Studieren ohne Abi ist was für Mutige

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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Melanie Lück: Hat es gewagt, sie hat das Tor zum Wissen durchschritten

Das Sommersemester 2013 startet  jetzt an allen Hochschulen und Universitäten. Erstmals werden sich in diesem Jahr an den 418 deutschen Hochschulen rund 500.000 Studenten immatrikulieren. Das Rekordniveau aus dem Vorjahr wird voraussichtlich noch einmal übertroffen.. 12.000 der Erstsemester beginnen ihr Studium ohne Abitur – ihr Einstiegsticket ist der Meisterbrief, eine Techniker- oder Berufsausbildung. Ihr Anteil an den Studenten wächst ist aber mit 2,3 Prozent immer noch sehr klein. Aber immerhin: seit dem KMK-Beschluss zur Öffnung der Hochschulen für Berufstätige im Jahr 2009 hat sich die Zahl vervierfacht,  In Schweden haben ein Drittel der Studenten keine klassische Hochschulreife. Klaus Heimann sprach mit Melanie Lück in Mannheim, sie ist über die Technikerausbildung in die Hochschule gelangt und schreibt gerade ihre Diplomarbeit. Sie weiß wovon sie spricht, wenn sie sagt: “Studieren ohne Abi, und das auch noch neben dem Beruf, das ist Stress pur, aber es lohnt sich“.

Freitagnachmittag in Mannheim-Käfertal bei Alstom-Power: Für 2.000 Mitarbeiter steht der Start ins arbeitsfreie Wochenende vor der Tür. Bei der jungen, hochgewachsenen Frau, die da gerade ihr CAD-Gerät in der Konstruktion herunterfährt, wird das Wochenende wieder einmal völlig anders ablaufen. Für die 27jährige Melanie Lück, die als Technical Project Managerin im Gasturbinen-Service arbeitet, sind die zwei arbeitsfreien Tage vor allem eins: Studientage. Jeden Samstag muss sie früh aufstehen. In ihrem schwarzen Sport Coupé aus Korea geht es dann mit mehr als 100 PS nach Rüsselsheim. Samstags morgens pünktlich ankommen, das ist selbst im Rhein-Main-Gebiet kein Problem, die Region macht Pause nach der hektischen Arbeitswoche.

Um 8:15 Uhr startet ihre erste Vorlesung an der Hochschule RheinMain, die will und darf sie nicht verpassen. Das letzte Semester steht vor der Tür. Bis 16:15 reiht sich Vorlesung an Vorlesung. Danach wieder mit dem schwarzen Flitzer zurück nach Hause. Und das alles schon sieben Semester lang. Nur in den Semesterferien hat der Samstag ein anderes Gesicht. Dann kann sie ausschlafen, mit dem Lebenspartner lange frühstücken und endlich mal wieder Freunde treffen.

Natürlich ist nicht nur samstags Studientag. Zum Semester-Anfang und zum Semester-Ende sind zwei dreitägige Blockseminare angesetzt. Unter der Woche ist jeden Mittwoch von 14:00 Uhr bis 18:45 Uhr Vorlesungszeit in der Opel-Stadt Rüsselsheim. Klausurtermine zum Ende des Semesters sind on top und bedeuten für Melanie Lück, dass sie dafür Urlaubstage ansetzen muss. Der Urlaub ist bei ihr allemal gefährdet: Das Studium hat immer Vorrang Die Arbeitszeit für den Studientag am Mittwoch erwirtschaftet sie aus ihrem Gleitzeit-Konto.

Melanie Lück studiert Ingenieur-Wissenschaften und beginnt gerade mit ihrer Diplom-Arbeit. Es geht darum, wie eine Gasturbine umweltfreundlicher gebaut werden kann. Effiziente Energieerzeugung mit Turbinen, das Thema bewegt die junge Frau, die sehr ruhig und überlegt ihre Worte wählt, schon länger .Dass sie so weit gekommen ist, ist keineswegs selbstverständlich. Gleich drei Punkte sind bei ihr ungewöhnlich: Melanie Lück studiert ohne Abi, sie macht das Studium begleitend zu ihrem Beruf und das alles in der Männer-Domäne Maschinenbau. Neben ihr gibt es nur noch eine weitere Kommilitonin in ihrem Semester.

