zum Ausgangspunkt für gezielte branchen- und berufsgruppenspezifische Initiativen für Gute Arbeit zu machen. Aus solchen Projekten könnte eine wesentlich genauere und plastischere Kartierung der heterogenen Arbeitslandschaft in Deutschland entstehen, welche dann auch eine präzisere Ortung von „best practices“, aber auch von Handlungsbedarfen ermöglichte. Und warum sollte auf einer dergestalt verbesserten Informations- und Vergleichsbasis nicht ein Wettbewerb um Gute Arbeit innerhalb und zwischen den verschiedenen Branchen entstehen können?

Auch wenn die bisherige Bilanz des Projekts Gute Arbeit ermutigt, besteht kein Anlass, das Denken einzustellen. Die Dinge sind im Fluss: Die Basiskriterien Guter Arbeit bleiben, aber die Konturen realer Arbeit verändern sich in Reaktion auf veränderte Unternehmensstrategien, Markttrends und politische Weichenstellungen. Deshalb gilt es, den Begriff von und die Konzepte für Gute Arbeit auch immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, um sie, wo dies not tut, zu ergänzen und zu präzisieren. Derzeit scheint dies in wenigstens zwei Richtungen angezeigt:

Erstens spricht angesichts der Erfahrungen vor und mit der Wirtschaftskrise tatsächlich viel dafür, die Dimension der „Teilhabe“ im Gesamtprofil Guter Arbeit noch deutlicher zu konturieren und „ein Leitbild demokratischer Arbeit im Finanzmarktkapitalismus zu formulieren“.(7) Gute Arbeit bleibt allzu oft dann bloßes Postulat, wenn sie nicht durch rechtlich abgesicherte Partizipationsmöglichkeiten real durchgesetzt werden kann. Dies gilt nicht nur für die klassischen Arenen der Mitbestimmung auf Unternehmens- und Betriebsebene, sondern mehr denn je auch für direkte Beteiligungsmöglichkeiten der Beschäftigten an der Gestaltung ihres unmittelbaren Arbeitsumfelds. Als Lehre aus der Krise und ihrer Entstehungsgeschichte steht eine erneute Debatte um Wirtschaftsdemokratie und Mitbestimmung am Arbeitsplatz auf der Agenda.

Es ist definitiv zu spät, die qualifizierte Mitwirkung der Beschäftigten, der Betriebsräte und der Gewerkschaften erst dann zuzulassen oder gar einzufordern, wenn der Karren im Dreck steckt. Die schweren Fehlentwicklungen der letzten Jahre sind nicht selten der Selbstherrlichkeit von Unternehmensvorständen geschuldet, die alleine schalten und walten durften und dabei allzu oft gute Vorschläge und warnende Hinweise von Betriebsräten und Gewerkschaften in den Wind geschlagen haben. Mehr Demokratie am Arbeitsplatz, im Betrieb und im Unternehmen kann solcher mit Inkompetenz gepaarten Arroganz künftig vorbeugen. Mehr denn je gilt deshalb: „Gute Arbeit ist mitbestimmte Arbeit.“ (8)

baustelle

Zum zweiten waren in zurückliegenden Monaten Anschläge auf das Ideal Guter Arbeit zu verzeichnen, an die beim Start der Initiative vor einigen Jahren noch nicht einmal in Alpträumen zu denken war: Gemeint sind die massenhaften Bespitzelungen, Ausspähungen und „Rasterfahndungen“ gegen ArbeitnehmerInnen, Betriebsräte und Aufsichtsräte. Was dabei klar geworden sein sollte, ist, dass der Datenschutz, der Schutz von Persönlichkeitsrechten und informationeller Selbstbestimmung heutzutage ins Zentrum des Konzepts von Guter Arbeit gehören – zumal dann, wenn Arbeit zunehmend in elektronischen Netzen geleistet wird. Gute Arbeit kann nicht in einer Atmosphäre permanenter heimlicher Überwachung, selbstgerechten Misstrauens und rigider Kontrollen gedeihen.

Die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder haben bereits 2007 darauf hingewiesen, dass es „Gute Arbeit nur mit gutem Datenschutz“ geben könne und „Persönlichkeitsrechte und Datenschutz im Arbeitsverhältnis vielfältig bedroht sind, zum Beispiel durch

  • die Sammlung von Beschäftigtendaten in leistungsfähigen Personalinformationssystemen, die zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen genutzt werden,
  • die Überwachung des Arbeitsverhaltens durch Videokameras,
  • die Protokollierung der Nutzung von Internetdiensten am Arbeitsplatz,
  • die Erhebung des Gesundheitszustands, Drogen-Screenings und psychologische Testverfahren bei der Einstellung.

Die Achtung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung der ArbeitnehmerInnen zählt ebenso zu guten und fairen Arbeitsbedingungen wie Chancengleichheit oder gerechte Bezahlung. Beschäftigtendatenschutz erhöht zudem die Motivation, trägt und fördert die Arbeitszufriedenheit und bedeutet damit einen nicht zu unterschätzenden Standortvorteil.“(9)

Ungeachtet dieser weithin konsensfähigen Erkenntnis ist die rechtliche Situation im Arbeitnehmerdatenschutz noch immer völlig unbefriedigend. Nach wie vor sind Beschäftigte gänzlich unzureichend vor Verstößen gegen ihre Persönlichkeitsrechte geschützt. Die überfällige Lösung wäre ein modernes Arbeitnehmerdatenschutzgesetz. Deshalb muss die unendliche Geschichte von der Vertagung, Verschiebung und Aussetzung eines solchen Gesetzes zu einem Abschluss kommen. Denn Gute Arbeit zu realisieren heisst heute mehr denn je auch, den „Big Brothers“ in den Betrieben das Handwerk zu legen.

Literatur

(1) Dieter Sauer: Gute Arbeit statt humaner Arbeit – mehr als ein Wechsel des Begriffs?; in: Lothar Schröder / Hans-Jürgen Urban (Hrsg.): Gute Arbeit 2009. Handlungsfelder für Betriebe, Politik und Gewerkschaften, Frankfurt am Main 2009, S. 135

(2) ver.di Bundesverwaltung (Ressort 1 / Politik und Planung): Grundsatzerklärung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Entwurf vom 18. Juni 2009), Berlin

(3) Vgl. hierzu u.a. Pickshaus, Klaus / Urban, Hans-Jürgen: Gute Arbeit in Krisenzeiten; in: WSI-Mitteilungen 6/2009

(4)Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.): Nutzerpotenziale von Beschäftigtenbefragungen, Dortmund / Berlin / Dresden 2009, S. 7

(5) Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2009, S. 9

(6) Sämtliche Zahlenangaben entstammen der bundesweiten Repräsentativerhebung des ersten Quartals 2009. Vgl. DGB-Index Gute Arbeit GmbH (Hrsg.): DGB-Index Gute Arbeit – Der Report 2009. Wie die Beschäftigten die Arbeitswelt in Deutschland beurteilen, Berlin 2009

(7) Pickshaus / Urban 2009

(8) ver.di Bundesverwaltung (Ressort 1 / Politik und Planung): Grundsatzerklärung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Entwurf vom 18. Juni 2009), Berlin

(9) Entschließung der 73. Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder vom 8. bis 9. März 2007 in Erfurt: „Gute Arbeit in Europa nur mit gutem Datenschutz“