Die Studentin hat ihre Zeit am Gymnasium nicht in bester Erinnerung. Ihre damalige Schulkrise beschreibt sie heute so: „Das Ziel Abitur war noch so weit weg, die Zensuren waren gar nicht schlecht, aber ich wollte einfach nicht mehr“.  Vor dem Abi schmiss sie die Schule und begann eine Berufsausbildung zur Technischen Zeichnerin. Lernen bei Alstom Power machte ihr Spaß, konstruieren von Gas-Turbinen wurde ihr Metier. „Die Ausbildung war gut, mir reichte das aber nicht, ich wollte beruflich weiterkommen, Karriere machen“, so erklärt sie, warum sie nach der Lehre sofort mit einer Techniker-Ausbildung startete. Die wurde in Mannheim an der Werner von Siemens Schule berufsbegleitend angeboten. So konnte sie arbeiten und lernen, das sollte ihr Ding werden.

Vier Jahre lang war an drei Nachmittagen in der Woche und jeden zweiten Samstagmorgen Unterricht in der Technikerschule angesagt.  Mit dem Zertifikat zur staatlich geprüften Technikerin Automatisierungstechnik und Mechatronik in der Tasche ging es dann noch einmal gleich weiter. Ihr klares Ziel: Sie wollte noch eine Schüppe drauflegen und Diplom-Ingenieurin für Maschinenbau werden. Das ging nur mit einem Studium an der Hochschule. „Ich wollte weiter bei Alstom als Technikerin arbeiten und Geld verdienen, also musste ich eine Hochschule finden, die ein berufsintegriertes Studium anbot“.

Komplett aussteigen aus dem Beruf, um Vollzeit zu studieren, kam für Melanie Lück nicht in Frage: “Ich hätte mit BAföG auskommen müssen und die Anbindung an den Betrieb wäre auch weg gewesen“.  In Mannheim und Umgebung wurde sie bei der Studienplatzsuche nicht fündig. Dann bekam sie von einem Arbeitskollegen den entscheidenden Tipp: Hochschule RheinMain mit ihrem Standort Rüsselsheim hatte sich schon 1997 für Berufspraktiker geöffnet und das hatte sich herumgesprochen. Studieren ohne Abi war schon erprobt und bekam durch den KMK-Beschluss  dann auch den offiziellen Segen der Hochschulbürokratie.

Die Hochschule RheinMain hat im Bereich Maschinenbau ein besonderes Angebot für Meister und Techniker entwickelt. Christian Streuber, Professor und Studiengangsleiter in Rüsselsheim, verweist darauf, dass  für viele Studierende ein Ausstieg aus dem Beruf nicht machbar ist. Deshalb das berufsintegrierte Studium für den Maschinenbau und die Elektrotechnik. Die Gruppe, die das Studium ohne Abi wagt, ist noch klein. Von den insgesamt 3.000 MINT-Studenten in Rüsselsheim studieren gerade mal 300 neben dem Beruf. Im Studiengang Maschinenbau werden gerade die Bachelor- und Master-Abschlüsse  eingeführt.

Die Zielgruppe Meister und Techniker bleibt aber unverändert im Fokus der Hochschule. Streuber verweist stolz auf die Erfolgsquoten. „Bei den Technikern führen wir knapp 90 Prozent zum erfolgreichen Abschluss, bei den Meistern sind es 60 Prozent“. Diese Zahlen sind in der Tat bemerkenswert, ist doch gerade bei den Ingenieurstudiengängen an den Universitäten eine Abbrecherquote von 50 Prozent normal, das  zeigen die Untersuchungen des Hochschul-Informationssystems (HIS) in Hannover.

Jede Hochschule legt individuell fest, in welchen Studiengängen, unter welchen Bedingungen sie Nicht-Abiturienten aufnimmt. Daran hat auch der Öffnungsbeschluss der Hochschulminister der Länder nichts geändert. Die Hochschulen haben es also selbst in der Hand: sich zu öffnen oder abzuschotten. Wobei Untersuchungen zeigen, dass die Fachhochschulen öfters berufserfahrene zum Studium zulassen, als die Universitäten. Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn, Friedrich Hubert Esser, beklagt betont, dass „es bislang kaum Angebote gibt, die sich an den Bedürfnissen der beruflichen Qualifizierten orientieren“. Das kann Melanie Lück bestätigen: „Die Hochschule knüpft zwar am Bildungsniveau der Technikerschule an, unsere Praxiserfahrungen bleiben aber außen vor“.

Die Forscherinnen Sigrun Nickel und Sindy Duong betonen in ihrem Monitoring-Bericht für das Hochschulzentrum CHE in Gütersloh dennoch, dass die Gesamtbilanz beim Studium ohne Abi positiv ist. „Neben einer deutlichen Erleichterung des Hochschulzugangs für Personen ohne Abitur in fast allen Bundesländern wird dem KMK-Beschluss bescheinigt, dass er das Thema erstmals auf die Tagesordnung vieler deutscher Hochschulen gebracht hat“. BIBB-Chef Esser sieht im KMK-Beschluss die längst überfällige formale Anerkennung, dass „die Kompetenzen, die man in der Berufsausbildung und im Beruf erwirbt, auch für ein Hochschulstudium qualifizieren“.

Nach drei Jahren Erfahrung mit dem Studium ohne Abi sind die Faktoren bekannt, die dieses Studienmodell zum Erfolg verhelfen. Gut läuft es, wenn flexible Studienzeitmodelle, ein Fernstudienangebot bzw. Studium per E-Learning und umfangreiche, leicht zugängliche Informationen zum Studium ohne Abitur vorliegen. Ein berufsbegleitendes bzw. praxisnahes Studium fördert das Interesse bei den Praktikern im Betrieb. Brückenkurse liefern  fehlendes Vorwissen und schaffen den Anschluss vom Beruf ins Studium. Werden beruflich erworbene Kompetenzen nicht ignoriert, sondern angerechnet, dann wird das Studium richtig attraktiv.

Die Betriebe bewerten studieren ohne Abi durchweg positiv. Es hilft ihnen die drohende Ingenieurslücke zu schließen und der gezeigte Leistungswille ihrer Beschäftigten bestätigt sie, dass sie auf die Besten setzen. Deshalb unterstützt auch Alstom Melanie Lück: Die Semestergebühren in Höhe von 250 € übernimmt die Firma. Und auch jetzt, bei der anstehenden Diplomarbeit, kann sie die CAD-Anlagen im Konstruktionsbüro nutzen.

Hat sich die Plackerei auch für Melanie Lück gelohnt? Davon ist sie fest überzeugt. „Ich werde meinen Weg als Diplom-Ingenieurin machen“. Sie hat da schon ihre Vorstellungen, wie sie sich beim Thema  Gasturbine neu einbringt, vielleicht sogar irgendwann einmal als Leiterin des 16köpfigen Konstruktion-Teams, in dem sie heute  arbeitet.

Für Melanie Lück hat studieren ohne Abi in wenigen Monaten ein Ende. „Ja ich bin froh, dass meine von der Lehre bis zum Diplom-Ingenieur in Summe 12 Jahre dauernde Bildungszeit dann vorbei ist. Dann werde ich mir erst einmal überlegen, was ich in Zukunft ohne Vorlesungen und Lernen eigentlich anstellen soll“. Unbedingt will sie bald mal wieder in die USA reisen. „Ich mag das Land und seine Menschen“.  Die nötigen Urlaubstage wird sie dann jedenfalls haben.

Tipp: Es gibt einen Online-Studienführer der gibt detaillierte Informationen zu den Studienmöglichkeiten ohne Abi in Deutschland.
www.studieren-ohne-abitur.de/web